Erster Einbruch mit 18 Jahren Zwischen Knast und fetter Beute: Ein Ex-Einbrecher erzählt

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Am Ende landete Timo Kramer im Gefängnis. Foto: imago/Thomas EisenhuthAm Ende landete Timo Kramer im Gefängnis. Foto: imago/Thomas Eisenhuth

Osnabrück. Mit 18 Jahren darf man in Deutschland zum ersten Mal hochprozentigen Alkohol kaufen und rauchen. Timo Kramer (Name geändert) bricht in der Nacht zu seinem 18. Geburtstag in einen Elektronikladen ein. Heute ist er 26 Jahre alt. Zwischen dem ersten Bruch und heute liegen mehrere Anklagen, Gefängnis und manche brenzlige Situation.

Timo Kramer überrascht. Zum Bild des grobschlächtigen, gefährlichen Einbrechers will der 26-Jährige nicht recht passen. Der junge Mann ist schlank, sportlich und plaudert freundlich über seine Vergangenheit.

Alles begann in der Nacht zu seinem 18. Geburtstag. Kramer streifte mit drei Kumpeln durch eine Kleinstadt in Rheinland-Pfalz. Alle vier lebten dort in einer betreuten Wohngruppe, konnten sich teure Handys und Laptops nicht leisten. „Irgendwann standen wir vor dem Elektronikladen und haben gesagt: Komm, das machen wir jetzt“, erinnert sich Kramer. Einige Laptops im Schaufenster waren nicht gesichert, die wollten die vier stehlen. „Wir haben überlegt, ob wir die Scheibe eintreten oder sonstwie kaputt machen können. Und plötzlich kam einfach einer von uns an und hat einen Stein reingeworfen. Zwei haben Schmiere gestanden, zwei sind rein und haben die Sachen geholt. Alarm war da nicht.“

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„Das wurde uns dann doch zu heiß.“

Die vier nehmen die Beine in die Hand, rennen zwei, drei Straßen weiter, um Abstand zum Tatort zu gewinnen. „Das wurde uns dann doch zu heiß.“ Die Beute: vier Laptops, zwei Spielekonsolen und eine Festplatte. „Ich habe meinen Anteil in meinem Kleiderschrank versteckt – einen Laptop und eine Festplatte. Die anderen haben ihre Sachen schnell verkauft. Deswegen haben sie die hinterher noch wegen Hehlerei drangekriegt. Mich nur wegen Einbruch.“

Wie flog die Truppe auf? Einer der Jungs setzte sich am nächsten Tag mit seinem neuen Laptop an den Gruppentisch der Wohngruppe. „Da haben die Betreuer natürlich gefragt, wo der herkommt“, erzählt Kramer. „Der Typ meinte dann, er hätte den von seiner Mutter bekommen. Aber die Betreuer sind ja nicht doof. Die haben seine Mutter angerufen. Und am nächsten Tag stand der Einbruch auch noch in der Zeitung.“ Die Betreuer riefen die Polizei. Der Jugendliche mit dem nagelneuen Laptop flog auf – und mit ihm die übrigen drei. Danach stand Timo Kramer zum ersten Mal vor einem Richter und kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Seine Einbrecherkarriere stoppte das nicht. „Das erste Mal dachte ich schon: Ach du Scheiße, hoffentlich wirst du nicht erwischt.“ Aber irgendwann ließ das nach. Kramer wurde 19 Jahre alt, 20 Jahre, jobbte hier und da – und brach mit seinen Kumpeln in Schrebergärten ein. Dort war man ungestörter als in Wohnsiedlungen, sagt der junge Mann. Zu dritt oder zu viert zogen sie los. Zuletzt in Osnabrück. Kramer, der schon als Kind in Heimen und einer Pflegefamilie gelebt hatte, zog zurück nach Niedersachsen, weil er hier Verwandte hatte. Dort wechselte der Freundeskreis. Die Straftaten blieben.

Essen, Feiern, Drogen

Ein, zwei Mal pro Woche war er „unterwegs“, wie Kramer es nennt. Pro Woche kamen durch die Einbrüche rund einhundert, manchmal zweihundert Euro zusammen. Das Geld ging drauf für Essen, Feiern – irgendwann kam Cannabis dazu. „Aber nur Gras, nicht noch härtere Sachen – zum Glück“, betont Kramer.

Wie repräsentativ Timo Kramer mit seiner Geschichte ist, kann niemand mit absoluter Sicherheit wissen. Denn weniger als ein Fünftel der Einbrüche in Deutschland wird aufgeklärt. Kriminalforscher unterscheiden jedoch vor allem zwei Typen von Einbrechern: junge, drogensüchtige Männer, die in der eigenen Region auf Beutezug gehen. Und osteuropäische Banden, die durchs Land ziehen.

Eine Studie der deutschen Versicherer stellt 2016 fest: Drei Viertel der Einbrecher, die gefasst wurden, waren jünger als 35 Jahre. Die meisten waren arbeitslos, hatten keinen Schulabschluss, waren Deutsche. Die Experten beobachten, dass ausländische Diebesbanden zunehmend nach Skandinavien ausweichen und einen Bogen um zunehmend gesicherte deutsche Fenster machen und um Wohngebiete, in denen die Polizei dank Big Data Einbrüche erwartet und dementsprechend verstärkt unterwegs ist. Nachdem die Zahl der Einbrüche über Jahre kontinuierlich steil anstieg, sinkt sie neuerdings wieder. Von 2016 bis 2017 sogar um fast ein Viertel. Gleichzeitig steigt die Aufklärungsquote.

Hinweis auf Alarmanlage

Timo Kramer hatte bei seinen Touren Glück: Nur einmal lösten die jungen Männer einen Alarm aus, kamen aber davon. „Seitdem haben wir mehr geguckt. Wenn uns irgendwas komisch vorkam, haben wir es gelassen. Wenn zum Beispiel eine hohe Antenne auf einem Schrebergartenhäuschen ist, lässt man das besser direkt.“ Die Antenne könne auf eine Alarmanlage hinweisen.

Doch meist machten es die Besitzer den Einbrechern leicht. Fenster waren häufig nur durch ein Gitter gesichert, das die Täter mit Brechstangen wegrissen. „Dann nur das Fenster aufdrücken und du bist drin“, sagt Kramer. Die meisten Einbrecher kommen durch ein Fenster in Wohnungen und Häuser – und zwar häufig mit einem normalen Schraubendreher. Nur bei etwa jedem zehnten Einbruch kommt eine Brechstange zum Einsatz.

In den Hütten: Leichte Beute. „Da waren Musikanlagen, Werkzeug“, erinnert sich Kramer, „manchmal stand da ein Fernseher.“ In einem Häuschen lagen Geld und Schmuck herum. „Die Leute lassen viele Wertgegenstände liegen. Ich vermute, die Hütte gehörte einem älteren Ehepaar.“

Kein schlechtes Gewissen?

Seinen Opfern sei er nie begegnet, sagt Kramer. Hat er sich in die Besitzer der Häuschen hineinversetzt? „Nee, wenn du das machst, um Drogen zu beschaffen, denkst du nicht darüber nach. Einfach machen, und gut ist“, sagt Kramer. Wenigstens ein schlechtes Gewissen? „Joa, ab und zu. Nicht immer.“ Der Einbrecher wird einsilbig.

Viele Menschen haben große Angst vor Einbrechern. Trotzdem war 2016 nur bei jedem Fünften die Balkon- oder Terrassentür zusätzlich gesichert. Gleichzeitig zahlen die deutschen Versicherer jährlich mehrere Hundert Millionen Euro nach Einbrüchen. Im Schnitt liegt der Schaden bei rund 3200 Euro, ermittelten die Versicherer im Jahr 2016.

Der Staat fördert Einbruchschutz am eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung über die KfW-Bank mit bis zu 1600 Euro. Dafür gibt es Sperriegel für Türen, stabilere Fensterrahmen und Bewegungsmelder. Je länger der Einbrecher beschäftigt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er ablässt, um nicht erwischt zu werden.

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Tipps gegen Diebe

Timo Kramer hat einfachere Tipps gegen Diebe: Er selbst lasse zu Hause die Fenster geschlossen, wenn er weggehe, sagt Kramer. Außerdem könnten Steckdosenlichter helfen. „Dann denken Einbrecher: Da ist jemand – und lassen das Haus lieber in Ruhe.“ Außerdem empfiehlt der junge Mann einen Fensteralarm. Ein günstiges Plastikteil, das losschrillt, sobald ein Einbrecher ein Fenster oder eine Balkontür öffnet.

Als Einbrecher war Kramer immer vorsichtig: „Du musst auf jeden Fall Handschuhe tragen“, sagt er. „Am besten noch eine Mütze oder so etwas, damit keine Haare oder Hautschuppen runterfallen können. Und wenn du Schuhe anhattest, sieh zu, dass du sie schnell loswirst – wegen dem Fußabdruck.“ Wenn er nach einem Einbruch wieder draußen war, habe er Erleichterung gespürt, sagt Timo. „Du hast ja den Druck wenn du hingehst: Hoffentlich wirst du nicht erwischt. Und wenn du dann mit der Ware weggehst, ist das abgeschlossen.“

Irgendwann stieg die Truppe von Schrebergärten auf Schulen und Sportvereine um. „In die Schulen sind wir auf gut Glück reingegangen. Die haben wir vorher beobachtet und sind dann rein. Die meisten sind ja mit Alarmanlagen gesichert, aber nicht alle“, erzählt Kramer. Bei den Schulen war es ähnlich wie mit den Schrebergärten: „Die sind zwar gesichert, aber wenn ein Fenster auf Kipp ist, kriegst du das ganz schnell auf. Mit einer Stange lässt sich das aufhebeln.“ Drinnen die wertvollen Folge der der Digitalisierung: Computer, Laptops und Beamer.

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Gefängnisstrafe

Einmal drin, ging es darum, möglichst schnell mit der Beute wieder herauszukommen. „Es kann ja sein, dass ein stiller Alarm losgegangen ist. Dann stehen sie da und du bekommst das nicht mit. Das ist Kacke.“

Auch wenn er nie auf frischer Tat bei einem Einbruch erwischt wurde, stand Kramer am Ende sechs Mal vor Gericht. Einbrüche, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Hehlerei. „Beim Autofahren hat mich die Polizei erwischt, aber bei den anderen Sachen wurde ich verraten. Da konnte einer seine Klappe nicht halten.“ Als die Polizei kam, saß Kramer zu Hause. „Da stand auch noch geklaute Ware herum.“

Nach zwei Bewährungen, aus denen Kramer offenbar nichts gelernt hatte, verurteilte ihn eine Richterin zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Bei der Strafhöhe ist keine Bewährung mehr möglich. Und schließlich war es ja unwahrscheinlich, dass Kramer nun die Finger von fremdem Eigentum lassen würde. 2014 musste der junge Mann ins Gefängnis.

Neues Leben

„Einerseits war das scheiße“, sagt Kramer. „Andererseits habe ich meinen Arsch hochgekriegt, eine Ausbildung zum Maurer gemacht und eine Weiterbildung als Lagerist mit Staplerschein.“ Kramer findet: „Ich habe meine Chancen genutzt.“ Nach zwei Jahren und vier Monaten kam er raus – vorzeitig, wegen guter Führung. Kramer lächelt stolz, als er das erzählt. „Ich habe ja die Ausbildungen gemacht, war Gottesdiensthelfer – ich habe ziemlich viel gemacht.“

Jetzt ist der ehemalige Einbrecher 26 Jahre alt, arbeitet über eine Zeitarbeitsfirma für ein Unternehmen, das ihn übernehmen will. Die Diakonie in Osnabrück unterstützte nach dem Gefängnis bei Behördengängen, der Bürokratie, half, das unstete Leben auf die Reihe zu bekommen. Timo Kramer hat jetzt eine Wohnung und einen Job.

Im Januar läuft seine Bewährung aus. Kontakt zu den alten Kumpeln hat er nicht mehr. „Ich will nicht noch mal in den Knast.“ Erinnert sich der junge Mann abgesehen von Straftaten, Druck und Gefängnis an einen krassen Moment seiner Einbrecherzeit? Eine James-Bond-Geschichte, ein Ocean’s Eleven-Abenteuer?

„Nein“, sagt Kramer. „So extrem wie mit 18 war es nie wieder.“


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