Wave Gotik Treffen in Leipzig Autor Christian von Aster über Gruftis: „Klischees wie eine Reihe Grabsteine“

Von Melanie Heike Schmidt


Osnabrück. Er ist einer der Helden der Schwarzen Szene, obwohl er sie in seinen Lesungen gern verhöhnt: Christian von Aster. Außerdem ist der Autor Wahl-Leipziger, weshalb er zum jährlichen Gothic-Familientreffen, dem Wave Gotik Treffen (WGT) in Leipzig mit rund 20.000 Teilnehmern, nicht erst anreisen muss. Im Interview verrät von Aster, wo in Leipzig Kobolde wohnen und warum es „den typischen Grufti“ nicht gibt.

Er selbst attestiert sich eine „sinistre Mischung aus Märchen, Horror und Humor“. Andere strömen einfach in Christian von Asters Lesungen, zum Beispiel beim alljährlichen Familientreffen der weltweiten Gothic-Szene, dem Wave Gotik Treffen (WGT). Das geht an diesem Pfingstwochenende zum 27. Mal in Leipzig über die Bühnen. Rund 20.000 Gruftis aus aller Welt werden dazu in der sächsischen Stadt erwartet. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt der Wahl-Leipziger von Aster, der sich mit seinem Werk „Koboltikum“ just einen Platz auf der Shortlist zum Deutschen Phantastik Preis 2018 erobert hat, warum es „den typischen Grufti“ gar nicht gibt, weshalb er stets zu wenig Großbuchstaben besitzt und wo man in Leipzig Kobolde kennenlernen kann.

Hallo Christian (Anmerkung der Redaktion: Da Autor und Autorin befreundet sind, gibt es dieses Interview ausnahmsweise in der „Du“-Form), das Wave Gotik Treffen in Leipzig, kurz WGT, steht vor der Tür. Sollte jemand das WGT nicht kennen und von Gruftis, Gothics oder der Schwarzen Szene noch nie etwas gehört haben – wie würdest Du erklären, was Pfingsten in Leipzig passiert?

Ich denke, ich würde das Ganze am ehesten als eine vergnügte Synthese des Unvereinbaren mit schwarzem Schwerpunkt bezeichnen. Vor allem, weil ja Pfingsten in Leipzig niemals nur WGT, sondern in der Regel auch Turnfest, Kirchentag, Schnittlauchkirmes oder Jahrestag der Fotografen fortgeschrittenen Alters ist. Und all das findet derartig friedlich und miteinander statt, wie es zu anderen Anlässen vermutlich nicht funktionieren. Nicht zuletzt, weil die Anwohner sich während der letzten zwanzig Jahre zumindest an den schwarzen Teil gewöhnen konnten. Vor allem ist es also ein Miteinander. Das schlussendlich mehr von den Menschen als dem Festival getragen wird.

Das WGT bietet für jeden mehr oder minder sinistren Geschmack etwas. Worauf freust Du Dich?

Vor allem tatsächlich auf eine Reihe Leute, die ich nur einmal im Jahr zu sehen bekomme. Insbesondere ein Essen mit künftigem Verleger, koboldkundigem Illustrator, Schmuckfee und Lieblingsschweizer.

Du wohnst in Leipzig – wie ist es da, wenn nicht gerade Pfingsten ist?

Ich befürchte, dass ich, um das beurteilen zu können, mein Atelier zu selten verlasse. Wage aber zu behaupten, dass die Stadt auch den Rest des Jahres über da ist.

Du bist Meister der Worte – was sagst Du dazu, dass „die Jugend“ immer weniger liest? Auch bei den Erwachsenen zeichnet sich ein Trend ab, Lesen ist aus den Top-15-Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen herausgeflogen. Wie bekommt man die Menschen zurück zum Buch? Indem man ihnen als Autor die Arbeit abnimmt und die Bücher selbst vorliest? Du machst ja viele, viele Lesungen…

Das ist ein komplexes Thema. Lesen ist meines Erachtens vor allem Lust. Lust an Staunen, Geist und Erleben. Dessen wahrer Wert sich erst durch die eigene Vorstellung und das eigene Denken offenbart. Wenn der Leser beginnt, das Geschriebene mit sich zu kombinieren. Lesen ist sinnlich. Ich wage allerdings nicht, das weniger Lesen der Jugend oder der Menschen an sich zu beurteilen. Wir leben in einer Zeit des medialen Umbruchs. Alles verändert sich rasant schnell. Und das Maß, das junge Menschen früher an Büchern lasen, lesen sie heute vermutlich an grammatikalisch bedingt korrekten SMS. Aber ich denke tatsächlich, dass jeder, der auch nur entfernt etwas dafür übrig hat, früher oder später zum Lesen findet. In welcher Form auch immer.

Ansonsten gehe ich vor allem mit John Waters: Wir müssen Bücher wieder cool machen. Wenn du mit jemanden nach Hause gehst und er hat keine Bücher, dann f*** ihn nicht. Schlafe nicht mit Leuten, die nicht lesen!“

Lesen Gruftis besonders gern? Oder lesen sie andere Sachen? Was verbindet Dich/Deine Bücher mit dieser Szene?

Ich wage zu behaupten, dass es ‚die Gruftis‘ so nicht gibt. Vielleicht sogar nie gegeben hat. Wobei natürlich neben dem Punkrock auch die romantische Literatur eine unbestreitbare Wurzel der Szene ist. Und verschiedene Gothic-Bands hohe literarische Ansprüche verfolgen. Bei so einer Frage richten sich als Antwortoption die Klischees wie eine Reihe Grabsteine auf. Aber wenn man tatsächlich so klar sagen könnte, was Gruftis lesen, erginge es den Szenemagazinen wirtschaftlich wesentlich besser.

Ich für meinen Teil bin vor vielen Jahren von der Szene quasi adoptiert worden. Was nicht nur daran lag, dass mein Humor und meine Leibwäsche die richtige Farbe hatten, sondern wohl auch weil meine sinistre Mischung aus Märchen, Horror und Humor auf Gegenliebe stieß und unangepasste Individualisten mitunter subtil zärtliche Verbindungen miteinander eingehen. Und darum treffen wir uns noch heute regelmäßig am Rande der Finsternis...

Glückwunsch zum Shortlist-Platz des Deutschen Phantastik Preises 2018! Wie hast Du das gemacht, ist Leipzig vielleicht besonders inspirierend? Gibt’s da Kobolde?

DAS weiß ich tatsächlich auch nicht. Zumal es das zweite Mal ist, dass ich mit einem Buch, mit dem derlei eigentlich vollkommen unmöglich ist, auf eine derartige Shortlist komme. Aber in diesem Fall ist mit Sicherheit auch mein andersweltlich verbündeter Pinselschwingkollege nicht ganz unschuldig daran. Und der Verlag, der sich alle Mühe gegeben hat, das Buch nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Die vermutlich nicht gerade günstig waren. Und was Kobolde angeht: Die gibt es überall. Wobei die nettesten in Leipzig im Clara-Park, hinter dem Bauwagen eines Kollegen und meinem Lieblingspub wohnen. Ich kann euch gern mal bekannt machen.

Braucht die Welt mehr Fantasie? Warum?

Das scheint mir beinahe eine rhetorische Frage zu sein. Ja. Vor allem um sich zu verändern. Weil Visionen ohne die Macht der Vorstellung nicht möglich sind. Und weil Phantásien sonst untergeht.

Apropos Fantasie: Beim Blick in die sozialen Medien bekommen Grammatikfans schnell das Grausen. Du hingegen beugst die Regeln, indem Du konsequent alles klein schreibst. Weshalb tust Du das, Faulheit? Rebellion? Eine Verbeugung vor dem Englischen?

Obwohl ein Blick auf die im Rahmen dieses Interviews getätigten Antwort mein vermeintlich konsequentes Vorgehen diesbezüglich widerlegt, will ich nicht bestreiten, dass ich einen Hang zur durchgehenden Kleinschreibung habe. Ich empfinde es als understatement. Weil ich es für wichtiger erachte, Gedanken klar und nachvollziehbar als grammatikalisch korrekt darzustellen. Dieses Stilmittel setze ich aber tatsächlich nur innerhalb der Grenzen meiner Komfortzone ein. Etwa in Mails oder auf meinen Facebook-Seiten. Und selbst Verleger und Lektoren haben noch keine bleibenden Schäden davongetragen. Wobei ich diesbezüglich natürlich schon einige Diskussionen führen durfte. Man hat mich als darob ebenso oft als dumm wie auch als arrogant bezeichnet, sowie potenzielle Sinnentstellungen als Argumente angeführt. Faktisch fehlt es mir manchmal lediglich an Großbuchstaben, da ich die meist schon Anfang des Monats versetzen muss, um mittags etwas Warmes auf den Tisch zu bekommen.

Eine kurze, aber ernste Frage zum Schluss: Hast Du bei Großveranstaltungen wie dem WGT oder anderen Festivals Angst, etwa vor Anschlägen?

Nein.

Und jetzt wirklich zum Schluss: Wer Pfingsten in Leipzig ist und mehr von Dir hören/lesen will: Wie findet er Dich?

Ich gedenke mich vor allem an Orten und zu Zeiten zu manifestieren, wie sie im offiziellen Programm erleslich sein dürften. Was tatsächlich einige sind. Und die meisten davon im blauen Salon. Und vor allem am Freitag, Sonntag und Montag. Anderswo aber auch am Samstag. Und sogar schon am Donnerstag. Verdammt, ist das alles kompliziert. Und dabei hätte ich hier Werbung machen können.