„Die Sonne war nicht warm für mich“ Überleben für einen hohen Preis: Wie ein Junge zum Wolfskind wurde

Von Sina Wilke

Zweifel im Blick: Diese Kinder sind soeben mit einem Transport in einem kleinen Ort in Westdeutschland angekommen. Bis zu 20.000 Waisen kämpften nach 1945 in Ostpreußen ums Überleben. Foto: BundesarchivZweifel im Blick: Diese Kinder sind soeben mit einem Transport in einem kleinen Ort in Westdeutschland angekommen. Bis zu 20.000 Waisen kämpften nach 1945 in Ostpreußen ums Überleben. Foto: Bundesarchiv

Großsolt. Als Kind verlor er durch den Krieg seine Familie und floh mit letzter Kraft vor dem Hungertod nach Litauen: So wie Tausende Waisen überlebte Siegfried Gronau aus Großsolt, weil er zum Wolfskind wurde.

Siegfried Gronau ist zehn Jahre alt, als seine Mutter mit ihm sterben will. Sie liegt in Lumpen in einem kalten Kellerloch, zu schwach zum Aufstehen, schon lange. Abgemagert bis auf die Knochen, hält sie ihren Sohn fest umklammert: „Ich lass dich nicht los, wir sterben jetzt hier!“

Da bekommt Siegfried Angst vor seiner eigenen Mutter, ihrem skelettartigen Körper, ihren irren Augen. Er ist schwach vor Hunger, und doch sagt er heute: „Ich wollte leben, ich wollte nicht sterben.“ Also nimmt er seine ganze Kraft zusammen, befreit sich aus ihrem knochigen Griff und geht. Und er denkt: „Ich gehe nach Litauen und hole Brot, damit Mama wieder aufstehen kann.“ Er sieht seine Mutter nie wieder.

Leben für einen hohen Preis

Siegfried Gronau (81) wählte damals das Leben, deshalb sitzt er nun an einem schönen Frühlingstag im Sessel seiner Wohnstube in Großsolt (Kreis Schleswig-Flensburg) und erzählt seine Geschichte. Er überlebte, aber er zahlte einen hohen Preis. Er brachte seiner Mutter kein Brot, aber er selbst bekam wieder welches – weil er zum Wolfskind wurde.

Siegfried Gronau als junger Mann 1958. Foto: Sammlung Gronau

Wolfskinder nennt man Kinder aus Ostpreußen, die durch den Zweiten Weltkrieg auf der Flucht, durch Krankheit, Hunger oder die Rote Armee ihre Eltern verloren und in Litauen umherstreiften, auf der Suche nach Essen, einem Obdach, Arbeit. Etwa 30.000 Wolfskinder gab es damals. Der Historiker Christopher Spatz, der sich in seinem Buch mit ihrem Schicksal beschäftigt, schätzt, dass eine vierstellige Zahl heute noch lebt.

So wie viele andere Kriegstraumatisierte haben die meisten von ihnen jahrzehntelang nicht über das gesprochen, was ihnen widerfahren ist. „Erinnerungseinsamkeit“ nennt Christopher Spatz das Phänomen, dass Menschen, die so Schlimmes erlebt haben, mit ihrem Erlebten allein bleiben – weil sie nicht darüber sprechen mögen; weil ihr Umfeld sie nicht verstehen könnte. Häufig aber drängen die Erinnerungen im Alter mit Macht nach oben. „Kinder vergessen nicht“, weiß Spatz. „Was der Kinderseele in frühen Lebensjahren widerfährt, lässt sich zwar mit einiger Anstrengung überdecken, aber es verschwindet nicht.“

Der 81-Jährige hat seine Geschichte als Wolfskind auf 356 Seiten niedergeschrieben. Foto: Sammlung Gronau

So war es auch bei Siegfried Gronau. Der freundliche, zurückhaltende Mann mit dem grauen Bart hat einen weißen Leitz-Ordner herausgeholt, darin mit Schreibmaschine beschriebene Blätter in Klarsichtfolie. Sorgfältig eingeheftet, liegt sein Leben in 356 Seiten vor ihm, sein „schweres, beschissenes Leben“, wie er darin schreibt. Als er in Rente ging, hat er begonnen, es aufzuschreiben. Zunächst auf Litauisch; doch es ging nicht, obwohl er es besser beherrscht als Deutsch. Erst als er es in seiner Muttersprache probierte, „kotzte ich den ganzen Mist aus“, wie er sagt. Er weinte, er erbrach, aber er wollte es loswerden. War er erleichtert, als er vor acht Jahren die letzte Zeile schrieb? Nein. Aber beruhigt. Es sollte für seine Kinder und Enkel sein. „Zum Lesen, wenn sie möchten.“

Der Krieg beendet eine glückliche Kindheit

Ein paar Jahre, bevor Siegfried Gronau sich dem Skelett, das seine Mutter war, entwindet, spielt er noch mit den Nachbarskindern im Hof ihrer Wohnung in Königsberg (heute Kaliningrad). Seine drei Schwestern und er fahren mit der Straßenbahn Nummer 1 zur Schule, im Winter bauen sie Schneemänner und rodeln, und an den Wochenenden backt seine Mutter Kuchen und Kekse. Dann kommt der Krieg.

Drei Mal kehrt sein Vater verwundet von der Front heim, ein Mal erkennen ihn die Kinder nicht, weil sein halbes Gesicht fehlt. Ein viertes Mal kommt er nicht zurück. Im August 1944 wird Siegfried Gronau in die dritte Klasse eingeschult. Danach sollte er nicht mehr zur Schule gehen.

Der Krieg kommt näher, und viele Menschen fliehen. „Kommt mit mir“, bittet Siegfrieds Tante seine Mutter, „wir gehen nach Westen!“ Doch Siegfrieds Mutter will nicht gehen. Ihre Eltern sind doch hier. Und Hitler hat gesagt, die Russen kommen nicht rein. Hitler hat gesagt. Das Grauen nimmt seinen Lauf.

Auf der Flucht

Die Bomben beginnen Königsberg zu zerstören, die verbliebene Familie überlebt im Luftschutzkeller, dann flieht sie zu Fuß, übernachtet in Scheunen, in einem Bauernhaus, das eines Nachts plötzlich in Flammen steht. „Wir haben uns gerettet. Es wäre gut gewesen, wären wir verbrannt“, sagt Siegfried Gronau. Durch das große Fenster neben ihm geht der Blick in den Garten. Draußen scheint die Sonne, Tauben gurren, eine Amsel singt, die Stiefmütterchen blühen gelb, der Rhododendron blutrot.

„Wir haben uns gerettet. Es wäre gut gewesen, wären wir verbrannt.“Siegfried Gronau

Es brennt. Blindgänger explodieren. Da sind Leichen. Die Russen kommen. Sie brechen durch die Türen des Bauernhauses, in dem Frauen und Kinder Zuflucht gesucht haben. Sie zertrümmern und rauben und töten die Tiere. Sie vergewaltigen die Frauen und Mädchen, während die Kinder zusehen. 

Die Amsel singt ihr Lied und Siegfried Gronau weint. Er wird immer wieder weinen in diesem Gespräch, das den ganzen Vormittag dauert. Dies alles ist jetzt über 70 Jahre her, doch die Erinnerungen verblassen nicht. Was er vor zwei Tagen gegessen habe, wisse er nicht mehr, sagt der 81-Jährige. Aber diese schrecklichen Bilder aus seiner Kindheit, die gehen nicht weg.

Zurück in die vermeintliche Heimat

Siegfrieds Mutter nimmt ihre Kinder und geht mit ihnen zurück nach Königsberg, zurück zu ihren Eltern, zurück nach Hause – glaubt sie. Denn die Stadt ist nicht mehr ihr Zuhause. In ihrer Wohnung leben jetzt russische Soldaten, Siegfrieds Großeltern liegen, krank ohne Medikamente, im Schrebergarten im Sterben. Die fünf suchen Zuflucht in einem Kellerraum, ein dunkles, feuchtes, kaltes Loch ohne Wasser und Strom. Dort unten hausen noch mehr Menschen, sie machen in die Ecken und schlafen auf Lumpen. Sie haben Läuse, Krätze, Frostbeulen, Abszesse. In seinem Buch nennt Siegfried Gronau es die Hölle.

Das Höllischste ist der Hunger. „Der Hunger verwischt die Grenzen von Körper und Geist, man wird zunehmend skrupelloser, und er führt zu Zersetzungsprozessen selbst engster sozialer Bindungen“, weiß Christopher Spatz.

Das Schlimmste ist der Hunger

Es gibt nichts zu Essen. Siegfried und seine Familie pflücken Brennnesseln und kochen daraus Suppe, sie essen junge Lindenblätter und frisches Gras; aber das meiste Grün ist schon abgeerntet. Sie kochen angeschimmelte Kartoffelschalen, klauben harte Brotkrusten aus dem Müll. Sie kochen abgenagte Schweineknochen aus, wieder und wieder. Sie lesen Gerstenkörner einzeln von der Straße auf. Eines Tages sieht Siegfried, wie Menschen einen Menschen essen. Einmal findet er Maschinenöl und brät Kartoffelschalen darin. Danach geht es ihm so schlecht, dass er denkt, er müsse sterben. „Weißt du noch, früher wolltet ihr meine Kuchen nie essen. Ihr wolltet immer nur vom Teig naschen“, sagt seine Mutter.

Seine jüngste Schwester Christel stirbt als Erste, in seinen Armen. Siegfried Gronau wärmt die Vierjährige, bis es nichts mehr zum Wärmen gibt. Als nächstes stirbt die Zweitjüngste, Hannelore. Sie wollte am Ende nur noch trinken, war aufgedunsen wie ein Ballon, so erzählt es Siegfried Gronau. „Irgendwann hat sie nur noch geschrien, und das Wasser lief aus ihr raus.“

Die Familie ist zerstört

Er ist so schwach, dass er immer wieder hinfällt. Aus seinen eitrigen Wunden kriechen Maden. Er nässt ein, kann nicht mehr lächeln, nur noch weinen, ohne Tränen. Als er mit seiner Mutter eines Tages von der Suche nach Essbarem zurückkommt, steht seine zwölfjährige Schwester Ilse da, sie blutet, schreit „wie eine Wahnsinnige“. Sie ist brutal vergewaltigt worden. Am nächsten Tag stirbt auch sie. Die Toten werden in Massengräbern verbuddelt.

Wie viel Grauen kann ein Kind ertragen? Und wie viel ein Mann, der immer dieses Kind sein wird? „Die Nazis haben meine Familie umgebracht“, sagt Siegfried Gronau. „Die, die umgebracht worden sind, leiden nicht mehr. Millionen waren verurteilt zum Sterben, und ich bin verurteilt zum Leben.“ Woher er die Kraft hatte, seine sterbende Mutter zu verlassen und loszugehen, weiß er nicht mehr. Er weiß nur noch: „Ich wollte nicht sterben, ich wollte leben.“



In Litauen gibt es Essen, wird erzählt. „Kaunas“, sagen sie, immer wieder „Kaunas“. Also geht er zum Bahnhof und schleicht sich, wie Dutzende andere, auf die Waggons der Güterzüge Richtung Osten. Immer wieder finden ihn die Russen und werfen ihn herab wie einen Sack Kartoffeln. Und immer wieder klettert er hinauf. Irgendwann vergräbt er sich im Kohlentender, und erst bei Kaunas fischt ihn der Lokführer aus der Kohle und gibt ihm Brot. „So fing mein Leben dann an.“ Das Leben als Wolfskind.

In der ersten Mülltonne, auf die er sich stürzt, findet er so viel Essbares wie zuvor nicht in Wochen. „Wie ein verlassener Hund“, so schreibt es Gronau in seinem Buch, sucht er die Nähe der Menschen – und wird, zerlumpt und verdreckt wie er ist, weggejagt. Also geht er raus aufs Land, schläft in Ställen, Wäldern, Büschen, auf Strohsäcken oder einer Küchenbank.

Fast an jeder Tür bekommt er etwas zu essen; ein Ei, ein Stück Brot. Er hat jetzt wieder etwas im Mund, aber es reicht nicht, um es aufzuheben: Sein Bettelbeutel bleibt leer, also kann er nicht zurück zu seiner Mutter. Eines Tages klopft er an die Tür einer Lehrerin: „Ach, Junge, komm rein, ich bau dich auf!“ Sie badet ihn, und der Zehnjährige spürt das erste Mal seit drei Jahren warmes Wasser auf der Haut. Sie schneidet ihm die Haare, gibt ihm zu essen und legt ihn in ein großes weiches Bett mit weißem Laken. „Es war wie im Himmel“, erinnert sich Siegfried Gronau. Als er erwacht, liegt er in seinem eigenen Urin, Läuse krabbeln über die Laken. „Nein, Junge, das kann ich nicht, du musst weitergehen!“, klagt die Lehrerin, und der kleine Junge, der vom Himmel geträumt hatte, nimmt seinen Beutel und geht.

Kühe hüten und Ställe ausmisten für einen Schlafplatz

Er wandert entlang der Memel, versteckt sich vor den Russen, trifft andere Waisenkinder – und wird von einer Bäuerin aufgenommen, deren Kuh er hüten soll. Er bleibt, bis ihm aus Versehen die Mistgabel aus der Hand rutscht und der Frau in die Wade piekst – da rennt er vor ihren Prügeln fort. Es ist seine erste von neun Bauernfamilien, bei denen er zwischen 1947 und 1957 unterkommt. Bei einigen bleibt er nur kurz, bei anderen jahrelang. Er hütet Kühe, mistet Ställe aus, rupft Federn für Daunen auseinander, dreht Garn auf Spulen, fällt Bäume, hackt Holz, mäht und drischt, brennt Schnaps, zerteilt tote Tiere.

Siegfried Gronau findet Essen, ein Obdach. Aber eines findet er nicht: Geborgenheit. Er ist ein einsames und schwer traumatisiertes Kind, das seine Familie verloren und massiv Hunger gelitten hat. Doch für die Familien, bei denen er unterkommt, ist er kein Schutz suchender Waise, sondern eine billige Arbeitskraft, ein „Arbeitssklave“, sagt Gronau. Sie retten ihm das Leben. Doch sie fragen ihn nie etwas. Wo seine Familie ist. Ob er Geschwister hat. Sie schicken ihn nicht zur Schule. „Ich bin dankbar“, sagt Siegfried Gronau heute, „aber ich wurde auch ausgenutzt.“ Er bekommt Brot, Schläge und harte Arbeit – „soll man nun Danke sagen oder sich beschweren?“

„Meine Tränen wollte keiner sehen."Siegfried Gronau

Oft schläft er bei den Tieren im Stall. Er nässt ein, jede Nacht, doch die Bettwäsche wird nicht gewechselt; niemand merkt es, oder es ist ihnen egal. Er will gern zur Schule gehen, doch er darf nicht. Er will lesen und schreiben lernen, doch die anderen Kinder helfen ihm nicht, und er hat keine Bücher, keine Hefte, nicht mal einen Stift. Er hat oft keine Schuhe, also wärmt er seine nackten Füße im Winter in den Kuhfladen. Als er sich den Knöchel verstaucht, darf er sich kurz hinlegen – dann muss er weiterarbeiten. Ein Bauer wirft Schachfiguren ins Feuer, die er in mühseliger Arbeit geschnitzt hat. 

Eine Kindheit ohne Geborgenheit

„Meine Tränen wollte keiner sehen“, sagt Gronau. „Ich hatte kein Zuhause. Die Sonne hat mir geschienen. Aber warm war sie für mich nicht.“ Im Traum erscheint ihm seine Mutter in einem weißen Gewand, sie sagt: „Komm, Junge, zu mir!“ Manchmal will er am liebsten zurück nach Königsberg, „die Mama suchen und zusammen mit ihr sterben, wie sie es wollte“. Aber er hat Angst.

Heute sagt Siegfried Gronau, dass er Wochen nicht von Monaten unterschied, und dass er nicht sagen kann, wie er sich damals fühlte. „Ich bin geschwommen mit der Zeit.“ Christopher Spatz kennt die Zeitlosigkeit aus den Erzählungen der Überlebenden: „Die meisten sagen, sie haben nur an die nächsten Stunden gedacht, maximal bis zum Abend.“

Vereint und unversehrt: Siegfried Gronau (Mitte) mit seiner Mutter Erna, den Schwestern Ilse und Hannelore und seinem Vater Artur (von links) in Königsberg 1940. Noch nicht geboren ist seine jüngste Schwester Christel. Foto: Sammlung Gronau

Ob er auch mal glücklich war? Ja, sagt Siegfried Gronau: immer dann, wenn er aufgenommen wurde. Er erinnert sich, es war noch ganz zu Anfang, dass er an einem Bauernhaus gefragt wird, ob er als Hirte bleiben wolle. „Da hab ich geschrien: ,Ja!‘, so laut ich konnte“ – und sich danach dafür geschämt. Er bekommt Essen, wird gewaschen, erhält ein Bett auf einem Strohsack. „Ich war so froh.“ Bis die Krätze kommt. Seine Haut eitert so stark, dass er die Finger nicht auseinander bekommt. „Ich bekam einen Schrecken, dass sie mich wieder wegtreiben wie die Frau zuvor.“ 

Nicht bleiben zu dürfen, bleibt jahrelang seine größte Angst. Wenn ihm eine Kuh fortläuft, er krank wird oder einen Fehler macht – immer packt ihn die kalte Panik, fortgeschickt zu werden, wie es die Lehrerin getan hatte, in deren himmlischem Bett er eine Nacht hatte schlafen dürfen. Als er aber die Krätze hat, wird er nicht fortgeschickt, sondern kuriert. „Sie haben mich nicht vertrieben“, sagt Siegfried Gronau, und man merkt, wie tief ihn das heute noch bewegt.

Aus Siegfried wird Kasimir

Irgendwann muss er meistens doch gehen, weil er nicht mehr gebraucht wird. Und eines Tages verliert er seinen Namen. „Ab heute“, sagt ein Bauer, der ihn von einem anderen für eine Flasche Wodka abgekauft hat, „bist du nicht mehr Siegfried Gronau. Denn die Russen werden mich bestrafen, wenn sie wissen, dass du deutsch bist.“ Der kleine Siegfried weint. Aber was bleibt ihm übrig? Von nun an heißt er Kasimir.

Ob niemand in all dieser Zeit gut zu ihm war? Doch, sagt Gronau. Zwei Menschen. Der eine las ihn zwei Mal am Bahnhof in Kaunas auf, als er dort stand, fortgeschickt, und nicht wusste, wohin mit sich. Der Mann war freundlich, aber er war Alkoholiker und auch bei ihm fand Siegfried kein gutes Heim. Der andere war ein Nachbar einer seiner Arbeitgeber. Wenn er Siegfried traf, lächelte er ihn an, fragte, wie es ihm geht und streichelte ihm die Wange. Siegfried Gronau besucht diesen Mann heute noch in Litauen, und sie telefonieren. „Sowas Gutes kann man nicht vergessen“, sagt er. Er wird diesem Mann ewig dankbar sein – einem Menschen, der nichts Besonderes tat, einfach nur nett war zu einem kleinen Waisenjungen.

Der Junge wächst heran, Kasimir Matschulskis, längst hat er seine Muttersprache verlernt. Er bekommt einen Pass mit falschem Namen, beginnt sich für Mädchen zu interessieren, trifft andere junge Leute. 1957, mit 20 Jahren, findet er Arbeit in einem Betrieb in Kaunas. Er hat keine Familie, weiß nichts von der Welt. Aber er ist erwachsen und verdient sein eigenes Geld. Er ist jetzt kein Wolfskind mehr.

Das Wolfskind wird erwachsen und beginnt eine Lehre

Siegfried Gronau wird Kranfahrer und Elektriker, bringt sich in seiner Ausbildung lesen und schreiben bei und heiratet 1962 seine Frau Jadvyga. Und sie beginnt zu fragen. Wie ist dein deutscher Vorname? Wie war deine Kindheit? Siegfried Gronau findet seine Tante, die damals rechtzeitig geflohen ist und seine Familie hatte mitnehmen wollen. Sie lebt in Flensburg und schreibt ihm einen Brief. „Mein lieber Siegfried“, liest er. Dann versteht er nichts mehr. Er muss sich seine Muttersprache übersetzen lassen. Später bekommt er seine Identität zurück – „Ich war ja doch ein Deutscher“ – und zieht 1973 mit seiner Frau nach Flensburg.

Sie kommt jetzt kurz in die Stube hinein und begrüßt den Gast freundlich. Die beiden haben zwei Kinder und zwei Enkel. Ist er glücklich? „Wahrscheinlich. Aber wenn ich zurückdenke und mir die Tränen kommen – kann ich dann von Glück sagen? Auch wieder nicht.“

Sein Buch hat alles wieder aufgewühlt. Für einen litauischen Verlag hat er sein Manuskript übersetzt, das Buch wird gerade nachgedruckt („Klyksmas vaiduokliu mieste. Vilko Vaikai.“). Gronau war sogar in Litauen auf Lesereise. „Ich habe noch nie so viele Blumen bekommen“, sagt der 81-Jährige. Und doch wünscht er sich manchmal, er hätte seine Autobiografie nie geschrieben. „Wenn ich nicht an die Sache denke, bin ich froh, dass die Sonne scheint und wir gesund sind. Aber vor dem Buch war ich irgendwie glücklicher.“

Die Albträume sind bis heute geblieben

Wie hat er all das bloß überstanden? „Ich wundere mich auch“, sagt Gronau. „Ich kann es mir nicht erklären. Ein Schutzengel oder die Gene?“ Christopher Spatz, der mit sehr vielen einstigen Hungerkindern gesprochen hat, sagt: „Ausnahmslos alle sind starke Menschen. Ohne ausgeprägten Überlebenswillen hätte keiner diese Zeit überstehen können.“

Aber was heißt überstehen? Bis heute träumt Siegfried Gronau Schreckliches. Und vielleicht ist das Schrecklichste sein schlechtes Gewissen, das doch nie, niemals sein dürfte: „Wenn es mir sehr schwer ist, denke ich: Das ist die Strafe, weil ich nicht auf meine Mutter gehört habe und nicht mit ihr gestorben bin, und weil ich nicht zu ihr zurückgegangen bin.“ Er nennt es die Strafe des Überlebenden. Doch das Leben geht weiter, sagt Siegfried Gronau. „Leider oder Gott sei Dank.“


Entschädigung

In den 90er-Jahren rückte das Schicksal der Wolfskinder erstmals in den Fokus. Dennoch wurden sie bei kollektiven Entschädigungen zunächst nicht berücksichtigt. Erst auf Initiative der Gesellschaft für bedrohte Völker konnten die Wolfskinder 2017 im Rahmen der Zwangsarbeiter-Entschädigung ebenfalls einen Antrag auf eine symbolische Summe von 2500 Euro stellen. In Deutschland taten das weit über 100 Betroffene; Bescheid haben sie bislang nicht. „Natürlich werde ich das Geld annehmen“, sagt Siegfried Gronau. „Aber es wird mich nicht wärmen.“


Literatur

Christopher Spatz: „Nur der Himmel blieb derselbe. Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben“, Ellert & Richter Verlag 2016.

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