Erfolg auf dem Rücken der Pferde? „Artgerechte Haltung können wir Pferden nicht bieten“

Von Lea Becker

Erfolg auf dem Rücken der Pferde? Wie lässt sich artgerechte Haltung mit sportlichem Ehrgeiz und wirtschaftlichen Interessen vereinbaren? Foto: dpa/StratenschulteErfolg auf dem Rücken der Pferde? Wie lässt sich artgerechte Haltung mit sportlichem Ehrgeiz und wirtschaftlichen Interessen vereinbaren? Foto: dpa/Stratenschulte

Osnabrück. Sie galoppieren über Weiden, stehen im Stall oder werden in Anhängern zu Turnieren auf der ganzen Welt transportiert: Rund 1,3 Millionen Pferde leben in Deutschland. Egal ob Profisportler oder Hobbyreiter, die Tiere müssen artgerecht gehalten werden. Doch wie lässt sich das mit sportlichem Ehrgeiz und der Rentabilität vereinen?

Futter, Stallmiete, Tierarztkosten – die Haltung eines Pferdes kostet Geld. Wie lassen sich wirtschaftliche Interessen und das Wohl des Tieres vereinbaren? „Artgerechte Haltung können wir Pferden nicht bieten“, stellt Amtstierarzt Andreas Franzky vom Dezernat Tierschutzdienst des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) klar. Denn das wäre ein Leben in der Steppe, wo sie herkommen.

Das Pferd ist ein Bewegungstier

Diese Möglichkeit gibt es in Deutschland nicht. „Wir können nur versuchen, ihnen eine artgemäße Haltung zu ermöglichen“, sagt der Arzt. Diese setze voraus, dass die Pferde ihre normalen Verhaltensweisen ausleben können. Dazu zählen laut Franzky drei Eckpunkte: Bewegung-, Fress- und Sozialverhalten.

Weiterlesen: Auf dem Rücken der Pferde: Darum ist Reiten ein Frauensport >>>

„Das Pferd ist ein Bewegungstier, ein Lauftier, das viel Bewegung braucht“, sagt Franzky, auch stellvertretender Vorsitzender und Leiter des Arbeitskreises Pferde der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT). Bei Reit- oder Turnierpferden werde den Tieren die Bewegung in einem gewissen Teil auch angeboten, das sei aber häufig nicht ausreichend.

Kombination aus Weiden- und Boxhaltung

Wie viel Bewegung ein Ross braucht, ist abhängig von Alter, Rasse, Geschlecht und Charakter. Manche wollen einfach nur ein bisschen fressen und umherlaufen, andere wollen sich austoben und überschüssige Energie loswerden. Unterschieden wird nach Angaben von Franzky in kontrollierte und freie Bewegung. Wenn das Pferd beispielsweise geritten wird, in der Führanlage oder bei einem Turnier ist, wird von kontrollierter Bewegung gesprochen. „Das Tier braucht aber auch Zeit, wo es sich wirklich auch mal frei bewegen kann, wie es möchte“, so der Amtstierarzt. Sei es stehen, laufen oder buckeln. Deshalb sei auch eine Kombination aus Weiden- und Boxhaltung am besten.

Weiterlesen: Wie deutsche Pferde für Millionenumsätze und Arbeitsplätze sorgen >>>

„Pferde brauchen auch einen Rückzugsort, wo sie sich ungestört hinlegen können“, sagt Jessica von Bredow-Werndl, Dressurreiterin und Leiterin einer Reitanlage in Bayern. Für geschorene Sportpferde wäre es zudem im Winter nachts zu kalt draußen. Und im Sommer suchen viele Pferde Schutz vor der Hitze und den Fliegen im kühlen Stall. Bei der 32-Jährigen kommen die Tiere täglich auf die Koppel, werden geritten und gehen zusätzlich auf das Paddock und in die Führmaschine.

Reisen sind zusätzliche Belastung

Viel Aufwand für ein Tier. „Aber langfristig lohnt es sich“, sagt von Bredow-Werndl, die dem Olympiakader angehört. Artgemäß gehaltene Pferde seien weniger krank, zufriedener und ausgeglichener. Somit werden die Voraussetzungen geschaffen, dass sie im Sport Topleistung bringen und lange gesund bleiben.

Weiterlesen: Mann transportiert Shetland-Pony im Auto >>>

Schwieriger wird es bei Reisen zu Turnieren und bei längeren Aufenthalten im Ausland. „Das ist eine zusätzliche Belastung für die Pferde“, sagt Amtstierarzt Franzky. Wenn die Pferde darauf trainiert und gut physisch und psychisch vorbereitet seien, könnten sie das leisten. Aber: Es geht nicht auf Dauer. Nach einem Turnier müssten die Tiere in ihren Heimatstall um sich zu erholen. Je länger die Reise, desto länger dauert die Erholung.

Sportgerät oder Partner?

Der Reitsport hat sich zu einem weltweiten agierenden, milliardenschweren Geschäft entwickelt. Jedes Wochenende gibt es irgendwo Turniere. Entfernungen scheinen keine Rolle mehr zu spielen. Pferde werden in Lkw durch ganz Europa transportiert und für Turniere in Übersee per Flugzeug verschickt. Sie können nicht „nein“ sagen. Sind Pferde noch Pferde oder nur reine Sportgeräte?

„Das hängt immer von der Einstellung der Reiter zum Pferd ab, inwieweit unter wirtschaftlichen Aspekten die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes ausreichend respektiert und berücksichtigt werden“ sagt Franzky. Einige würden das Tier sicher als Sportgerät sehen wie ein Tennisschläger, den man ersetzt, wenn er kaputt ist.

Pferde respektieren

Für den größten Teil sei das Pferd aber ein Partner, den sie gern haben und mit dem sie Sport machen können. Dementsprechend kümmern sie sich gut um das Tier. „Es liegt in der Verantwortung der Menschen, was er dem Pferd zumutet“, sagt Franzky.

Auch von Bredow-Werndl stellt klar: „Das Pferd muss im Vordergrund stehen.“ Wenn einem Pferd das Training und die Reiserei zu viel werde, würde es das zeigen. „Dann muss man das respektieren“, so die Dressurreiterin und ergänzt: „Es sind Pferde und bei aller Vorsicht müssen sie sich immer noch wie solche verhalten dürfen.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN