Walfang-Drama in Island Wurde ein streng geschützter Blauwal geschlachtet?

Von Melanie Heike Schmidt


Osnabrück. Der vom Aussterben bedrohte Blauwal ist weltweit geschützt, die Jagd auf den seltenen Meeressäuger seit Jahrzehnten verboten. Nun hat die Anti-Walfang-Organisation „Sea Shepherd“ in Island Ungeheuerliches dokumentiert: die Schlachtung eines Blauwals. Ein Fall, der international für Empörung sorgt – und viele Fragen aufwirft.

Majestätisch ist das Wort, das einem durch den Kopf schießt, wenn man in Tierdokumentationen einen Blauwal durch das Wasser gleiten sieht. Mächtige 30 Meter lang werden diese unter Artenschutz stehenden Riesen, es sind die größten Tiere der Welt. Und es sind Säugetiere, denen man Intelligenz unterstellt und die auf Menschen eine eigentümliche Faszination ausüben. Auf Forscher, Touristen, Tierschützer – und auf Walfänger, zum Beispiel in Island. Dort wurde offenbar einer dieser Meeresgiganten von einem Schiff aus mit einer Harpune gejagt, an Land gebracht und anschließend zerteilt. Inhaber des Walfang-Schiffs ist der isländische Unternehmer Kristján Loftsson, der laut Medienberichten als „weltweit meistgehasster Isländer“ gilt. Denn Loftsson jagt Wale. Doch war dieser Wal wirklich ein Blauwal?

Sea Shepherd: Eindeutig ein Blauwal

Dokumentiert hatten den Fang und die Schlachtung des Meeressäugers Aktivisten von Sea Shepherd, eine international agierende Anti-Walfang-Organisation mit Sitz in Washington. Es sei die erste Schlachtung eines Blauwales seit 40 Jahren, teilte Sea Shepherd mit. In der Identifizierung von Walen erfahrene Experten hätten bestätigt, dass es sich bei dem Tier eindeutig um Blauwal handele und nicht um einen nur wenig kleineren, für Laien ähnlich aussehenden Finnwal.

Walfänger Loftsson: Es ist ein Hybrid

Sea Shepherd veröffentlichte den Bericht, und die Empörung über den Fall wuchs, denn der Blauwal ist streng geschützt. Seit 1986 steht er auf der weltweit gültigen Verbotsliste der Internationalen Walfangkommission. Auch Walfang-Unternehmer Loftsson meldete sich zu Wort – mit dem überraschenden Hinweis, es handele sich um einen Hybrid aus Blau- und Finnwal. Eine genetische Untersuchung soll Klarheit schaffen, Ergebnisse werden erst in einigen Wochen erwartet.

Walfangverbote und wie man sie umgeht

Hybrid oder nicht Hybrid – rechtlich gesehen macht das einen großen Unterschied. Roland Gramling, Sprecher Artenschutz beim Word Wildlife Fund (WWF), erklärt: „Sollte es tatsächlich ein Blauwal sein, wäre der Fang sogar in Island illegal. Der Fang eines Hybriden von Blau- und Finnwal wäre hingegen nach isländischem Recht legal.“ International dürften Blauwale ohnehin nicht gehandelt werden, so Gramling weiter, auch für Finnwale gelte ein internationales Handelsverbot. „Allerdings können Staaten Vorbehalte anmelden und damit das Verbot umgehen. Für den Finnwal haben Japan und Island Vorbehalte angemeldet“, so der WWF-Experte.

Verdacht: Walfleisch vermischt?

Bereits in der Vergangenheit hatte man vermutet, dass Walfang-Unternehmen in Island Finnwalfleisch mit Blauwalfleisch mischen und nach Japan verkaufen könnten, auch Sea Shepherd stellt das so dar. Sollte dem so sein, wäre der Nachweis mindestens schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

„Berge von Walfleisch vergammeln“

So oder so lässt der aktuelle Fall Kritik an der Walfangpraxis von Island und Japan insgesamt wieder aufflammen: „Das ist barbarisch und überflüssig. Island fängt unter Artenschutz stehende, bedrohte Wale und verkauft das Fleisch an Japan, weil der dortige Markt angeblich danach verlangt. Tatsächlich vergammeln in Japan Berge von Walfleisch, weil die Nachfrage immer weiter sinkt“, sagt Gramling in einem Gespräch mit unserer Redaktion. „Der Walfang ist nicht nur eine ernsthafte Bedrohung für die Bestände etwa von Finnwalen, sondern auch ökonomisch vollkommen absurd.“

Grüne: Bundesregierung muss aktiv werden

Renate Künast, Sprecherin für Ernährungs- und Tierschutzpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, fordert von der Bundesregierung, im Fall des getöteten Wals aktiv zu werden: „Ich fordere die Bundesregierung auf, von Island eine Erklärung einzufordern. Sollte tatsächlich ein Blauwal getötet worden sein, dann wäre das wohl der erste Fall seit 40 Jahren“, sagte Künast in einem Gespräch mit unserer Redaktion. „Blauwale genießen zu Recht strengen Schutz“, sagte Künast weiter, „ihr Erhalt ist nicht sicher.“

Künast: „Einfluss nutzen, um Walfang stoppen“

Außerdem müsse die Bundesregierung ihren internationalen Einfluss dazu nutzen, den Walfang - soweit er noch praktiziert werde - zu stoppen, sagte die Grünen-Politikerin. „Das betrifft auch Japan, das sich hinter der Behauptung versteckt, nur Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken zu betreiben“, erklärte sie. Island indes müsse sich „überlegen, was es eigentlich dem für sie wichtigen Tourismus als Image anbieten will. Natur und Whalewatching und draußen Wale jagen, das wird und darf nicht zusammen gehen“, betonte Künast.

WWF: Walfang durch nichts gerechtfertigt

Auch der WWF kritisiert Walfang allerdings ganz grundsätzlich, „gleichgültig ob legal oder illegal“, so Gramling. „Walfang ist durch nichts gerechtfertigt. Weder benötigt man sein Fleisch noch muss man die Tiere jagen und töten zu einem pseudowissenschaftlichen Zweck, wie es Japan seit Jahrzehnten praktiziert“, sagte der WWF-Experte.