Blumenkinder in Höhlen und am Strand Auf diesen Inseln zelebrieren Hippies noch immer ihr Aussteigerleben

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Die Hippies gehören längst zum Tourismus-Marketing von Ibiza. Mit der Flower-Power-Nostalgie spielt auch der bekannteste Technoclub der Insel, das Pacha, in seinen Werbekampagnen. Foto: Pacha IbizaDie Hippies gehören längst zum Tourismus-Marketing von Ibiza. Mit der Flower-Power-Nostalgie spielt auch der bekannteste Technoclub der Insel, das Pacha, in seinen Werbekampagnen. Foto: Pacha Ibiza

Ibiza-Stadt. Ab Ende der 60er-Jahre zogen Hippies in Höhlen und an Strände auf La Gomera, Ibiza oder Kreta. Noch heute zelebrieren dort einige Blumenkinder und Neudazugekommene ihr Aussteigerleben. Als Tourist kann man sie besichtigen.

Mit zotteligem Haar und kettenbehangen wie ein Schamane trommeln Männer auf Bongos herum. Leichtbekleidete Frauen lassen ihre Hüften kreisen, manche haben ein abwesendes Lächeln im Gesicht. Die untergehende Sonne an der Cala Benirrás im Norden Ibizas taucht die Tanzenden in rotes Licht: viele federgeschmückte Touristen, aber auch Althippies, die vor Jahrzehnten auf die Baleareninsel kamen und hier hängen blieben. Heute sind sie Gurus, Yogalehrer, Kunsthandwerker, die abseits der Riesendiscos und Beachclubs im Süden leben.


Das Anbeten des Sonnenuntergangs gehört zum Programm auf Ibiza. Hier mit Blick auf die als mystisch geltende Insel Es Vedra. Foto: Claudia Scholz


Haltestellen auf dem Weg nach Süden

Ende der 60er-Jahre wurden Ibiza und die Nachbarinsel Formentera zu Haltestellen auf dem Weg nach Süden und Osten, zu den Hippiezentren von Marokko oder Katmandu. Es gab viele Gründe, nach Ibiza zu gehen. Die Hippies, deren Bewegung ihren Ursprung in Kalifornien nahm, verachteten den Krieg, und manche suchten Schutz vor der Einberufung zum Militär. Viele kamen, weil sie das bürgerliche Leben mit seinen Wohlstandsidealen und die Zwänge der Gesellschaft ablehnten.




Das Leben auf den spanischen Inseln war einfach und ländlich. Die niedrigen Preise verstärkten das Gefühl der Unabhängigkeit. Am Monatsende ging die eigentlich so sehr auf ihre Emanzipation bedachte Jugend dann allerdings oft schnurstracks zur Post – um sich den Scheck von den Eltern abzuholen.

Ländliches Leben und Drogenfeste

Weder gab es fließend Wasser noch Toiletten in den alten Fincas, wie die französische Aussteigerin Yasmine in der Doku „Hippies Ibiza“ auf Youtube berichtet. „Es gab einen Brunnen, da musste man hinlaufen und das Wasser mit Eimern zum Haus bringen. Wir lebten gut, wir waren nackt in der Sonne“, erzählt Yasmine.

Der Film „More“ von 1969 mit dem psychedelischen Soundtrack von Pink Floyd machte Ibiza zum Mythos. Darin schwingt Schauspielerin Mimsy Farmer ihren Körper im weißen Behang vor Felsenkulisse und gibt sich auf Opiumfesten dem ständigen Drogenrausch hin. 




Reisende auf der Suche nach Natur und Einsamkeit reisten meist weiter nach Formentera, wo auch der Musiker Bob Dylan in einer Mühle gelebt und „Blowing in the wind“ komponiert haben soll.

Die Hippiemärkte der beiden Inseln sind mittlerweile Touristenattraktionen. Feilgeboten wurde hier schon vor Jahrzehnten Selbstgehäkeltes in Abgrenzung zur industriell gefertigten Massenmode. Heute gibt es auch einigen Ramsch und es kaufen viele Hipster ein, die in Discos wie dem Pacha bereit sind, zehn Euro für eine Flasche Wasser zu bezahlen.

Aussteiger erregen den Unmut der Inselbewohner

Die Inselbewohner nannten die Hippies früher die „Langhaarigen“ und fanden sie ein bisschen merkwürdig. Ihr ungewöhnlicher Lebensstil – Drogenexzesse, sexuelle Freizügigkeit, Schnorren und nacktes Zurschaustellen – erregten oft ihren Unmut.

(Weiterlesen: Beatles, Gurus, Drogenrausch: 1968 und die Sinnsuche)

Für negative Schlagzeilen sorgten in den letzten Jahren auch heutige Eigenbrötler. So mussten zwei deutsche Mädchen ihrer Hippie-Mutter entrissen werden, weil sie in einer Höhle auf Teneriffa verwahrlosten. Ein anderes Mal zog ein deutscher Aussteiger den Ärger der kanarischen Insel La Palma auf sich: Er hatte ein Feuer ausgelöst, weil er nach der Verrichtung seiner Notdurft in der ausgedörrten Wildnis das Toilettenpapier unbedacht angezündet hatte.



Das Valle Gran Rey auf La Gomera ist noch ein Zufluchtsort für die Blumenkinder von einst geblieben. Kanadier und Amerikaner waren die ersten, die kamen. Sie kampierten am Strand des damals verschlafenen Fischerdorfs, lebten monatelang in den zerklüfteten Felswänden der Schweinebucht. Auch heute verabschieden noch viele den Sonnenuntergang an der Bucht mit Trommeln und Hasch. Allerdings wird die Unbekümmertheit der Hippies einmal pro Jahr gestört, wenn die Polizei die Höhlen räumt. Wildes Campen ist verboten.

Wiedersehensfest ehemaliger Höhlenbewohner

Die Wohnhöhlen der Generation Flower Power im kretischen Dorf Matala sind heute eingezäunt, man kann sie aber besichtigen von 10 bis 19 Uhr, wenn man drei Euro Eintritt bezahlt. Die Anziehungskraft dieses Ortes ist noch groß, obwohl die damalige griechische Militärjunta dem Treiben bereits 1969 ein Ende bereitete. Später kamen Rucksacktouristen, heute hat jeder Reiseveranstalter das Dorf auf Kreta im Angebot. Der Bremer Autor Arn Strohmeyer, dem Matala seit der ersten Begegnung 1967 ein Sehnsuchtsort geblieben ist, organisierte vor ein paar Jahren sogar ein Wiedersehensfest mit Vip-Bändchen und DJ für alle ehemaligen Höhlenbewohner.


Werbung für die Edeldisco "Pacha" und ihr Flower-Power-Fest. Die Hippies sind bis heute ein Markenzeichen Ibizas. Foto: dpa


Auf den Kanareninseln Teneriffa und La Gomera leben tatsächlich noch Menschen wie in den 70er-Jahren in Höhlen und Kommunen. Viele von ihnen sind Aussteiger aus Nord- und Mitteleuropa. Manche haben in der Wirtschaftskrise den Job und die Wohnung verloren und ziehen das naturverbundene Leben in der Grotte den Notunterkünften auf dem Festland vor.

(Weiterlesen: Wie die 68er die WG erfanden und was von ihrem Lebensgefühl bleibt)

Verarmt und ohne Obdach

Viele Alt-Hippies schlagen sich auf Ibiza mit Gelegenheitsjobs durch. Der 65-jährige Musiker Jon Michelle, der seit den 80er-Jahren hier lebt, organisiert Konzerte auf dem Hippiemarkt. Leicht sei es nicht, die Lebenshaltungskosten zu decken, sagt er. Ein zweites Standbein sind für ihn Hochzeitsrituale als Alternative zu kirchlichen Trauungen. 

Ibiza wurde in den 60er und 70er Jahren die neue Heimat vieler Hippies. Manche von ihnen blieben hier hängen. Obdachlos und verarmt irren manche von ihnen durch die Altstadtgassen von Ibiza-Stadt. Foto: Claudia Scholz


Andere Lebenskünstler vermieten ihre Zimmer oder putzen die Häuser der Reichen. Die hohen Immobilienpreise haben die Mieten derart ansteigen lassen, dass viele, auch Einheimische, nicht mehr wissen, wo sie in den Sommermonaten wohnen sollen. Manche gealterte Hippies haben weder Krankenversicherung noch Obdach, manche von ihnen irren zerlumpt und drogenabhängig durch die Altstadtgassen von Ibiza-Stadt.




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