Qualität von Kantinenspeisen oft bemängelt Besseres Schulessen für vier Cent mehr?

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Nudeln mit Tomatensauce sind zum Sinnbild des deutschen Schulessens geworden. Sie stehen für die große Einfallslosigkeit und billige Produktion von Mahlzeiten in den Schulen. Foto: dpaNudeln mit Tomatensauce sind zum Sinnbild des deutschen Schulessens geworden. Sie stehen für die große Einfallslosigkeit und billige Produktion von Mahlzeiten in den Schulen. Foto: dpa

Osnabrück. Immer wieder heißt es, die Qualität des Essens in deutschen Schulen lasse zu wünschen übrig. Als Problem gilt häufig der Preis. Das will die Bundesregierung mit einer neuen Studie widerlegen.

Nudeln mit Tomatensauce sind zum Sinnbild des deutschen Schulessens geworden. Sie stehen für die große Einfallslosigkeit und billige Produktion von Mahlzeiten in den Schulen. Auf zahllosen Elternversammlungen, in Kommunalparlamenten und Fachkongressen steht das Thema Schulessen seit Jahren oben auf den Tagesordnungen. Ein besseres Schulessen wollen alle. Aber oft ist der Preis das Problem. Es wird nicht selten gefeilscht, wer das bezahlen soll und wie teuer eine gesunde Mahlzeit sein kann.

Vier Cent höhere Kosten

Jetzt überraschte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit der Äußerung, dass es für nur vier Cent mehr pro Schüler ein gesünderes Schulessen geben kann, das sich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) orientiere. Die seit Jahren bestehenden DGE-Standards besagen zum Beispiel, dass täglich Gemüse auf den Teller kommen sollte, Fleisch hingegen nur maximal zweimal pro Woche. Daneben geht es um Rahmenbedingungen wie eine ausreichend lange Essenspause.

An den Schulen sind die Standards aber längst nicht in der Breite umgesetzt. Nach Kenntnis der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch haben bislang nur Berlin und das Saarland sie zu Pflicht-Kriterien bei Neuausschreibungen gemacht. Foodwatch sieht bei Schulessen ein „verheerendes Staatsversagen“.

Zu wenig frische Kost

Nach wie vor gebe es zu häufig Fleisch, zu selten Fisch und noch keineswegs täglich frisches Obst bzw. Gemüse und Salat, so Ulrike Arens-Azevedo, Präsidentin der DGE. Es überwiege in allen Regionen die Anlieferung von warmgehaltenen Speisen. Frisch zubereitete Kost sei noch immer die Ausnahme. „Nur in knapp sechs Prozent der Schulen wird bundesweit frisch gekocht“, sagte Diana Reif von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Niedersachsen. Auch die Auswahl lasse oft zu wünschen übrig. Beim Mittagessen gibt es in Grundschulen häufig nur ein Menü, im Sekundarbereich stehen in der Regel zwei Menüs und mehr zur Auswahl. Als Snack für zwischendurch überwiegen Brot oder Brötchen, Fastfood, süße Backwaren und Süßigkeiten.

Eltern sehen ein Problem darin, dass die Qualität des Schulessens kaum überprüft werde. Die neue Studie der DGE beantworte nicht die Frage, wer denn überwachen soll, ob gesundes Essen angeboten wird, so Mike Finke, der Vorsitzende des Landeselternrats Niedersachsen. In Nordrhein-Westfalen forderte ein Elternverein kürzlich die Einführung eines „TÜV fürs Schulessen“. Den hatte vor ein paar Jahren auch schon mal der frühere Ernährungsminister Schmidt gefordert.

"Salatbuffet ist gutes Zeichen"

Für Eltern, die eine erste Einschätzung der Schulkantine ihrer Sprösslinge vornehmen wollen, hat die Ernährungswissenschaftlerin Arens-Azevêdo einen Tipp: „Ein Salatbuffet mit wechselnden frischen Komponenten ist ein gutes Zeichen.“ Gut sei auch, wenn vegetarische Alternativen bereit stünden.

Klöckner betonte, die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung seien nur ein „Angebot“. Auch ohne Pflichten soll sich das stark unterschiedliche Essen von Schulküchen und Caterern nach dem Willen der Ministerin wandeln – durch verstärkte Beratung der Kommunen. Noch sei bei Schulträgern die Annahme verbreitet, dass gesundes Essen unbezahlbar sei, Qualität habe deshalb lange nicht im Fokus gestanden, sagte sie.

Die von Klöckners Ministerium finanzierte Studie soll bei der Überzeugungsarbeit helfen. 20 Prozent Bioanteil etwa führe nur zu Preissteigerungen im „einstelligen Cent-Bereich“ pro Mahlzeit, heißt es darin etwa. Für die Studie führten Experten Modellrechnungen durch und befragten mehr als 120 Essensanbieter. Der von Klöckner genannte Vier-Cent-Unterschied ergibt sich, wenn vor Ort gekocht und im Schnitt 200 Essen ausgegeben werden. Viele Schulen lassen jedoch vom Caterer liefern oder beziehen Tiefkühlkost, um dem gestiegenen Bedarf nach Mittagsverpflegung gerecht zu werden.

Bezuschussung durch Kommunen

Es ist fraglich, wie günstig eine Gesundheitswende in solchen Fällen ausfällt. Die Studienautoren schreiben, es sei besonders wichtig, die Akzeptanz des Mittagsangebots zu steigern – je mehr Essen verkauft werden, desto günstiger werde es. Nach Ministeriumsangaben haben täglich mehr als drei Millionen Schüler an Ganztagsschulen Anspruch auf ein Mittagessen, aktuelle Daten zur Nutzung gibt es aber nicht.

Einige Kommunen bezuschussen das Essen, andere nicht. Laut der DGE-Studie zahlen die deutschen Landkreise und Städte über eine Milliarde Euro pro Jahr. Denn die Kosten für ein Schulessen liegen deutlich über dem Preis, den die Eltern bezahlen – im Durchschnitt 3,50 Euro. Große Bildungsstätten, die täglich tausend Portionen oder mehr anfordern, bekommen andere Einkaufspreise als Mini-Schulen. Eine zunehmende Differenzierung der Ernährungsgewohnheiten aufgrund von Unverträglichkeiten oder Allergien treibt ebenfalls die Kosten.

Schließlich erreicht auch die Debatte um ethische und religiöse Normen die Schulkantinen. So plädierte Agrarministerin Julia Klöckner kürzlich für die weitere Nutzung von Schweinefleisch in den Mensen. Viele Caterer hatten es gestrichen, weil Vegetarismus wichtiger werde und mehr muslimische Kinder die Schulen besuchten, denen der Verzehr von Schweinefleisch verboten ist.

Essen unter drei Euro ungesund

Für Ernährungswissenschaftlerin Arens-Azevêdo ist ein ausgewogenes Schulessen unter drei Euro unrealistisch. Die Spielräume für die Caterer seien dabei gering: Sie könnten Personalkosten reduzieren, indem sie Niedriglöhne zahlen und 400-Euro-Jobber einsetzen. Und sie können beim Lebensmitteleinkauf sparen. Beides gehe tendenziell zulasten der Qualität. Die Branche stehe unter hohem Kostendruck, wie die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Ingrid Hartges berichtet. „Die Ansprüche an Qualität und Frische sowie an individuelle Wünsche steigen ebenso wie die Anforderungen an Unverträglichkeiten, die zu berücksichtigen sind. Die kalkulatorische Luft ist für die Anbieter von Schulessen dünn.“

Ein Schulfach „Ernährung“, wie von manchen gefordert, hält die Regierung unterdessen nicht für unbedingt nötig – vielmehr müsse Wissen über Ernährung und die Herkunft von Lebensmitteln allgemein in den Schulalltag integriert werden.


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