Erlebnisse eines Betroffenen Todkrank mit 17 Jahren: Wie der Krebs mich gesünder machte

Von Tobias Bosse

Ramon Hoffmann hat den Krebs besiegt und ist dadurch ein gesünderer Mensch geworden. Foto: Timo HoffmannRamon Hoffmann hat den Krebs besiegt und ist dadurch ein gesünderer Mensch geworden. Foto: Timo Hoffmann

Hamburg. Ramon Hoffmann steckte mitten im Abi, als der Krebs in sein Leben trat. Eine Wendung, die sich anders auswirkte, als man es erwarten würde.

Ramon Hoffmann war 17 Jahre jung, als der Albtraum eines jeden Menschen für ihn zur Realität wurde – Diagnose: Krebs. An viel erinnert er sich nicht mehr, was ihm durch den Kopf schoss, als er davon erfuhr, außer: "Ich wollte schon gerne 18 Jahre alt werden!" 

Es ist der Sommer 2007. Ramon ist in der 12. Klasse der Robert-Koch-Schule seines Geburtsortes Clausthal-Zellerfeld im Oberharz und bereitet sich gedanklich auf sein letztes Schuljahr vor. Hilfsbereit, wie man in verträumten Kleinstädten wie Clausthal noch ist, erklärt er sich gemeinsam mit Mitschülern bereit, seinem Lehrer beim Umzug zu helfen. Alles lief gut, aber später am Abend spürte Ramon wahnsinnige Schmerzen im Rücken. "Für mich war das nach dem Umzug nichts Außergewöhnliches, aber als die Schmerzen nicht aufhörten, sondern immer schlimmer wurden, bin ich zu meinem Hausarzt gegangen."


Also ist es Krebs oder was? Darauf sagte sie: Ja." Ramon Hoffmann


Die Oma hatte den richtigen Riecher

Dort wurden Ramons Schmerzen jedoch bagatellisiert. Er bekam eine Reizstromtherapie und wurde wieder nach Hause geschickt. Zusätzlich schluckte er Schmerztabletten "wie Bonbons, die jedoch nichts genützt haben". Irgendwann, als die Schmerzen kaum noch auszuhalten waren, suchte Ramon mit seiner Familie das Krankenhaus in Goslar auf, um ein MRT machen zu lassen. Dort wurde eine Entzündung am Wirbel festgestellt, die Druck auf das Rückenmark ausübe und dadurch starke Schmerzen verursache, wurde ihm mitgeteilt. Eine Operation sei zwar nötig, hätte aber noch Zeit. "Meine Oma sah das allerdings anders und fuhr mich noch am selben Abend in ein anderes Krankenhaus nach Seesen." 

Und damit lag die Großmutter goldrichtig. Denn in Seesen teilte man die Auffassung, wonach die Operation noch Zeit hätte, ganz und gar nicht. Innerhalb weniger Stunden kam Ramon unters Messer. "Mir wurde gesagt, die Situation sei absolut lebensgefährlich und dass wir nicht mehr warten könnten." Mehr als acht Stunden dauerte die Operation an Ramons Wirbelsäule, um die Raumforderung zu entfernen, die auf das Rückenmark drückte und ihn beinahe auf Lebenszeit in den Rollstuhl verfrachtet hätte. Anschließend wurde das entnommene Gewebe überprüft. "Die Ärztin versuchte mir äußerst schonend beizubringen, dass in meinem Körper Zellen wachsen, die dort nicht wachsen dürfen und ich habe dann irgendwann gefragt: Also ist es Krebs oder was? Darauf sagte sie: Ja." 

Glück im Unglück

Es handelte sich um Lymphdrüsenkrebs oder auch Morbus Hodgkin genannt. Das ist eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Und weil sich Lymphgewebe im gesamten Körper befindet, kann der Krebs auch überall auftreten. Diese Krebserkrankung ist im Vergleich zu anderen eher selten, tritt allerdings häufig bei jungen Erwachsenen auf. So wie bei Ramon, der allerdings noch Glück im Unglück hatte. Denn durch die Rückenschmerzen wurde der Krebs zumindest früh erkannt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nämlich schon weitere tumoröse Lymphknoten an Brust, Achsel und Hüfte, die sonst auf unbestimmte Zeit unentdeckt geblieben wären. 

Zur weiteren ärztlichen Betreuung wurde Ramon wieder zurück nach Goslar verlegt. Nach einigen Untersuchungen inklusive Knochenmarkbiopsie kam heraus, dass der Krebs sich bereits im dritten von vier Stadien befand. Auf der folgenden Tumorkonferenz – Behandlungsplanung mit Experten aus verschiedenen Fachrichtungen – wurde dann beschlossen, wie Ramons Krebs bekämpft werden soll. "Mein Onkologe, Dr. Zahn, hat sich mit mir hingesetzt und mir von Anfang an den Rücken gestärkt. Ich kann kaum in Worte fassen, wie großartig er sich um mich gekümmert hat. Nach kurzer Zeit hat er mir sogar seine Handynummer gegeben und mich wissen lassen, dass ich mich jederzeit bei ihm melden könne."

Erlösung im Eiscafé

Kurz vor Ramons 18. Geburtstag war es dann soweit, die Chemotherapie startete und dauerte ein gutes halbes Jahr an. "In einem Monat gab es vier Tage wo ich an Schläuche angeschlossen wurde und die Chemo in mich hinein floss. In der Zwischenzeit nahm ich Tabletten. Die Therapie erfolgte teils stationär, teils ambulant. Je nachdem, wie gut ich die Chemo vertrug." Schnell zeigte sich, dass Ramon die Chemo nicht nur gut vertrug, sondern sie auch sehr gut anschlug. Trotzdem blieb ein Restrisiko und bei Ramon die Angst, als Teenager zu sterben. 

Nach seiner Abschlussuntersuchung teilte ihm sein Arzt mit, wann er sich mit dem endgültigen Ergebnis bei ihm melden werde. "Ich saß damals mit zwei Freundinnen im Eiscafé bei uns in Clausthal und wusste, dass der Anruf kommen würde", erinnert er sich. Dr. Zahn rief an und sprach die Worte, die jeder Krebspatient hofft irgendwann zu hören: "Sie sind absolut krebsfrei." Glücklicher konnte der 18-Jährige in diesem Moment nicht sein, meint man, liegt damit aber daneben: "Natürlich habe ich mich unendlich über diese Nachricht gefreut, mir ist alles aus dem Gesicht gefallen, aber damit war die Geschichte noch nicht vorbei für mich. Der kleine Mann im Ohr sagte mir, ich müsste jetzt mein Leben und vor allem meinen Körper wieder in den Griff bekommen."


Ramon nach der Chemo (links) und Ramon heute (rechts).


Wirklich sportlich war Ramon noch nie gewesen, richtig übergewichtig jedoch auch nicht. Während der Chemo hatte er aber gut 25 Kilogramm zugenommen, so dass er bei einer Körpergröße von 1,72 Meter rund 105 Kilogramm auf die Waage brachte. "Ich war während der Chemo sogar im Fitnessstudio angemeldet, hatte aber auch kaum Tage, an denen ich mich in der Lage gefühlt hätte, mich sportlich zu betätigen." Das sollte sich nun ändern. Auf der Reha in Bad Gandersheim purzelten Dank eines Ernährungs- und Trainingsplans die ersten Kilos. "Das war in erster Linie das Wasser, was ich dort verlor. Durch das Cortison war mein Körper total aufgeschwemmt", erinnert sich Ramon. 

Sport hilft gegen Krebs

Wie wichtig eine gesunde Ernährung sowie regelmäßige Bewegung für Krebspatienten sind, bekräftigt Dr. Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, der an der Charité in Berlin praktiziert: "Wir sind sehr für Sport nach einer Krebsdiagnose. Verschiedene Studien belegen, dass Patienten, die Sport während oder nach der Chemo treiben, weniger Infektionen haben, sich fitter fühlen, mehr Lebensqualität spüren, keine Depressionen haben und seltener müde sind." Bei Brustkrebs-Patienten sei sogar belegbar, dass die Prognose für eine Heilung besser steht, wenn sie Sport treiben. 

Tatsächlich hilft Sport aber nicht erst nach einer Krebsdiagnose, sondern auch als Präventivmaßnahme. Denn Übergewichtige sind deutlich anfälliger für diverse Krebserkrankungen wie Gebärmutter- und Nierenkrebs oder Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Gallenblasen-, Eierstock- und Schilddrüsenkrebs. So benötigen Krebszellen Fett, um durch den Körper wandern zu können. 


Ich musste einfach feiern, dass ich noch lebte.Ramon Hoffmann


So gut informiert war Ramon zu jener Zeit noch nicht, er wollte sich einfach wieder wohl im eigenen Körper fühlen. Doch nach seiner Reha musste er erstmal nachholen, was er im zurückliegenden Krebsjahr verpasst hatte: Seine Abi-Zeit genießen und leben wie ein ganz normaler Jugendlicher. "Ich hatte so viel verpasst und vermisst. Das Skateboard fahren und abhängen mit meinen Jungs, die Abi-Parties und natürlich auch die Schule – mein Abitur wollte ich ja unbedingt nachholen! Zunächst ließ ich aber keine Party aus und vernachlässigte den Sport wieder. Ich musste einfach feiern, dass ich noch lebte."

"Da habe ich Blut geleckt"

Wie der Zufall es wollte, traf Ramon in seiner Feierlaune auf Thorsten, er war der Freund eines Freundes, der sein Leben für immer verändern sollte und nur wenig später zu seinem besten Freund wurde: "Wir waren damals wieder in der Kneipe, wo alle in Clausthal hingehen, weil es eigentlich auch nur die eine gibt, am Trinken. Bis auf diesen einen Typen, den ich bis dahin kaum kannte. Er sagte, dass er nichts trinke, weil er am nächsten Tag einen Halbmarathon auf dem Trainingsplan stehen habe und bald ins Bett müsse. Er sah im Gegensatz zu mir auch mega fit aus. In den darauf folgenden Tagen fing es dann an, bei mir zu rattern."

Einige Monate liefen Ramon und Thorsten sich wieder über den Weg. Sie stellten fest, dass sie beide  nach Braunschweig ziehen und dort nur sieben Häuser entfernt voneinander wohnen würden. Schließlich nahm Ramon das Angebot seines neuen Freundes, ihn mal beim Laufen zu begleiten, an. "Es war fürchterlich. Mit dicker graumelierter Jogginghose und Pulli bin ich einmal um den Löwenwall in Braunschweig, das sind so gut 400 Meter, und habe versucht nicht zu sterben. Das war der Anfang. Da habe ich Blut geleckt und wollte mich unbedingt verbessern." 

160 Kilometer am Stück

Um seine Fortschritte besser verfolgen und dokumentieren zu können, besorgte Ramon sich eine entsprechende App. "Das wurde zum Ego-Ding für mich. Ich habe mich da richtig reingesteigert und wollte natürlich auch meinen Freunden zeigen, wie ich mich verbessere." Ein ganz natürlicher Vorgang, meint auch Dr. Wörmann: "Insbesondere bei jungen Krebspatienten ist es normal, dass sie sich nach dieser Diagnose neu orientieren müssen. Sie bekommen viel Mitleid in dieser Zeit und wollen dann Wertschätzung außerhalb ihrer Erkrankung erfahren, wie die Bestätigung durch sportliche Leistung."

So hätten krebskranke Schulkinder im Durchschnitt sogar die besseren Schulnoten, weil sie stärker gefördert werden und sich mehr reinhängen, um nicht nur wegen ihrer Krankheit bedauert zu werden, ergänzt Wörmann. 


Ramon entdeckte die Leidenschaft zum Laufen durch einen Freund. Foto: Timo Hoffmann


Rückblickend kann Ramon diese Aussage von Dr. Wörmann nur bestätigen. "Ich wollte nicht mehr bemitleidet werden oder das Menschen mich nur mit meiner Krebserkrankung in Verbindung bringen. Ich fand das scheiße und wollte, dass das aufhört. Wenn ich alleine in meinem Zimmer saß und geheult habe, war das meine Sache, aber nach außen wollte ich nicht hilfsbedürftig erscheinen." Also rannte Ramon. Er rannte und rannte und rannte. "Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich könnte ewig rennen", sagt er. Also setzte er sich immer wieder neue Herausforderungen. Erst einen Halbmarathon, dann einen vollen Marathon, später einen Ultramarathon (ab 45 Kilometer) und am kommenden Sonntag läuft er seinen bisher größten und längsten Lauf – Den Berliner Mauerlauf. Das sind 100 Meilen beziehungsweise 160 Kilometer. 

Zu seinem behandelnden Onkologen, Dr. Zahn, pflegt Ramon bis heute ein sehr gutes Verhältnis. Musste Ramon unmittelbar nach der Chemo noch alle drei Monate zur Untersuchung vorbeischauen, hat sich dieses Intervall nun auf eine Untersuchung pro Jahr verlängert. Ramons starkem Herzen sei Dank. "Er hat mich während der ganzen Zeit hervorragend unterstützt, auch beim Sport machen. Er sagte mir, mein Herz sieht so aus, als hätte ich keine Chemo gemacht."


Laufen ist zur großen Leidenschaft des Hauptschullehrers geworden. Foto: Dr. Michael Strohmann


Vom Patient zum Missionar 

Dank seiner neuen Lebensweise ist Ramon heute topfit und sein Körper 100 Prozent krebsfrei. Durch die Nahtoderfahrung im Jugendalter hat sich sein Leben nachhaltig verändert sagt er: "Damals dachte ich, ich könnte sterben. Deshalb wertschätze ich das Leben heute umso mehr. Manchmal kommen mir beim Laufen einfach die Tränen, weil ich so dankbar dafür bin, diese Abenteuer noch erleben zu dürfen." Er ist deutlich gesundheitsbewusster geworden, weil er am eigenen Leibe erfahren hat, welche positiven Effekte die viele Bewegung und die gute Ernährung auf seinen Körper und vor allem seinen Geist hatte. 

Nun möchte er Menschen, die eine ähnlich schwere Zeit haben wie er damals, helfen, nicht den Mut zu verlieren und sich selbst aufzugeben. Das macht er zum einen als Hauptschullehrer bei seinen Schülern und zum anderen über seinen Instagram-Account in Videoform oder wie in diesem Artikel: "Wenn ich es geschafft habe, dann kann es jeder schaffen. Beim Laufen gibt es auch diese Momente, in denen man denkt, jetzt geht gar nichts mehr und man müsse aufhören. Doch wenn man durchhält und weiter läuft, wird es auch wieder besser. So ist es im Leben auch, davon bin ich überzeugt. Also nicht verzweifeln, sondern beißen und weitermachen!"


Glücklicher als heute könnte er kaum sein, sagt er. Foto: Dr. Michael Strohmann



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