Deutschlands erfolgreichster Fantasy-Autor Markus Heitz: „Jedes Buch ist ein bisschen Lotterie“

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Fantastisch erfolgreich: Bestseller-Autor Markus Heitz wurde als Jugendlicher für sein Faible für Elfen, Zwerge und Zauberer belächelt. Heute kann der Saarländer auf bisher mehr als fünf Millionen verkaufte Fantasy-Bücher im deutschsprachigen Raum verweisen. Foto: Stefan FreundFantastisch erfolgreich: Bestseller-Autor Markus Heitz wurde als Jugendlicher für sein Faible für Elfen, Zwerge und Zauberer belächelt. Heute kann der Saarländer auf bisher mehr als fünf Millionen verkaufte Fantasy-Bücher im deutschsprachigen Raum verweisen. Foto: Stefan Freund

Dortmund. Er lebt im beschaulichen Saarland, doch in seinen Büchern lässt er es krachen: Markus Heitz schreibt actiongeladene Fantasy-Bestseller. Das Gespräch mit ihm verlief aber überraschend friedlich. Schließlich wollte der 47-Jährige auch nie ein Star sein.

Herr Heitz, es ist nicht einfach, mit Ihnen einen Termin auszumachen, Ihr Kalender ist voll, Sie sind ständig unterwegs. Heute treffen wir uns in Dortmund in einer Hotellobby. Was machen Sie hier?

Wir machen hier eine kleine Informationsveranstaltung rund um mein aktuelles Projekt „Doors“. Der Knaur-Verlag hat Vertreter aus Buchhandlungen eingeladen, sowohl von kleinen Buchhandlungen als auch von Filialisten. Ihnen wollen wir vorstellen, worum es bei „Doors“ geht, was das Neue daran ist und wie man den Besucher in der Buchhandlung neugierig darauf macht.

„Doors“ ist ein multimediales Projekt, welches das Internet und gedruckte Bücher verzahnt. Wie kamen Sie darauf und wie funktioniert das?

Der Buchhandel und die Verlage haben gemerkt, dass es eine Leserabwanderung gibt. Die Frage ist: Wohin gehen die Leser und warum? Mittlerweile ist klar, dass moderne Zeiten großen Anteil daran haben. Man hat viel mehr Ablenkung als früher. Hinzu kommt das veränderte Angebot an Unterhaltungsmedien, allen voran Streamer und Pay-TV-Sender. Da stellt sich die Frage: Wie tritt das Buch dem entgegen? Wie holt es Leute ab, die sowas gut finden? Das Buch hat eine andere Art von Konkurrenz. Jetzt hat Knaur gesagt: Lass uns was Neues ausprobieren. Wir schicken einen Prolog, einen Beginn, einen Teaser los zu „Doors“, der mit einem Cliffhanger endet. Dieser Prolog ist überall erhältlich im großen weiten Internet auf allen Download-Plattformen, alles kostenlos, in allen Shops, man kommt nicht dran vorbei, bei Lesungen haben wir auch eine gedruckte Variante verteilt. Die Leserschaft hat dann die Auswahl zwischen Tür 1, Tür 2 und Tür 3, um diesen Cliffhanger weiterzuführen.

Worum geht es?

In „Doors“ wird eine vermisste Person gesucht. Der Prolog endet so geschickt, dass eine Truppe vor drei Türen steht. Um die Person zu finden, kommen alle drei Türen infrage. Der Leser entscheidet, welche sie nehmen.

Das Prinzip erinnert ein bisschen an ganz alte Abenteuerbücher, die es mal gab…

Genau, „Der Hexenmeister vom Flammenden Berg“ zum Beispiel. Das waren so Abenteuer-Spielbücher, mit denen bin ich sozialisiert worden. Ich bin ja auch ein alter Rollenspieler.

Bei diesen Büchern konnte sich der Leser immer wieder entscheiden: Willst Du den Weg links gehen, lies weiter auf Seite 25. Willst Du lieber rechts gehen, lies weiter auf Seite 47. Je nachdem, wie er sich entschieden hat, lief die Geschichte anders.

Das Prinzip von „Doors“ ist im Grunde dasselbe, und wir hätten es theoretisch auch so machen können. Allerdings: Die Leser wollen in erster Linie unterhalten werden, nehme ich an. Wenn ich zu viele „Wohin möchtest Du gehen“-Abfragen mache, steigen die Leute aus. Daher: Es gibt eine Anfangsfrage und anschließend entwickeln sich drei komplett verschiedene Handlungsverläufe, die auch komplett unterschiedlich enden. Also die Titanic sinkt nicht immer am Ende, sondern mal fährt sie weiter, mal ist sie erst gar nicht gebaut worden, wenn man so möchte. Bei „Doors“ schwebt über allem immer die Frage: Finden sie die Person, können sie sie retten? Das ist unheimlich spannend, weil du nie weißt, was passiert. Gut, ich schon. Vorteil des Autors.

Der Buchhandel steht vor großen Herausforderungen. Liegt in solchen Projekten die Lösung für die schwindenden Buch-Verkäufe?

Das wissen wir nicht. Es ist auf alle Fälle mal ein Test. Wir können damit, wie es so schön heißt, voll auf die Schnauze fallen. Es kann aber auch sehr steil gehen. Und so was finde ich spannend, dass man einfach so guckt: Was kam gut an, was nicht so gut?

Sie leben und arbeiten in Homburg im Saarland, dort kommen Sie auch her. Wieso können Sie Hochdeutsch?

Das hat lange gedauert (lacht). Wenn ich unterwegs bin, muss ich davon ausgehen, dass nicht jeder Saarländisch versteht, obwohl das ein sehr schöner Dialekt sein kann. Deswegen muss ich den kleinsten gemeinsamen Nenner nehmen, und das ist der Dialekt, den alle verstehen, nämlich Hochdeutsch. Hat sich als Geschäftssprache durchgesetzt.

Haben Sie ein saarländisches Lieblingswort?

Wenn überhaupt, passiert es ohne Absicht, dass einem „O leck“ rausrutscht.

O leck?

Genau. Das ist ein Ausdruck der großen Überraschung. So ähnlich wie „leck mich am Arsch“, aber eben überrascht.

Aha. Gibt’s noch eins?

Auch sehr gern genommen: „Komm, geh fort!“ Dieser Widerspruch in sich: „Komm – geh fort!“ Man hört was Unglaubliches und sagt: „Komm, geh fort!“ Großartig.

Im Norden würde man sagen: „Sag bloß!“

Ja. Und im Saarland: „Komm, geh fort!“ Das ist schon ganz großes Kino, das haben die Saarländer echt drauf.

Homburg hat 42.000 Einwohner. Was hält Sie dort?

Aber nur mit allen Gemeinden zusammen, die Kerngemeinde selbst hat vielleicht 25.000 Einwohner. In Homburg sind meine Freunde, es ist ein sehr entspanntes Leben. Abgesehen davon haben wir die größte Buntsandsteinhöhle Europas.

Die Höhle wäre ein Grund, mal nach Homburg zu fahren?

Tatsächlich. Sie hat zwölf Stockwerke, fünf davon sind zugänglich, teilweise mit Bunkereinbau für die saarländische Regierung. Man hat sich wohl gedacht, falls das Saarland mal überfallen wird oder die Russen kommen. Das ist schon sehr cool. Homburg ist außerdem grün und idyllisch, und ich finde das Leben dort sehr stressarm.

Kann man in kleinen Städten besser schreiben als in großen?

Das kommt drauf an, was du gerade schreibst. Ich bin gerne und oft in Leipzig. Logischerweise ist es viel einfacher, Großstadtflair sofort ins Script reinzutackern, wenn du gerade in der City unterwegs warst oder auf dem Friedhof oder beim Bestatter deines Vertrauens oder in der Oper oder sonst irgendwo. Wenn mir nicht mehr nach Großstadt ist, bin ich ja schnell wieder im gemütlichen Saarland.

Sie gelten als Deutschlands erfolgreichster Fantasy-Autor, allein im deutschsprachigen Raum haben Sie mehr als fünf Millionen Bücher verkauft. Der Durchbruch kam 2003 mit dem ersten Band von „Die Zwerge“. Das Timing war ziemlich perfekt: Zeitgleich war der „Herr der Ringe“-Hype dank der Blockbuster-Kinofilme auf seinem Höhepunkt…

Ich hab mal eine Formel gelesen, die habe ich für mich verfeinert: Erfolg = (Vorbereitung + Gelegenheit) x Glück. Das passt eigentlich auf alles im Leben. Du kannst Erfolg haben, wenn es eine Gelegenheit gibt und du vorbereitet bist. Das war bei mir der Fall. Wenn du dann noch Glück hast, sieht es gut aus. Dass „Die Zwerge“ rauskommt, als „Herr der Ringe“ lief, war die ultimative Glücks-Konstellation.

Was hat sich dadurch verändert?

Ich war jahrelang Rollenspieler und wurde immer komisch angeguckt. Wenn ich erzählt habe, womit ich mich beschäftige – und alle in meinem Nerd-Umkreis auch – nämlich mit Orks und Zwergen und Elfen so weiter, haben mich die Leute angesehen, als ob ich eingewiesen werden müsste. Dann kam „Der Herr der Ringe“ ins Kino, und plötzlich fanden alle das cool, für das ich zehn, fünfzehn Jahre vorher ausgelacht worden war. Es war die beste PR-Kampagne der Welt für die Fantastik.

Haben Sie sich mal beim „Ringe“-Regisseur Peter Jackson bedankt?

Innerlich sehr oft.

Sie haben ein Lehramtsstudium absolviert und als Journalist bei der Tageszeitung gearbeitet. War das so schlimm, dass Sie lieber Romane geschrieben haben?

Nein, ich habe ja schon geschrieben, bevor ich in die Berufe hineingeschnuppert habe. Seit ich 14 war, war es eigentlich klar, dass ich das Schreiben von Geschichten super finde. Und noch besser wäre es, das nur zu machen. Dann kam aber das Sicherheitsdenken, das mir sagte: Lehramt, da bist du safe, bist Beamter im besten Fall, Kohle gibt es auch. Aber der innere Widerstand und der Hang und Drang zum Schreiben haben nie aufgehört. So hab ich mein Studium gewechselt auf einen Magisterabschluss und bei der Zeitung gearbeitet. Nebenbei hab ich immer an irgendwas gewerkelt, an Kurzgeschichten und anderen Sachen. 1999 bis 2000 kam das erste Buch, der erste Band der „Ulldart“-Reihe. Ich hatte es eingeschickt, und es wurde genommen. Es war aber kein wirtschaftlicher Erfolg.

Aber ein gedrucktes Buch.

Ja, das war toll. Der Verlag war Heyne, ein großer Publikumsverlag. Die haben gleich sechs Bände bestellt. Das waren noch die guten Zeiten für Fantastik-Autoren.

Lehrer haben es heute nicht leicht, Journalisten müssen sich mit „Lügenpresse“-Vorwürfen auseinandersetzen. Sind Sie froh, dem entkommen zu sein?

Gelegentlich unterrichte ich noch mit Kollegen zusammen kreatives Schreiben. Das macht Spaß, weil es eine Wissensvermittlung für Anfänger oder Halb-Profis ist. Ein bisschen Lehrer bin ich also noch gelegentlich. In Sachen Journalist zuckt es bei mir immer noch, wenn bei mir in der Gegend irgendetwas passiert. Das Tagesaktuelle war immer eine Riesen-Herausforderung. Um uns herum im Saarland erschienen damals drei Tageszeitungen. Das heißt, es gab Konkurrenz. Man wollte die coolere Info, wollte schneller sein als der Kollege. Das hat viel Spaß gemacht.

Sind Sie ein Nachrichten-Junkie?

Ja, bin ich. Ich informiere mich online: Nach dem Aufstehen checke ich sofort alle Nachrichtenseiten von „Der Spiegel“, „Stern“, „Süddeutsche“, „Welt“ und „Bild“. Das ist für mich die beste Mischung für das, was ich wissen muss oder auch lieber nicht wissen will.

Fanden es Ihre Eltern gut, dass Sie Schriftsteller geworden sind? So eine brotlose Kunst...

Die fanden es super, dass ich Lehrer werden wollte. Dann fanden sie es so halb-gut, dass ich Journalist werden wollte. Das mit der Schriftstellerei, naja. Meine Mutter war da schon tot, meinem Vater war es ein bisschen suspekt. Er war ein bodenständiger Handwerker-Typ, er hat das nicht so richtig greifen können. Was aber nicht schlimm war.

Es hat ja auch gut funktioniert mit der Schriftstellerei.

Stimmt. Aber das weiß man ja vorher nicht. Jedes Buch ist ein bisschen Lotterie, ganz egal, wie lange man im Geschäft ist.

Als das erste Mal richtig Geld auf Ihr Konto floss, was haben Sie damit gemacht?

Das erste Geld, das von „Ulldart“ reinkam, habe ich komplett verprasst bei einer Release-Party, wie man heute sagen würde. Ich habe alle Freunde eingeladen, die mir immer gesagt haben: „Komm, schick das ein!“ Ich habe die Kohle also gleich auf den Kopf gehauen. Wenn du ein No-name bist, ist das auch nicht viel. Lass es mal 2500 D-Mark gewesen sein. Wenn du eine große Party machst mit vielen Leuten, die essen und trinken, bleibt nicht viel übrig. Aber das war es mir wert.

Über Ihr Privatleben ist wenig bekannt. Halten Sie es unter Verschluss oder fragt niemand danach?

Das mach ich extra. Wenn ich etwas preisgebe, dann freiwillig. Ich finde aber nicht, dass es relevant ist für mein Schaffen. Der Vorteil, gerade als Autor, ist, dass du dich nicht ganz so verkaufen musst wie Sänger oder andere Prominente. Die meisten geben viel von sich preis. Aber es gibt immer mal wieder Prominente, von denen du nicht weißt, ob sie verheiratet sind oder ob sie Kinder haben. Stefan Raab zum Beispiel oder lange Zeit Harald Schmidt.

Haben Sie sich das vorher überlegt?

Ja, hab ich. Allerdings wollte ich ja nie berühmt werden und will das auch immer noch nicht. Ich will nur meine Bücher schreiben, davon leben können, und dann wird alles schön. Berühmtheit brauche ich nicht.

Sie schreiben über Zwerge, Elfen, Vampire, Werwölfe und allerlei andere fantastische, auch unheimliche Figuren. Warum?

Ich fand die Phantastik von klein auf spannend. Märchen, Sagen, griechische oder deutsche oder andere, Autoren von E.T.A. Hoffmann bis Jules Vernes, auch Science Fiction. Bei diesen Themen schlummern die meisten Möglichkeiten. Bei Mord zum Beispiel kannst du immer nur jemanden umbringen, möglichst kreativ oder absurd zwar, aber Mord bleibt Mord. In anderen Genres legt man mehr Wert auf das Zwischenmenschliche, das ist nicht so mein Ding. Deswegen fand ich Phantastik und erdachte Welten immer am spannendsten.

Fantasie-Welten sind sehr komfortabel für den Autor. Mit Vampiren zum Beispiel haben Sie Figuren, die gegebenenfalls wiederkommen, wenn man sie „umbringt“.

Na, das kommt drauf an, wie. Man muss schon wissen, wie man einen Vampir umbringt, damit er richtig tot ist.

Gibt es denn Vampire oder Werwölfe?

Nur, weil ich Grufti bin und dem Ganzen sehr nahe stehe, heißt das nicht, dass ich daran glaube.

An was glauben Sie denn?

Ich bin Agnostiker. Das zieh ich im Großen und Ganzen überall durch. Es kann sein, dass es Vampire und Werwölfe gibt. Ich persönlich gehe nicht davon aus, dass es sie gibt. Es macht aber tierisch Spaß, in alten Quellen darüber zu recherchieren.

Warum?

Weil die Leute früher dran geglaubt haben. Oder anders gesagt: Sie gingen fest davon aus, dass es Vampire und Co. gibt. Die haben ja nicht umsonst Jagden veranstaltet, um Werwölfe zu fangen oder Hexen verbrannt oder Vampire gejagt. Das haben sie getan, weil die Welt für sie so war. Deshalb findet man so viele Aufzeichnungen darüber. Ich persönlich glaube, es gibt sie nicht. Es konnte mir bisher noch niemand das Gegenteil beweisen, und das ist wie mit Gott.

Wenn nun doch ein Vampir bei Ihnen auftauchen würde und Ihnen die Verwandlung anbieten würde – würden Sie es tun?

Nein, das hat zu viele Nachteile.

Welche?

Tagsüber mit Leuten abhängen wäre zum Beispiel schwierig. Ich habe aber immerhin den Vorteil, dass ich mich mit Vampiren gut auskenne, weil ich den Volksglauben erforscht habe.

In Homburg gibt es doch dieses tolle Höhlensystem, da ist es dunkel…

Stimmt. Zwölf Stockwerke. Das ginge natürlich. Ich müsste mir es kaufen und umbauen, wenn ich ein Vampir wäre. Guter Plan, das mach ich.

Gäbe es als Vampir Vorteile?

Es kommt drauf an, welche Art von Vampir man wäre. Der Klischee-Vampir lebt ja ewig, aber der Volksglaube-Vampir tut dies nicht. Wenn ich drüber nachdenke: Nein, ich lasse es. Es gibt keinen Bonus. Außer, es wäre ein Klischee-Vampir. Also, wenn der Vampir, der mich verwandelt, 400 Jahre drauflegt bei bester Gesundheit, dann kämen wir ins Geschäft.

Das ist eine lange Zeit. Was würden Sie damit anfangen?

Schreiben. Viel Schreiben.

Ihre Geschichten enthalten reichlich Action, lesen sich wie Drehbücher für Horror- und Abenteuerfilme. Haben Sie als Kind zu viel Fernsehen geguckt oder Computerspiele gespielt?

Ich bin Jahrgang 1971, da gab es viele Sachen im Fernsehen. Ich bin mit TV-Serien wie „Hart aber herzlich“ und „Ein Colt für alle Fälle“ großgeworden. Ich habe auch PC-Spiele gespielt. Aber machen wir uns nichts vor: Zu einer guten Unterhaltung gehört immer auch ein gutes Maß an Action. Märchen, Sagen und Legenden bestehen zum großen Teil aus Action.

Ach so? Zum Beispiel?

Wenn es bei Hänsel und Gretel heißt: Und sie schoben die Hexe in den Ofen, ist das nur ein ganz kurzer Satz. Aber wenn ich beschreibe, was passiert, wenn man die Hexe in den Ofen schiebt und wie sie sich vorher wehrt und was bei dem Kampf alles zu Bruch geht, dann ist es eine reichlich brutale Action-Szene. Und dennoch bleibt es das gleiche Märchen.

Schwarzer Tee ist Ihre Schreib-Droge. Sie haben mehr als 45 Romane geschrieben. Wie viel Tee haben Sie bisher verbraucht?

Tatsächlich steht das in einem meiner Bücher sogar drin. Im Grunde ist es einfach: Wenn ich vier Monate an einem Buch schreibe und jeden Tag zwei Liter Tee trinke, kann man den Verbrauch ausrechnen: 120 Tage mal so und so viel Gramm Tee pro Liter mal zwei – doch, das kann man ziemlich genau sagen.

Sicher, dass Sie nicht indische oder wenigstens ostfriesische Vorfahren haben?

Man weiß es nicht. Meine Vorfahrenlinie kann ich bis Anfang 19. Jahrhundert zurückverfolgen, und dann verließen sie ihn. Aber so relevant finde ich das nicht.

Sie sind immer sehr freundlich, auch dann, wenn Fans Sie bei Ihren Lesungen belagern. Wenn Sie bei Musikfestivals, wo Sie ebenfalls gerne gebucht werden, über das Gelände gehen, folgt Ihnen eine ganze Fan-Traube. Nervt das nicht?

Nein. Das liegt daran, dass die auch immer alle gelassen und freundlich sind. Es ist ein Geben und Nehmen. Meine Leser sind echt nette Menschen.

Markus Heitz bei der alljährlichen Auftakt-Lesung zum „M’era Luna“-Festival in Hildesheim. Mittlerweile finden sich zu diesem Anlass gut 2500 Interessierte in dem zum Lese-Ort umfunktionierten Flugzeughangar ein, um dem Bestseller-Autor in seine fantastischen Welten zu folgen. Foto: Klaus Wieschemeyer

Gibt es etwas anderes, das Ihnen auf den Wecker geht?

Im Alltag? Wenig. Ich rege mich nicht über Dinge auf, die ich nicht ändern kann. Diese Energie würde ich ja direkt ins Nirwana leiten, das wäre sinnlos. Ich bin meistens sehr ausgeglichen.

Wann denn nicht?

Wenn ich auf etwas warten muss, das anders ausgemacht war. Ich bin pünktlich und in der Regel zu früh da. Ich gehe immer davon aus, dass die Zeit anderen auch kostbar ist.

Ist es respektlos, wenn jemand zu spät kommt?

Ich finde ja.

Hat es damit zu tun, dass Sie in einer Vor-Handy-Zeit groß geworden sind? Wenn man sich als Kind um drei Uhr auf dem Spielplatz verabredet hat, musste man ja auch da sein.

Stimmt. Wenn etwas dazwischen kam, konnte man mit Glück noch eine halbe Stunde vorher anrufen. Auf dem Wählscheiben-Telefon.

Welche Farbe hatte das?

Grün. Später hatten wir eins mit Tasten, das war auch grün. In meinem Dorf hatten wir dreistellige Telefonnummern, unsere war 369. Die Nummer kann ich sagen, weil wir sie natürlich nicht mehr haben. Für die Kinder im Dorf war das toll, denn die Ziffern liegen beim Tastentelefon genau untereinander. Die haben oft angerufen und mit verstellter Stimme gesagt: „Hihihi, hier ist der Pizza-Service, hihihi“. Es war die Hölle. Aber auch sehr süß.

Haben Sie so etwas auch gemacht?

Nein, ich war ein ganz braves Kind. Und ich war übergewichtig und konnte schlecht wegrennen. Ist es sinnvoll, frech zu sein, wenn du nicht schnell genug bist? Eher nicht.

Ihre Romane sind nicht autobiografisch, sagen Sie, Ihre Familie war überhaupt ganz liebenswert und normal. Wie schaffen Sie es, sich in böse Figuren hineinzuversetzen?

Das ist wie mit Schauspielern, die müssen sich ja auch so hineinversetzen in ihre Figuren. Das Rollenspiel von früher hilft, weil man dort oft Charaktere gespielt hat, die ganz anders waren als man selbst.

Sind die Bösen spannender oder cooler?

Ja, vielleicht. Man kann die Guten aber auch so überspitzt darstellen, dass sie wieder die Bösen sind. Ich bin mir sicher, dass sich die Kreuzfahrer oder die Inquisitoren auch für die Guten gehalten haben. Ein von Grund auf böser Charakter erfordert viel mehr Arbeit, damit die Leute mitgehen und im besten Fall ihn auch noch gut finden. Wenn ich beim Schreiben der Verführer geworden bin und die Leute plötzlich hoffen, dass der Böse überlebt, dann habe ich es geschafft.

Karl May hat seine Abenteuergeschichten geschrieben, ohne vor Ort gewesen zu sein. Wie erschaffen Sie Ihre Welten? Reisen Sie zum Beispiel erst einmal in die Wüste, bevor Sie sich an ein Werk wie den Wüstenstadt-Roman „Wédora“ machen?

In die Wüste wollte ich, hab es aber nicht geschafft. Das war aber auch nicht schlimm, denn „Wédora“ liegt in einer erdachten Welt. Ich konnte mir die Wüste also so erschaffen, wie ich sie haben wollte. Für andere Romane aber war ich in Japan oder Kanada und hab mir vor Ort alles angeschaut. Du erlebst einen Ort dann mit allen Sinnen, das ist etwas völlig anderes als eine Internetrecherche, so gut diese inzwischen auch möglich ist.

Recherchieren Sie in echten Archiven und Bibliotheken?

Ja. Und zum Glück gibt es vieles auch online. Nächsten März erscheint ein neues Fantasy-Projekt mit historischem Ansatz. Es ist unfassbar cool, dass man zum Beispiel eingescannte Urkunden aus dem 17. Jahrhundert online nachlesen kann, zum Beispiel im Bremer Staatsarchiv. Früher gab es ja Fernleihe und Microfish und all sowas, das war ziemlich mühselig. Insofern bin ich sehr happy, dass es jetzt so läuft.

Sie muten Ihren Lesern aber schon einiges zu. Wer sich zum Beispiel an den Wüstenstadt-Roman „Wédora“ macht, muss sich erst einmal durch einige Seiten Register kämpfen, wo das Personal oder bestimmte Ausdrücke erklärt werden.

Die sind eigentlich nur da, um zurückblättern zu können. Ungeübte Fantasy-Leser kommen manchmal mit den Namen nicht so gut zurecht.

Vielleicht lassen Sie mal diese ganzen Sonderzeichen und Accents auf den Buchstaben weg? Das wäre schon lesefreundlicher…

Nein! Sonderzeichen sind großartig, weil sie noch einmal extra verfremden. Das ist super.

Wie läuft ein Schreib-Arbeitstag bei Ihnen ab?

Recht unspektakulär: Aufstehen, Tee trinken, Mails checken, Informationen sammeln, was gerade los ist in der Welt. Dann geht es los mit Schreiben, meistens fünf Seiten am Tag, eher mehr. Dann kommen auch noch so normale Dinge wie Waschmaschine einräumen, ausräumen, einkaufen gehen, Steuer machen, durch die Gegend fahren. Das findet auch alles statt. Und dann ist der Tag schon wieder rum.

Ihre Ideen sammeln Sie seit mittlerweile 20, 30 Jahren. Wie schaffen Sie es, dass keine verloren geht?

Ich habe ganz viele kleine schwarze Notizbücher, die haben ein Register, in dem ich nachschauen kann, was drinsteht.

Schreiben Sie die Ideen von Hand auf? Und haben Sie eine ordentliche Schrift, dass man sie auch Jahre später noch entziffern kann?

Ja.

Sind Sie überhaupt ein sehr ordentlicher Mensch?

Ja.

Woran liegt das?

Es erleichtert mir das Leben. Ich habe auch nicht viel Kram zu Hause. Ich bin aus Zufall Minimalist geworden. Je weniger rumsteht, desto schneller bist du beim Putzen. Klingt schnöde, aber auch das muss man tun als Autor. Putzen, einkaufen, all das.

Echt?

Ja klar. Manchmal triffst du Menschen… Wenn ich sage: „Ich war gerade einkaufen“, dann sagen sie: „Wie, Sie waren einkaufen?“ „Ja, ich kann es mir nicht reinzaubern“, erkläre ich dann. Und sie: „Nein, nein... Aber ich dachte, Sie haben jemanden dafür.“ Nein, habe ich nicht.

Denken das viele, dass Sie für alles Helfer haben?

Ja, einige. Aber ich bin tatsächlich ein normaler Mensch. Für Handwerker-Sachen muss ich jemanden anrufen. Aber alles andere, was im Haushalt anfällt, mache ich selbst.

Würden Sie heute noch jemandem empfehlen, Autor zu werden?

Natürlich, sonst würde ich keine Schreibkurse geben. Aber man muss wissen: Nur etwa fünf Prozent der Autoren können richtig davon leben. Wer das weiß und es trotzdem unbedingt will: Nur zu!


Markus Heitz

... kommt am 10. Oktober 1971 im saarländischen Homburg zur Welt, wo er bis heute lebt. Als Jugendlicher entdeckt er seine Liebe zum Geschichtenschreiben, seine sprudelnden Ideen über fantastische Wesen und Welten lässt er in erste Kurzgeschichten fließen. Mit seinen Freunden spielt er sogenannte „Pen & Paper“-Rollenspiele (übersetzt: Stift & Papier), die die Spieler ebenfalls in Fantasiewelten führen und so ähnlich funktionieren wie Improvisationstheater. Für sein Faible für Elfen, Orks, Zauberer und Zwerge wird Heitz zu dieser Zeit noch belächelt.

Das Abitur macht der Protestant, der heute erklärter Agnostiker ist, einer privaten, katholischen Schule. Anschließend absolviert er in Bexbach seinen Grundwehrdienst, bevor er sich zu einem Lehramtsstudium entschließt. Seine Fächer liegen nahe: Germanistik und Geschichte. Und immer wieder schreibt er Geschichten. Als ihm klar wird, dass Lehramt nicht das Richtige ist, sattelt er um auf einen Magisterabschluss und arbeitet als freier Journalist bei der Saarbrücker Zeitung. Auf Drängen von Freunden schickt Heitz 1999 eines seiner Manuskripte an den Heyne-Verlag, der nicht nur diesen ersten Teil der „Ulldart“-Reihe veröffentlicht, sondern gleich sechs Bände ordert. Der endgültige Durchbruch gelingt dem Saarländer 2003 mit „Die Zwerge“, dessen erster Teil auf der Höhe des „Herr der Ringe“-Hypes erscheint. Seither hat der Bestseller-Autor mehr als 45 Romane verfasst und gilt als erfolgreichster Fantasy-Schriftsteller im deutschsprachigen Raum.

Sein Privatleben hält der 47-Jährige unter Verschluss. Bekannt ist indes, dass er als Mitglied der sogenannten schwarzen Szene oft auf Gothic-Festivals anzutreffen ist – nicht nur als Gast und Musikfan, sondern auch, weil die Gothic-Fans seine spannenden wie humorvollen Lesungen sehr schätzen. Allein zu der traditionellen Auftakt-Lesung beim jährlichen „M‘era Luna“-Festival in Hildesheim locken Heitz und seine Mit-Vorleser stets rund 2500 Zuhörer an. mhs

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