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Kellnern auf dem Oktoberfest Zweieinhalb Wochen Arbeit für ein ganzes Jahr?

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Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass man von einem Gastro-Job auf dem Oktoberfest in München fast ein ganzes Jahr lang leben könnte – oder zumindest ziemlich lange und ziemlich weit weg Urlaub machen könnte? Stimmt das? Bedienungen berichten.

Ob es finanziell wirklich ein goldener Oktober ist, wenn man auf der sogenannten Wiesn kellnert, dem seit 1810 auf der Theresienwiese in München stattfindenden Original? Oder auf einem der Nachahmer-Oktoberfeste in ganz Deutschland und darüber hinaus? Mögliche Summen von bis zu 15.000 Euro wurden jüngst kolportiert, die man als Teller-Taxi für Brathendl oder mit dem Stemmen von Maßkrügen voller Bier in den vornehmlich mit Touristen gefüllten Festzelten in nur 18 Tagen verdienen könnte.

Aber das ist wohl maßlos übertrieben. Denn der Durchschnittsverdienst einer Wiesn-Bedienung auf dem Oktoberfest liegt bei gerade mal etwas mehr als einem Drittel davon, wie Walter Straubinger aus dem Schottenhamel-Biergarten zu berichten weiß. Der genaue Ertrag hänge dabei auch von bestimmten Faktoren ab. Zum Beispiel dem, ob es sich um einen von Gruppen reservierten Tisch handelt, an dem dann deutlich mehr konsumiert werde. Spitzenverdienste im fünfstelligen Bereich seien lediglich in den sogenannten Promi-Boxen zu erzielen.

Was verdienen Kellner?

Der Stundenlohn auf dem Oktoberfest? Darüber weiß nicht nur Wiesn-Bedienung Julia Beckert nichts zu berichten. Weil es ihn schlicht nicht gibt. Denn auf dem Oktoberfest, dem größten Volksfest der Welt, sei es üblich, dass die Service-Mitarbeiter am Umsatz beteiligt werden. „Wir sind quasi Selbstständige und kaufen das Bier und das Essen zu einem Preis ein, der unter dem liegt, der letztlich bezahlt wird“, erklärt sie: „Die Differenz ist dann der Lohn“. Auch für die „Uniform“ in Form von Trachtenweste und Lederhosen oder Dirndl müssen die Wiesn-Arbeiter im Übrigen selber erwerben. Die wird nämlich ebenso wenig gestellt wie eine Unterkunft oder die Verpflegung, sondern muss vorher selbst gekauft werden.

Ein notwendiges Startkapital von bis zu 2000 Euro ist daher für Kellner auf dem Oktoberfest keine Seltenheit. All das würde sich am Ende kaum rechnen, wenn es nicht einen wesentlichen Faktor gäbe, der beim Oktoberfest wahrscheinlich mehr zu Buche schlägt als in irgendeinem anderen Gastro-Job, nämlich das Trinkgeld.

Trinkgeld für Kellner

Dass die meisten Wiesn-Selbstständigen ihren Überschuss zu einem Großteil allein aus ihrem Trinkgeld erwirtschaften, ist ein offenes Geheimnis. Deshalb ist die Motivation, umso größer, nicht nur möglichst viele „Maß-Einheiten“ loszuwerden, sondern ihre Trinker auch mit Freundlichkeit zufriedenzustellen. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass es sich um einen absoluten Knochenjob handelt. Damit es sich lohnt, trägt zum Beispiel Julian Heilmann bis zu 16 Maßkrüge auf einen Schlag.

Nicht nur auf die Kraft, sondern auch die „richtige Technik“ komme dabei buchstäblich zum Tragen, verrät der passionierte Wiesn-Kellner, der pro Diensttag im Schnitt eine Fußstrecke über 20 Kilometer mit Fremdproviant zurücklegt. „Es hilft wahnsinnig, wenn man fit ist“, sagt er.

Das kann auch Angela Hopper bestätigen, die bei ihrem Job im Schottenhamel-Festzelt auf dem Oktoberfest an manchen Tagen mit maximal acht Maß sogar bis zu 40 Kilometer läuft und dafür ein spezielles Workout für Rumpf und Rücken absolviert hat.

Sportliche Herausforderung für Kellner

Auch eine Motivation jenseits des Geldverdienens verrät ihre Kollegin Claudia Neuhofer, die seit mehr als 20 Jahren immer wieder das „Wiesnfieber“ packt: „Das Adrenalin darf man auf keinen Fall unterschätzen“, sagt sie. Wie Leistungssportler bereiten sich die Wiesn-Kellner auf ihren Gastro-Wettkampf vor und decken sich für alle Fälle mit Bandagen, Blasenpflastern und Schmerzmitteln ein.

Nach den herausfordernden zweieinhalb Wochen braucht man dann wirklich Urlaub. Am besten so lang, bis es im nächsten Jahr wieder losgeht. Aber dafür reicht das Geld dann eben doch nicht ganz. So richtig reich wurde bislang nur eine Wiesn-Bedienung. Nämlich jene Michaela Maier, die neulich bei Günter Jauchs Oktoberfest-Spezialausgabe der Quiz-Sendung „Wer wird Millionär?“ eine halbe Million Euro abgeräumt hat. Und das ganz ohne Maßkrüge stemmen. Sondern nur mit Wissen statt Wiesn. Aufhören möchte sie mit dem Job deshalb aber trotzdem nicht.


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