Hochzeit nach Organtransplantation Wie zwei fremde Herzen Johanna und Daniel zueinander führten

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Nach dem Ja-Wort haben Johanna und Daniel Luftballons mit Organspendeausweisen steigen lassen. Foto: Ximeh PhotographyNach dem Ja-Wort haben Johanna und Daniel Luftballons mit Organspendeausweisen steigen lassen. Foto: Ximeh Photography 

Freiburg. Eine Herztransplantation rettete sowohl Johanna als auch Daniel das Leben – und führte die beiden sogar an den Traualtar.

Es gibt Liebesgeschichten, die gehen mitten ins Herz. Weil sie so außergewöhnlich sind und vielleicht sogar ein bisschen an Wunder glauben lassen. So auch die Geschichte von Johanna (26) und Daniel (28) Rosenkranz aus Freiburg. Dass die beiden sich kennen und lieben lernten und im Mai 2017 das Ja-Wort gegeben haben, ist so besonders, weil in ihren Körpern die Herzen zweier fremder Menschen schlagen.

Plötzlich steht Daniels Herz still

Als Daniel mit 14 Jahren plötzlich herzkrank wird, weiß er noch nicht, dass er durch sein Schicksal einmal Johanna kennenlernen wird. Zwei Jahre kann er mit seinem geschwächten Organ gut leben, muss zwar auf Sport verzichten, findet sich aber zurecht. Doch dann verschlechtert sich sein Zustand plötzlich rapide. Er bricht zusammen, sein Herz hört auf zu schlagen, er muss wiederbelebt werden und fällt ins Koma. "Die Ärzte haben zu meinen Eltern gesagt, dass ich vielleicht nicht mehr aufwache und falls doch, dann könnte ich schwerbehindert sein", sagt Daniel unserer Redaktion. 

Einen Monat lang lag Daniel nach seinem Herzstillstand im Koma. Foto: Daniel und Johanna Rosenkranz

Doch Daniel wacht wieder auf, bekommt ein Kunstherz eingesetzt und nach drei Monaten die erlösende Nachricht, dass ein passendes Spenderherz für ihn gefunden wurde. "Die Wartezeit war auf jeden Fall heftig", erinnert er sich. "Eigentlich muss man ja hoffen, dass jemand anderes stirbt. Andererseits ist einem bewusst, dass, wenn man noch wartet, gerade noch ein anderer Mensch weiterleben darf." Er gibt aber auch zu: "Irgendwann war ich soweit, da habe ich gefragt: Wann kann denn jetzt mal irgendjemand sterben, der mir sein Organ geben kann?" Mit der Transplantation gelingt Daniel auch der Schritt zurück in ein fast normales Leben. Er macht sein Abitur, fängt an zu studieren. 

"Manchmal hätte ich gerne länger gewartet"

Johanna hingegen kannte ein normales, gesundes Leben eigentlich nie. Sie wächst mit einem Herzfehler auf, bereits in der Grundschule kann sie nicht so herumtoben wie die anderen Kinder. "Ich war unheimlich schnell erschöpft." Als sie 17 ist, bekommt sie Vorhofflimmern. "Plötzlich ging alles ganz schnell, innerhalb einer Woche war ein passendes Organ gefunden und ich wurde – schnipp – operiert. Manchmal hätte ich gerne länger gewartet", sagt sie rückblickend.

Denn es sei komisch gewesen, plötzlich ein fremdes, aber funktionierendes Herz in seinem Körper zu tragen. "Durch mein krankes Herz war ich eher unterversorgt und auch sehr dünn. Plötzlich veränderte sich alles – auch mein Körper. Außerdem wurde von mir verlangt, unheimlich dankbar zu sein."

Johanna musste nach der Herztransplantation wieder alles neu lernen. Foto: Johanna Rosenkranz

War es bei Daniel so, dass er nach der Transplantation zurück in sein altes Leben fand, musste sich Johanna an ein völlig neues gewöhnen. "Es gab einige Komplikationen, meine Niere hat nicht funktioniert, ich bekam eine Lungenentzündung und Krampfanfälle." Nach der Operation habe sie lange nichts anderes gekonnt als zu atmen und ein paar Worte zu sprechen. 

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Für die beiden ist das Herz nichts Romantisches

Bei einem Treffen für Herztransplantierte in der Uniklinik Freiburg lernen sich Daniel und Johanna schließlich kennen. Daniel hält dort einen Vortrag, anschließend gehen die beiden etwas trinken. Es ist vor allem Daniel, der nicht locker lässt und den Kontakt zu Johanna hält. "Es hatte natürlich einen Vorteil, dass wir durch die Herztransplantation viele Gesprächsthemen hatten."

Die beiden verlieben sich ineinander, doch romantische Sprüche wie "wir haben unsere Herzen aneinander verloren", würden sie zueinander nie sagen. "Wahrscheinlich liegt es an unseren Lebensgeschichten, dass das Organ nichts Romantisches für uns ist", sagt Johanna. Als Daniel im Januar 2016 auf dem Freiburger Münsterturm auf die Knie fällt, ist das Johanna, die nie gerne im Mittelpunkt steht, zwar etwas unangenehm, das "Ja" steht für sie aber trotzdem sofort fest.

Im Mai 2017 haben Johanna und Daniel geheiratet. Foto: Ximeh Photography

Und so lassen die beiden am Tag ihrer Hochzeit am 20. Mai 2017 herzförmige Luftballons in die Luft steigen, an die sie Organspendeausweise befestigt haben. Denn immer wieder versuchen sie, für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren. Zu der aktuellen Debatte um die Widerspruchslösung von Gesundheitsminister Jens Spahn sagt Johanna: "Ich finde es schade, dass es eine Widerspruchslösung braucht, damit Menschen sich Gedanken über Organspende machen. Ich fände es besser, wenn jeder – auch ohne Eingreifen der Politik – in der Lage wäre, sich mit so einen wichtigen und persönlichen Thema zu befassen und offiziell seine Entscheidung zu treffen."

Nach ihrer Hochzeit reisten Daniel und Johanna nach Island. Foto: Johanna und Daniel Rosenkranz

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Leider, so Daniel, gebe es noch immer viele Vorurteile und Gruselgeschichten, die sich in den Köpfen festgesetzt haben. Etwa, dass lebenserhaltende Maschinen frühzeitig abgestellt würden, um an die noch funktionstüchtigen Organe zu kommen.

Kontakt zu den Angehörigen der Spender gibt es nicht

Zwar gibt es die Möglichkeit, anonyme Briefe zu schreiben, zu den Angehörigen ihrer Spender haben Johanna und Daniel jedoch keinen Kontakt aufgenommen. Manchmal stellt sich Daniel allerdings die Frage, ob diejenigen wohl ahnen, dass das Herz in seinem Körper noch weiterschlägt. "Dann denke ich, wie toll es ist, dass so viel Leben mit einem Spenderherz ermöglicht werden kann. Etwa wenn ich einmal selbst Kinder bekomme. Und all diese Menschen können versuchen, die Welt ein bisschen schöner zu machen."

Informationen zur Organspende

2017 sank die Zahl der Organspenden in Deutschland mit 797 auf einen historischen Tiefpunkt. Anders als etwa in Spanien, wo zum Beispiel jedem Hirntoten Organe entnommen werden dürfen, wenn er oder seine Angehörigen dem nicht ausdrücklich widersprochen haben, wird man in Deutschland erst mit einer schriftlichen oder mündlichen Willenserklärung zum Organspender. 
Gerade deshalb ist es wichtig, mit Angehörigen und Freunden über die eigene Entscheidung zu sprechen und einen Organspendeausweis bei sich zu tragen, denn:
  • der Ausweis verschafft Klarheit über den Willen eines Verstorbenen. Liegt keine Entscheidung zur Organ- und Gewebespende vor, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen der verstorbenen Person gefragt. 
  • jeder kann entscheiden, welche Organe er spenden möchte.
  • eine persönliche Entscheidung im Organspendeausweis ist nicht auf Lebenszeit bindend. Weil die Entscheidung nicht registriert wird, reicht es aus, bei einer Änderung den alten Ausweis zu vernichten und einen neuen auszufüllen. 




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