LKA-19-Chef Michael Neumann Einbrecher-Jäger warnt: "Mit der Zeitumstellung beginnt Kernzeit für Täter"

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Wenn die Uhren zurückgestellt werden, ist das für Einbrecher sowas wie der Startschuss. In den Wochen nach der Zeitumstellung steigen die Einbruchszahlen signifikant an, sagt Kriminalrat Michael Neumann. Foto: dpa/Silas SteinWenn die Uhren zurückgestellt werden, ist das für Einbrecher sowas wie der Startschuss. In den Wochen nach der Zeitumstellung steigen die Einbruchszahlen signifikant an, sagt Kriminalrat Michael Neumann. Foto: dpa/Silas Stein 

Hamburg. Die Einbrecher-Jäger der früheren Soko Castle wissen genau, wie ihr Klientel tickt. "Mit der Zeitumstellung an diesem Wochenende beginnt die Kernzeit für die Täter", warnt der Chef der Nachfolgeabteilung LKA 19, Kriminalrat Michael Neumann.

Vor drei Jahren wurde die Sonderkommission (Soko) Castle als Reaktion auf die vielen Einbrüche in Hamburg gegründet. Die Zahl der Taten ist nach Einführung von Castle rapide gesunken – um knapp 36 Prozent in der Spitze. Auch danach waren die Ermittler so erfolgreich bei der Einbrecherjagd, dass die Hamburger Polizei die Soko Castle in eine Dienststelle im Landeskriminalamt (LKA) umgewandelt hat. Bis auf den Namen hat sich nichts geändert. Mit denselben Anstrengungen jagt nun das LKA 19 die Einbrecher. Leiter ist Kriminalrat Michael Neumann.

Herr Neumann, durch die Zeitumstellung wird es wieder früher dunkel. Wie wirkt sich das auf die Einbruchszahlen und ihre Arbeit aus?

Nachdem wir im Sommer mit etwas reduziertem Personal tätig waren, ist das jetzt wieder hochgefahren worden. Es wird wieder mehr Razzien geben und wir untersuchen genau, wer sich in der Stadt aufhält. Mit der Zeitumstellung an diesem Wochenende beginnt die Kernzeit für die Täter. In den drei bis vier Wochen danach erwarten wir deutlich steigende Einbruchszahlen. Diesen Anstieg gibt es in jedem Jahr. Das ist kein Trend, das ist die Regel. Die Täter brechen ganz bewusst häufiger ein, weil es dann schon um vier Uhr dunkel ist und das Risiko, entdeckt zu werden, sinkt. Außerdem erkennen Einbrecher so schon bei einer Vorbeifahrt, ob jemand zuhause ist.


Was ist das Erfolgsrezept Ihrer Dienststelle?

Das Wichtigste ist sicherlich die enge Zusammenarbeit zwischen Auswertern, Ermittlern und operativen Kräften, die es so vorher nicht gegeben hat. Unsere Auswerter analysieren jeden Tag die Lage im Stadtgebiet, die Ergebnisse werden dann den Ermittlern vorgestellt und diese wiederum setzen dann die operativen Kräfte ein (Zivilfahnder, Anm. d. Red.). Das ist unser Drei-Säulen-Modell, das letztlich zum Erfolg geführt hat.

Dieses Modell gab es also zuerst bei Castle?

Ja. Und dass wir schon zu Beginn eigene Zivilfahnder hatten, hat Castle einzigartig gemacht. Mit unseren knapp 100 Mitarbeitern konnten wir das Einbruchsniveau so von über 9.006 Fällen in 2015 auf 5769 in 2017 senken. Castle wurde für die Menschen in Hamburg sowas wie eine Marke – und diese soll es weiterhin geben. Aus der früheren Soko ist deshalb das neue LKA 19 entstanden, sowas wie die Zentralstelle für Einbrüche in Hamburg. Aber wir nehmen für uns nicht in Anspruch, das Rad neu erfunden zu haben.

Kriminalrat Michael Neumann hat im April die Leitung der ehemaligen Soko Castle übernommen, aus der die neue Dienststelle 19 vom Hamburger LKA hervorgegangen ist. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

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Auf welche Tätergruppen genau ist das LK 19 Castle spezialisiert? 

In erster Linie auf reisende Täter und Täter mit hoher Tatfrequenz. Egal ob aus dem In- oder Ausland. Man muss das aber differenzieren. Wir hatten in Hamburg zum Beispiel Einbrechergruppen von Albanern und Chilenen. Aber es gibt nicht den Einbrecher schlechthin, sondern verschiedene Typen, die dann auch mit einer unterschiedlichen Tathäufung agieren. Die Verhaltensweise der Täter hängt ab von ihrer Herkunft. So unterscheidet sich etwa der deutsche Drogenabhängige stark vom albanischen oder chilenischen Einbrecher. 

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Und zudem passen sich die Einbrecher den Taktiken der Polizei an… 

…genau. Jedem polizeilichen Vorgehen folgt eine Gegenreaktion der Täter. Das kennen wir nicht nur aus dem Einbruchsbereich, sondern etwa auch aus der organisierten Kriminalität. Die Täter reagieren darauf, welche Mittel die Polizei zur Verfügung hat. Denn spätestens nach den Gerichtsverfahren ist transparent, welche Taktik die Polizei gewählt hat. Heute würden sie etwa keine serbokroatische Einbrecherin mehr am wallenden Rock erkennen. Diese Frauen sind modern gekleidet und passen sich äußerlich der Umgebung an. Selbst Fachleuten fällt es dann schwer, diese zu erkennen.

Welche Ratschläge haben Sie für die Bevölkerung?

Urteilen Sie nicht nach dem Aussehen, sondern nach dem Verhalten. Dabei geht es nicht um Ethnien oder Nationalitäten, sondern einfach um Verhaltensweisen. Also: Wenn bei mir jemand sturmklingelt und ich mache die Tür auf und derjenige hat eine schlechte Ausrede, dann sollte mich das aufmerksam machen, dass da vielleicht etwas nicht stimmt. Oder wenn Gruppen von jungen Menschen bei Mehrfamilienhäusern von Tür zu Tür gehen und versuchen da hineinzukommen: komisch. Also spätestens dann, wenn man selbst ein ungutes Gefühl hat, ist der Zeitpunkt 110 zu wählen. Diese Hinweise brauchen wir als Polizei einfach. Das Verhindern von Einbrüchen ist meiner Meinung nach auch ein gesellschaftlicher Auftrag.

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Wie meinen Sie das?

Jeden sollte etwa die Sicherung von Häusern interessieren. Zur Verdeutlichung: Viele Menschen wohnen heute in einem Haus aus den 70er Jahren, wo in Bezug auf Sicherungsvorkehrungen kaum etwas gemacht wurde. Vergleichen Sie das einmal mit den Sicherungseinrichtungen an Fahrzeugen. Wer ein Fahrzeug in den 70er Jahren gefahren hat und fährt jetzt ein neues Auto, der erkennt: Bei den Fahrzeugen ist ganz viel passiert. Die Häuser hingegen haben sich in weiten Teilen gar nicht verändert. Natürlich will ich nicht aus jedem Haus einen Hochsicherungstrakt machen, aber das Thema Sicherung ist entscheidend.

Lassen sich die Erkenntnisse, die Sie in der Großstadt Hamburg gewonnen haben, auf Länder wie Niedersachsen übertragen?

Die Täter orientieren sich nicht an Stadt- oder Landesgrenzen. Entscheidend ist daher die Zusammenarbeit der Kollegen, auch international. Ein Stadtstaat wie Hamburg hat viele Nachteile in der Kriminalitätsbekämpfung, Stichwort Anonymität, aber hat natürlich in dem strukturellen Vorgehen auch Vorteile. Die Flächenländer haben das Problem, dass sie dezentraler aufgestellt sind. Ich glaube das föderale System als solches ist dabei kein Hindernis. Es ist eine Frage der Zusammenarbeit und um diese zu verbessern wird nun die frühere Projektgruppe „Reisende Wohnungseinbrecher“ in eine feste Arbeitsgemeinschaft des Bundeskriminalamtes umgewandelt. So werden wir den länderübergreifenden Erkenntnisaustausch noch verbessern.


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