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"In Osnabrück habe ich Biertrinken gelernt" Der Satiriker Martin Sonneborn im Interview: Seine Jugend in Osnabrück

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Osnabrück. Einer der lustigsten Osnabrücker ist Martin Sonneborn. Im Interview erklärt er, wie die Ursula-Schule ihn zur politischen Rampensau gemacht hat, wer der lustigste VfL-Profi ist und wann es sich im Dom am besten schnarcht.

Herr Sonneborn, der Landkreis Osnabrück ist gewissermaßen das Stammland der Bewegung. Warum stellt die Partei keinen Landratskandidaten auf?

In Niedersachsen ist die Partei nur punktuell aufgestellt. Es gibt aber Hochburgen wie Hilter, wo wir uns stark für eine Städtepartnerschaft mit dem sächsischen Städtchen Adorf engagieren. Das ist mir meiner Stadt gegenüber Verpflichtung.

Ursula von der Leyen hat sich gerade von der Qualität des Osnabrücker Friedensschinken überzeugt, den es auch bei Ihnen zuhause im Berliner KdW gibt. Gehört ein Friedensschinken auch zu Ihrem Abendbrot?

Ich glaube, Friedensschinken kann man essen, wenn man saturiert und an der Macht ist. Wir in der Partei setzen auf Konfrontation; Friedensschinken beschädigt unsere Botschaft. Das macht es mir auch mit Remarque so schwer.

Pflegen Sie nostalgische Bezüge zur Heimatstadt?

In meiner Autobiographie „Heimatkunde“ finden sich tatsächlich einige Bezüge. Ich habe in Osnabrück das Biertrinken gelernt. Die Stadt steht bei mir für Schulbildung, Bier und die katholische Kirche, drei Dinge, von denen mir eines viel Spaß gemacht hat. Unser Sozialkundelehrer von der Ursula-Schule hat uns damals ins Holling geladen, um uns mit Freibier in den CV zu locken, den Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen. Wir sind der Gaststätte treu geblieben, auch weil man Bier damals noch mit Strichen auf Bierdeckeln notierte – die man abrubbeln oder mit doppelter Bierdeckelführung umgehen konnte. Osnabrück steht damit auch für sozialverträgliche Bierpreisgestaltung. Wenn ich am Holling vorbeigehe, steigt Wehmut in mir auf; es ist ja leider komplett renoviert.

Sie haben die katholische Kirche erwähnt ...

… die mir in Schülerzeiten zur zweiten Heimat wurde. Nach einer Silvesterparty mussten wir mal zwei Stunden bis zum ersten Bus überbrücken. Erfreulicherweise war Frühmesse im Dom, bei der wir ein bisschen vorschlafen konnten. Wir sind allerdings aufgeflogen und wurden des Hauses verwiesen. Mein Freund Ludger aus Schwagstorf schnarchte schon damals.

Wie hat die Ursula-Schule Sie geprägt?

Wir waren der erste Jungenjahrgang auf dem Mädchen-Gymnasium; ich habe z.B. bis heute einen sehr weiblichen Zugang zur Politik: Krawall, Krawall, Krawall.

In Charlottenburg trägt eine schmucklose Ecke den Namen „Osnabrücker Straße“. Hier organisieren Landrat und OB gern Straßenfeste und stiften rustikale Holzbänke.

Wenn ich im Wahlkampf stehe, ist das Osnabrücker Straßenfest natürlich ein Pflichttermin für mich. Ich muss ja die Herzen der Osnabrücker in Berlin erringen.

Wie macht man das?

Ich stehe rum, schüttele Hände, finde alles toll und frage fremde Menschen, wie es den Kindern geht und ob der Friedensschinken schmeckt.

Sind Sie stolz ein Osnabrücker zu sein? Oder schämen Sie sich für die Versuche der Stadt, wenigstens ab und an mal überregional aufzufallen?

Aus der Ferne betrachtet, relativiert sich das alles. Übrigens bin ich kein gebürtiger Osnabrücker; aufgewachsen bin ich hier schon, aber geboren wurde ich in Göttingen. Was nicht heißen soll, dass ich dereinst die Ehrenbürgerschaft ablehnen werde. Osnabrück ist eine schöne, ruhige, westdeutsche Kleinstadt, in der man seine Jugend verbringen kann. Während ich behütet in Osnabrück aufwuchs, haben Jugendliche in Neukölln Brückenzoll von Gleichaltrigen erhoben. Da wurden Schulkinder mit dem Gebiss auf die Bordsteinkante gelegt und entkamen einem Nackenschlag nur gegen Zahlung von 50 Pfennigen. Osnabrück ist eine Stadt, in der man gut aufwachsen kann und die man dann verlassen sollte, um irgendwo Brückenzoll zu erheben.

Ist der falsche Osnabrücker Präsident geworden?

Auf jeden Fall. Ich bin über vierzig, politisch ebenso blass wie Wulff, habe dubiose Freunde und den Willen zur Macht. Wir schwanken aber noch zwischen einer Koalition der Willigen und einer brachialen Machtübernahme. In Reykjavík ist der Komiker Jón Gnarr Bürgermeister geworden – u.a. mit dem Wahlversprechen, dass das Parlament in acht Jahren drogenfrei sei. Ich glaube, Menschen aus dem komischen Bereich sind nicht die schlechteren Staatsmänner.

Ist Ironie eine Form der inneren Emigration aus der Provinz?

Ich unterscheide zwischen Ironie und Satire. Hang zur Ironie ist ein Wesenszug, der sich auch in Kleinstädten ausprägt. Es kommen ja viele „Titanic“-Redakteure aus Bielefeld, aus Siegen, aus Göttingen, Essen, Heilbronn. Wenn man im satirischen Bereich wirken will, ist es schon richtig, in die Großstadt zu gehen. Das Niveau ist höher, die Herausforderungen sind größer, ganz einfach weil es hier mehr Gleichgesinnte gibt.

Ein Gag von Ihnen, der alle Osnabrücker schmerzt: Bei Ihren Bühnenauftritten in der Heimat sprechen Sie statt von Osnabrück immer nur von Dings. Bitte sagen Sie unseren Lesern, dass Sie das in allen Städten so machen.

Ich mache das in allen Städten so. Ich bin viel unterwegs und kann mir nicht immer merken, wo ich gerade lese.

Gemessen an den Erfolgen herrscht in Osnabrück eine verblüffend hohe Identifikation mit dem VfL. Geht Ihnen das genauso?

Ich beobachte ihn interessiert. Mich haben die 80er Jahre geprägt, in denen es der VfL es einmal geschafft hat, Bocholt zu besiegen und einen Abend lang auf Platz eins zu stehen. Begeistert hat mich damals neben dem Zweitliga-Torschützen-König Horst Feilzer besonders ein Mann, und zwar Detlef Olaidotter, einer der lustigsten Spieler, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Schon seine blonde Dauerwelle flog stets sehenswert. Aber er hat auch lustig gespielt: Er war Stürmer, neben Horst Feilzer; Feilzer hat alle Tore geschossen und Olaidotter keine. Er konnte nämlich nicht Fußball spielen. Er ging immer nur auf die Eckfahne zu und spielte sich und den Gegner schwindelig. Trotzdem hat er das Tor des Jahrhunderts geschossen. Es ist leider nicht aufgezeichnet worden, sonst wäre der Mann weltberühmt. Er hat bei einem Flugkopfball den Ball verfehlt – wie so oft –, hat sich dann nach hinten umgedreht und musste voll Erstaunen mit ansehen, wie seine eigene angewinkelte Hacke aus Versehen den Ball traf und ins Tor beförderte. Ewig unvergesslich sind mir: erstens dieses Tor und zweitens Olaidotters Gesichtsausdruck dabei.  


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