Weiteres Urteil Lange Haftstrafen für Mutter und Freund in Freiburger Missbrauchsprozess

Von dpa, Louisa Riepe und Stefanie Witte

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Die Mutter des Jungen (links) gemeinsam mit ihrem Partner (rechts) und den Verteidigern Martina Nägele und Matthias Wagner. Foto: dpa/Patrick SeegerDie Mutter des Jungen (links) gemeinsam mit ihrem Partner (rechts) und den Verteidigern Martina Nägele und Matthias Wagner. Foto: dpa/Patrick Seeger

Freiburg. In einem der weitreichendsten Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs ist ein Urteil gegen die Mutter des Jungen und ihren Partner gefallen.

In einem der bundesweit schwersten je bekanntgewordenen Fälle von Kindesmissbrauch müssen die Mutter des Opfers und ihr Partner viele Jahre ins Gefängnis. Die 48 Jahre alte Frau wurde am Dienstag vor dem Landgericht Freiburg zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt – wegen Vergewaltigung, sexuellen Missbrauchs sowie Zwangsprostitution ihres Sohnes. Gegen den Lebensgefährten der Frau, einen einschlägig vorbestraften 39-Jährigen, verhängten die Richter eine Strafe von zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Damit kommt der Mann auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe erstmal nicht frei.

Das Paar aus dem badischen Staufen hatte den heute Zehnjährigen mehr als zwei Jahre vielfach vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Dafür wurde das Kind via Darknet, einem anonymen Bereich des Internet, auch an Männer aus dem In- und Ausland verkauft. Die beiden Verurteilten sollen insgesamt 42.500 Euro Schmerzensgeld an den Jungen sowie an ein weiteres Opfer, ein kleines Mädchen, zahlen.

Ungewöhnliche Täterschaft

Angeklagt waren zum Teil schwerste Sexualverbrechen an dem Jungen sowie Zwangsprostitution in jeweils etwa 60 Fällen. Den beiden Deutschen war dabei auch der Missbrauch einer Dreijährigen zur Last gelegt worden. Fast alle Taten waren gefilmt und auch im Darknet verbreitet worden. Die darauf gezeigten Taten und das Ausmaß des Falles hatten Ermittler an ihre Grenzen gebracht

Ungewöhnlich war auch die Täterschaft: Dass eine Mutter Vergewaltigungen des eigenen Kindes nicht nur vertuscht und deckt, sondern sich am Missbrauch auch aktiv beteiligt und dafür verurteilt wird, kommt sehr selten vor.  „Mir ist kein Fall bekannt, in dem eine Mutter mit einer derartigen Brutalität und emotionalen Gleichgültigkeit vorgegangen wäre“, sagte dazu Christian Pfeiffer, der ehemalige Direktor des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, unserer Redaktion. 

In der Regel seien Mütter an Sexualstraftaten eher passiv beteiligt, „sie lassen beispielsweise ihren Partner aus Angst gewähren“, zitierte Pfeiffer entsprechende Studien. „Dass die Mutter hier so aktiv an dem Missbrauch teilgenommen hat, ist sehr ungewöhnlich.“ Dadurch sieht er auch Jugendamt und Justiz, die lange Zeit nicht eingegriffen hatten, zum Teil entlastet: „Niemand hat ernsthaft glauben wollen, dass diese Frau ihren Sohn selbst verkauft.“ 

Die 48-Jährige hatte die Taten eingeräumt, über ihre Motive aber weitgehend geschwiegen. Der 39 Jahre alte Lebensgefährte gestand ebenfalls, sagte im Verlauf des achtwöchigen Prozesses aber auch ausführlich aus.

Kritik an den Behörden

Die Behörden waren in die Kritik geraten, weil sie das Martyrium des Jungen möglicherweise zumindest früher hätten beenden können. So hatte man sich vor einem Familiengericht nur auf die Mutter verlassen. Der Junge war nicht befragt worden. Der Weiße Ring fordert vor diesem Hintergrund mehr Sensibilität vonseiten der Behörden. Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer sagte unserer Redaktion: „Der Staat muss auch Behördenmitarbeiter besser ausbilden, damit sichergestellt ist, dass unschuldige Kinder perversen Kriminellen nicht ausgeliefert sind – schon gar nicht über einen längeren Zeitraum.“ 

Gleichzeitig müsse Kindern durch Prävention vermittelt werden, dass sie das Recht haben, Nein zu sagen. Außerdem gelte es, tradierte Denkmuster und Rollenbilder zu durchbrechen. „Viele glauben: Was im eigenen Zuhause passiert, soll nicht nach außen dringen. Was in der Familie passiert, geht Außenstehende nichts an. So etwas ist natürlich fatal und kann dramatische Konsequenzen nach sich ziehen“, sagte Biwer. 


Bereits mehrere Männer verurteilt

Es ist nicht das erste Urteil, das im Zusammenhang mit dem jahrelangen Missbrauch des Jungen gefallen ist. Es standen in diesem Jahr bereits sechs Männer vor Gericht: Im April wurde ein 41-Jähriger zu zehn Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung und 12.500 Euro Schmerzensgeld für das Opfer verurteilt. Ein Bundeswehrsoldat muss acht Jahre ins Gefängnis und ebenfalls 12.500 Euro an den Jungen zahlen. Sieben Jahre und drei Monate Haft verhängte das Kieler Landgericht gegen einen 32-Jährigen aus Neumünster, der seine Tochter vergewaltigt hatte. Er flog im Zuge der Freiburger Ermittlungen auf, am Missbrauch des Jungen in Staufen war der Mann nicht beteiligt.

Acht Jahre Haft und Sicherungsverwahrung erwarten einen 44 Jahre alten Elektriker aus Schleswig-Holstein laut Urteil des Landgerichts Karlsruhe. Der einschlägig Vorbestrafte tappte in die Falle, bevor es zum Missbrauch kam. Neun Jahre Gefängnis, Sicherungsverwahrung und 14.000 Euro Schmerzensgeld verhängt das Freiburger Gericht gegen einen 37-Jährigen aus der Schweiz. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Am 6. August wurde zudem ein 33-jähriger Spanier zu zehn Jahren Haft und 18.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Freiburger Staatsanwaltschaft hatte zwölf Jahre Gefängnis und unter Vorbehalt Sicherungsverwahrung gefordert.


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