Start der Serie "Mythos Bayern" Angeberwissen: Was Sie noch nicht über Bayern wussten

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Lederhosen und der Märchenkönig – viel mehr bayerisches Klischee geht nicht. Aber es gibt auch Überraschendes und Verblüffendes über Bayern zu erfahren. Foto: Nicolas Armer/dpaLederhosen und der Märchenkönig – viel mehr bayerisches Klischee geht nicht. Aber es gibt auch Überraschendes und Verblüffendes über Bayern zu erfahren. Foto: Nicolas Armer/dpa

Osnabrück. Am 14. Oktober wird in Bayern ein neuer Landtag gewählt, die absolute Mehrheit der CSU ist in Gefahr. Wie ist die Partei eigentlich zum Sinnbild Bayerns geworden? Und was macht das südliche Bundesland so besonders – und erfolgreich? In einer Serie wollen wir den „Mythos Bayern“ entschlüsseln.

Zum Auftakt unserer Serie haben wir sechs weniger bekannte Fakten gesammelt. Denn neben all den Klischees gibt es über Bayern auch Überraschendes und Verblüffendes zu erfahren.


Das "Y" war nicht immer da

Verwegen sieht er aus, König Ludwig I., der seinem Königreich eine neue Schreibweise verpasste. Aber Obacht (Vorsicht), nicht mit Ludwig II. verwechseln: Der exzentrische König, der unter anderem das berühmte Schloss Neuschwanstein bauen ließ, war sein Enkel. Foto: dpa

Im Jahr 1825 bestieg der Wittelsbacher Ludwig Karl August (1786-1868) den Thron des Königreiches Baiern - und ersetzte als eine seiner ersten Amtshandlungen als Ludwig I. das "i" im Namen des Landes durch ein "y". Ludwig I. war wie viele seiner Zeitgenossen ein glühender Verehrer der griechischen Antike; zahlreiche Bauten in München wie die Glyptothek, die Feldherrnhalle und die Bavaria-Statue auf der Theresienwiese sind Zeugnis davon.

Zu seinem Königreich gehörte damals auch die Pfalz mit der Bischofsstadt Speier, fast 300 Kilometer Luftlinie von München entfernt. Das linksrheinische Gebiet war den Wittelsbachern beim Wiener Kongress 1814 als Entschädigung für das an Österreich verlorene Salzburg und das Innviertel zugeteilt worden. Ludwig I. drückte auch diesem Landstrich seine Griechenland-Begeisterung auf: Speier schrieb sich fortan Speyer.


Die Jeans ist eine fränkische Erfindung

Levi's Jeans sind unverwüstlich, zumindest wenn man diesem Bildchen glaubt: Zwei Pferde sind darauf darstellt, die vergeblich versuchen, eine Jeans zu zerreißen. Seit 1886 ziert dieser Lederaufnäher jede Hose aus dem Hause Levi Strauss. Foto: dpa

Levi´s - bei diesem Namen denkt man an Jeans und die Farbe Indigo, an Amerika und Cowboys. Der Erfinder der vielseitigen Hose ist jedoch ein Bayer, genauer: ein Oberfranke. In Buttenheim, einem kleinen Flecken südlich von Bamberg, wird 1829 ein Junge namens Löb Strauss in eine arme jüdische Familie geboren. Der Vater verdient den Lebensunterhalt als Hausierer, verkauft Tuch und Kurzwaren. Nach seinem Tod 1846  wandert die Mutter mit den drei jüngsten Kindern nach Amerika aus. Sie siedeln nach New York über, wo bereits zwei ältere Kinder einen Textilgroßhandel betreiben.  

Das gelobte Land aber liegt offensichtlich noch weiter westlich: In Kalifornien war Edelmetall gefunden worden, der Goldrausch lockt ab 1848 Hunderttausende Glücksritter an die amerikanische Westküste – auch Levi Strauss, wie sich der jüngste Sohn in der neuen Heimat nennt. 1853 gründet er in San Francisco ein Großhandelshaus, in dem er alles anbietet, was die Goldgräber, Minenarbeiter und Pioniere brauchen. Und das muss vor allem strapazierfähig sein: 1873 meldet Levi Strauss ein Patent für vernietete Arbeitshosen an. Sie werden schnell ein Erfolg, schon kurz darauf wird eine Fabrik zur Herstellung der "Waist Overals" aus festem dunkelblauen Baumwollstoff gebaut.

Um den Einzelhändlern die Bestellungen zu erleichtern, führt Levi Strauss 1890 Produktions- und Bestellnummern ein – die berühmte 501, die Ur-Levi's, ist geboren. 1902 stirbt Levi Strauss im Alter von 73 Jahren. Ein eingetragenes Markenzeichen wird die Firma, die seinen Namen trägt, erst 1928. Und sein Geburtshaus in Buttenheim ist heute ein Museum.


Burghausen hat die Längste

"La ville souterrain", die Stadt unter der Erde, soll Napoleon ausgerufen haben, als er 1809 der Stadt Burghausen ansichtig wurde. Über der Altstadt, die sich ans Ufer der Salzach schmiegt, erhebt sich eine mehr als einen Kilometer lange Burganlage. Foto: Katharina Ritzer

Gute Sicht und schwer einzunehmen – aus gutem Grund wurden Burgen meist auf Berge gebaut. Das ist auch in Burghausen so, einem malerischen 18.000-Einwohner-Städtchen im südöstlichen Oberbayern. Die Burghauser Burg ist aber dennoch etwas Besonderes: Mit einer Länge von 1051 Metern gilt sie als längste Burganlage Europas, das Guinness Buch der Rekorde führt sie gar als längste der Welt.

Fünf Höfe sind auf dem schmalen Bergrücken aneinander gereiht, der zwischen der Salzach, dem Grenzfluss zu Österreich, und einem ihrer Altwasserarme, dem Wöhrsee, liegt. Einen Kilometer muss man gehen, vorbei an ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, Ställen und Wohnhäusern von Hofbeamten und Handwerkern, ehe man am Ende des Bergrückens die eigentliche Hauptburg erreicht.

Für die überregionale Bekanntheit der Stadt hat aber ehrlicherweise nicht die Burg gesorgt, sondern ihr Fußballverein: Der SV Wacker Burghausen schaffte 2002 den Sprung in die 2. Bundesliga, hielt sich dort auch fünf Spielzeiten lang. Beim Abstieg in die neu geschaffene 3. Liga traf die Mannschaft auch mehrmals auf den VfL Osnabrück. Der hat die Oberbayern in guter Erinnerung: Mit dem Auswärtssieg im Saisonfinale 2010 machten die Lila-Weißen den Aufstieg in die 2. Bundesliga klar.

Übrigens: Das Wacker im Vereinsnamen rührt nicht vom Adjektiv wacker her, sondern vom Chemiekonzern Wacker Burghausen, der 1930 einen werkseigenen Sportverein gründete. Mit fast 10.000 Mitarbeitern ist das Unternehmen heute der größte Chemiestandort Bayerns.


"Im Himmel gibt’s kein Bier, drum trinken wir es hier"

Trübwürzpumpe, Pfannen-Rührwerk, Maische-Würze-Pumpe - so sieht sie aus, die Schaltzentrale einer Brauerei. Zumindest einer kleinen im Familienbesitz, wie es sie in Oberfranken noch häufig gibt. Das Bild entstand in der Brauerei Hartmann in Würgau, wo das Bier noch heute in handbetriebenen Kupfersudkesseln aus dem Jahre 1961 gebraut wird. Foto: Katharina Ritzer

Bayern ist Bierland - das ist nicht nur ein Marketingspruch, sondern statistisch belegbar: Von den deutschlandweit 1492 Braustätten (Stand 2017) findet sich fast die Hälfte, 642, in Bayern; es folgen abgeschlagen Baden-Württemberg (195) und Nordrhein-Westfalen (132). Die meisten dieser bayerischen Brauereien sind in Privatbesitz, von Kirchen oder Klöstern, Stiftungen oder Genossenschaften. Eine gehört sogar einer Kommune: Die 1879 gegründete Stadtbrauerei Spalt, ein 5000-Seelen-Ort in Mittelfranken, ist seit 2006 die letzte kommunale Brauerei in Deutschland.

Die Zersplitterung in viele kleine regionale Märkte macht das Bierland Bayern für Großkonzerne wie ABInBev (Beck´s, Löwenbräu, Franziskaner Weissbräu), die Warsteiner Gruppe (Warsteiner, Herforder, König Ludwig Biere) oder Bitburger (Bitburger, König Pilsner, Licher) uninteressant, sagt Walter König, Pressesprecher des Bayerischen Brauereibunds: "Hier herrscht ein starker Wettbewerbsdruck, das ist wie Häuserkampf." Und weil Großkonzerne sehr schnell sehr viel Geld verdienen wollen, konzentrieren sie sich lieber auf große Märkte wie die USA oder China. Für die bayerische Bierlandschaft sei das ein Segen, findet König, denn das sorgt für eine einzigartige Vielfalt.

Die ist im nördlichen Bayern, im Regierungsbezirk Oberfranken, besonders stark ausgeprägt. Die Region hat die größte Brauereidichte im Land und auch einen Ort, der es 2001 ins Guinness Buch der Rekorde geschafft hat: Aufseß mit seinen 1500 Einwohnern hat vier Brauereien – also eine für 375 Menschen.


Erdöl gesucht, Heilwasser gefunden

Nein, diese Menschen dümpeln nicht im Pool, sie tun etwas für ihre Gesundheit: Das Thermalwasser im niederbayerischen Bad Füssing hilft dank seines hohen Sulfid-Schwefel-Gehalts vor allem bei Gelenkerkrankungen. Foto: imago/imagebroker

Wer an Tourismus in Bayern denkt, der sieht Schloss Neuschwanstein vor dem geistigen Auge, die Zugspitze oder die Weltkulturerbe-Stadt Bamberg. Tatsächlich liegen aber die Großstädte München und Nürnberg auf Platz 1 und 2 der beliebtesten touristischen Destinationen - und auf Platz 3 Bad Füssing. Nur 6700 Einwohner zählt die Gemeinde in Niederbayern in unmittelbarer Nähe des Inns, der natürlichen Grenze zu Österreich, aber 2,432 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Das macht Bad Füssing zum übernachtungsstärksten Kurort Europas. Marktführer in Europa ist Bad Füssing auch bei der Verweildauer: Im Schnitt bleiben die Gäste 7,7 Tage. 

Angelockt werden sie vom Thermalwasser, dessen Heilkraft im hohen Sulfid-Schwefel-Gehalt liegt. Wofür das gut ist? "Für lädierte Knochen", sagt Kurdirektor Rudolf Weinberger bayerisch-kernig. Oder medizinisch ausgedrückt: Bei rheumatischen Krankheiten, Wirbelsäulenleiden, Stoffwechselkrankheiten und Lähmungen verspricht das Bad in den gut 50 Grad warmen Quellen Linderung. Der Glaube an die Heilkraft dieses Wassers, sagt Weinberger, ist das Erfolgsgeheimnis des Kurorts. Der an diesem altmodischen Begriff festhält, allen Gesundheitsreformen und neuen Trends wie Wellness zum Trotz. "Bei uns steht das Wasser im Zentrum des Geschehens", sagt der Weinberger Rudi selbstbewusst. 

Das allerdings war nicht immer so: Bei den ersten Bohrungen 1938 hoffte man, Erdöl zu finden – die Nationalsozialisten, die die Suche in Auftrag gegeben hatten, brauchten dringend Treibstoff für ihren geplanten Krieg. Stattdessen aber sprudelte 56 Grad heißes Wasser aus dem Boden. Ironie der Geschichte: Dessen wohltuende Wirkung entdeckten nach dem Zweiten Weltkrieg als Erste die amerikanischen Besatzungssoldaten. 


Der Leberkäse, eine Mogelpackung

Eine dicke Scheibe warmer Leberkäse zwischen zwei Brötchenhälften, garniert mit süßem Senf, das ist für viele Bayern der kulinarische Himmel. Foto: imago/CHROMORANGE

Eigentlich ist der Leberkäse eine Mogelpackung. Weder Leber, noch Käse finden sich in der Fleischpastete. Vermutlich geht der Name auf die Worte "Laib" und "Käs" zurück – beschrieben wäre also einfach ein Laib aus kompakter Masse. Die wird aus magerem Rindfleisch, Schweinefleisch und Speck gemacht, für die Würze sorgen Zwiebel und Majoran. Die Zutaten werden durch den Fleischwolf gedreht, dann in einer Kastenform gebacken – was den deftigen Leberkäse eigentlich zu einer eleganten Pastete macht.

Noch weniger als der irreführende Name dürfte den Bayern jedoch schmecken, dass der Erfinder des Leberkäs' (das e am Ende verschluckt der Bayer, auch ohne Semmel) ein Mannheimer ist. Schuld sind mal wieder die Wittelsbacher, die 600 Jahre lang über die Pfalz herrschten. 1777 musste Kurfürst Carl Theodor das bayerische Erbe antreten und an die Isar umziehen; seinen Mannheimer Metzgermeister nahm er mit. Zu dessen Spezialitäten gehörte eben jene weiche Fleischpastete, deren Beliebtheit bei Hofe sich vor allem durch den schlechten Zustand der Zähne der Herrschenden erklärt: Es waren die Zeiten vor der Kariesprophylaxe.

Eine Boshaftigkeit der Franken – wo man viel vom Wurst machen versteht und eine herzliche Abneigung gegen Ober- und Niederbayern hegt – ist hingegen der Ausdruck "Hackstockgekratze". Zwar ist der Leberkäse durchaus Resteverwertung, doch was beim Metzger am Ende des Tages nach unzähligem Knochen zerteilen und Fleisch portionieren im Hackstock hängen bleibt, reicht für eine Pastetenform nicht aus. In Berlin übrigens bezeichnet "Hackstockkratze" eine süße Art der Resteverwertung: Es ist das andernorts Granatsplitter genannte Gebäck, das in Konditoreien aus den übrig gebliebenen Tortenböden gebacken und mit Schokoglasur überzogen wird. 

Die Serie "Mythos Bayern"


Die Autorin

Katharina Ritzer  leitet seit Juli 2015 den Newsdesk der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Nach beruflichen Stationen in Nieder- und Oberbayern sowie Oberfranken zog es die gebürtige Nürnbergerin nach Norddeutschland. Sie fühlt sich sehr wohl hier, vermisst nur hin und wieder deftigen Schweinebraten mit Klößen.

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