Ordenswerk im Wandel Weise: Johanniter-Unfall-Hilfe gewinnt mehr Ehrenamtliche

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Frank-Jürgen Weise leitete einst die Bundesagentur für Arbeit, heute ist der Manager Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe. Foto: dpa/Klaus-Dietmar GabbertFrank-Jürgen Weise leitete einst die Bundesagentur für Arbeit, heute ist der Manager Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Osnabrück/Berlin. Mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat Frank-Jürgen Weise zwei Mammutbehörden geleitet. Seit November 2017 ist er Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe. Im Interview spricht er über die Herausforderungen, vor denen das Ordenswerk steht.

Herr Weise, Sie stehen seit einigen Monaten an der Spitze der Johanniter-Unfall-Hilfe. Es ist vermutlich das bekannteste Hilfswerk der Johanniter, quasi das Aushängeschild. Welche Besonderheiten bringt es mit sich, ein Hilfswerk eines Ritterordens zu leiten?

Die Johanniter-Unfall-Hilfe ist eine christliche Hilfsorganisation. Diesen Anspruch bringen wir in dem, was wir tun, zum Ausdruck. Das gilt für alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch die, die dem christlichen Glauben nicht so nahe stehen. Wir gehen davon aus, dass sie dieses christliche Profil respektieren und unsere gemeinsamen Werte teilen. Bei allem, was jeden Einzelnen motiviert, sind wir doch als Rettungsorganisation in der christlichen Nächstenliebe verwurzelt. (Hier weiterlesen: Der Johanniterorden - von Rittern und Rettern)

Bei der Unfallhilfe sind knapp 36.000 ehrenamtliche Helfer aktiv. Haben Sie Probleme, genügend Freiwillige zu finden, die sich ehrenamtlich dauerhaft für die Unfallhilfe engagieren?

Tatsächlich ist die Zahl derer, die sich ehrenamtlich bei den Johannitern engagieren, in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, nicht zuletzt durch unsere Aktivitäten im Bereich der Flüchtlingshilfe und Integrationsunterstützung, aber auch in vielen anderen Bereichen des sozialen Ehrenamts, beispielsweise in unseren Hospizdiensten. Wir sind uns aber bewusst, dass ehrenamtliches Engagement keine Selbstverständlichkeit ist. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass auch in Zukunft weiter so zahlreich Menschen zu uns kommen, nicht zuletzt, weil die Konkurrenz an Freizeitangeboten immer größer wird. Auch für die gute Sache braucht es also Werbung. Ein gutes Beispiel ist die Kampagne „Helden bitte melden!“ unseres Landesverbandes Niedersachsen. Dort wurde im Rahmen einer großangelegten Roadshow auf öffentlichen Plätzen in mehr als 30 Städten vorgestellt, wie breitgefächert die Möglichkeiten eines Ehrenamtes im Bevölkerungsschutz sind. Zahlreiche neue Helferinnen und Helfer konnten so gewonnen werden.


Der Johanniterorden ist vor allem über sein Hilfswerk Johanniter-Unfall-Hilfe in der Öffentlichkeit präsent. Foto: dpa/Stefan Puchner


Viele Menschen wollen sich heute flexibler ehrenamtlich engagieren. Wie reagieren Sie auf die Veränderungen im Ehrenamt?

Das ist richtig. Auch wir erleben, dass sich mit den Lebensmodellen auch die persönlichen Vorstellungen von einem Ehrenamt verändert haben. Es wird schwieriger, Menschen für ein dauerhaftes Engagement zu gewinnen. Eine besondere Herausforderung ist dies für den Katastrophenschutz, denn er fußt auf dem Ehrenamt und bringt dabei besonders hohe Anforderungen mit sich: Ehrenamtliche im Zivil- und Katastrophenschutz stehen rund um die Uhr bereit, auch für schwierige oder gefährliche Einsätze. Zudem investieren sie einen großen Teil ihrer Freizeit, um regelmäßig für den Ernstfall zu trainieren. Sich so langfristig und umfänglich zu binden, ist aber nicht jedermanns Sache.

Immer öfter ist davon zu lesen, dass Rettungskräfte von Umstehenden verbal und auch körperlich angegangen werden. Erleben Ihre Mitarbeiter das auch? 

Dass Rettungskräfte in ihrer Arbeit behindert, beschimpft oder sogar angegriffen werden, ist leider traurige Realität. Auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben das immer wieder. Spricht man mit erfahrenen Rettern, zeigt sich aber, dass dieses Phänomen keineswegs neu ist. Daher sind Trainings zum Umgang mit solchen Situationen schon lange fester Bestandteil der Rettungsdienstausbildungen. Es scheint allerdings in den vergangenen Jahren eine neue Qualität angenommen zu haben, auch durch die Verbreitung von Smartphones und sozialen Medien. Es gibt kaum noch einen Verkehrsunfall auf einer Autobahn, bei dem nicht Unbeteiligte aus Sensationslust das Geschehen mit ihren Handys filmen. Nicht selten haben die Rettungskräfte dadurch Probleme, überhaupt zu den Betroffenen durchzukommen, und es gehen wertvolle Minuten verloren.

Seit dem vergangenen Jahr wird Gewalt gegen Rettungskräfte härter bestraft. Bemerken Sie schon positive Effekte?

Ein positiver Effekt ist bereits festzustellen: Das Thema ist heute viel präsenter in der Öffentlichkeit als noch vor einigen Jahren. Das stärkt auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rettungsdienst den Rücken, die Tag für Tag diese außerordentlich verantwortungsvolle und herausfordernde Arbeit leisten. Ob ein solches Gesetz in der Praxis tatsächlich abschreckend wirkt und hilft, Übergriffe zu verhindern, wird sich zeigen. Häufig genug geschehen solche Angriffe unter dem Einfluss von Alkohol, da liegt der Gedanke an mögliche Konsequenzen wahrscheinlich fern. In jedem Fall dürfen wir nicht nachlassen, weiter aufzuklären und für das Thema zu sensibilisieren.


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