Nach Gen-Experimenten in China Forscher: "In Deutschland würde man dafür direkt ins Gefängnis wandern"

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Mit seinem Eingriff will He Jiankui die Kinder resistent gegen HIV gemacht haben. Foto: dpa/Mark SchiefelbeinMit seinem Eingriff will He Jiankui die Kinder resistent gegen HIV gemacht haben. Foto: dpa/Mark Schiefelbein

Hamburg. Die Nachricht der ersten genetisch veränderten Babys wird weltweit verurteilt. Professor Dr. Boris Fehse vom UKE Hamburg arbeitet an ähnlichen Methoden. Er erklärt, warum ein solcher Alleingang hierzulande nicht funktionieren würde.

Die Nachricht hat weltweit für Entsetzen gesorgt: Am Montag hatte der chinesische Forscher He Jiankui in einer Video-Botschaft verkündet, dass seine Arbeit zu den weltweit ersten genetisch veränderten Babys geführt haben soll. Durch an Embryonen vorgenommenen Eingriffen mit der noch jungen Genschere "Crispr/Cas9" habe er die Kinder nach eigener Aussage resistent gegen HIV gemacht.

Sowohl Wissenschaftler als auch Ethiker reagierten empört – so auch Prof. Dr. Boris Fehse, Präsident der deutschen Gesellschaft für Gentherapie (DG-GT) sowie Leiter der Forschungsabteilung Zell- und Gentherapie an der Klinik für Stammzelltransplantation des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE).

Kommentar: Genverändertes Baby geboren: Die Ablehnung im Affekt wäre zu einfach

In seiner Abteilung wird ebenfalls an Methoden gearbeitet, den sogenannten CCR5-Rezeptor von Zellen zu deaktivieren – allerdings nicht mit dem Verfahren der Genschere Crispr/Cas, sondern mit der sogenannten Talen-Genschere. Fehse und seine Kollegen allerdings forschen nach Möglichkeiten, Zellen von bereits erkrankten Patienten zu schützen, wie er betont – und nicht solche von Embryos zu verändern.

"Unethisch und verantwortungslos"

Er sei sehr überrascht gewesen, als er von der Nachricht seines Kollegen aus Hongkong erfuhr, sagt er auf Anfrage. "Dass die Methode funktioniert, dass es technisch möglich ist, das war klar", sagt er. "Das ist an mehreren Großtieren bis hin zum Affen bewiesen worden." Auch deswegen habe er nicht damit gerechnet, dass es jemand am Menschen ausprobieren würde. "Und abgesehen davon, dass es unethisch und verantwortungslos war, gab es auch keinen medizinischen Grund dafür", so Fehse. In 20 Jahren könnte es seiner Meinung nach vielleicht schon ganz andere Therapiemöglichkeiten bei HIV-Erkrankungen geben, die diesen Schritt unnötig machen.

"Das CCR5-Molekül kann schließlich auch wichtig sein, ohne ist man möglicherweise anfälliger für andere Viren. Das war jetzt so etwas wie eine Wette auf die Zukunft – und eine Provokation gegenüber der internationalen Forschungsgemeinschaft."

Dass ein solcher Alleingang auch in Deutschland möglich wäre, kann sich Fehse nicht vorstellen. "Hierzulande wäre die Aktion als ein Verstoß gegen das Embryonenschutzgesetz gewesen", sagt er, "also gegen ein Strafgesetz – und man würde dafür direkt ins Gefängnis wandern."

He Jiankui verteidigt Experimente an Babys 

He Jiankui hingegen zeigt keine Reue – hat er seine Arbeit dagegen noch weiter verteidigt. Die Wissenschaft müsse mehr tun, um Menschen mit Krankheiten zu helfen, sagt er am Mittwoch auf einem Genomforscher-Kongress, wo er sich der Kritik aufgebrachter Experten aussetzten musste. 

Es war der erste Auftritt des bislang weitgehend unbekannten Forschers, seit er bei Youtube die Geburt der genmanipulierten Babys Lulu und Nana verkündet hatte, deren Identität er geheim halten will: 


"He hat in einer großen Halle der Universität gesprochen, und die war bis auf den letzten Platz voll", sagte der Biochemiker Ernst-Ludwig Winnacker, der an dem Kongress teilnahm, der Deutschen Presse-Agentur. "Er machte einen gut vorbereiteten Eindruck und trat sehr selbstbewusst auf." Bei dem Vortrag wiederholte He, er habe acht kinderlose Paare aus gesunder Mutter und HIV-infiziertem Vater dazu gebracht, bei den Versuchen mitzumachen. Am Ende habe eines der Paare Zwillinge bekommen. "Auf diesen speziellen Fall bin ich wirklich stolz", sagte er. 

He betonte, er habe zuvor erfolgreich Versuche an Mäusen und Affen durchführt. Bei den menschlichen Embryonen hatte er nach eigenen Angaben den sogenannten CCR5-Rezeptor von Zellen deaktiviert – das Haupteinfallstor für das HI-Virus. "Millionen Menschen" könne geholfen werden, wenn die Technologie schneller verfügbar gemacht wird, argumentierte He. Ihm gehe es nicht um die Schaffung von Designer-Babys, sondern um Heilung von Krankheiten. Zudem kündigte He nach Angaben Winnackers an, seine Daten überprüfen zu lassen.

Teilnehmer der Konferenz übten scharfe Kritik an ihrem Kollegen. "Die Stimmung war ausgesprochen negativ", berichtete Winnacker. "Ich habe niemanden getroffen, der die Versuche von He gut findet." Auch der US-Virologe und Nobelpreisträger David Baltimore sagte, die Arbeit des Chinesen sei "unverantwortlich" und "medizinisch nicht notwendig". Der Fall zeige, dass "die Selbstregulierung der Wissenschaft" gescheitert sei. 

"Eindeutig eine rote Linie überschritten"

Unterdessen erklärte auch Emmanuelle Charpentier, die die Genschere Crispr/Cas9 maßgeblich mitentwickelt hatte, sie sei "sehr besorgt". "He Jiankui hat eindeutig eine rote Linie überschritten, vor allem weil er bei seiner Forschung die Sorgen der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft in Bezug auf die Editierung menschlicher Keimbahnen ignoriert hat", teilte die Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie mit. Schon am Montag hatten sich die beiden anderen maßgeblichen Entwickler der Genschere, die US-Forscher Jennifer Doudna und Feng Zhang, distanziert.

Andere Forscher warfen He in Hongkong vor, mit seinen "intransparenten" Versuchen den Ruf der gesamten Genom-Forschung gefährdet zu haben. Eine wissenschaftliche Überprüfung von Hes Behauptungen gibt es bisher nicht. Zudem hatte der Forscher offenbar weder die chinesischen Behörden noch seine Universität in der Stadt Shenzhen über seine Experimente informiert. Außerhalb seines Teams habe er sich nur mit wenigen Personen abgesprochen, darunter seien Ethiker und Forscher in den USA und ein Kollege in China gewesen, sagte He in Hongkong. Auf dem dreitägigen Kongress, der bis Donnerstag dauern sollte, wurde nach Angaben von Winnacker eine gemeinsame Erklärung zu Hes Versuchen erwogen.

(mit dpa)


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