Tourismusgigant wird 10 Erfahrungsbericht: Wie mich eine gefälschte Airbnb-Seite 1700 Euro kostete

Von Tobias Bosse

Der erste Schock nachdem mir klar wurde, dass ich zum Betrugsopfer wurde, dürfte ungefähr so ausgesehen haben wie dieses nachgestellte Foto.Der erste Schock nachdem mir klar wurde, dass ich zum Betrugsopfer wurde, dürfte ungefähr so ausgesehen haben wie dieses nachgestellte Foto.

Hamburg. Bei der Wohnungssuche in Hamburg fiel Redakteur Tobias Bosse auf eine neuartige Betrugsmasche auf dem Portal Immobilienscout24 herein.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit völlig zum Idioten mache, werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die mir sowie meinem Intellekt zwar nicht gerade schmeichelt, aber Sie möglicherweise für vergleichbare Betrugsfälle sensibilisiert. Zumindest ist das, neben dem Unterhaltungswert dieses Erfahrungsberichts, meine Intention. Denn eines sage ich gleich: Helfen wird Ihnen niemand, wenn es erst passiert ist!

Jobsuche in Hamburg

Alles fing im Januar dieses Jahres damit an, dass ich ab Mai einen neuen Job in Hamburg angenommen hatte und somit meinen Umzug von Braunschweig in die Hansestadt planen musste. Das Problem: Ich musste das neben meinem aktuellen Job tun, was sich bei dem angespannten Hamburger Wohnungsmarkt noch schwieriger als ohnehin schon erwartet herausstellen sollte. 

Zehn Jahre Airbnb: Treibt der milliardenschwere Konzern Mieten in die Höhe?

Die Zeit verrann. Jeden Tag durchforstete ich das Internet nach neuen Angeboten, schluckte meinen Stolz runter und schrieb die immer gleichen schleimigen Mails an Vermieter und Verwalter, um das nahezu Unmögliche zu schaffen: Eine Wohnung in Hamburg zu bekommen. Doch es half nichts. Nicht mal, wenn ich meine Ansprüche ins Bodenlose runterschraubte. 

Schließlich entschied ich mich dazu, den vollmundigen Versprechungen des Internetportals Immobilienscout24.de Glauben zu schenken und eine Premium-Kundschaft abzuschließen. Mit dieser würde ich meine Chancen eine Wohnung zu finden deutlich verbessern, so die Beteuerung des virtuellen Wohnungvermittlers. Das war mir die knapp 30 Euro im Monat wert, denn inzwischen war es schon März und ich noch keinen Schritt weiter.

Airbnb-Angebot auf Immobilienscout24

Im April bekam ich dann langsam Panik. Es waren nur noch wenige Wochen bis ich meinen neuen Job antreten musste. Also intensivierte ich meine Bemühungen abermals und stieß auf ein ungewöhnliches Inserat: Denn hinter der Annonce auf Immobilienscout verbarg sich ein Link, der zu einer Einzimmerwohnung führte, die augenscheinlich über das Portal Airbnb angeboten wurde, nett aussah, halbwegs bezahlbar war und sogar in einem meiner bevorzugten Stadtteile – Eimsbüttel – lag. 

Zwar wusste ich, dass Wohnungen über Airbnb lediglich temporär zur Untermiete angeboten werden, aber was solls, dachte ich mir. Diese Skepsis konnte ich mir bei dem Zeitdruck nicht mehr leisten und folgte dem Link, der mich auf die vermeintliche Website von Airbnb führte. Ich bin selbst Mitglied bei Airbnb und habe dort auch schon diverse Unterkünfte für Urlaube oder Städtetrips erfolgreich gebucht. Warum sollte das nicht auch wenigstens zum Übergang für einige Monate hinhauen, wenn der Anbieter mitspielt, fragte ich mich und fand kein Gegenargument. 

Das Angebot stammte von einer Frau mittleren Alters, die ausschließlich positive Bewertungen für ihre kleine Wohnung im Profil stehen hatte. Auf ihrem Profilbild wirkte sie nett und vertrauenswürdig. Also kontaktierte ich sie per Mail, bekundete mein Interesse an einer langfristigen Untermiete und fragte, weshalb sie über Airbnb inserierte. 


Das Logo der Internetfirma ImmobilienScout24 hängt an der Verwaltung des Unternehmens in Berlin. Foto: dpa


Die Betrugs-Masche

Ein paar Stunden später antwortete sie mir, dass sie seit einiger Zeit in Spanien leben würde und weil ihre Tochter nun dort eingeschult worden sei, wäre eine mittelfristige Rückkehr nach Deutschland so gut wie ausgeschlossen. Demnach stünde einer Untermiete auf Dauer nichts im Wege. Die sonderbare Offerte über Airbnb erklärte sie mit schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit, die sie bei privaten Abwicklungen gemacht habe.

So habe es bereits öfter Interessenten für eine langfristige Untermiete gegeben, für die sie extra aus Spanien nach Hamburg gereist sei, um Besichtigungen durchzuführen und abschließende Formalitäten zu klären. Allerdings wären diese Interessenten immer wieder abgesprungen. Deshalb würde sie die Abwicklung nun über den Agenten-Service von Airbnb laufen lassen. Also erklärte sie mir, wie die folgenden Schritten aussehen würden, wenn ich mich für ihre Wohnung entscheiden sollte.

Warum hätte ich zweifeln sollen?

Sie schickte mir einen Link zu, der von Airbnb zu sein schien. Alles, aber auch wirklich alles auf diesen vermeintlichen Airbnb-Seiten war identisch mit der tatsächlichen Seite von Airbnb. Es war bis auf vereinzelte Sonderzeichen am Ende der URL dieselbe Internetadresse, dasselbe Design, dieselbe Schriftart und ich war sogar direkt mit meinem Airbnb-Profil inklusive meines Fotos eingeloggt. Warum hätte ich zweifeln sollen?

Naja, jedenfalls verbarg sich hinter diesem Link ein Countdown, der nach 48 Stunden ablief. Binnen dieser Zeit sollte ich die Kaution plus der ersten Monatsmiete an Airbnb überweisen, dann würde ich den Zuschlag für die Wohnung erhalten. Anschließend sollte ein Airbnb-Agent die Schlüsselübergabe und alles weitere mit mir vor Ort klären. Es wirkte schlüssig und ich dachte, dass ich durch Airbnb abgesichert wäre, sollte sich die Dame doch als Betrügerin herausstellen. Denn bei einer Anmeldung über Airbnb muss man seinen Personalausweis einscannen und übermitteln, so dass das Portal bei Betrugsfällen sich nicht nur um eine Rückerstattung kümmert, sondern auch darum, dass der Betrüger angezeigt wird.

Dennoch, von so einer Vorgehensweise hatte ich zuvor noch nie gehört und spätestens in diesem Moment hätten auch alle Warnglocken bei mir klingeln sollen, aber ich wollte es unbedingt glauben. Ich wollte dieses leidige Thema der Wohnungssuche hinter mit lassen und in genau diese Räume einziehen – Gott, wie naiv ich war! Mein Stiefvater war die Stimme der Vernunft, er plädierte dafür, zunächst mehr Informationen einzuholen. 

Na gut, dachte ich mir und schickte einen Freund aus Hamburg bei der Wohnung vorbei, um sich von der Wahrhaftigkeit des Angebots zu überzeugen. Natürlich öffnete niemand die Tür, aber von außen war alles wie im Angebot und auf Fotos beschrieben, selbst der Name auf dem Klingelschild stimmte mit dem der Anbieterin überein. Mehr brauchte ich nun wirklich nicht. Also raus mit der Kohle auf ein Konto in Irland. Das mag zwar zunächst auch verdächtig wirken, vor dem Hintergrund, dass der Firmensitz von Airbnb in Europa aber in Irland ist, klingt es schon logischer. Zumindest logisch genug, um mich davon nicht aufhalten zu lassen. 


So wirbt Airbnb auf seiner Webseite - in privaten Unterkünften sollen sich die Gäste ganz wie zu Hause fühlen. Foto: dpa


Erst der Schock, dann die Wut

Am nächsten Tag checkte ich mein Mailfach, um nach einer Bestätigung meiner Überweisung zu suchen. Doch ich fand keine und rief bei meiner Bank an. Dort sagte man mir, dass das Geld angekommen sei. Also schrieb ich die Anbieterin in Spanien an, ob sie etwas von Airbnb über meine Transaktion gehört hätte. Sie antwortete, dass es laut Airbnb Probleme bei der Überweisung gegeben hätte und das Geld auf dem Weg zurück auf mein Konto sei. Deshalb müsste ich das Geld nochmal überweisen. 

In genau diesem Moment dämmerte es mir. Hektisch zimmerte ich auf die Buchstaben meiner Tatstatur ein, um das zu tun, was ich schon längst hätte tun sollen und mir mein Berufsethos auch gebietet: gründlich recherchieren. Tatsächlich dauerte es nicht lange bis ich in Foren auf diverse Erfahrungsberichte stieß, die nahezu komplett mit meinem übereinstimmten. Mir fiel alles aus dem Gesicht. Das war die Bestätigung für mich, dass ich mein Geld nie wieder sehen würde, geschweige denn eine Wohnung in Hamburg sicher habe. 

Die Wut auf mich selbst wurde schnell immer größer. Ich fing einfach an zu schreien und schlug meine Wohnzimmertür fast komplett kaputt. Alles egal jetzt, dachte ich mir. Umgehend rief ich bei meiner Bank an und klärte, ob es eine Chance gebe das Geld zurückzuholen oder wenigstens aufzuspüren wohin es gegangen ist. Aber Pustekuchen. Nach einiger Bearbeitungszeit teilte man mir mit, dass ich einer ziemlich professionellen Betrugsmasche zum Opfer gefallen sei. "Ach Quatsch, ist das so?", sagte ich der netten Bankmitarbeiterin, die meinen Frust natürlich völlig zu Unrecht abbekam. 

Ich überlegte, was mir noch für Optionen bleiben und kam auf die Idee, die Betrüger zu betrügen. Also schrieb ich der doppelzüngigen Spanierin – wahrscheinlich war es eher irgendein 20-jähriger Hacker –, dass ich bereit wäre, das Geld erneut zu überweisen, aber erst wenn das Geld von der ersten Überweisung wieder auf meinem Konto eingegangen wäre, weil ich sonst nicht ausreichend verfügbares Kapital hätte. Und sollte sie mir die Wohnung solange blocken, würde ich nochmal 500 Euro oben drauf legen. 

Doch offensichtlich tauge ich nicht zum Betrüger. Eine Antwort habe ich auf jeden Fall nie erhalten. Auch das Inserat auf Immobilienscout war, nachdem es dort mehr als einer Woche online war, direkt verschwunden und sogar die Inhalte des gesamten Mailverkehrs mit der gefakten Spanierin waren von meinem Laptop gelöscht. Alles weg. Was nun?




Du wirst völlig allein gelassen

Klar, ich hätte Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei erstatten können. Die Erfolgsaussichten seien allerdings äußerst gering, sagte man mir dort. Bei Airbnb, denen diese Masche bereits bekannt ist, übernimmt man grundsätzlich keine Haftung für Transaktionen, die nicht über ihre Plattform abgewickelt werden. Auf Nachfrage erklärte mir ein Pressesprecher, dass man stets bemüht sei, solche gefälschten Seiten zu identifizieren und unmittelbar vom Netz zu nehmen. Jedoch könne man nicht das gesamte Internet dauerhaft überwachen. Man sei dabei auch auf die Hilfe von anderen Plattformen angewiesen und in diesem konkreten Fall sei Immobilienscout24.de der Ansprechpartner. Schließlich befand sich das Betrugs-Objekt auf ihrer Plattform und zwar mehr als eine Woche lang. 

Obendrein war ich dort auch noch Premium-Kunde und habe knapp 30 Euro im Monat für den Service der Online-Plattform bezahlt. Da wird ja wohl eine Versicherung für solche Betrugsfälle, die offenbar durch die interne Sicherheitskontrolle gerutscht sind, inklusive sein oder was? Aber nein, ist es nicht, erklärte mir eine Sprecherin von Immobilienscout24.de. Schließlich hätte man mit dem Geschäftsabschluss ja nichts zu tun,  müsse ohnehin nicht jedes Inserat auf betrügerische Absichten überprüfen und wisse auch gar nicht, "ob ein Versicherungsschutz bei Straftaten überhaupt auf dem Markt angeboten wird", lautete die Argumentation. 

"Wir agieren nicht als Vermittler"

Diese erschloss sich mir allerdings nicht. Letztendlich führt Immobilienscout Anbieter und Nachfrager ja als Vermittler zusammen. Allerdings versteht Immobilienscout24 sich selbst nicht als solcher: "Wir fungieren als Online-Marktplatz lediglich als Schnittstelle zwischen Anbietern und Nachfragern. Wir sind weder für die Kommunikation noch für die Transaktion zwischen Anbieter und Suchenden verantwortlich. Wir agieren nicht als Vermittler", erklärt eine Pressesprecherin.

Nach Angaben des Unternehmens bewegt sich die Anzahl der Betrugsobjekte im "sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich". Stellt man diese Prozentzahl aber in den Kontext von "500.000 verschiedenen Immobilienangeboten", die nach Unternehmensangaben pro Monat bei Immobilienscout hochgeladen werden, sprechen wir von 5000 bis 15.000 Betrugsfällen pro Monat. 

Dieses Bild zeichnet sich auch im Internet ab, dort gibt es unzählige vergleichbare Betrugsopfer, die ihrem Ärger Luft machen und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Betrüger betrügen weiter, um gutgläubige, unerfahrene, naive oder schlicht gestresste Menschen bei der Wohnungssuche abzuzocken. Für die nötige Sicherheit zu sorgen, "gleicht leider oftmals einem 'Katz-und-Maus-Spiel', da die Betrüger sich immer wieder neue Tricks einfallen lassen", rechtfertigt die Unternehmenssprecherin von Immobilienscout24 und betont, dass man "mit hohem Aufwand verbeugend tätig" sei und kontinuierlich daran arbeite, die Prozesse zu optimieren.

In meinem Fall hat sich auch ohne die Hilfe von Immobilienscout24 alles zum Guten gewandt. Naja, die 1700 Euro bin ich natürlich los und werde sie auch nicht wiedersehen, aber dafür konnte ich die Wohnung eines befreundeten Pärchens übernehmen und habe so schließlich doch noch rechtzeitig meine Traumwohnung in Eimsbüttel bezogen.


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