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01.08.2018, 11:47 Uhr KOLUMNE

Bekenntnisse eines Instagram-Boyfriends: Wir sind viele –Hunderttausende

Von Tobias Bosse

Instagrammer im Urlaub. Der Job des Lebensgefährten: Das perfekte Foto machen. Screenshot: instagram.com/boyfriends_of_instaInstagrammer im Urlaub. Der Job des Lebensgefährten: Das perfekte Foto machen. Screenshot: instagram.com/boyfriends_of_insta

Hamburg. Der Instagram-Boyfriend ist ein Phänomen unserer Zeit, dem auch Redakteur Tobias Bosse zum Opfer gefallen ist.

Guten Tag, mein Name ist Tobias und ich bin ein Instagram-Boyfriend. Oder vielmehr war ich es. Es fühlt sich gut an, das endlich zuzugeben. Fast wie in einer Selbsthilfegruppe für Alkoholsüchtige. Klingt etwas überspitzt, aber Parallelen sind definitiv vorhanden: Keiner möchte sich die Tatsache eingestehen, geschweige denn in der Öffentlichkeit damit konfrontiert werden. Aber wir sind viele –  Hundertausende, wenn nicht Millionen. Was wir machen? Auf jeden Fall selten entspannte Zeiten mit unseren Frauen oder Freundinnen verleben, so viel steht fest.

Der Instagram-Boyfriend ist ein Phänomen unserer Zeit. Wir tauchen meistens an Urlaubsorten auf, dort wo es schön ist, etwas zu sehen gibt oder unsere Freundinnen es zumindest so nett finden, um diesen Moment für die Ewigkeit festzuhalten und ihn mit der Welt über das soziale Netzwerk „Instagram“ zu teilen. Ein virtueller Ort, der von Oberflächlichkeiten beherrscht wird – nur die wirklich schönen Augenblicke im Leben schaffen es hierhin. Und ob diese nun inszeniert oder wahrhaftig sind, ist doch ohnehin nur Wortklauberei. Zumal selbst das malerischste Fleckchen auf Erden ein Teil seiner Magie verliert, sobald jemand ein Handy zückt. Das hält den Instagram-Boyfriend allerdings nicht davon ab, seinem Job nachzukommen.

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Die Frage unserer Liebsten „Machst du mal ein Schnelles?“ ist für uns der Anpfiff zum Spiel. Jetzt geht’s los, jetzt müssen wir funktionieren. Es geht um alles. Dabei ist allein die Frage purer Hohn. Nichts, aber wirklich gar nichts an dem Foto für unsere Freundinnen geht schnell, glaubt mir. Sitzen meine Haare? Passt das Setting? Stimmt das Framing? Welcher Filter sieht gut aus? Haare doch lieber zum Zopf binden? Guck ich doof? Lieber noch ein anderer Hintergrund? Sitzen meine Haare immer noch? In Bruchteilen einer Sekunde drückt der gemeine Instagram-Boyfriend unzählige Male auf den Auslöser, um bloß nicht Gefahr zu laufen, sein Model zu enttäuschen und keine gute Aufnahme zu liefern. Dieses Armageddon wollt ihr nicht erleben.

Ist das Ergebnis aber irgendwann genehm, geht es ans Fein-Tuning. Damit haben wir, die Instagram-Boyfriends, jedoch natürlich rein gar nichts zu tun, dafür ist es viel zu wichtig: Die richtigen Hashtags zu setzen, damit der Post auch bloß viral geht. Den Filter, den wir vorher ausgewählt hatten, wieder zu ändern – „weil das ja sowieso völliger Quatsch“ war. Den korrekten Ort auszuwählen und so weiter und so weiter. Während sie also versucht, sich der digitalen Welt im bestmöglichen Licht zu präsentieren, stehen wir gefühlt wochenlang wie ein Idiot neben ihr rum – und sehen einfach nur bescheuert aus. Hinter jedem schönen Foto auf Instagram steht einer von uns entnervt und gedemütigt daneben.

Hätte ein Profi-Fotograf nicht mehr Sinn gemacht?

In genau diesen Momenten habe ich mir oft die Frage gestellt: Hat sie vor dem Urlaub durchgerechnet, ob es sich lohnen würde, statt mir einen Profi-Fotografen mitzunehmen? Rückblickend hätte ich diesen Gedanken zumindest kurz verfolgen sollen. Dann hätte ich vielleicht mal eine Mahlzeit genießen können, ohne ständig eine Hand am Auslöser und ein Auge auf der Linse zu haben. Nicht nur, dass wir auf keinem Foto auftauchen, damit unsere Freundin die digitale Illusion ihres Single-Daseins erhalten kann – sonst verliert sie ja die Typen, die scharf auf sie sind, als Follower –, Instagram-Boyfriends sind zudem eigentlich chronisch im Nahrungsdefizit, weil wir wegen der ganzen Knipserei kaum zum essen kommen. 

Unsere Single-Freunde zerreißen sich angesichts solcher Erfahrungsberichte natürlich das Maul: „Habt ihr keine Eier oder was? Ich würde mich nie von meiner Freundin so einspannen lassen.“ Jaja, ist klar. Wartet mal ab, Freunde der Sonne. Wenn ihr noch nicht wisst, mit welchen Mitteln eine Frau ihren Willen durchsetzt, dann werdet ihr dies noch früh genug erfahren. Fair sind sie nicht, das verrate ich euch schon mal. 

Also was macht ihr, bevor der Haussegen schief hängt? Ganz genau, ihr spielt mit. Letztendlich sind uns Instagram-Boyfriends also die Hände gebunden. Wir können uns nur unserem Schicksal ergeben und dafür beten, dass sie gnädig mit uns ist. In diesem Sinne, mein Beileid mit allen Leidensgenossen, die immer noch in diesem Sessel sitzen. Haltet durch, irgendwann ist auch dieser Trend vorbei.


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