Totgeprügelter Fußgänger Kampf um die Straße: Warum das Aggressionspotenzial im Verkehr steigt

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Wem gehört die Straße: Verkehrsteilnehmer sind sich da zunehmend uneins. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpaWem gehört die Straße: Verkehrsteilnehmer sind sich da zunehmend uneins. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Hamburg/Hannover. Ein Radfahrer prügelt einen Fußgänger zu Tode, weil der ihm in die Quere kam. Herrscht auf Deutschlands Straßen ein zunehmend raues Verkehrsklima? Unfallforscher und Verkehrspsychologen erkennen eine immer aggressivere Stimmung.

Ein Mann will über die Straße gehen, kreuzt dabei den Weg eines Radfahrers – der muss ausweichen. Nach einem Streit wird der Fußgänger daraufhin brutal verprügelt. Im Krankenhaus erliegt der 40-Jährige seinen schweren Verletzungen. Was am Montag in Hannover passiert ist, macht sprachlos und wirft die Frage auf, ob sich die Verkehrsteilnehmer auf Deutschlands Straßen immer rücksichtsloser und aggressiver verhalten? Unfallforscher und Verkehrspsychologen geben eine Einschätzung.

Statistiken werden nicht geführt

Ob sich Verkehrsteilnehmer zunehmend aggressiv verhalten, wird in Deutschland nicht erfasst. Dass nur noch Rowdys, Kampfradler und rücksichtslose Fußgänger auf den Straßen unterwegs sind, sei daher erstmal eine subjektive Wahrnehmung. Jedoch zeigen Untersuchungen, dass es vermehrt zu Unfällen kommt, wenn die Verkehrsteilnehmer mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs sind, zu dicht auffahren oder zu riskanten Überholmanövern bereit sind. "Zu beobachten ist aber auch, dass die Frustration immer schneller in körperliche Aggression umschwenkt", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV) der Redaktion. "Ich glaube, dass die Gesellschaft zunehmend verroht und wir uns untereinander immer seltener austauschen." 


Die ständige Frage: Wem gehört die Straße?

Laut Brockmann ist es es außerdem das Verkehrssystem, dass das Aggressionspotenzial erhöhen und die Verkehrsteilnehmer in Rage bringen kann. "Will ein Autofahrer nach rechts abbiegen und muss immer wieder einen Radfahrer vorbeifahren lassen, ist er in seinem eigenen Bewegungsdrang gehemmt." Das Problem: Der Mensch sei in einer Gesellschaft großgeworden, in der er gelernt habe, seine eigenen Interessen und Ziele durchzusetzen. "Im Straßenverkehr gelingt das aber nicht", so Brockmann. 

Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Versicherung CosmosDirekt ergab, dass jeder zehnte Autofahrer Radfahrer für eines der größten Sicherheitsprobleme im Straßenverkehr hält. Demnach gaben 74 Prozent der 1506 befragten Autofahrer an, bei riskantem Verhalten eines Radfahrers schon einmal Angst oder ein mulmiges Gefühl gehabt zu haben.

Am Ende sei außerdem alles eine Frage des Platzes: Durch den immer weiter steigenden Anteil der Autofahrer und parallel immer mehr Menschen, die aufs Rad steigen, resultiert ein automatischer Kampf um die Straße. In der Praxis erklärt Brockmann das Problem wie folgt: „Durch einen Radverkehrsstreifen auf der Fahrbahn wird dem Autofahrer Platz weggenommen, was unweigerlich das Aggressionsgefäß füllt.“ Unabhängig von der eigenen Kraft fühle sich der Autofahrer außerdem mit seinem Wagen gegenüber dem Radfahrer überlegen. "Er verfügt über eine gefährliche Waffe." (Mehr: Osnabrücker Grüne wollen zwei Meter breiten Schutzstreifen für Radfahrer)

Sieht im Verkehrssystem einen der Gründe für zunehmende Aggression: Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV) Foto: Carsten Rehder/dpa


Auch Rüdiger Born, Geschäftsführer vom Bundesverband Niedergelassener Verkehrspsychologen, sieht in der immer höheren Verkehrsdichte das Problem: "Die Seele des Einzelnen steht unter Stress, man möchte von A nach B kommen und die Chancen steigen, dass man sich behindert fühlt."

Radfahrer sehen sich häufig im Recht

Während von Autofahrern erwartet werden würde, dass sie sich der jeweiligen Verkehrssituation anpassen und langsamer fahren, wenn sie sich etwa einem Kind nähern, beobachtet Brockmann bei den Radfahrern mehr Rücksichtslosigkeit. "Ein Radfahrer sieht meist nicht ein, zu bremsen. Erst recht nicht, wenn ein Fußgänger auf seine Fahrspur läuft." Der Grund: „Der Verlust von Geschwindigkeit ist für den Radfahrer auch immer mit einem Kraftverlust verbunden.“ 

Dr. Karl-Freidrich Voss von der Verkehrspsychologischen Praxis in Hannover ergänzt: "Der Straßenverkehr eignet sich so gut für Konflikte, weil das Fehlverhalten des anderen auf der Hand zu liegen scheint. So kommt es schnell zu impulsiven Reaktionen."

Appell: Mehr Rücksichtnahme untereinander

Um Konfliktsituationen zu vermeiden, appelliert Brockmann an mehr Rücksichtnahme untereinander. "Man sollte immer versuchen, sich in die Lage des anderen zu versetzen."

Laut Rüdiger Born sei dazu aber nicht jeder in der Lage. "Wer im Straßenverkehr schnell aggressiv reagiert, neigt wahrscheinlich auch in privaten Situationen dazu, weil die Impulsivität zu seinen Wesenszügen gehört." Aus seiner Erfahrung weiß der Verkehrspsychologe, dass es sich bei vielen Streitigkeiten im Straßenverkehr um Eskalationsgeschichten handelt. "Häufig haben vorab schon andere Dinge für den Frust gesorgt."

Eine Lösung aller Probleme seien seiner Meinung nach getrennte Bereiche aller Verkehrsteilnehmer. "So würden nicht mehr drei Verkehrsgruppen zusammengedrängt werden, die alle ein unterschiedliches Geschwindigkeitsbedürfnis haben."


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