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Drei Deutsche unter den Toten Unwetter auf Mallorca: Retter suchen weiter nach vermisstem Kind

Von dpa und Lorena Dreusicke

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Die verheerenden Unwetter auf Mallorca haben mehr als zehn Menschen das Leben gekostet. Foto: Clara Margais/dpaDie verheerenden Unwetter auf Mallorca haben mehr als zehn Menschen das Leben gekostet. Foto: Clara Margais/dpa 

Palma. Tragödie und Chaos auf Mallorca: Die Urlaubsinsel wird von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht. Mindestens zwölf Menschen kommen ums Leben – darunter auch drei Deutsche.

Rettungskräfte suchen drei Tage nach dem schweren Unwetter auf Mallorca unermüdlich nach einem noch immer vermissten Kind. Die Suche konzentriere sich mittlerweile auf ein bestimmtes Gebiet im Nordosten der Baleareninsel, nachdem am Donnerstagabend der Rucksack des Jungen entdeckt worden sei, berichtete das spanische Fernsehen am Freitagmorgen. 

Rund 150 Helfer durchkämmten nach Angaben der mallorquinischen Zeitung "Ultima Hora" die ganze Nacht die Region. Neuen Informationen zufolge ist der Junge acht Jahre alt und nicht fünf, wie zuvor in Spanien berichtet worden war. Seine Mutter kam den Angaben zufolge bei den Überflutungen vom Dienstagabend ums Leben.

Bisher wurden zwölf Menschen tot geborgen, darunter drei Deutsche. Dies bestätigte eine Sprecherin des Notdienstes der Balearen der Deutschen Presse-Agentur. Am Donnerstagnachmittag seien die Leichen eines deutschen Ehepaars (63 und 61 Jahre alt) auf der Strecke zwischen Artà und Canyamel gefunden worden, hieß es. Das Auto der beiden war am Mittwoch zunächst leer aufgefunden worden, worauf die Suche begann. 

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Auch bei einem bereits am Mittwoch geborgenen Toten, der zunächst nicht identifiziert werden konnte, handelt es sich um einen deutschen Urlauber. Offensichtlich arbeitete der Mann als Journalist bei der Neuen Presse und wurde bereits von seinen Kollegen vermisst.

Unter den Todesopfern sind sechs Spanier, zwei Briten und eine Holländerin. Die Identität eines Toten konnte noch nicht geklärt, er sei vermutlich Ausländer teilte die Rettungsleitstelle via Twitter mit.

Rettungskräfte gehen von weiteren Vermissten aus

Die Einsatzkräfte schließen nicht aus, dass weitere Menschen unter den Schlamm-Massen begraben sein könnten – es würden immer wieder persönliche Gegenstände entdeckt, die befürchten ließen, dass es weitere Vermisste geben könnte, sagte ein Mitglied der Rettungsteams dem Nachrichtensender "Canal 24 Horas".

Am Nachmittag will das spanische Königspaar auf die Insel kommen, um sich vor Ort ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet machen. König Felipe wollte am Morgen zunächst in Madrid die Militärparade anlässlich des spanischen Nationalfeiertages abnehmen und am Nachmittag mit Ehefrau Letizia nach Mallorca reisen.

Drei Menschen wurden von Rettungskräften lebend gefunden, sie hatten sich in einen alten Bahnhof gerettet. "Was ich hier heute gesehen habe, das ist schlimmer als Krieg. Es ist eine Katastrophe", zitierte das "Mallorca Magazin" den Deutschen Thomas Wenzel, der seit mehr als 20 Jahren in dem vom Unwetter besonders betroffenen Sant Llorenç im Osten Mallorcas wohnt.

Innerhalb von nur zwei Stunden stürzten dort Dienstagabend nach jüngsten Angaben des Wetterdienstes 233 Liter Wasser vom Himmel. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr sind in Deutschland im Schnitt 850 Liter pro Quadtratmeter heruntergegangen.

Um den betroffenen Menschen auf Mallorca zu helfen hat sich auch Tennisstar Rafael Nadal eingeschaltet, der auf der Baleareninsel geboren ist. Auf Facebook bot er an, die Zimmer seiner Sportzentren auf der Insel, denen zur Verfügung zu stellen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben.

Doch das war nicht alles. Der 32-Jährige packte auch selbst mit an. Gemeinsam mit Bewohnern schippte er im Ort Sant Llorenç des Cardassar Schlammmassen aus einer Autowerkstatt.

Tennisspieler Rafael Nadal bei seinem Hilfseinsatz. Foto: dpa/Jordi Cotrina

Dramatische Szenen gab es am Dienstag vor allem in der 8000-Einwohner-Gemeinde Sant Llorenç des Cardassar rund 60 Kilometer östlich der Hauptstadt Palma, wo es mehrere Tote gab. Dort trat ein Sturzbach über die Ufer. Die Wassermassen verwandelten Straßen in reißende Flüsse. Zahlreiche Autos wurden mitgerissen und Häuser unter Wasser gesetzt, wie auf Bildern und Videoaufnahmen von Medien und des Wetterdienstes der Balearen zu sehen ist. Bewohner versuchten verzweifelt, das Wasser mit Eimern aus ihren Häusern zu schippen.

Autos von Sturzbächen mitgerissen

Betroffene erzählten von dramatischen Augenblicken: "Ich bin ums Überleben geschwommen", sagte im spanischen Fernsehen ein junger Mann, dem die Panik am Mittwoch noch in den Augen stand. Rentner Manuel Torescussa wurde von den Wassermassen in der Nähe von Sant Llorenç in seinem Auto erwischt. "Ich konnte gerade noch aus einem Fenster ins Freie klettern und musste dann 500 Meter schwimmen, fast meine gesamte Kleidung blieb dabei an einem Metallzaun hängen", erzählte er der Zeitung "Diario de Mallorca". Javier Martínez klagte, sein Haus sei voller Wasser, Schlamm und Müll. "Ich habe alles verloren. Ich habe nur den Pyjama, den ich trage."

Die stellvertretende Bürgermeisterin von Sant Llorenç, Antonia Bauza, sprach von einer "katastrophalen Lage". "Das Wasser war nicht unter Kontrolle zu bringen, es war dramatisch. Man muss es erlebt haben, um zu wissen, wie schlimm es war."


Sieben Landstraßen waren am Mittwochnachmittag nach Angaben der Behörden noch unbefahrbar, einige Ortschaften nach Medienberichten ohne Strom- und Wasserversorgung und von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten. Überall entwurzelte Bäume, heruntergerissene Stromleitungen und Verkehrsschilder, zerstörte Häuser und Felder. Wasser und Schlamm, umgekippte und aufeinandergetürmte Fahrzeuge. Ein TV-Reporter vor Ort sprach von "gespenstischen Skulpturen".

"Es war eine harte Nacht, aber ich denke, dass der Tag noch heftiger wird", zitierte die Zeitung "El Mundo" eine Lokalpolitikerin. Ministerpräsident Pedro Sánchez wollte noch am Mittwoch auf die Insel fliegen, um sich ein Bild von der Lage zu machen, so die Regierung.

Die zwei Briten starben den Angaben zufolge in S'Illot in dem Ort Son Servera an der Ostküste, als sie im Taxi von den Fluten überrascht wurden. Der Taxifahrer werde vermisst. In Sant Llorenç starb der frühere Artá-Bürgermeister Rafel Gili (71), der als junger Mann zehn Jahre in Deutschland gewohnt hatte und dort Tennislehrer gewesen war.

Eine Frau und ein 83-Jähriger wurden in ihren Häusern in Sant Llorenç vom Wasser überrascht. Ihre Leichen wurden in der Nacht geborgen. Weitere Tote seien in S'Illot, Artà und Sant Llorenç entdeckt worden, teilte der Notdienst der Balearen auf Twitter mit. Die Rettungskräfte suchten am Mittwoch nach weiteren Opfern. 

Pkw stehen auf einer überfluteten Straße im Wasser. Foto: dpa/Policía Nacional

Ein Feuerwehrmann, der in der Nacht Einsätze in Sant Llorenç des Cardassar und Artà fuhr, sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass die Menschen auf Bäumen und Dächern saßen. "Der Zugang mit dem Feuerwehrwagen war schwierig, so dass wir meist mehrere Versuche unternehmen mussten, um an die Menschen heranzukommen." Dutzende Häuser mussten evakuiert werden. Rund 200 Menschen verbrachten die Nacht in Sportanlagen der Stadt Manacor, unter anderem in einer Anlage des aus Mallorca stammenden Tennis-Weltstars Rafael Nadal, "Trauriger Tag", twitterte Nadal, der seine Hilfe anbot. Unter den Menschen, die in Sicherheit gebracht werden mussten, gab es sehr viele Rentner und Eltern mit Babys und kleinen Kindern.

Der balearische Wetterdienst filmte am Dienstag das herannahende Gewitter am Badestrand:


Wetteraussichten für Mallorca

Die Rettungsteams waren am Mittwoch mit rund 400 Hilfskräften im Einsatz. Oberste Priorität hatte zunächst die Suche nach Vermissten. Neben Dutzenden Fahrzeugen waren auch vier Hubschrauber, ein Flugzeug und ein Schiff eingesetzt. Es wird befürchtet, dass das eine oder andere Fahrzeug mit Insassen ins Meer gespült worden sein könnte.

Unwetter mit Überschwemmungen gab es in Spanien auch in Katalonien im Nordosten sowie in der Provinz Málaga im Süden des Landes. Auf Mallorca hatte es schon seit Montag sehr heftig geregnet, ortsweise auch gehagelt. Durch das Unwetter kam es laut Medien zeitweise auf dem Flughafen Palma zu Verzögerungen. In der Hauptstadt und auch am "Ballermann" östlich von Palma war die Lage aber weitgehend normal.

Am Mittwoch werden weitere starke Unwetter erwartet. Das Wetter klart sich Wetterdiensten zufolge erst spät auf, bei Temperaturen von bis zu 23 Grad. Am Donnerstag entspannt sich die Lage, es bleibt trocken. Bis zum Wochenende soll es sonnig-bewölktes Strandwetter bei warmen 26 Grad geben. Am Sonntag wird voraussichtlich wieder Regen einsetzen.

Unwetter und Tote auch in Südfrankreich und auf Sardinien

Durch die schweren Regenfälle sind auch in Südfrankreich mehrere Autos ins Mittelmeer gespült worden, zwei Menschen wurden tot in einem Wagen entdeckt. Bei der Gemeinde Sainte-Maxime an der Côte d'Azur seien fünf Autos von einem über die Ufer getretenen kleinen Fluss mitgerissen worden, sagte der örtliche Präfekt Jean-Luc Videlaine am Donnerstag dem Sender BFMTV. Die Präfektur von Toulon teilte später mit, dass an der Flussmündung zwei Leichen in einem Fahrzeug gefunden wurden. Das Unglück hatte sich am späten Mittwochabend ereignet. Sainte-Maxime liegt in der Nähe von Saint-Tropez und Fréjus.

Auch Sardinien kämpfte am Donnerstag mit Hochwasser und heftigem Regen. Der Chef des Zivilschutzes, Angelo Borrelli, rief die Bürger auf, sich keinen unnötigen Risiken auszusetzen. Besonders schlimm war die Situation rund um die Hauptstadt Cagliari. Schulen und öffentliche Einrichtungen blieben geschlossen. 

Dutzende Menschen wurden in Sicherheit gebracht, Straßen gesperrt. Offenbar gerade rechtzeitig: Die Überführung einer Verbindungsstraße zwischen Cagliari und Capoterra hatte am Mittwoch der Wucht des Wassers nicht standgehalten und war gebrochen. „Für mich ist das einzige, was zählt, dass es keine Verletzten gegeben hat. Die Schäden lassen sich reparieren“, sagte der Bürgermeister von Capoterra, Francesco Dessì.


Andernorts spielten sich aber dramatische Szenen ab: Eine Familie wollte im Auto flüchten, weil der Fluss in der Nähe ihres Hauses bedrohlich angeschwollen war. Der Vater und die drei Töchter konnten sich in Sicherheit bringen, die Mutter wurde vom Wasser mitgerissen und am Donnerstag tot gefunden. Das Hochwasser hatte das Auto förmlich verschluckt, wie auf Fotos zu sehen war. Auch in anderen Teilen Italiens gab es Unwetterwarnungen, etwa in Ligurien.


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