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Ein Blick auf veraltete Rollenbilder Die sexistische Gesellschaft: Zicken sind ein fester Bestandteil unserer Kultur – aber das muss nicht so bleiben

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Osnabrück. Du alter Hornochse, du Angsthase, du dumme Gans, du falsche Schlange - meist werden Tiernamen verwendet, um die negativen Eigenschaften eines Menschen zu unterstreichen. Im Alltag hören vor allem Frauen ein Schimpfwort besonders häufig: Zicke. Aber wieso? Und warum ist das sexistisch?

Gerade im Berufsleben landen Frauen schnell in der Zicken-Schublade. Mit diesem Stempel auf der Stirn laufen sie dann Tag ein, Tag aus durchs Büro und fragen sich vielleicht irgendwann selbst. Wie komme ich da bloß wieder raus? Die Frage ist berechtigt, sie sollte allerdings eher lauten: Wie bin ich überhaupt in diese Schublade hineingekommen?

Männer und Frauen sollen heute gleichberechtigt sein. Dass sie das in vielen Punkten noch nicht sind, steht außer Frage. Jahrhundertealte Traditionen halten sich hartnäckig und bestimmen auch heute noch oftmals unseren Alltag. Und auch wenn die klassische Rollenverteilung längst aufgeweicht ist, in unseren Köpfen existiert sie immer noch. Immer noch werden den Geschlechtern bestimmte Eigenschaften zugewiesen. Bei Männern wird Kompetenz als Kern-Eigenschaft erwartet, bei Frauen Warmherzigkeit. Werden die gesellschaftlichen Erwartungen nicht erfüllt, werden Frauen eben schnell zu Zicken erklärt.

„Frauen sind mit einem Dilemma konfrontiert, das Männer nicht haben“, erklärt die Sozialpsychologin Julia Becker. In einer ihrer Studien konfrontierte sie Probanden mit Bildern einer Arbeitssituation, in der einmal ein Mann, einmal eine Frau einen Netzwerkserver einrichtete. Eine dritte Person bot auf eine herablassende Art und Weise Hilfe an, die wahlweise abgelehnt oder angenommen wurde. Nahm die Frau das Angebot nicht an, galt sie als weniger warmherzig. Lehnte allerdings der Mann das Angebot ab, wurde er nicht als weniger warmherzig empfunden. Die Frau ist in diesem Fall von dem gesellschaftlich akzeptierten Rollenverhalten abgewichen und wurde dafür bestraft.

Die Schublade öffnet sich auch schnell, wenn Frauen herablassende oder anzügliche Sprüche nicht freundlich lächelnd ertragen, sondern mit Stärke und Bestimmtheit kontern. Die Sozialwissenschaftlerin Astrid Schüßler von der Justus-Liebig-Universität Gießen beschäftigt sich ebenfalls mit Frauen- und Geschlechterforschung. Sie sagt: „ Frauen bewegen sich ständig auf einem schmalen Grat. Im Berufsleben wird beispielsweise Durchsetzungsvermögen verlangt. Das gilt allerdings immer noch als typisch männliche Eigenschaft. Zeigen sich Frauen durchsetzungsfähig, fallen sie somit aus dem erwarteten Rollenverhalten und werden hierfür möglicherweise negativ sanktioniert. Männer hingegen gelten als selbstbewusst, wenn sie ihre Interessen mit Nachdruck vertreten.“

Chancengleichheit

Wenn Frauen versuchen, männerdominierte Strukturen aufzubrechen , werden sie schnell als Störenfriede empfunden, haben mit Diskriminierungen zu kämpfen und stoßen immer noch an die sogenannte gläserne Decke. „Dabei geht es nicht darum, dass Männern etwas weggenommen werden soll, sondern um Chancengleichheit“, erklärt Schüßler.

Bevor die Sexismusdebatte vor Kurzem wieder angestoßen und zum bundesweiten Thema wurde, war das Problem für viele eigentlich schon vom Tisch. Doch auch Schüßler sagt: „Natürlich gibt es Fortschritte, aber eben noch keine Parität, deshalb ist die Debatte wichtig, sie sensibilisiert.“ Auch hält sie einen Rückschritt für möglich, wenn Sexismus nicht weiterhin thematisiert wird. „Gerade im Vergleich zu anderen Ländern, in denen die Gleichberechtigung noch nicht so weit fortgeschritten ist, wirken unsere Probleme vielleicht belanglos.“ Dies solle Frauen aber nicht davon abhalten, sich zukünftig für ihre Rechte einzusetzen und auf Diskriminierungen hinzuweisen. Selbst wenn sie dann in der Zicken-Schublade landeten und vielleicht plötzlich nicht mehr als lieb und nett oder warmherzig gälten, sollten sie sich nicht davon beeindrucken lassen. Denn: „Nicht die Frau steht in der Pflicht, sich aus der Schublade zu befreien, sondern in der Gesellschaft muss ein Umdenken stattfinden“, sagt Schüßler.

Weichei als Schimpfwort

Übrigens laufen natürlich auch Männer Gefahr, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. So können sie beispielsweise als Weichei wahrgenommen werden, wenn sie als Hausmann arbeiten oder nach der Heirat den Namen ihrer Frau annehmen möchten. Auch in vermeintlich modernen und gleichberechtigten Beziehungen ist es meistens die Frau, die ihren Namen aufgibt, nur selten der Mann. Astrid Schüßler glaubt, dass einige emanzipierte, junge Frauen ihren Mann vor den möglichen negativen Außenwirkungen schützen wollen, indem sie Namen abgeben. Gesellschaftlich ist ein solches Verhalten akzeptiert, die Rollenerwartung wird erfüllt. Gibt der Mann seinen Namen her, fällt er aus der Rolle und gilt im schlimmsten Fall als Weichei. Ähnlich verhalte es sich mit der Kindererziehung, so Schüßler. Auch hier werde es nach wie vor eher als Aufgabe der Frau rund um die Uhr für das Kind da zu sein. „Vätern hingegen wird es immer noch schwer gemacht, eine Elternzeit zu nehmen. Männer sind in diesem Punkt nicht gleichberechtigt und sehen sich mitunter Benachteiligungen im Berufsleben ausgesetzt“, sagt Schüßler.

Es geht letztlich also nicht um einen Kampf der Geschlechter. Vielmehr muss sich die Gesellschaft als solche wandeln und die alten, verkrusteten Strukturen und Rollenbildern aufbrechen. Die einzelne Person müsse im Vordergrund stehen, nicht eine Kette von stereotypen Eigenschaften und Erwartungen. Ein bisschen weniger Zicke, ein bisschen weniger Weichei - damit wäre schon einiges getan.


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