„Schaut auf diese Stadt“ Vor 70 Jahren: Blockade von West-Berlin

Von Michael Ossenkopp

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Sehnsüchtig von den Bewohnern West-Berlins erwartet: die sogenannten „Rosinenbomber“.Sehnsüchtig von den Bewohnern West-Berlins erwartet: die sogenannten „Rosinenbomber“.

Berlin Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Deutschland unter der Kontrolle der vier Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion, die jeweils eine Besatzungszone verwalteten. Berlin hatte einen Vier-Mächte-Sonderstatus, obwohl es mitten in der von den Sowjets beherrschten Ostzone lag.

Schon seit April 1945 hatte es Probleme gegeben, Vertretern der Westmächte war immer wieder das Passieren der sowjetischen Zone verweigert worden. Durch die Einführung der D-Mark in den westlichen Besatzungszonen am 20. Juni 1948 eskalierte die Situation. Um ein Überschwemmen mit Beständen alter Reichsmark aus den Westzonen zu verhindern, reagierten die Sowjets mit einer eigenen Währungsreform – und riegelten die Zufahrtswege nach Berlin ab.

Am Morgen des 24. Juni 1948 gegen 6 Uhr wurde der gesamte Güter- und Personenverkehr auf Straßen, Schienen und einige Tage später auch zu Wasser unterbrochen. Noch in der Nacht war der Fernstrom für die West-Berliner vom Großkraftwerk Zschornewitz, das in der sowjetischen Besatzungszone lag, gekappt worden. Seitdem lieferte eine Notversorgung täglich nur noch zwei Stunden Strom.

Die Regierungen der Westmächte hatten zwar mit einer Reaktion auf die Währungsreform gerechnet, aber die totale Blockade traf sie weitgehend unvorbereitet. Lucius D. Clay, Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, forderte, die Sperren mit gepanzerten Truppen zu durchbrechen. Doch US-Präsident Harry S. Truman reagierte besonnen. Er wollte keinen Dritten Weltkrieg riskieren, sondern veranlasste die Einrichtung einer Luftbrücke. Die ersten Maschinen der Operation Vittles (Operation Proviant) erreichten den Tempelhofer Flughafen am 26. Juni. Die britische Royal Air Force (RAF) beteiligte sich zwei Tage später an den Versorgungsflügen.

Sämtliche Verbrauchsgüter wurden eingeflogen, dazu gehörten Kohle, Benzin und Medikamente. Um Gewicht zu sparen, gelangten Milch, Gemüse und Kartoffeln in dehydriertem Zustand an Bord. Schon nach kurzer Zeit waren zur Versorgung der knapp 2,2 Millionen Berliner im Westteil der Stadt rund um die Uhr etwa 300 Flugzeuge im Einsatz. Alle 90 Sekunden startete und landete eine Maschine. Bis Mai 1949 wurden mit rund 277000 Flügen 1,44 Millionen Tonnen Kohle, 490000 Tonnen Nahrungsmittel und 160000 Tonnen Baustoffe in die Stadt transportiert.

Die Planung der Luftbrücke übernahm der Logistikfachmann und US-General William H. Tunner. Er schuf ein ausgeklügeltes System und teilte die zur Verfügung stehenden drei Flugschneisen in Einbahntrassen über fünf Ebenen ein, mit einem jeweiligen Höhenabstand von 150 Metern – aus Richtung Hamburg und Frankfurt fanden nur Flüge nach Berlin statt, alle Rückflüge nach Westen nutzten den mittleren Flugkorridor (Großraum Hannover). Die Idee, Güter ohne Landung abzuwerfen, war schon nach wenigen Versuchen als unzweckmäßig wieder eingestellt worden.

Während der Blockade machte West-Berlins Bürgermeister Ernst Reuter den Freiheits- und Durchhaltewillen der Stadt deutlich. In einer legendären Rede vor der Ruine des Reichstagsgebäudes am 9. September 1948, zu der 300000 Menschen gekommen waren, rief er in die Menge: „Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt. Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt. […] Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!“

US-Pilot Gail Halvorsen flog während der Luftbrücke Dutzende Einsätze. Er ging als „Candy Bomber“ in die Geschichte ein, da er Süßigkeiten an selbst gebastelte Fallschirme band und sie vor der Landung in Tempelhof für wartende Kinder abwarf. Deshalb wurden die Flugzeuge im Volksmund auch liebevoll „Rosinenbomber“ genannt. Immer mehr Kinder hörten von der Schokolade aus dem Himmel und erwarteten die Piloten mit Winken und Geschrei.

„Am Anfang ging ich davon aus, dass unser Einsatz nur kurz sein würde“, erinnerte sich Halvorsen, „Stalin würde dem internationalen Druck sicher nicht lange standhalten.“ Doch es dauerte fast ein Jahr, bis die Sowjetunion nachgab. Der Westen hatte Embargos für hochwertige Technologien verhängt, die daraus erfolgten wirtschaftlichen Einbußen der Sowjets führten am 12. Mai 1949 zu dem Beschluss, die Berlin-Blockade aufzuheben. Der letzte Versorgungsflug fand am 27. August 1949 statt, offiziell endete die Luftbrücke am 30. September 1949. Während der Einsätze kam es zu mehreren tödlichen Unfällen, dabei verloren 83 Menschen ihr Leben.

Rund um die westdeutschen Luftbrückenstützpunkte sorgte die Luftbrücke auch für Ausnahmezustände anderer Art. In Celle und Faßberg blühte die Prostitution, Einheimische vermieteten stundenweise Scheunen und Schlafzimmer, um den bis zu 2000 als „Veronicas“ bezeichneten Gelegenheitsprostituierten Raum zu bieten. Die alliierten Militärverwaltungen warnten mit Informationsbroschüren und Plakaten vor Geschlechtskrankheiten („veneral diseases“, abgekürzt „VD“). Die Kurzform wurde jedoch schnell in ein „Veronica, danke schön“ umgedeutet.

Zur Erinnerung an die Versorgungsflüge wurde im Juni 1949 der Platz vor dem Flughafen Tempelhof in „Platz der Luftbrücke“ umbenannt. Zwei Jahre später wurde dort das Luftbrückendenkmal des Künstlers Eduard Ludwig enthüllt: Drei Rippen aus Beton krümmen sich gen Westen, sie symbolisieren die Luftkorridore. Aufgrund seines Aussehens wird es vom Berliner Volksmund „Hungerharke“ genannt. Identische Gegenstücke stehen bei Celle sowie auf der Rhein-Main Air Base am Frankfurter Flughafen.


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