Streit um Halloween Grusel-Spaß oder gefährlicher Totenkult: Ist Halloween wirklich harmlos?

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Osnabrück. Alle Jahre wieder, wenn die Kürbisfratzen leuchten und Zombies durch die Straßen schlurfen, flammt auch der Streit um Halloween wieder auf: Die einen verdammen das Fest als Konsumrummel und heidnischen, ja gefährlichen Brauch. Die anderen freuen sich auf Kürbis- und Totenkopf-Deko und Verkleidungspartys für Groß und Klein. Was stimmt denn nun?

An Halloween scheiden sich die Geister – und das im wahrsten Wortsinn. Denn während sich auch hierzulande im Oktober immer mehr Kinder auf gruselige Verkleidungspartys im Kindergarten oder in der Schule freuen, fragen sich nicht wenige Erwachsene, was das Kürbis- und Geister-Spektakel eigentlich soll. So zum Beispiel Präses Ekkehart Vetter, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), ein Netzwerk von Kirchen und Gemeinschaften, zu denen sich insgesamt rund 1,3 Millionen evangelisch gesinnte Christen in Deutschland bekennen. Auf Halloween angesprochen, wird Präses Vetter deutlich: „Den Deutschen wurde von heute auf morgen ein neues Fest diktiert, das einen Konsumrummel ohnegleichen drumherum erzeugt, ohne dass viel Gegenwehr kommt.“

Alle Jahre wieder, so Vetter weiter, werde Halloween „mit Kürbisfratzen, Vampir-Verkleidungen und Gruselpartys“ in Deutschland begangen. Für die meisten sei das „ein lustiges Verkleidungs-Fest zum Gruseln“, sagt Präses Vetter. Und formuliert eine Warnung: „Wer immer hinter diesem heute konsumorientierten US-Import nur harmlosen Gruselspaß sieht, sollte wissen, dass dahinter ein heidnischer Brauch und die Tradition des Totenkults steckt.“

Wilder Mix aus alten Bräuchen

In der Tat vermischen sich in Halloween gleich mehrere Bräuche, etwa diese, sich im Herbst für die eingebrachte Ernte zu bedanken, den Sommer zu verabschieden und der Toten zu gedenken. Das Erntedankfest begehen Christen traditionell am ersten Sonntag im Oktober, während von den Kelten überliefert ist, dass sie am letzten Tag des Oktobers große Feuer anzündeten, um die Erträge des Sommers zu feiern. Auch glaubten sie, dass an diesem Abend vor Allerheiligen – der Tag, an dem wiederum die katholischen Christen ihrer Heiligen gedenken – die Seelen der Toten auf der Erde wandeln würden.

Um diese freundlich willkommen zu heißen, bereiteten die Lebenden Lichter und Leckereien vor. Und um sicherzugehen, dass sich in dieser Nacht nicht doch eine tote Seele ihres Körpers bemächtigt oder ihnen aus Rache irgendwie schadet, verkleideten sie sich selbst möglichst abschreckend, schminkten sich blass und malten sich Totenfratzen auf. Dieses heidnische Fest namens Samhain am Abend vor Allerheiligen (englisch: All Hallows Eve) gilt vielen als einer der Ursprünge des heutigen Halloween-Brauchs.

Amerika – Wiege der Halloween-Tradition

Auch der Name „Halloween“ soll sich aus dem englischen „All Hallows Eve“ entwickelt haben, was überdies erklärt, weshalb sich der Halloween-Brauch in den USA zunächst hauptsächlich in katholisch geprägten Regionen ausgebreitet hat. Einen Teil dazu beigetragen haben im 19. Jahrhundert dorthin ausgewanderte Iren, die unter anderem das Erntedankfest, aber auch traditionelle katholische Feiertage, fest in ihrem Jahreslauf verankert hatten. Es dauerte nicht lange, bis sich die verschiedenen Bräuche, Feste und Traditionen vermischten zu dem, was in den USA heute als das beliebteste Fest nach Weihnachten gilt: Halloween.

Kürbisse, Skelette, Totenschädel: In den USA sind Halloween-Dekorationen überall zu sehen. Hier ein geschmückter Hauseingang in New York. Foto: Johannes Schmitt-Tegge/dpa

Heute ist in den USA der 31. Oktober der Tag im Jahr, auf den sich Kinder schon Wochen vorher freuen. Möglichst gruselig verkleidet gehen sie von Tür zu Tür, um mit dem Ruf „Trick or Treat“ („Süßes oder Saures“) Streiche anzudrohen, sollten die Erwachsenen ihnen keine Leckereien spendieren. Jeder US-Einwohner gibt im Schnitt umgerechnet etwas mehr als 63 Euro jährlich dafür aus, zusammengerechnet ergibt das die unglaubliche Summe von 6,7 Milliarden Euro. In den USA ist Halloween längst mehr als nur ein Familienfest: Es ist ein Umsatzbringer, der Arbeitsplätze sichert. (Weiterlesen: Ist Halloween für Kinder schädlich?)

Als der Grusel nach Europa schwappte

Etwa Ende der 90er-Jahre schwappte der Trend über den Großen Teich zurück nach Europa. Es ist kaum verwunderlich, dass aufgrund der engen Verflechtungen Irland bis heute als das Halloween-Zentrum Europas gilt, wohl in keinem EU-Mitgliedstaat gibt es Ende Oktober mehr Kürbis-Feste, Spuk-Aktionen und Grusel-Paraden.

Doch auch hierzulande erfreuen sich gespenstische Feiern, bluttriefende Verkleidungen und morbide Deko-Artikel immer größerer Beliebtheit. Schätzungsweise rund 200 Millionen Euro geben die Deutschen im Jahr dafür aus, das sind pro Person im Schnitt kaum zehn Euro – ein Bruchteil von dem, was sich die Amerikaner Halloween kosten lassen.

Gruselspaß kontra Reformationstag

Doch der Trend greift um sich, vor allem bei den Jüngsten ist der Verkleidungsspaß meist sehr beliebt. Ein Umstand, dem Präses Vetter von der Evangelischen Allianz, wenig Verständnis entgegenbringt: „Als Vater und Großvater kann ich nicht nachvollziehen, warum Kinder in dieses Gruselspektakel einbezogen werden. Warum werden Gruselgeschichten bei gespenstischer Beleuchtung erzählt? Schauriger Gruselspaß, perfekte Gruselatmosphäre. Nein danke!“, so Vetter im Gespräch mit unserer Redaktion.

Und fordert, sich stattdessen auf den Reformationstag zu besinnen: „Christen und Kirchen sollten den 31. Oktober für sich reklamieren, und inhaltlich deutlich machen, was die Reformatoren vor 500 Jahren neu entdeckt haben: Du kannst an einen Gott glauben, der dir persönlich begegnen möchte. Er hält Gnade für dich bereit, die dich unendlich frei macht von allem Druck und allen Erwartungen, mit denen du in deinem Leben konfrontiert wirst.“ Diese „wirklich gute Nachricht zu vermitteln, kindgerecht für Kinder, und kreativ und ideenreich für oft säkularisierte Erwachsene“, darum solle es am 31. Oktober gehen, fordert der DEA-Vorsitzende.

Erziehungsberater plädiert für entspannten Umgang

Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke), Fachverband für Erziehungs- und Familienberatung in Deutschland, plädiert für einen entspannten Umgang mit Halloween: „Dass Halloween eine Art Verdrängungsfest ist, sehe ich nicht so. Es kommt einfach ein weiteres Fest zu schon bestehenden Bräuchen, Feiertagen oder Traditionen hinzu.“ An Allerheiligen gingen viele Gläubige auf die Friedhöfe und pflegten die Gräber, so Ritzer-Sachs weiter. „Das kann ich weiterhin machen und auch meine Kinder dabei einbeziehen. Das Gleiche gilt für den Reformationstag, den man auch weiter angemessen feiern kann.“

Außerdem sei es seiner Ansicht nach „auch Sache der Kirchen, ihre Feste und Feiertage in den Vordergrund zu bringen“, findet Ritzer-Sachs, der selbst als Online-Erziehungsberater arbeitet. „Halloween verdrängt das nicht, sondern ist ein zusätzliches Angebot, das unabhängig davon ist“, sagt er.

Auch den oft genannten Kommerzialisierungsvorwurf will Ritzer-Sachs so nicht gelten lassen: „Der gleiche Vorwurf trifft auf Weihnachten zu, auf Ostern, Muttertag, Valentinstag, auf alle möglichen Feste und Anlässe. Jeder muss selbst wissen, inwieweit er da mitmacht“, so der Erziehungsberater.

Warum Erwachsene sich wappnen sollten

Dass Halloween mit all den gruseligen Dekorationen und Verkleidungen Kindern schadet oder Ängste schürt, glaubt Ritzer-Sachs ebenfalls nicht: „Es lohnt sich sicher, als Erwachsener ein bisschen zu forschen und zu wissen, woher kommt dieser Brauch, wofür ist er vielleicht gut, was bedeutet er und so weiter. Wenn ich für mein Kind eine gute Erklärung für all das bringe, dürfte Angst kein Problem sein. Zumal Kinder mit Verkleidungen, auch mit gruseligen, meist locker umgehen.“ Viele Kinder liebten Geistergeschichten, die allermeisten hätten schon Berührung mit Märchen und Zauber-Geschichten. Mit diesen ,magischen‘ Themen beschäftigten sie sich also so oder so – mit oder ohne Halloween, so der Erziehungsberater.

An fremden Türen klingeln: „Mutig“ oder „megahässlich“?

Hierzulande spürbar, aber längst noch nicht so weit verbreitet wie in den USA, sind die „Süßes oder Saures“-Aktionen, bei denen Kinder am Halloween-Abend verkleidet durch die Nachbarschaft ziehen und Streiche androhen, sofern sie keine Leckereien bekommen. Auch an diesem Brauch scheiden sich die Geister. Präses Vetter etwa sieht das kritisch, ist aber vorbereitet: „Wenn es am 31. Oktober an meiner Tür klingelt, und die Gestalten davor megahässlich, kunstblutdesigned, albern bis dümmlich daherredend ihre Sprüche aufsagen oder schreien? Dann werde ich sie herzlich willkommen heißen, wohl wissend, dass hinter jeder Maske ein von Gott geliebter Mensch steckt.“

Ulric Ritzer-Sachs indes kann sich sogar positive Effekte für die Kinder durch die Klingel-Aktion vorstellen: „Das ist tatsächlich etwas, das Kinder mutiger werden lässt. Es kostet Überwindung, an Türen zu klingeln und zu sagen: ,Gib mir Süßes, sonst erschreck ich dich.‘ Wenn es gelingt, ist das schon ein Mutmacher, keine Frage“, sagt der Erziehungsberater. Ob es dazu aber „dieses Grusel-Umfeld“ brauche, „sei mal dahingestellt“, schränkt er ein. Und ganz wichtig: „Wenn ein Kind bei den „Süßes oder Saures“-Aktionen nicht mitmachen will, sollte man es aber auch nicht dazu drängen“, empfiehlt er.


Bleibt noch eine Frage: Warum Kürbis-Fratzen?

Auch der Brauch, Kürbisse auszuhöhlen, Fratzen hineinzuschnitzen und dann mit Kerzen zu bestücken, hat mehrere Ursprünge. Zum einen erinnern sie an Grablichter, die die katholischen Iren in ihrer neuen Heimat USA an Allerheiligen aufzustellen pflegten. Zum zweiten spielen auch hier keltische Erntefest-Bräuche hinein, da diese die letzte Oktober-Nacht, in der die Seelen der Toten umherwandern sollten, mit vielen Lichtern, Laternen und Feuern zu erhellen versuchten. Auch die Nähe zu christlichen Erntedank-Bräuchen, bei denen Obst als Schmuck dient, lässt sich nicht von der Hand weisen.

Doch natürlich gibt es auch eine uralte Geschichte, die wahlweise den Iren oder – reichlich abwegig – sogar den Kelten zugeschrieben wird: Sie handelt vom bösen, geizigen und trunksüchtigen Hufschmied Jack Oldfield, dem es gleich zweimal gelungen sein soll, den Teufel, der ihn holen wollte, zu überlisten und sogar zu fangen. Im Gegenzug für seine Freiheit versprach der Teufel, Jacks Seele zu verschonen. Als der böse Jack schließlich doch starb, bekam er im Himmel keinen Einlass. Doch auch der Teufel schüttelte den Kopf, er hatte ja versprochen, Jacks Seele in Freiheit zu belassen. Also schickte der Teufel Jack zurück in die kalte, windige Dunkelheit.

Aus Mitleid gab er ihm allerdings ein Stück glühende Kohle mit. Das legte Jack in eine Rübe, die er als Wegzehrung dabei hatte, und baute sich so eine Laterne. Seither soll der von allen verdammte Jack Jahr für Jahr in der Halloween-Nacht mit seiner Rüben-Laterne durch die Dunkelheit ziehen, was ihn natürlich zum perfekten Halloween-Symbol macht. Doch es gab ein Problem: In den USA waren Rüben im 19. Jahrhundert Mangelware. Also nahmen die ausgewanderten Iren dort einfach Kürbisse, höhlten sie aus, schnitzten Fratzen hinein und erinnerten mit Kürbis-Laternen an „Jack O’Lantern“ – den Hufschmied, der selbst für die Hölle zu böse war.

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