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Polizistin erschießt Mann in Zug Sicherheitskreise: Messerstecher von Flensburg war Migrant aus Eritrea

Von Dana Ruhnke und Gerrit Hencke

Rettungskräfte und Polizisten stehen am Dienstagabend vor dem Bahnhof. Foto: Sebastian Iwersen/nordpresse mediendienst/dpaRettungskräfte und Polizisten stehen am Dienstagabend vor dem Bahnhof. Foto: Sebastian Iwersen/nordpresse mediendienst/dpa

Flensburg. Der von einer Bundespolizistin in einem Zug in Flensburg erschossene Messerstecher war nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein junger Mann aus Eritrea.

Die Staatsanwaltschaft vermutet hinter der Messerattacke eines Afrikaners in einem Intercity-Zug in Flensburg weder einen terroristischen noch einen sonstigen politischen Hintergrund. „Es gibt überhaupt keine Hinweise darauf“, sagte Flensburgs Leitende Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt am Donnerstag. Der 24 Jahre alte Messerstecher war am Mittwochabend von einer Polizistin mit ihrer Dienstwaffe erschossen worden. Zuvor soll er sie und einen 35 Jahre alten Mitreisenden aus Köln nach einem Streit angegriffen und schwer verletzt haben. Lebensgefahr bestand nicht.

Bei dem Mann handelt es sich nach ersten Erkenntnissen um einen Asylbewerber aus Afrika, der in Nordrhein-Westfalen wohnen und eine befristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland haben soll. Informationen des Nachrichtenmagazins „Spiegel Online“ und der Deutschen Presse Agentur, wonach es sich bei dem Täter um einen Mann aus Eritrea handeln soll, wollte die Pressesprecherin der Polizei Flensburg, Sandra Otte, nicht bestätigen. Die genaue Identität könne erst im Laufe der am Donnerstag stattfindenden Obduktion geklärt werden.




Mann hatte Aufenthaltstitel 

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wollte sich „aus datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht zu dem Fall äußern und verwies auf die Ermittlungsbehörden. Laut Bericht kam der 24-Jährige 2015 über Österreich nach Deutschland und hatte einen Aufenthaltstitel aus politischen, humanitären oder völkerrechtlichen Gründen. Die Nationalität des verletzten 35-Jährigen war zunächst nicht bekannt. Auch dazu, ob sich die Männer, die beide in Nordrhein-Westfalen wohnten, kannten, machten die Ermittler keine Angaben. 

Die 22-jährige Polizistin hatte am Mittwochabend in dem Zug nach bisherigen Erkenntnissen ihre Dienstwaffe eingesetzt, teilte die Polizei mit. Ein Polizeisprecher sagte, dass die Polizistin nicht im Dienst war, aber in Uniform in dem Zug reiste. „Das ist nichts Außergewöhnliches, Polizisten dürfen in Uniform Zug fahren und sind dabei auch bewaffnet.“

Rettungskräfte und Polizisten stehen am Mittwochabend vor dem Bahnhof in Flensburg. Foto: Sebastian Iwersen/nordpresse mediendienst/dpa

Der IC 2406 befand sich auf dem Weg von Köln nach Flensburg. Laut Bundespolizei ereignete sich der Vorfall gegen 19 Uhr im Bahnhof Flensburg. Die „Bild“-Zeitung berichtete, ein Zugbegleiter habe wegen eines Streits zwischen zwei Männern über Lautsprecher nach Polizisten an Bord gefragt. Die mitreisende Polizistin soll dann versucht haben, den Streit zu schlichten. Der 24-Jährige soll mit einem Messer auf den 35-Jährigen eingestochen haben, bevor er auch die Polizistin attackiert habe.

Wieso es zu dem Angriff auf den 35-Jährigen kam und der Streit derart eskalierte, dass sich eine junge Polizistin offensichtlich genötigt sah, die Dienstwaffe zu zücken und zu schießen, war am Donnerstag weiter offen. Direkte Augenzeugen gab es ersten Erkenntnissen zufolge nicht.


Der Bahnhof wurde am Dienstagabend von der Polizei weiträumig abgesperrt. Foto: Benjamin Nolte/dpa

Die Polizistin nutzte nach Angaben der Staatsanwaltschaft ihr Schweigerecht und äußerte sich zunächst nicht zu dem Vorfall. Der 35-Jährige wurde noch nicht vernommen. Der IC wurde beschlagnahmt. Der Zug befand sich auch am Donnerstag noch in Flensburg.

Der Flensburger Bahnhof wurde am Mittwochabend vorübergehend geräumt, war am Abend dann aber wieder zugänglich. Auch die Zufahrtsstraßen waren zwischenzeitlich gesperrt, der Zugverkehr nach Flensburg wurde unterbrochen. Bundespolizei, Landespolizei und Kriminalpolizei waren vor Ort im Einsatz. Staatsanwaltschaft und Kripo haben die Ermittlungen übernommen.

Daniel Günther dankt Polizistin für ihren Mut

Ministerpräsident Daniel Günther zeigte sich in einer Mitteilung am Donnerstag tief erschüttert. „Mein Mitgefühl und meine Genesungswünsche gelten den beiden Verletzten. [...] Ich bin erleichtert, dass durch das beherzte Eingreifen der Bremer Beamtin mutmaßlich Schlimmeres verhindert werden konnte. Ihr danke ich ganz besonders für ihren Mut.“ Günther hoffe, „dass die Ärzte ihre Gesundheit voll wieder herstellen können und sie die Geschehnisse gut verarbeiten kann.“ Die Ereignisse vom Mittwoch würden einmal mehr zeigen, wie wichtig die Präsenz von Polizeibeamten in Uniform auch im Rahmen privater Fahrten im öffentlichen Raum sei. „Das sorgt für mehr Sicherheit für uns alle.“

Innenminister Hans Joachim Grote sagte: „Die Beamtin aus Bremen war deshalb in Uniform mit ihrer Ausrüstung im Zug, weil die Bahn zu den öffentlichen Verkehrsunternehmen gehört, die Polizeibeamtinnen und -beamten in Uniform – und dazu gehört die Schutzausrüstung – auch privat kostenfrei nutzen dürfen. Schon durch diese sichtbare Präsenz sorgen sie für Sicherheit. Nötigenfalls können und dürfen sie, wie in diesem Fall, eingreifen. Wir alle können froh sein, dass gestern im Zug in Flensburg eine Beamtin davon Gebrauch gemacht hat.“ Der Frau gehe es den Umständen entsprechend gut.

Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange sprach von einer schrecklichen Tat. Ihre Gedanken seien bei Opfern und Verletzte. Sie dankte den Einsatzkräften für die gute Arbeit.

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Schleswig-Holstein, Torsten Jäger, lobte das Verhalten der jungen Polizistin. Diese habe eindrucksvoll couragiert eingegriffen, das Leben eines offensichtlich unbewaffneten Menschen gerettet und sich damit sogar selbst gefährdet. Der Vorfall mache einmal mehr deutlich, dass es ein hohes Sicherheitsbedürfnis im öffentlichen Personenverkehr gebe. Dazu würden auch privat reisende Polizisten in Uniform beitragen. „Das reicht aber nicht aus.“

„Das hat es früher nicht gegeben“

Am Flensburger Bahnhof scheinen sich indes einige Passanten sicher zu sein: Das habe es früher nicht gegeben, rief etwa ein Mann, der auf dem Bahnhofsvorplatz wartete, Journalisten zu. Eine Bahnpendlerin aus Flensburg, die ihren Namen nicht verraten wollte, meinte ebenfalls, die Aggressivität nehme zu. Ein mulmiges Gefühl, jetzt in den Zug zu steigen, habe sie aber nicht. „Ich meine, das kann überall passieren. Ich nehme das jetzt nicht persönlich für die Strecke Hamburg-Flensburg“, sagte die 56-Jährige.

Die Polizei bittet unterdessen Mitreisende des Zuges, die noch nicht registriert wurden und Angaben zum Hergang des Geschehens oder zum Verhalten des mutmaßlichen Angreifers während der Zugfahrt machen können, sich mit dem Kommissariat 1 der Bezirkskriminalinspektion Flensburg unter der Telefonnummer: 0461/4840 in Verbindung zu setzen. (mit dpa)