Obdachlose Frauen Wenn nur noch Heroin für einen Moment "voller Wärme" sorgt

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Die obdachlose Marina vor ihrem Wohncontainer in Hamburg. Foto: Nora Burgard-ArpDie obdachlose Marina vor ihrem Wohncontainer in Hamburg. Foto: Nora Burgard-Arp

Hamburg. Die Zahl der Obdachlosen und Wohnungslosen in Deutschland steigt. Marina ist eine von rund 100.000 obdachlosen Frauen in Deutschland. Sie ist drogensüchtig und geht der Prostitution nach, um ihre Sucht zu finanzieren. Erst lebte sie in Hamburg auf der Straße, bevor sie in einer Notunterkunft für Frauen Schutz fand.

Es ist schon dunkel, als Marina* um fünf Uhr nachmittags die Tür hinter sich zuzieht und von innen abschließt. Draußen wirbelt der Novemberwind die Blätter durcheinander, es ist kalt geworden. Auf dem Boden ihres sieben Quadratmeter großen Wohncontainers liegen Kleider, auf zwei Tischen Kosmetikartikel, etwas Schmuck, ein Fön. In der Ecke lehnt ein Spiegel. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein schmales Bett, das gleichzeitig Ablagefläche, Sofa und Schlafplatz ist. Marina knipst die Nachttischlampe an, setzt sich im Schneidersitz auf das Bett und holt eine Zigarette aus ihrer schwarzen Tasche. Drei Wochen hat sie in Hamburg auf der Straße gelebt, bevor sie einen der Container beziehen durfte, die die Caritas obdachlosen Frauen zur Verfügung stellt. 

"Junkie ist der härteste Job der Welt"

Marina ist heroinabhängig, mindestens zweimal täglich setzt sie sich einen Schuss, an den meisten Tagen deutlich häufiger. Für einen intensiveren Rausch mischt sie das Heroin mit Kokain; das Geld für ihre Sucht verdient sie mit Prostitution. Sie sagt: "Junkie ist der härteste Job der Welt."

Marinas Wohncontainer in Hamburg. Foto: Nora Burgard-Arp

Marina ist eine von ungefähr 100.000 wohnungslosen Frauen in Deutschland. Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) waren im Jahr 2016 insgesamt 422.000 Menschen in Deutschland wohnungslos – das heißt ohne eigenen Mietvertrag oder Eigenheim. Davon lebte etwa jeder Zehnte auf der Straße, die anderen in Obdachlosenunterkünften oder bei Bekannten und Freunden. Addiert man die wohnungslosen Flüchtlinge, steigt die Zahl der Wohnungslosen sogar auf 860.000. Die Tendenz ist laut BAG W steigend. Auch in Niedersachsen steigt die Zahl der wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen. Ende 2017 wurden nach Angaben der Diakonie in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe insgesamt 1320 Personen gezählt; das waren 27.8 Prozent mehr als im Vorjahr (1033).

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Wenn der Winter und die Kälte kommen, wird das Leben für die Obdachlosen besonders schwierig und in manchen Fällen unmöglich; allein in Hamburg sind bereits vor dem offiziellen Winteranfang 2018 drei Menschen auf der Straße erfroren. Viele deutsche Städte bieten deshalb Winternotprogramme mit zusätzlichen Unterkünften an. In Hamburg gibt es mittlerweile auch mehrere Schlafstätten ausschließlich für obdachlose Frauen. Dort soll ihnen sowohl Wärme und Schutz geboten werden als auch das Gefühl, unter sich sein zu dürfen – das heißt ohne Männer.  

Viele obdachlose Frauen haben Angst vor Männern

Marina kennt viele wohnungslose Frauen, die Angst vor Männern haben. Die sich prostituieren und schlechte Erfahrungen mit ihren Freiern machen. Die geschlagen oder erniedrigt werden und deshalb dankbar sind, einen vor Männern geschützten Raum zu haben. Sie selber hingegen erlebe nur sehr selten Negatives mit ihren Freiern, die sie lieber Klienten nennt. "Die meisten sind ganz liebe Leute, im Großen und Ganzen", sagt Marina. Manche schenken ihr zusätzlich Schmuck oder Kosmetika. Viele bezeichnet sie als Freunde, gar als Familienersatz, und oft übernachtet sie auch bei ihnen. "Aber", sagt sie und klopft mit der Handfläche sanft auf ihr Bett, "irgendwie ist das ja doch kein entspanntes Schlafen. Und auch mein Körper braucht mal Ruhe."

Die Wohncontainer bieten zehn Frauen einen Platz, Foto: Nora Burgard-Arp

Als Marina 13 ist, fängt sie an zu kiffen, mit 14 konsumiert sie das erste Mal Kokain. Körperlich abhängig wird sie Jahre später: Mit Mitte 30 ist sie süchtig nach Crack, im vergangenen Winter steigt sie für den stärkeren Kick auf Heroin um. "Ich bin extrem süchtig", sagt die heute 37-Jährige und zeigt ihre schmalen Unterarme. Deutlich sind sogenannte Straßen zu erkennen, das sind Venen, die durch starken Konsum komplett verhärtet sind. Seit drei Monaten lebt Marina in Hamburg, aus ihrer Heimatstadt musste sie "flüchten", wie sie sagt. Die Gründe dafür will sie für sich behalten; auch den Namen der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, möchte sie nicht nennen. Aus Angst vor den Menschen, die sie zurückgelassen hat. 

Die drei Wochen auf Hamburgs Straßen waren hart und voller Gewalt. Über das, was sie dort erlebt hat, will oder kann Marina ebenfalls nicht sprechen. Zu schmerzhaft, sagt sie. Insgesamt hat die Gewalt gegen Obdachlose in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, berichtete die Obdachlosenzeitung Hinz&Kunzt im vergangenen Juni. Dazu gehörten Brandanschläge, Körperverletzungen, Vergewaltigungen – sowohl von den Obdachlosen untereinander als auch von Passanten. Das Heroin habe ihr auf der Straße Halt gegeben, sagt Marina, und fährt mit der Hand durch ihre schwarzen, langen Haare. Wenn sie sich einen Schuss setzt, fühlt sie sich wie in einem sicheren Kokon, geborgen und geschützt. "Das sind die kurzen Momente voller Wärme."

Auf der Straße erfährt Marina von dem Verein Ragazza, einer Anlaufstelle für Frauen, die drogensüchtig sind und sich prostituieren. Hier bekommt sie morgens Frühstück, kann außerdem ihre alten Spritzen gegen neue tauschen und sich zurückziehen, um die Droge zu konsumieren. Hier lernt sie auch eine Frau kennen, die wiederum vom Wohncontainerprojekt der Caritas erzählt. Marina ruft an und hat direkt Glück: Es ist gerade ein Platz frei geworden, sie darf sofort einziehen.

Eine Suchterkrankung wie in Marinas Fall kann einer der Gründe für Wohnungs- oder Obdachlosigkeit sein. Sabine Kordt arbeitet für das Hamburger Sozialunternehmen "fördern und wohnen" und erlebt jedoch mittlerweile immer vielfältigere Gründe. Die Sozialarbeiterin leitet das FrauenZimmer in Hamburg, eine Übernachtungsstätte nur für Frauen, und erklärt: 

Wir beherbergen hier viele unterschiedliche Frauen in Not: Angefangen von jungen Menschen, die mit 18 aus der Jugendhilfe fliegen. Wir haben haftentlassene Frauen, wir haben Menschen mit Süchten und Krankheiten. Manchmal wurde eine Wohnung aus Eigenbedarf gekündigt, und es wurde keine neue gefunden. Es gibt auch immer noch Mietverträge, in denen nur eine Person drinsteht und zwar meistens der Mann. Geht die Beziehung in die Brüche, sitzt die Frau auf der Straße. Bei den heutigen Mietpreisen ist das hochdramatisch. Auch haben wir einen sich massiv ausweitenden Niedriglohnsektor, der es gar nicht erlaubt, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Und Altersarmut ist für mich nichts, was ich in der Zeitung lese. Das erlebe ich hier – mit rasant steigenden Zahlen.Sabine Kordt, "fördern und wohnen"


Sabine Kordt leitet in Hamburg das FrauenZimmer, Foto: Anna Behrend

Wohnungsmangel in deutschen Städten fördert Obdachlosigkeit

Der Bestand von Sozialwohnungen ist laut BAG W seit 1990 deutschlandweit um fast 60 Prozent geschrumpft und lag in 2017 bei knapp 1,2 Mio. Besonders groß sei der Mangel an bezahlbaren Kleinwohnungen. "Trotz dieser bedrohlichen Lage auf dem Wohnungsmarkt fehlen nach wie vor in vielen Regionen systematische Maßnahmen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten. Dies ist fatal", erklärt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG W. "Wer in dieser Situation die Wohnung verliert, wird für lange Zeit ohne eigene Wohnung bleiben und die verlorene Wohnung wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch als bezahlbarer Wohnraum nicht mehr zur Verfügung stehen", so Rosenke .

Im Hamburger FrauenZimmer von "fördern und wohnen" stehen insgesamt 50 Betten für obdachlose Frauen zur Verfügung, oft sind alle voll belegt. Doch auch dann schicken die Sozialarbeiterinnen keine Frauen vor die Tür, im Notfall werden Feldbetten aufgestellt oder der Sessel in der Kaffee-Ecke zum Schlafplatz umfunktioniert. 

Die Kaffee-Ecke im Hamburger FrauenZimmer, Foto: Anna Behrend

Kordt will den Frauen vor allem einen Schutzraum bieten. Darüber hinaus soll in diesem geschützten Raum geübt werden, festgefahrene Muster zu durchbrechen. „In unserer Gesellschaft ist das klassische Frauenbild immer noch sehr stark ausgeprägt“, erklärt sie, „und damit verknüpft die Erwartungshaltungen daran, was eine Frau für eine Leistung erbringen muss .“ Zum Beispiel eine gute Mutter sein, Kochen oder den Haushalt führen. "Einige Frauen hier haben Kinder, werden aber durch die Wohnungslosigkeit ihrer vermeintlichen Versorger-Rolle nicht gerecht", so Kordt. Viele Frauen würden sich vor allem dafür schämen, dass sie vermeintlichen gesellschaftlichen Anforderungen nicht entsprechen, und sich deshalb noch nicht einmal trauen, alleine eine Hilfsstelle oder ein Amt aufzusuchen. "Die ziehen sich aus lauter Scham so weit zurück, bis sie fast unsichtbar sind." Die 60-Jährige und ihr Team helfen den Frauen deshalb auch beim Ausfüllen von Behördenanträgen, sie suchen Arztadressen raus, erklären, wie die Beantragung vom Personalausweis funktioniert oder kommunizieren mit gesetzlichen Betreuern.

Wie funktioniert das Hilfesystem für Obdachlose?

Wem steht Hilfe zu?
Die Hilfe für Obdachlose ist in Deutschland im sogenannten Gefahrenabwehrgesetz (SOG Sicherheits- und Ordnungsgesetz) geregelt. Dabei umfasst die öffentliche Sicherheit u.a. die Unversehrtheit des Lebens, der Gesundheit und die Unversehrtheit der Rechtsordnung. Durch Obdachlosigkeit sind außerdem die Menschenwürde, das allgemeine Persönlichkeitsrecht, Ehe und Familie und der Mutterschutz gefährdet. Ob der Obdachlose diesen Zustand verschuldet hat oder nicht, ist im Sinne des Gefahrenabwehrrechtes rechtlich unerheblich.
Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es?
Obdachlose in Deutschland haben einen Anspruch auf Unterbringung, sind jedoch nicht dazu verpflichtet: Im Rahmen des Individualrechts darf eine obdachlose Person auf den sogenannten Einweisungsanspruch verzichten, auch wenn sie oder er sich dadurch selbst gefährdet.
Zuständig für die Hilfe ist die jeweilige Kommune, in der der oder die Obdachlose seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort hat oder zwei Monate vor Aufnahme in der Einrichtung hatte. Die meisten Kommunen beschränken sich vorwiegend auf Maßnahmen zur Unterbringung nach dem SOG. Die meisten Bundesländer haben ein gut organisiertes Netz von stationären und ambulanten Hilfen vor. Die überregionalen Träger dieser Einrichtungen sind oft Caritas und Diakonie. Darüber hinaus gibt es Tagestreffs, Wärmestuben, Bahnhofsmissionen u.a. als niedrigschwellige Angebote. Generell werden die Obdachlosen in Sammelunterkünften untergebracht. Darüber hinaus gibt es vielfältige Angebote von freien, vor allem kirchlichen Trägern, wie beispielsweise Einrichtungen zum Duschen und Wäschewaschen oder Kleiderkammern.
Quelle: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Für die FrauenZimmer-Leiterin sind auch kleine Schritte Erfolge. Wenn eine Frau es geschafft hat, ihren Antrag auf Arbeitslosengeld II einzureichen zum Beispiel. Oder wenn jemand mit Drogensucht erfolgreich in der Entgiftung war. Doch oft ist Sabine Kordt auch frustriert. Beispielsweise wenn sie erlebt, dass eine Obdachlose immer wieder von einem Amt zum anderen geschickt wird, weil sich niemand zuständig fühlt. "Die meisten Frauen haben noch nicht einmal genug Geld in der Tasche, um sich ein U-Bahn-Ticket zu leisten, und dann müssen sie in einer Großstadt wie Hamburg von A nach B laufen", sagt Kordt.

„Wir brauchen einen anderen Blick auf Obdachlosigkeit“

Eine Situation, die auch Marina gut kennt. Sie hat ihren Personalausweis verloren und muss dringend einen neuen beantragen. Doch manchmal weiß sie nicht, wie sie die Wege zu den Ämtern oder Hilfsstellen bewältigen soll, weil sie die Fahrten nicht bezahlen kann. Zum Laufen ist sie oft zu schwach, häufig hat sie auch starke Schmerzen, zum Beispiel wenn die Wirkung der Droge nachlässt. "Niemand läuft gern verheult durch die Gegend und wird verächtlich angesehen", sagt sie. 

Es sind genau diese Blicke, auch von Passanten, sagt Sabine Kordt, die das Schuld- und Schamgefühl der Obdachlosen nur noch verstärkt. "Wir brauchen ein anderes Miteinander", fordert sie, "einen anderen Blick auf Obdachlosigkeit. Das sind Menschen, die Unterstützung brauchen, und die einen Teil unserer Gesellschaft ausmachen." Ein freundlicher Blick, ein Lächeln oder ein "Guten Morgen" könnten schon viel beim Gegenüber bewirken, ihnen das Gefühl geben, nicht ausgegrenzt zu werden, so Kordt. "Das allein sind erste kleine Schritte hin zu einer großen Veränderung. Und die kann jeder von uns gehen."

Auch Marina sehnt sich nach einem Leben ohne die ständige Scham. Nach einem Leben, in dem sie sich ein Pflegeöl für die Haare leisten kann, ohne, wie zuletzt vor ein paar Tagen, mitten im Drogeriemarkt vor zahlreichen anderen Menschen in Tränen ausbrechen zu müssen, weil das Geld einfach nicht reicht. Sie ist hoffnungsvoll, dass sich vielleicht bald etwas ändern wird. Gerade hat ihr ein Klient eine Stelle als Kellnerin in Aussicht gestellt. Er weiß über ihre Heroinsucht Bescheid und verlangt von ihr, dass sie zunächst kalt entzieht. Angst davor hat Marina nicht. Sie glaubt, dass sie das schaffen kann. 

*Name von der Redaktion geändert


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