Musikfestivals Über die Kunst, die richtigen Bands zu buchen: „Das M‘era Luna ist wie ein indisches Curry“

Von Melanie Heike Schmidt


Osnabrück. Stephan Thanscheidt kennt sie alle – die Bands, die bei Musikfestivals wie „Hurricane“ und Co. auf den Bühnen stehen, denn er ist Booker und CEO bei Festivalorganisator FKP Scorpio. Auch das Line-up für das bevorstehende Gothic-Festival „M’era Luna“ mit 25.000 Besuchern aus aller Welt stammt aus seiner Feder. Wir haben mit Thanscheidt über die Kunst der richtigen Bandauswahl gesprochen.

Herr Thanscheidt, über kaum etwas diskutieren Festivalbesucher leidenschaftlicher als über die Bandauswahl und den Zeitplan – Essen, Trinken und das Wetter mal ausgenommen. Da macht das Gothic-Festival „M’era Luna“ in Hildesheim keine Ausnahme. Wahlweise sind die kleineren Bands zu unbekannt, die Headliner zu mainstreamig oder die Lieblingsband spielt parallel zur anderen Lieblingsband oder am falschen Tag oder auf der falschen Bühne oder gar nicht oder oder oder... Die Liste ist endlos. Ärgert Sie das? Und wie reagieren Sie auf solche Kritik?

Nein, das ärgert uns nicht – aus zwei Gründen: Zum einen wissen wir aufgrund unserer Besucherumfragen, die auch Bandwünsche enthalten, dass unsere Line-ups den Geschmack der überwältigenden Mehrheit treffen. Und zum anderen ist uns der Dialog mit unseren Besuchern wirklich wichtig. Die schwarze Szene zeichnet sich auch dadurch aus, dass ihre Mitglieder eine sehr hohe Bindung zu ihren Lieblingsbands haben. Da ist es nur natürlich, dass sich manche für ihre Lieblingskünstler starkmachen. Aber wie gesagt: Wir wissen, dass die Mehrheit sehr zufrieden mit der programmatischen Ausrichtung ist.

Wenn die Bandauswahl für das „M’era Luna“ ein Rezept wäre, welche Zutaten bräuchte man?

Um im Bild zu bleiben: Es wäre ein Gericht, das nicht jeder einfach nachkochen könnte, da es mindestens genauso viele Zutaten und Gewürze enthält wie ein indisches Curry. Gothic Rock, Industrial, EBM, Futurepop, Darkwave, Neo-Folk oder Neue Deutsche Härte sind nur einige Zutaten. Die Szene hat einen sehr viel ausdifferenzierteren Geschmack als Außenstehende ahnen.

Sie wählen auch die Bands für andere Festivals aus. Inwiefern unterscheidet sich das „M’era Luna“ als weltgrößtes Festival speziell für die schwarze Szene von anderen, ‚normalen‘ Festivals?

Das „M’era Luna“ hat ein vergleichsweise spitze Zielgruppe. Daran orientiert sich die Bandauswahl. Stellt man dies Festivals wie dem „Hurricane“ oder dem „A Summer’s Tale“ gegenüber, sieht man recht schnell, dass das Publikum dort gemischter ist, weniger auf eine bestimmte Szene eingeschworen. So sind dann auch die Hörgewohnheiten weniger homogen, und man geht bei der Bandauswahl anders vor, bietet Genres an, die einander vor Ort stimmig ergänzen. Beim „M’era Luna“ wäre ein Hip-Hop-Act vollkommen deplatziert, beim „Hurricane“ funktioniert er hingegen sehr gut. Übrigens gibt es auch Künstler, die auf beiden Veranstaltungen Begeisterungsstürme ernten, wie etwa The Prodigy.

Unterscheidet sich auch das Publikum – von der Optik mal abgesehen? Inwiefern?

Die Atmosphäre beim „M’era Luna“ ist immer einzigartig. Die schwarze Szene ist von einem starken Zusammenhalt, einem hohen Maß an Toleranz und einer beeindruckenden Individualität geprägt. Das ist jedes Jahr wieder ein tolles Erlebnis für mich und die ganze Crew.

Ein spezielles Publikum verlangt spezielle Musik: Das Booking für das Gothic-Festival „M’era Luna“, das am kommenden Wochenende in Hildesheim steigt, unterscheidet sich von dem von anderen Festivals wie „Hurricane“ oder „A Summer’s Tale“. Foto: dpa

Wie finden und entdecken Sie kleinere Bands? Über Konzerte, Bewerbungen direkt bei Ihnen, übers Internet?

Ja, damit ist eigentlich schon alles gesagt. Wir beobachten die Szene genau und bieten ja auch selbst Nachwuchs-Talenten mit unserem eigenen Bandwettbewerb ein Sprungbrett.

Gibt es eine Band, die Sie als „mein Baby“ bezeichnen würden? Also eine Band, die Sie schon lange begleitet und die über die Jahre mit dem „M’era Luna“ immer größter geworden ist?

Es gab über die Jahre viele Bands, die wir in ihrer Karriere begleitet und mit aufgebaut haben. Einen einzelnen Act herauszupicken ist schwierig, aber es gehört mit zu den schönsten Momenten, wenn man miteinander wächst.

Merkt man als Booker sofort, ob eine Band Hit-Potenzial hat oder nicht? Wie?

Da kommen viele Faktoren wie Musikalität, Auftreten, Innovationskraft oder Entwicklungspotenzial zusammen. Wir können uns, obwohl wir nicht in die Zukunft schauen können, daher schon eine informierte Prognose erlauben.

Die schwarze Szene definiert sich über die Musik – die allerdings vielfältig wie in kaum einer anderen Szene ist. Wie gelingt der Spagat, alle zufriedenzustellen?

Es braucht viel Erfahrung und ein Händchen für die richtige Mischung aus musikalischen Subgenres, Newcomern und populären Künstlern. Das ist auch über die schwarze Szene hinaus eine wichtige Grundvoraussetzung.

Viele in der Szene legen großen Wert auf ihren besonderen Stil, das gilt auch für die meisten Szene-Bands, die sich teils aufwendig stylen und ausgefeilte Bühnenshows zeigen. Wie wichtig ist das Aussehen der Künstler für den Erfolg?

Man kann hier grundsätzlich sagen, dass immer das Gesamtpaket stimmen muss. Das aufwändigste Styling bringt nichts, wenn es musikalisch dünn ist. Die Musik sollte unterm Strich immer das größte Gewicht haben.

Welche Band soll unbedingt einmal beim „M’era Luna“ auftreten, war aber noch nie da?

The Cure würden wir sehr gerne mal präsentieren – mal sehen, ob das irgendwann realistisch wird.

Hören Sie privat auch Musik oder sind Sie heilfroh, wenn es mal richtig still ist?

Nein, meine Liebe zur Musik ist ungebrochen und einer der wichtigsten Bestandteile meines Lebens.

Zum Schluss ein Blick ins Nähkästchen: Bei rund 40 Bands, die Jahr für Jahr beim „M’era Luna“ auftreten, läuft sicher auch mal was schief. Erzählen Sie doch mal...

Ach, da gab es über die Jahre viele Geschichten: von auf Autobahnraststätten vergessenen Sängern über Pyro-Installationen, welche alle Alarmanlagen der Autos auf dem Parkplatz ausgelöst haben über am Vorabend vergessene Anhänger, die das gesamte Equipment enthielten oder Vulkanausbrüche, wegen denen der Flugverkehr eingestellt wurde, bis hin zu verwechselten Festivals, Spieltagen und sonstiger verplanter Reiseplanung.


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