Mordprozess gegen Westerkappelner Anwalt: „Alle ziehen an einem Strang, um die Kinder aufzufangen“

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Kriminaltechniker der Polizei sichern Spuren am Tatort. Am Montag begann am Landgericht Braunschweig der Prozess gegen einen Mann, der seine Ex-Freundin vor den Augen der vier Kinder erschossen haben soll. Foto: dpa/Dominique LeppinKriminaltechniker der Polizei sichern Spuren am Tatort. Am Montag begann am Landgericht Braunschweig der Prozess gegen einen Mann, der seine Ex-Freundin vor den Augen der vier Kinder erschossen haben soll. Foto: dpa/Dominique Leppin 

Salzgitter. Ein Vater aus Westerkappeln soll, nachdem ihm das Sorgerecht für seine Kinder entzogen wurde, durchgedreht sein und seine Ex-Frau vor den Augen der vier Kinder in den Kopf geschossen haben. Der Anwalt, der die Nebenklage vertritt, gibt Einblicke ins Seelenleben der Familie.

Es ist der 28. Mai, als eine junge Frau mit ihrer Familie in Salzgitter den gewonnenen Rechtsstreit um das Sorgerecht für ihre vier Kinder auf dem Rasen vor dem Mehrfamilienhaus feiert. Die Sonne scheint. Ein Wagen fährt vor. Es ist der Ex-Lebensgefährte der 30-jährigen Mutter sowie Vater der Kinder. Laut den Ausführungen des Staatsanwalts geht dann alles ganz schnell: Der 38-Jährige stürmt mit einer Waffe in der Hand auf die Familie zu und schreit: „Das wolltest du so, ich bringe euch alle um!“

Die Schwester der jungen Frau schaltet am schnellsten und soll noch versucht haben, dem blutrünstigen Vater die Waffe zu entreißen. Dabei habe sich ein Schuss gelöst, der die Schwester in die linke Hüfte trifft. Als sich der bewaffnete Angreifer lösen kann, habe er sich seiner Lebensgefährtin zugewandt und ihr aus kurzer Distanz direkt in den Kopf geschossen. Die Frau starb noch am Tatort, vor den Augen ihrer Familie sowie der vier Kinder.

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Es sind Szenen, die wohl keiner der Beteiligten jemals aus seinen Erinnerungen löschen kann, obgleich sie es gerne täten. Beim Prozessauftakt, der am Montag vor dem Landgericht Braunschweig war, musste zunächst der angeklagte Vater Angaben zum Tathergang machen. Dabei zeigte er zwar Tränen, aber keine Reue. Die Familienangehörigen der getöteten 30-Jährigen, die teilweise bei diesem Prozess als Nebenkläger auftreten, waren nicht anwesend.

„So einen Unsinn habe ich noch nie gehört"


Martin Voß, Strafverteidiger aus Braunschweig, vertritt die Nebenklage eines Bruders der Getöteten. Er weiß um die Betroffenheit in der Familie, die diesen Schock – ein halbes Jahr nach der Tat – noch immer nicht verarbeitet hat: „Die ganze Familie ist voller Trauer. Jeder hegt die tiefe Hoffnung, dass der Angeklagte seine gerechte Strafe erhält."

Martin Voß vertritt einen Bruder der getöteten 30-Jährigen als Nebenkläger. Foto: dpa/picture alliance/Christina Sticht/dpa

Für die Familie sei klar, dass der 38-Jährige aus Westerkappeln nicht unter einer lebenslangen Haftstrafe davon kommen dürfe. Deshalb sei die Verärgerung über die Einbringung des Angeklagten, er hätte keine Tötungsabsicht gehabt, groß, wie Voß erklärt: „So einen Unsinn habe ich noch nie gehört. Wenn er nicht die Absicht hatte, jemanden zu töten, weshalb nimmt er dann eine Waffe mit, um mit seiner Lebensgefährtin zu sprechen?“

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Am schwersten sei es für die Kinder, über das Erlebte hinweg zu kommen. „Die Beziehung innerhalb der Familie war immer schon sehr eng. Hier ziehen jetzt alle an einem Strang, um die Kinder aufzufangen und so gut es geht für sie da zu sein. Auch wenn es natürlich allen wirklich schlecht geht.“

„Sie wollen dem Täter noch einmal in die Augen schauen“

Voß erklärt, sein Mandant – Bruder der 30-Jährigen Mutter – habe den vermeintlichen Mörder seiner Schwester oft gesehen: „Er war schon regelmäßig zu Gast bei der Familie.“ Und auch wenn die Beziehung eher wechselhaft war, habe er ihn oft getroffen. Zudem, berichtet Voß von den Schilderungen seines Mandanten, habe der Angeklagte zuletzt die Vermutung gehabt, dass seine Lebensgefährtin ihn betrügen würde. Die Entziehung des Sorgerechts habe dann das Fass zum Überlaufen gebracht.

Er wolle sich, genau wie die anderen Nebenkläger auch, aktiv am Strafverfahren beteiligen – „sofern das nötig ist", stellt Voß klar. Denn aktuell nehmen sie nicht daran teil, weil jeder Nebenkläger im Verlauf des Prozesses noch als Zeuge vernommen werden soll. Eins sei aber sicher, so Voß: „Sie wollen dem Täter noch einmal in die Augen schauen.“


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