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„Typische Strukturen einer Sekte“: Eltern kritisieren „Christusgemeinschaft“

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Rosenkranzgebete und lange Andachten prägen die Christusgemeinschaft: Kritiker werfen der religiösen Bewegung eine gezielte Trennung der Kinder von ihren Eltern vor.Rosenkranzgebete und lange Andachten prägen die Christusgemeinschaft: Kritiker werfen der religiösen Bewegung eine gezielte Trennung der Kinder von ihren Eltern vor.

„Haftbefehl gegen Priester aus Spelle“ haben wir am Donnerstag getitelt. Der Geistliche, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Missbrauchs ermittelt, gilt als führender Kopf der „Christusgemeinschaft“ – einer innerkirchlich sehr umstrittenen Bewegung.

Als Polizisten letzte Woche nach dem 49-Jährigen fahndeten, spürten sie ihn in Hoya an der Weser auf. Auch der dortige Pfarrer gehört der „Christusgemeinschaft“ an. Doch was macht diese religiöse Gruppierung eigentlich aus? Wer aus erster Hand mehr wissen will, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Die Homepage www.christusgemeinschaft.de bietet nur ein Baustellen-Schild. Matthias Beering aus dem Osnabrücker Südkreis diente vor fünf Jahren als Ansprechpartner für die Presse. Heute gibt er an, er habe den Kontakt zur „Christusgemeinschaft“ abgebrochen. Warum? Das möchte er aus persönlichen Gründen nicht sagen.

Ein Priester aus dem Emsland ließ sich im Juni 2006 von der Osnabrücker Bistumszeitung „Kirchenbote“ als Vertreter der „Christusgemeinschaft“ befragen – jetzt will er nicht einmal mitteilen, ob er noch dazugehört. Auch seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, im Fall einer Veröffentlichung droht er mit dem Anwalt. Auskunftsfreudiger zeigen sich Marlies Haake aus Bad Salzdetfurth und Werner Müller aus Barenrode bei Hildesheim: Beide sind Eltern und werfen der Leitung der Gruppierung die gezielte Trennung von ihren heute erwachsenen Kindern vor. Beide sprechen von typischen Strukturen und Vorkommnissen wie bei einer Sekte, von totaler Abhängigkeit, Gehirnwäsche und Abschottung.

Seit zehn Jahren hat Marlies Haake ihren Sohn, heute 33, nicht mehr gesehen. Über den früheren Speller Pfarrer sagt sie, er habe über kostenlose Freizeiten Jugendliche für die „Christusgemeinschaft“ geködert.

Bei Nacht und Nebel sei ihr Kind damals ausgezogen. „Es war kein vernünftiges Gespräch auf die Reihe zu bekommen“, sagt die Mutter. Erst mithilfe einer Auskunftei machte sie den Wohnort ihres Sohnes ausfindig. Zeitweilig wohnte er in Spelle mit weiteren Christusgemeinschaftlern.

Werner Müller leidet ebenfalls unter der Gruppierung, zu der zwei seiner Töchter gehören, die heute in den Dreißigern sind. Die jüngere lebte lange in Hoya im Pfarrhaus. Über das Vorgehen der Leitung der „Christusgemeinschaft“, die er „absolut intolerant“ nennt, sagt Müller: „Für mich ist das auch eine Art Missbrauch.“ Typisch seien „unentwegte Andachtsübungen“. Bei einer Wanderung fragte seine Tochter ihn einmal plötzlich: „Wollen wir jetzt den Rosenkranz beten?“ Stets werde mit Strafen gedroht, mit dem Faktor Angst gearbeitet. Doch mit seinen Kindern über die Bewegung zu sprechen sei nicht möglich, sagt Müller.

Die Vorwürfe gegen die „Christusgemeinschaft“ sind nicht neu, weshalb die Osnabrücker Bistumsleitung seit Langem ein kritisches Auge auf die religiöse Bewegung wirft, die weder vom Bischof noch vom Vatikan anerkannt ist. Zwar gilt sie als ungeliebtes Kind im Bistum – verboten wurde sie allerdings nicht.

Die Gruppierung entstand in den 1980er-Jahren. Damals kümmerten sich der Jugendpfarrer Gerhard Stenzaly und die Ordensfrau Stefanie Bensmann vom Jugendamt des Bistums um die geistliche Begleitung junger Frauen und Männer im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Sie trafen sich zu Wochenenden, und der Priester aus Spelle, damals noch Theologiestudent, kam dazu. Erst noch ohne Namen, entwickelte sich daraus die „Christusgemeinschaft“. Es gibt Treffen mit Familien, Alleinerziehenden, Laien und Priestern, etwa in Lage/Rieste im Osnabrücker Nordkreis. Rund 200 bis 300 Christen sollen dazugehören, darunter ein Dutzend Priester. Bei etwa 320 Diözesanpriestern (einschließlich Ruheständlern) im Bistum Osnabrück wären das knapp vier Prozent.

Stille Anbetung, „Herz-Jesu-Katechesen“, Gottesdienste, Andachten Lobpreis- und Anbetungslieder, Referate über den Glauben prägen die Treffen. Das alles gibt es bei anderen neuen geistlichen Gemeinschaften auch. Doch ein Kenner der Szene spricht im Zusammenhang mit der „Christusgemeinschaft“ von einer „kruden Spiritualität, die sehr wenig geerdet ist“. Jesus als Mensch komme nicht vor. Nach Einschätzung des Fachmanns halten die Priester der „Christusgemeinschaft“ den Gehorsam gegenüber dem Ortsbischof für weniger wichtig als den Gehorsam gegenüber ihrem charismatischen Geistlichen aus Spelle.

Der 49-Jährige gilt als eine der Führungsfiguren – die andere war (oder ist) die frühere Ordensschwester Stefanie (Ursula) Bensmann, die von der Ordenskongregation des Vatikans wegen „groben Ungehorsams“ aus der Gemeinschaft der Thuiner Franziskanerinnen ausgeschlossen wurde.

Werner Müller kritisiert, die ehemalige Ordensfrau habe vor Jahren seine ältere Tochter mit der Begründung „du bist von Gott berufen“ gedrängt, den Franziskanerinnen beizutreten, „obwohl sie absolut nicht fürs Klosterleben geeignet war“. Nach fünf Jahren trat die Tochter wieder aus.

Als der „Kirchenbote“ 1992 erstmals kritisch über das Innenleben der „Christusgemeinschaft“ berichtete (Titel: „Jetzt wird mir klar, wie nahe ich am Feuer war“), löste dies im Bistum Osnabrück ein Erdbeben aus. Bischof Ludwig Averkamp beschäftigte das Thema danach ebenso wie seinen Nachfolger Franz-Josef Bode. Wiederholt forderte das Bistum die „Christusgemeinschaft“ zum Dialog auf. Und 2005 berief Bode den damaligenLeiter des Priesterseminars, den Regens Martin Schomaker, zum theologischen Beauftragten für die „Christusgemeinschaft“. Als Schomaker 2008 Propst in Bremen wurde, gab er diese Funktion ab.

Doch am Montag vor Ostern hat ihn der Bischof – nach Bekanntwerden des Missbrauchsfalls – erneut gebeten, als Verbindungsmann zur „Christusgemeinschaft“ zu fungieren. Schomaker hat am vergangenen Donnerstag mit dem Priester aus Spelle gesprochen und beschreibt ihn als „Typ, der begeistern kann“.

Doch er stellt auch kritische Fragen an den 49-Jährigen und die „Christusgemeinschaft“. Etwa: „Hat sie ein befreiendes Gottesbild?“ Und nicht nur Schomaker fragt sich: „Wo ist Frau Bensmann eigentlich?“ Es sei doch nicht normal, dass jemand wie die frühere Ordensschwester ihren Wohnort verheimliche, sagt der Bremer Propst. Aufgefallen ist ihm, dass nur wenige Ehemalige der Christusgemeinschaft „versöhnt“ über die Gruppierung sprechen, die bei Abtrünnigen eine „Spur der Verletzungen“ hinterlassen habe.

Schomaker fragt sich auch: „Gibt es Abhängigkeitsverhältnisse?“ Und „ganz theoretisch“, ohne Bezug auf den aktuellen Missbrauchsvorwurf, wie er ausdrücklich betont, stellt er auch die Folgefrage: „Ist dann die Gefahr größer, dass es zu sexualisierter Gewalt kommt?“


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