Streitthema Halloween Fragen an Erziehungsberater: Ist Halloween für Kinder schädlich?

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Kürbis-Fratzen, Hexen, Horror-Partys: Ist Halloween für Kinder schädlich? Nein, sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Eltern sollten allerdings ein paar Erklärungen parat haben. Foto: Bernd Weissbrod/dpaKürbis-Fratzen, Hexen, Horror-Partys: Ist Halloween für Kinder schädlich? Nein, sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Eltern sollten allerdings ein paar Erklärungen parat haben. Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Osnabrück. Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungseratung (bke), Fachverband der Erziehungs- und Familienberatung in Deutschland, plädiert im Interview mit unserer Redaktion für einen entspannten Umgang mit Halloween.

Herr Ritzer-Sachs, wer heute Kinder im Kindergarten- oder Schulalter hat, kann dem Thema Halloween kaum entgehen. Doch nicht alle sehen in der Feierei einen harmlosen Grusel-Spaß. Wie sollen Eltern mit dem Thema umgehen?

Wie mit allen anderen Mode-Erscheinungen oder neuen Festen, die auftauchen: Zuerst muss ich grundsätzlich für mich überlegen, will ich da mitmachen oder nicht? Oder, wenn ich nicht mitmachen will: Lasse ich mein Kind mitmachen oder nicht? Wenn ich nicht möchte, dass mein Kind bei dem Spuk-Spektakel mitmacht, laufe ich aber doch Gefahr, es von Freunden und Klassenkameraden zu isolieren, oder?

Man muss die Vor- und Nachteile abwägen. Wenn ich mein Kind nicht mitmachen lasse, muss ich bedenken, dass es an dieser Aktion nicht beteiligt ist und in dieser Zeit etwas anderes machen muss. Wenn alle mitmachen und nur mein Kind nicht, ist es natürlich blöd. Dieser Gruppendruck ist aber auch nicht etwas, das man gutfinden muss. Tatsächlich ist es bei Halloween nun einmal so, dass man sich dem Thema kaum noch entziehen kann. Wenn der Kindergarten sagt, wir machen eine Halloween-Party, und drei Kinder machen nicht mit, dann ist es für diese Kinder nicht so toll. (Weiterlesen: Grusel-Spaß oder gefährlicher Totenkult: Ist Halloween wirklich harmlos?)

Bei Halloween geht es gruselig zu: Machen Vampire, Zombies und Hexen den Kindern möglicherweise zu viel Angst?

Ich glaube nicht. Es lohnt sich sicher, als Erwachsener ein bisschen zu forschen und zu wissen, woher kommt dieser Brauch, wofür ist er vielleicht gut, was bedeutet er und so weiter. Wenn ich für mein Kind eine gute Erklärung für all das bringe, dürfte Angst kein Problem sein. Zumal Kinder mit Verkleidungen, auch mit gruseligen, meist locker umgehen. Kindergartenkinder ab vier, fünf Jahren oder auch ältere Kinder lieben Geistergeschichten, es gibt ein Kinderbuch von Ravensburger, wo die Kinder am Schluss eine Gruselparty feiern. Die allermeisten Kinder haben auch schon Berührung mit Märchen und Zauber-Geschichten. Mit diesen ,magischen‘ Themen beschäftigen sie sich also so oder so – mit oder ohne Halloween.

Es gibt auch die Theorie, dass Kinder durch den Grusel mutiger werden, dass sie mehr Selbstbewusstsein entwickeln, weil sie sich mit unheimlichen Dingen, mit Tod und Vergänglichkeit beschäftigen. Was halten Sie davon?

Ich glaube, das funktioniert so nicht. Mutigwerden entsteht eher durch Mitmachen und Dabeisein. Mutig macht, wenn man sich traut, beim Theaterstück mitzuspielen, vor den anderen etwas zu sagen oder ein Lied zu singen. Die Inhalte sind da nicht so wichtig. Daher denke ich nicht, dass es Geister und Vampire braucht, um mutig zu werden.

Wenn ein Kind vor Halloween und den ganzen Spukgestalten nun doch Angst hat, was können Eltern tun?

Zunächst einmal trösten. Natürlich darf ich meinem Kind sagen, dass es das alles nicht gibt, dass man nur so tut als ob. Wenn man erklärt, dass man sich an Halloween gegenseitig etwas erschreckt, dass alles nicht böse gemeint ist und es die Geister in Wirklichkeit gar nicht gibt, nimmt das die Angst. Wenn mein Kind zu große Angst hat, muss es auch nicht mitmachen. In diesem Fall könnte man mit den Erzieherinnen und Erziehern sprechen und anregen, dass es ein Angebot für diejenigen gibt, die lieber nicht Halloween feiern wollen.

Wie sehen Sie die „Süßes oder Saures“-Aktionen von Kindern?

Das ist tatsächlich etwas, das Kinder mutiger werden lässt. Es kostet Überwindung, an Türen zu klingeln und zu sagen: ,Gib mir Süßes, sonst erschreck ich dich.‘ Wenn es gelingt, ist das schon ein Mutmacher, keine Frage. Ob es dazu aber dieses Grusel-Umfeld braucht, sei mal dahingestellt. Wenn ein Kind bei den „Süßes oder Saures“-Aktionen nicht mitmachen will, sollte man es aber auch nicht dazu drängen.

Sollte es Ihrer Ansicht nach eine Altersbeschränkung für Halloween-Partys geben? Also etwa: Keine Grusel-Feier für Unter-Vierjährige? Bei Kinofilmen gibt es ja auch Altersbeschränkungen, und das aus gutem Grund. Nein. Halloween ist vergleichbar mit Verkleidungsfesten beim Karneval. Ich weiß nicht, ob zum Beispiel Zweijährige, die ja mitunter auch schon im Kindergarten sind, einen Vorteil haben, wenn sie da mitmachen. Aber mir würde auch kein vernünftiger Grund einfallen, eine Altersgrenze zu fordern. Zweijährige erschrecken vielleicht, weil es laut ist oder weil jemand eine Maske trägt. Aber das ist dann auch der Job der Erzieher, auf die Kleinsten zu achten. Auch wenn das zurzeit schwer ist bei den vielen altersgemischten Gruppen.

Es gibt ja nicht nur Kritik an dem Gruselspektakel an sich, sondern auch daran, dass Halloween die christlichen Feiertage Reformationstag und Allerheiligen überschattet oder sogar verdrängt. Wie erkläre ich das meinen Kindern?

Dass Halloween eine Art Verdrängungsfest ist, sehe ich nicht so. Es kommt einfach ein weiteres Fest zu schon bestehenden Bräuchen, Feiertagen oder Traditionen hinzu. An Allerheiligen gehen viele Gläubige auf die Friedhöfe und pflegen die Gräber. Das kann ich weiterhin machen und auch meine Kinder dabei einbeziehen. Das Gleiche gilt für den Reformationstag, den man auch weiter angemessen feiern kann. Zudem ist es auch Sache der Kirchen, ihre Feste und Feiertage in den Vordergrund zu bringen. Halloween verdrängt das nicht, sondern ist ein zusätzliches Angebot, das unabhängig davon ist. Auch Karneval hat einen gewissen christlichen Ursprung, doch wer denkt da heute noch dran? Meiner Meinung nach können all diese Feste gut nebeneinander und miteinander bestehen.

Die Kritik der Halloween-Gegner, auch seitens einiger Kirchenvertreter, bezieht sich auch auf die Kommerzialisierung dieses Festes.

Der gleiche Vorwurf trifft auf Weihnachten zu, auf Ostern, Muttertag, Valentinstag, auf alle möglichen Feste und Anlässe. Jeder muss selbst wissen, inwieweit er da mitmacht. Gerne darf man ein Halloween-Kostüm selbst basteln. Und was auch total Spaß macht, ist zusammen mit Kindern einen Kürbis auszuhöhlen und daraus eine Laterne zu basteln. Wenn man dann abends nach Hause kommt, und der Kürbis begrüßt einen und lacht so schön mit der Kerze vor der Tür... So kann ich Halloween auch nutzen, um kreativ zu werden. Das ist für Kinder und für Erwachsene toll. Ich muss ja nicht in den Läden alle möglichen Halloween-Produkte kaufen. Das ist genau wie bei Weihnachten: Ab August gibt es Spekulatius und Co., was ich persönlich grässlich finde. Aber ich muss nichts davon kaufen.

Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) sieht Halloween als mögliche Ergänzung bereits bestehender Feste: „Jeder muss selbst wissen, inwieweit er da mitmacht.“ Foto: Ritzer-Sachs

Eigentlich könnten die Kirchen den Halloween-Hype doch auch nutzen, oder? Immerhin öffnet er die Tür zu einem wichtigen Thema, nämlich der Beschäftigung mit Vergänglichkeit und Tod. Themen, die heute oft verdrängt werden, die aber zu Halloween quasi spielerisch behandelt werden. Das wäre doch eine gute Sprungschanze, dieses Thema, aber auch Allerheiligen und den Reformationstag, in den Fokus zu nehmen, oder?

Ich sehe das auch so. Die Kirche darf gerne Zusammenhänge knüpfen. Auch Hinweise auf den Konsumterror kann ich mir gut vorstellen, da kann man auch schöne Aktionen machen. Die Kirchen könnten meiner Ansicht nach selbstbewusster sein und sagen: Wir nutzen das. Das Jammern, dass da was Böses von außen, von Amerika, zu uns kommt... Ich sage dazu: Nicht alles ist böse, was aus Amerika herüberschwappt, es gibt wunderbare Musik, gute Kultur, auch gutes Essen. Leckere Burger finde ich zum Beispiel total klasse. (lacht)

Sie sehen die ganze Aufregung um Halloween also eher entspannt?

Ja. Ich möchte auch anderen Mut machen, das entspannt zu sehen. Man muss nicht alles mitmachen. Aber man kann es tun, wenn man möchte. Wir machen an Halloween zum Beispiel immer ein Straßenfest mit der Nachbarschaft, das ist sehr schön. Es gibt Kürbissuppe, die Kinder dürfen herumspringen, und abends gibt es eine Halloween-Feier für die Erwachsenen. Eigentlich ist es eher ein Nachbarschaftsfest als eine Halloween-Veranstaltung. Daran sieht man: Jeder kann Halloween so gestalten, wie er möchte. Und gemeinsam ein Fest zu feiern, ist doch immer schön.


Bleibt noch eine Frage: Warum Kürbis-Fratzen?

Auch der Brauch, Kürbisse auszuhöhlen, Fratzen hineinzuschnitzen und dann mit Kerzen zu bestücken, hat mehrere Ursprünge. Zum einen erinnern sie an Grablichter, die die katholischen Iren in ihrer neuen Heimat USA an Allerheiligen aufzustellen pflegten. Zum zweiten spielen auch hier keltische Erntefest-Bräuche hinein, da diese die letzte Oktober-Nacht, in der die Seelen der Toten umherwandern sollten, mit vielen Lichtern, Laternen und Feuern zu erhellen versuchten. Auch die Nähe zu christlichen Erntedank-Bräuchen, bei denen Obst als Schmuck dient, lässt sich nicht von der Hand weisen.

Doch natürlich gibt es auch eine uralte Geschichte, die wahlweise den Iren oder – reichlich abwegig – sogar den Kelten zugeschrieben wird: Sie handelt vom bösen, geizigen und trunksüchtigen Hufschmied Jack Oldfield, dem es gleich zweimal gelungen sein soll, den Teufel, der ihn holen wollte, zu überlisten und sogar zu fangen. Im Gegenzug für seine Freiheit versprach der Teufel, Jacks Seele zu verschonen. Als der böse Jack schließlich doch starb, bekam er im Himmel keinen Einlass. Doch auch der Teufel schüttelte den Kopf, er hatte ja versprochen, Jacks Seele in Freiheit zu belassen. Also schickte der Teufel Jack zurück in die kalte, windige Dunkelheit.

Aus Mitleid gab er ihm allerdings ein Stück glühende Kohle mit. Das legte Jack in eine Rübe, die er als Wegzehrung dabei hatte, und baute sich so eine Laterne. Seither soll der von allen verdammte Jack Jahr für Jahr in der Halloween-Nacht mit seiner Rüben-Laterne durch die Dunkelheit ziehen, was ihn natürlich zum perfekten Halloween-Symbol macht. Doch es gab ein Problem: In den USA waren Rüben im 19. Jahrhundert Mangelware. Also nahmen die ausgewanderten Iren dort einfach Kürbisse, höhlten sie aus, schnitzten Fratzen hinein und erinnerten mit Kürbis-Laternen an „Jack O’Lantern“ – den Hufschmied, der selbst für die Hölle zu böse war.

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