Rapper im Interview Samy Deluxe: Deshalb ist Fußball der Inbegriff von Rassismus

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Samy Deluxe ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper. Foto: dpaSamy Deluxe ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper. Foto: dpa

Hamburg. Samy Deluxe ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper – und zudem ein Künstler mit vielen Facetten. In seinen Songs wirkt er teils überheblich, dann aber auch wieder sehr nachdenklich und gesellschaftskritisch. Im Interview spricht der Musiker, der mit bürgerlichem Namen Samy Sorge heißt, über seinen Cannabis-Konsum, Depressionen, den alltäglichen Rassismus in der Gesellschaft und einen Sinneswandel in seinem Wahlverhalten.

Herr Sorge, Ihre Mutter wünscht sich von Ihnen, dass Sie mehr Obst zu sich nehmen und weniger kiffen. Wenn ich das Glas Orangensaft vor Ihnen sehe, scheint es ja Hoffnung zu geben. Wie steht es um den anderen Wunsch?

Mehr Obst ist auf jeden Fall gut (lacht). Zur anderen Sache: Ich habe nicht das Gefühl, dass es mich irgendwie behindern würde. Ich kann mich sehr gut konzentrieren, wenn ich rauche. Gleichzeitig finde ich nicht, dass die Bezeichnung "Kiffer" bei mir passend wäre. Darunter versteht man oftmals ja jemanden, der langweilig, faul und vergesslich ist. Diese Attribute verbinde ich aber nicht mit mir. 

Haben Sie eine alternative Bezeichnung parat, die passender wäre?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe sehr viele Leute gesehen, die definitiv zu viel geraucht haben. Irgendwann waren sie total verballert, wenn sie gekifft haben – oder hatten Sprachprobleme.

Sie scheinen aber keine großen Sorgen vor den Folgen zu haben?

Ich weiß nicht, wie hoch da die Toleranzgrenze ist. Ich mache das seit mehr als 20 Jahren. Von daher kann ich mir nicht vorstellen, dass es auf einmal "klack" machen und ich auf einmal gravierende Probleme haben würde. 

Als Kind haben Sie von telepathischen Fähigkeiten geträumt. Welche Eigenschaft würden Sie mittlerweile gerne besitzen?

Ich bin ein riesengroßer Fan von Superhelden und ihren Fähigkeiten. Von daher ist es schwierig, sich für eine bestimmte Eigenschaft zu entscheiden. An sich besitze ich aber schon einige davon. (Weiterlesen: Samy Deluxe unplugged am 22. März in Lingen)

Wie meinen Sie das?

Ich will jetzt nicht sagen, dass ich ein Superheld bin. Aber was machen 99 Prozent der Menschen in der Gesellschaft? Morgens aufstehen, irgendeinen Job machen, der ihnen nicht gefällt, danach vor dem Fernseher sitzen – und am nächsten Tag das gleiche Programm. Daran gemessen bin ich auf jeden Fall ein Superheld. In meiner Position kann ich einfach vieles bewegen.

Sie haben jetzt ein wenig Gesellschaftskritik anklingen lassen. Das durchzieht auch viele Ihrer Songs. Was läuft Ihrer Ansicht nach in Deutschland schief?

Ich war kürzlich für einige Wochen in Afrika. Wenn ich das Leben dort mit dem in der westlichen Welt vergleiche, fällt mir auf, dass wir hierzulande vereinsamen. Wir sind zwar durch Handys und die sozialen Netzwerke alle miteinander verbunden, aber die menschliche Nähe fehlt. Im Sudan wird dagegen ein großer Wert auf Kommunikation gelegt, es wird sehr viel geredet. Das hat mich beeindruckt. 

Ihr Vater stammte aus dem Sudan, hat die Familie aber verlassen, als Sie noch klein waren. Sind Sie trotzdem von afrikanischen Kultur geprägt worden?

Nein, ich habe als Kind ganz wenig davon mitbekommen. Irgendwann habe ich dann Verwandte von mir kennengelernt. Sie wollten, dass ich in den Sudan komme, um die Familie zu besuchen. 1994 war es dann erstmals soweit. (Weiterlesen: Samy Deluxe: „Mir ist wichtig, dass eine Show durchrockt“)

Wie lief das erste Zusammentreffen?

Ich hatte eine sehr gute Zeit. Es war aber sehr komisch, hier bin ich mit ganz wenig Familie aufgewachsen. Und plötzlich waren da mehrere Hundert Verwandte, das war schon ein wenig Reizüberflutung für mich. Mein Vater war auch dort, aber es hat nicht wirklich "klick" gemacht. Er stand mir einfach nicht nahe. Als ich zwanzig Jahre später wieder im Sudan war, war er auch schon lange tot.

Gibt es etwas, was Sie in der Beziehung zu Ihrem Vater bereuen?

Ich bin kein Mensch, der etwas hinterhertrauert oder sich ständig fragt, was passiert wäre, wenn ich mich anders verhalten hätte. Dafür bin ich in meinem Denken viel zu sehr nach vorne gerichtet. Ich habe mit dem Thema abgeschlossen.

Sie sind mittlerweile selbst Vater. Wie wirken sich Ihre eigenen Erfahrungen mit Ihrem Vater auf die Beziehung zu Ihrem Kind aus?

Sie haben auf jeden Fall einen Einfluss. Genau wie mein Vater damals, so ist mein Sohn jetzt auch nicht bei mir, da er mit seiner Mutter in den USA lebt. Aber ich habe natürlich eine viel engere Beziehung zu meinem Kind. Und ich denke, dass ich ihn präge. Ich hätte zum Beispiel auch nie gedacht, dass ich meinem Stiefvater in einigen Punkten so ähnlich bin. Wir  benötigen beide unseren Freiraum.

Sind Sie ein strenger Vater?

Der räumliche Abstand hat dafür gesorgt, dass ich die Beziehung zu ihm eher kumpelhaft sehe. Es bringt nichts, aus 8000 Kilometern Entfernung den Moralapostel zu spielen. Seine Mutter ist ja bei ihm und ist da sicherlich etwas strenger und fokussierter als ich. Ich versuche zwar ein enges Verhältnis zu ihm zu haben, gleichzeitig will ich ihn auch nicht einengen. So war das bei mir und meiner Mutter auch. 



Sie haben mal erzählt, dass Sie einen erfolgreichen Politiker abgeben würden. Woran machen Sie das fest?

Ich glaube, ich kann Sachen gut auf den Punkt bringen, polarisieren und für Emotionen sorgen. Andererseits weiß ich nicht, ob ich auch ein guter Politiker wäre. Man ist nur gut in etwas, wenn man es aus vollem Herzen macht und sich auch nicht von den Schattenseiten beirren lässt. Bei der Musik hat das für mich geklappt. Der Fakt, dass ich ein riesengroßer Fan von Musik bin, hat stets alles – auch die negativen Seiten – überstrahlt. 

Trotzdem hat es bei Ihnen auch schwierige Zeiten gegeben. Sie haben vor einigen Jahren an Depressionen gelitten. Wie ging es Ihnen damals?

Wenn Leute eine Leidenschaft haben, die sie zu ihrem Beruf machen und die alles in ihrem Leben regiert, gibt es solche Phasen. Ich war sehr verwöhnt von meinen Erfolgen und wollte sie bestätigen. Es war dann aber so, dass ich nicht nur depri war, wenn ich etwas nicht geschafft habe. Vielmehr war 2011 ein Jahr, in dem alles geklappt hat – und ich war trotzdem unglücklich. Der Erfolg hat mich in dem Moment unglücklicher gemacht als vorherige Misserfolge. Menschen suchen immer nach dem, was ihnen gerade fehlt – und nicht nach dem, was sie haben. Und ich habe mich gefragt, was eigentlich mit meinem wahren Leben abseits der Musik ist.

Haben Sie gefunden, was Ihnen gefehlt hat?

Ich war damals in einer Beziehung, in der ich sehr unglücklich war. Ich glaube, ich habe mir eine lange Zeit auch nicht den Erfolg gegönnt. Jahrelang habe ich mich mit Menschen umgeben, die nicht so viel Glück hatten wie ich. Teilweise waren sie sogar missgünstig mir gegenüber. Meine Vorteile empfand ich als Nachteile. Es schien so, als würde ich mich von den Menschen in meiner Umgebung entfernen. Ich habe mittlerweile aber meine einzige Konstante gefunden: Im Vergleich zu anderen Musikern in Deutschland bin ich ein Vollzeitkünstler. Ich habe keine wirklichen anderen Hobbys als die Musik.

Aber besteht bei dieser Fokussierung nicht die Gefahr, wieder unglücklich zu werden?

No risk, no fun. Die Selbstfindung ist eines der wichtigsten Themen in meinem Leben. Man verändert sich ständig im Leben und entwickelt sich stets weiter. Ich bin natürlich auch nicht gefeit vor Schicksalsschlägen, die mich aus der Bahn werfen könnten. Mit der Musik habe ich aber die Möglichkeit, meinen Gefühlen auch Ausdruck zu geben und sie zu verarbeiten. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich mich nicht anderen Leuten anpassen oder bestimmten Regeln entsprechen muss, mit denen ich mich nicht wohlfühle.

In einer Reihe für den Sender DMAX haben Sie untersucht, was den Mann von heute ausmacht. Würden Sie sich als männlich bezeichnen? 

Ich glaube, jeder hat seine eigene Definition davon, was männlich ist und was nicht. Wahrscheinlich gibt es auch keine passende. Am Ende verfällt man nur in bloße Klischees, wenn man versucht, in Geschlechter, Religionen und Hautfarben zu differenzieren. Aber privat habe ich mit Frauen stets bessere Gespräche gehabt als mit Männern. Mit ihnen kommuniziert man auf einer viel natürlicheren Ebene, weil sie empathischer und emotionaler sind. Und das liegt mir besser. Auf der Bühne kann ich den Selbstdarsteller spielen, dem alle zujubeln, aber abseits davon bin ich nicht so.

Das passt aber nicht zum gängigen Rapper-Klischee...

Jeder Künstler ist sensibel – egal, wie hart er tut. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und die da einen Teil ihrer Seele preisgeben, sind sehr verletzlich. Ich rege mich zum Beispiel immer noch über negative Facebook- und Instagram-Kommentare auf.



In Ihrer Jugend hatten Sie aufgrund Ihrer Hautfarbe mit Rassismus zu kämpfen. Wie sehr bereitet Ihnen die derzeitige politische Lage in Deutschland Sorge, wenn Sie an den Aufstieg der AfD oder die Szenen aus Chemnitz denken?

Ich habe immer gesagt, dass ich mich von der Panik nicht anstecken lasse. Mittlerweile sehe ich aber den Ernst der Lage. Die AfD ist keine Eintagsfliege, kein bloßer Hype. Und das ist ein großes Problem, weil die Partei keine politische Agenda oder kompetente Politiker hat. Seit langer Zeit bin ich mal wieder sehr besorgt. Früher habe ich immer vehement betont, dass ich nicht wählen gehen würde. Aber das ist nicht mehr richtig. Jeder sollte wählen gehen, damit diese Idioten nicht noch erfolgreicher werden. Trotz der Politikverdrossenheit in diesem Land. 

Sie haben mal gesagt, dass Sie Rassismus für etwas sehr Menschliches halten. Warum steckt demnach in jedem von uns ein kleiner Rassist?

Wir bekommen in vielen verschiedenen Ausprägungen von der Gesellschaft vermittelt, dass es vollkommen okay ist, bestimmte Gruppierungen über andere zu stellen – wie zum Beispiel beim Fußball. Da ist es normal zu sagen, dass man den einen Verein geiler findet als den anderen. Mit derselben Logik könnte man auch meinen, dass die eigene "Rasse" überlegen ist. In der Theorie kann ich total nachvollziehen, warum die Menschen so ticken. 

Wann sind Sie rassistisch?

Es passiert schon hin und wieder. Als ich jetzt in Ägypten war und gesehen habe, wie die da Auto fahren, habe ich zum Beispiel gedacht: "Was ist bloß mit euch los, seid ihr alle dumm?". Natürlich ist die Frage, ob das schon als Rassismus aufgefasst werden kann. Aber es gibt hierzulande einfach so viele Ausprägungen davon. Die Gesellschaft ist auf Wettbewerb aufgelegt. Alles muss schneller, höher, weiter sein. Die salonfähigste Art, Rassismus in Deutschland zu promoten, ist Fußball. Für mich ist er der Inbegriff des Rassismus. 

Warum?

Nicht nur, dass Fans ihren Verein pauschal über andere stellen, sondern die Randerscheinungen sind auch negativ. Wenn nach einem Spiel irgendwelche Prügeleien ausbrechen, wird nie der Fußball dafür verantwortlich gemacht. Wegen solcher Vorfälle wurde noch nie ein Verein verboten. Aber wenn zum Beispiel bei zwei oder drei Rap-Konzerten in Hamburg Leute abgestochen werden, würde es dort nie wieder solche Konzerte geben. Fußball hat einfach einen krassen Freifahrtschein. 

Sehen Sie überhaupt eine Hoffnung, dass der Rassismus irgendwann besiegt wird?

In einer Gesellschaft, in der alles darauf basiert, gewinnen zu müssen, wird es schwierig. Es kann ja nicht jeder ein Gewinner sein. Wenn ich aber im Sudan bin, merke ich schon, dass es auch anders geht. Dort ist nicht der Kapitalismus prägend, sondern der Islam. Ich bin zwar kein Fan einer Religion, aber man benötigt schon einen moralischen Kompass. Länder mit einem festen kulturellen oder religiösen Fundament haben es leichter. 

Angesichts Ihrer Kritik an der hiesigen Gesellschaft: Haben Sie vor, irgendwann mal auszuwandern?

Momentan bin ich sehr angefixt von Afrika. Ich werde auf jeden Fall versuchen im Sudan und in Uganda ein Studio aufzubauen. Das ist für mich eine schöne Perspektive. 

2016 haben Sie ein Album mit dem Titel "Berühmte letzte Worte" herausgebracht. Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie möchten Sie später einmal auf Ihr Leben zurückschauen?

Das habe ich mich noch nie gefragt. Generell ist der Tod ein Thema, über das ich nicht gerne nachdenke. Ich habe zum Glück auch noch nie Menschen verloren, die mir in dem Moment sehr nahe standen. Aber mir graut es vor dem Tag, an dem es das erste Mal passieren wird. Ich habe große Angst davor. Andererseits bin ich sehr schicksalsergeben. Wenn das Schicksal will, dass ich morgen sterbe, ist das halt so. 


Samy Deluxe

wird als Samy Sorge am 19. Dezember 1977 in Hamburg geboren. Sein aus dem Sudan stammender Vater verlässt die Familie, als Samy zwei Jahre alt ist. Als Jugendlicher beginnt er mit dem Rappen, zunächst in englischer Sprache. Mit der Band "Dynamite Deluxe" feiert der Hamburger ab 1997 erste größere Erfolge. Das Debütalbum des Trios landet auf Anhieb auf dem vierten Platz der deutschen Charts. 

Seit 2001 ist Samy Deluxe vor allem als Solokünstler unterwegs. In den kommenden Jahren bringt der Künstler mehrere Alben heraus. Eine wachsende Bekanntheit erlangt er unter anderem mit dem Song "Weck mich auf", der sich wochenlang in den Charts hält. 2012 und 2013 tritt der Künstler unter dem Pseudonym Herr Sorge auf – eine Zeit, in der er den Fokus vermehrt auf Gesang und weniger auf Rap legt. Zudem ist er seit einiger Zeit auch als Produzent für andere Musiker aktiv.  

In diesem Jahr geht Samy Deluxe auf eine große Unplugged-Tour. Dabei wird er unter anderem in Lingen, Bremen und Osnabrück zu sehen und zu hören sein. Mit der Sängerin Brooke Russell hat Samy Deluxe einen Sohn. Die Musiker heiraten 2001, sind mittlerweile aber wieder geschieden. Der Sohn lebt bei der Mutter in den USA. 

Samy Deluxe setzt sich mit verschiedenen Projekten gegen Rechtsradikalismus, Aids und Analphabetismus ein. In Hamburg betreibt er das Restaurant "Gefundenes Fressen".

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