Nach dem Tod eines 35-Jährigen Chemnitz: Was wir wissen und was wir nicht wissen

Von Jürgen Becker

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Am Tatort fanden sich am Sonntag Hunderte Menschen ein. Danach zogen 800 zum Teil gewaltbereite Menschen durch die Innenstadt. Foto: dpaAm Tatort fanden sich am Sonntag Hunderte Menschen ein. Danach zogen 800 zum Teil gewaltbereite Menschen durch die Innenstadt. Foto: dpa

Chemnitz. Nach dem tödlichen Messerangriff auf einen 35-Jährigen in Chemnitz machen zahlreiche Gerüchte die Runde. Zugleich sind noch viele Fragen offen. Die Chemnitzer Tageszeitung "Freie Presse" fasst zusammen, was wir bislang wissen und was nicht.

Was ereignete sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag? 

Nach Polizeiangaben ist es in der Nacht von Samstag zu Sonntag gegen 3.15 Uhr in Chemnitz auf der Brückenstraße zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten gekommen. In deren Folge erlitten drei Männer (33/35/38) teils schwere Verletzungen. Sie wurden in Krankenhäuser gebracht. Der 35-Jährige erlag noch in der Nacht in einem Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Nach Aussage von Polizeisprecherin Jana Ulbricht haben sowohl der Tote als auch die beiden verletzten Männer eine deutsche Staatszugehörigkeit. Ob sie einen Migrationshintergrund haben, hat die Polizei offengelassen.

Wer sind die mutmaßlichen Täter?

Nach der Auseinandersetzung waren mehrere Personen vom Ort geflüchtet. Die Polizei konnte nach eigenen Angaben im Rahmen der Fahndung zwei Männer stellen, die sich entfernt hatten. Deren Nationalitäten hatte die Polizei zunächst nicht bekanntgegeben, da noch nicht geklärt sei, ob sie überhaupt mit dem Vorfall in Verbindung stünden.

Die Staatsanwaltschaft Chemnitz hat dann nach eigenen Angaben am Montag beim Amtsgericht Chemnitz Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags gegen diese beiden Männer beantragt: Es handelt sich demnach um einen 23-jährigen syrischen Staatsangehörigen und einen 22-jährigen irakischen Staatsangehörigen. Der Haftbefehl gegen beide Tatverdächtige wurde am Nachmittag vollstreckt. Die Männer sitzen in Untersuchungshaft. Die beiden werden laut Staatsanwaltschaft aufgrund der bisherigen polizeilichen Ermittlungen dringend verdächtigt, "ohne rechtfertigenden Grund mehrfach mit einem Messer" auf den 35-jährigen Deutschen eingestochen zu haben.

Wie kam es zu der Auseinandersetzung?

Nach Polizeiangaben war der tödlichen Messerstecherei zunächst ein verbaler Disput vorausgegangen. Worum es dabei gegangen ist, ist noch ungeklärt. "Die Ermittlungen insbesondere zum Tatmotiv, zum genauen Ablauf der Tat und zur Tatwaffe dauern an", teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Nach Informationen der "Freie Presse" ist die Tatwaffe, ein Messer, am Sonntag im Bereich einer Bühne des Stadtfestes in der Brückenstraße gefunden worden.

Wie geht es den beiden anderen Verletzten?

Sie haben nach Polizeiangaben teils schwere Verletzungen erlitten. Am Montag twitterte die Polizei, dass es entgegen anderslautender Gerüchte nach dem Zwischenfall in Chemnitz keinen zweiten Todesfall gebe.

Warum wurde das Stadtfest abgebrochen?

Stadt, Polizei und Feuerwehr hatten sich am Sonntagnachmittag dazu durchgerungen, das Fest in der Chemnitzer Innenstadt rund fünf Stunden vor dem eigentlich vorgesehenen Ende abzubrechen, nachdem über die sozialen Medien für 16.30 Uhr von rechten und gewaltbereiten Fußballfans zu einem Treff am Marx-Monument aufgerufen worden war. "Lasst uns zusammen zeigen, wer in dieser Stadt das sagen hat", hieß es in dem Aufruf der Ultra-Fußballvereinigung Kaotic Chemnitz. Offenbar hatte der Duktus des Aufrufes Stadtfestveranstalter und Sicherheitskräfte besorgt. Hinzu kam, dass aufgrund zahlreicher Polizeieinsätze in Sachsen am Sonntagnachmittag kurzfristig keine maßgebliche Verstärkung für die Polizei organsiert werden konnte. Zunächst hatte die Stadt erklärt, das Fest werde aus Pietätsgründen und aus Anteilnahme gegenüber den Angehörigen des bei der Auseinandersetzung Getöteten abgebrochen. Später hieß es auf einer Pressekonferenz der Stadt, dass mit dieser Begründung panische Reaktionen unter den Festbesuchern verhindert werden sollte.

Kam es zu Hetzjagden während der spontanen Kundgebungen am Sonntag?

Die Kundgebung der AfD, an der sich am frühen Nachmittag rund 100 Menschen beteiligt hatten, blieb laut Polizei störungsfrei. Am Rande der Kaotic-Kundgebung, zu der ab 16.30 Uhr aufgerufen worden war, kam es aber zu mehreren Auseinandersetzungen und teils heftigen Rangeleien zwischen offensichtlich gewaltbereiten Rechten mit der Polizei, aber auch mit Linken und Migranten, wie Augenzeugen aus der Redaktion der "Freien Presse" berichten. Demnach löste sich aus dem Kundgebungszug, an dem geschätzt 1000 Menschen teilnahmen, mindestens einmal eine kleine Gruppe offenbar gewaltbereiter Rechter, die Migranten einige Meter hinterherrannten. In einem anderen Fall stellte demnach eine Gruppe von maximal fünf Personen einem offenbar jungen Linken nach, der den Protestierenden etwas zugerufen hatte. In beiden Fällen gelang es den Gruppen allerdings offenbar nicht, die Davonrennenden einzuholen. Nach eigenen Angaben bearbeitet die Polizei derzeit zwei Anzeigen wegen Körperverletzung, eine Anzeige wegen Bedrohung und eine Anzeige wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte.

Dieser Text erschien zuerst auf der Homepage der Kollegen der Freien Presse in Chemnitz.


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