Festival „M‘era Luna“ Bestseller-Autoren über Gruftis: „Lustige und höfliche Menschen“

Von Melanie Heike Schmidt


Osnabrück. 25.000 Gothic-Anhänger aus aller Welt streichen sich Jahr für Jahr den zweiten Freitag im August schwarz im Kalender an. Denn dann reisen sie ins niedersächsische Hildesheim, um gemeinsam das zahlenmäßig weltgrößte Gothic-Festival zu feiern: das „M‘era Luna“. Stets dabei: die Bestseller-Autoren und Szene-Lieblinge Markus Heitz und Christian von Aster. Wir haben beiden Autoren die gleichen Fragen zu diesem außergewöhnlichen Event gestellt. Hier ihre – nicht immer ganz ernst gemeinten – Antworten:

Markus Heitz und Christian von Aster, vielen Dank, dass Ihr einige Fragen zum diesjährigen Gothic-Festival „M’era Luna“ in Hildesheim beantwortet. Los geht’s: Jedes Jahr findet am Freitag vor dem „M’era Luna“ die traditionelle Auftakt-Lesung statt, bei der Ihr fest gebucht seid. Inwiefern unterscheidet sich diese von den Lesungen, die Ihr sonst das Jahr über bestreitet?

Von Aster: Zunächst einmal im Hinblick auf die Atmosphäre und die Größe von Publikum und Austragungsort. Weil nämlich die wenigsten Lesungen weder in Flugzeughangars noch im Vorfeld eines Festivals stattfinden. In diesem Fall bedeutet das vor allem ein vierstelliges Publikum, eine völlig promilleuntypische Disziplin und einen eindrucksvollen Lesesessel auf der Bühne, der aufgrund seines exquisiten Managements mehr Gage als die Autoren bekommt.

Heitz: Das geht schon mit der Menge an Leuten los – 2500 Zuhörer und Zuhörerinnen. Auf einmal. Live und vor einem. Das ist mal eine andere Hausnummer als die üblichen Lesungen, bei denen mein Mittel irgendwo zwischen 50 und 70 liegt. Dann sitzen wir in einem Hangar, und ich habe 35 Minuten. Festival eben. Und jedes Jahr freue ich mich drauf, weil es etwas ganz Besonderes ist. Es wird SEHR aufmerksam zugehört.

Wie wählt Ihr aus, was Ihr an diesem Abend lest? Verlangt die schwarze Szene nach anderen, besonderen Themen? Welche sind das? Und warum ist das wohl so?

Von Aster: Ich befleißige mich für die Auswahl der Texte eines veganen aztekischen Losverfahrens, das zu kompliziert ist, um es hier näher zu erläutern. Das Kontingent bilden dabei Texte, die neu oder angetan sind, an einem größeren Publikum nachhaltig erprobt zu werden. Wobei ich besagte ‚schwarze Szene‘ alljährlich mit einer garstigen Glosse konfrontiere, was aber tatsächlich eher meiner eigenen Erbauung dient. Obwohl man natürlich auch diese Szene, wie jede andere auch, durchaus mit einem Kanon stetig widerkehrender und gern gesehener und identifikationstauglicher Motive erfreuen kann. Was wir jedoch aus unerfindlichen Gründen regelmäßig versäumen.

Heitz: Die Zuhörerschaft ist vielseitig interessiert und vor allem neugierig auf gute Geschichten. Das sieht man der Mischung aus Phantastik, Poetry-Slam und Stand-up und danach wiederum dezidiert schwarz-launigen Stories, die bei den Gothics extrem gut ankommen, weil es viele Insider-Anspielungen gibt. Der Mix macht es. Diese Art von Lesung würde dennoch auch außerhalb des Festivals funktionieren. Bin ich vollkommen überzeugt von. Und mir zeigt es, dass es um Literatur nicht ganz so schlecht bestellt ist. Die Darreichungsform spielt dabei weniger eine Rolle.

Ihr habt viele Fans auch außerhalb der schwarzen Szene, fungiert also quasi als Mittler oder wenigstens Bindeglied. Wie erklärt Ihr Außenstehenden, was Gruftis sind beziehungsweise was diese geheimnisvolle Gothic-Szene überhaupt ist?

Von Aster: Sehr behutsam. Und stets den intellektuellen und emotionalen Kapazitäten entsprechend.

Heitz: DAS ist immer das Schwerste, vor allem weil es bei jedem ein anderer Aspekt sein kann, weswegen er sich für Gothic-Sein entschieden hat. Früher war es etwas mehr inhaltlich aufgeladen (Schwarz als Protest, Vergänglichkeit), danach bewegte sich viel über das Äußere (edle und opulente Outfits), und inzwischen ist es ein Mix. Auch die musikalische Bandbreite ist enorm, von Klassik über Spaß-Mittelalter-Bands hin zu Elektro-Musik und experimentellen Gruppen. Für mich geht die Suche nach neuen Strömungen gerne weiter. Auch das war stets Teil der „Szene“.

Wo wir gerade beim Thema Vorurteile gegenüber der Gothic-Szene sind: Schlaft Ihr eigentlich im Sarg?

Von Aster: Nein. Ich bevorzuge es, dabei kopfüber von der Decke zu hängen.

Heitz: (lacht) Das wäre mir zu unbequem. Die wenigsten bestätigen die Klischees, abgesehen von der schwarzen Kleidung. Mir erleichtert es zudem unsagbar die Frage, was ich heute anziehe. Schwarz mit Schwarz oder lieber das hellere Schwarz? Und die meisten Gruftis sind sehr lebensfrohe, lustige und höfliche Menschen. Sieht man auch daran, dass es auf einem Festival wir dem „M’era Luna“ bei 25.000 Menschen keine Schlägereien oder dergleichen gibt. Deswegen machen die Securitys so gerne Dienst hier.

Wenn man über viele Jahre Fantasy-Literatur schreibt, sehnt man sich nicht irgendwann mal nach realem Stoff?

Von Aster: Da ich von Zeit zu Zeit versehentlich auch als Satiriker arbeite, bin ich in Kolumnen, Glossen und Realität derart ausreichend mit realem Stoff versorgt, dass mir die Frage andersrum erstaunlicherweise genau so sinnvoll schien.

Heitz: Habe ich alles schon gemacht, inklusive politischen Dingen namens „Kommando Flächenbrand“. Überraschung, was? Und genau DAS ist das Phänomenale an meinem Beruf – unendliche Möglichkeiten, und Ideen sind noch tonnenweise vorhanden. Ich bräuchte, streng genommen, mehr Stunden pro Tag. Sonst … wird es eng. Man lebt ja nicht ewig. Vergänglichkeit und so.

Mit jedem Jahr werdet Ihr – genau wie Eure Fans der ersten Stunden – ein Jahr älter. Zugleich tauchen auch bei der „M’era Luna“-Lesung immer wieder sehr junge Szene-Neuzugänge auf. Wer hat mehr Fantasie, Ältere oder Jüngere?

Von Aster: Fantasie ist meines Erachtens und meiner Erfahrung nach grundsätzlich etwas Individuelles und dabei von den meisten Faktoren unabhängig. Ihre Grundvoraussetzungen sind allenfalls Neugier und freies Denken, wie ich sie im Generationskontext nicht zu beurteilen wagen würde.

Heitz: Das Alter spielt bei Fantasie NIE eine Rolle. Perfekt, oder? Man könnte höchstens unterscheiden, dass manche mehr klassische fantastische Stoffe bevorzugen, andere auf der Suche nach vollkommen Neuem sind. Und dabei geht es quer durch alle Altersklassen.

Bleibt Ihr nach der Lesung beim „M’era Luna“ und schaut Euch vielleicht auch einige Bands an? Welche?

Von Aster: Ich werde des nachts noch ein wenig gepflegt Konversation betreiben und Samstag bedauerlichweise schon wieder außerordentlich abreisig sein.

Heitz: Ich nehme immer das gesamte Festival mit. Seit Jahren.


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