ESC-Gewinnerin 2018 Israel und Netanjahu feiern Netta Barzilai: "Du bist ein echter Schatz"

Von dpa

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Die Sängerin Netta kann ihren ESC-Sieg nicht fassen Foto: dpaDie Sängerin Netta kann ihren ESC-Sieg nicht fassen Foto: dpa

Tel Aviv/Jerusalem. Netanjahu meldet sich bei der Gewinnerin. Rechte Politiker feiern Sieg als Niederlage der Boykottbewegung gegen Israel.

Sie ist füllig, sie ist laut, sie trägt schrille Outfits: Die Israelin Netta Barzilai hat ihren ganz eigenen, ungewöhnlichen Stil. Die 25-jährige Siegerin des Eurovision Song Contest 2018 feiert ihren kräftigen Körper, obwohl er nicht dem vorherrschenden Idealbild entspricht. "Du musst nicht dem Standardbild davon entsprechen, wie jemand aussehen, denken, reden und kreativ sein muss, um Erfolg zu haben", lautet ihre Botschaft an junge Frauen.

Der Sieg von Netta Barzilai hat in Israel Begeisterung ausgelöst. Regierungschef Benjamin Netanjahu rief die 25-Jährige in der Nacht zum Sonntag in Lissabon an, um ihr zu gratulieren. In Tel Aviv feierten Tausende von Menschen bis in die frühen Morgenstunden ausgelassen auf der Straße.

Netta sagte dem israelischen Fernsehen, sie könne ihren Sieg noch gar nicht fassen. "Es ist Wahnsinn, was hier passiert ist." Sie werde es wahrscheinlich "erst in ein paar Tagen verdauen können". Netta sagte, sie repräsentiere zwar vor allem sich selbst, es sei aber "wunderbar, dass die Eurovision nächstes Jahr nach Israel kommt".

Anruf von Benjamin Netanjahu

"Netta, du bist wunderbar!", sagte Netanjahu der israelischen Siegerin kurz nach ihrem Sieg am Telefon. Sie sei "Israels beste Botschafterin". Er habe den Eurovision Song Contest gemeinsam mit seiner Familie gesehen und für einen Sieg Nettas gefiebert. "Wir warten auf dich, wir lieben dich", sagte er. Netta antwortete: "Danke, Bibi, danke!" Bibi ist Netanjahus Spitzname.

"Netta, du bist ein echter Schatz", schrieb Netanjahu auch bei Twitter. "Du hast dem Staat Israel viel Ehre eingebracht! Nächstes Jahr in Jerusalem!".

Von einer musikalischen Karriere habe sie geträumt, solange sie denken könne, sagte die junge Israelin vor kurzem in Tel Aviv. Barzilai ist das mittlere von drei Kindern, geboren wurde sie 1993 in der Stadt Hod Hascharon nördöstlich von Tel Aviv. In früher Kindheit verbrachte sie mehrere Jahre in Nigeria, wo ihr Vater als Vertreter eines israelischen Unternehmens arbeitete. 

Barzilais ungewöhnlicher Song "Toy" vermischt zeitgenössischen mit typisch koreanischem Pop, Hip-Hop und orientalischen Klängen. "Im Text geht es um das Erwachen weiblicher Power und soziale Gerechtigkeit, mit einer einfachen und direkten Botschaft", sagt die junge Frau. "Nämlich: Ich bin nicht dein Spielzeug." Dies gehe aber nicht nur junge Frauen an, sondern eigentlich jeden: "Seid stolz und nehmt euch selbst so an, wie ihr ausseht und denkt."


Barzilai war allerdings nicht immer so selbstbewusst. Als Jugendliche habe sie durchaus mit ihrem Gewicht gehadert, erzählte sie dem israelischen Fernsehen. "Als Mädchen habe ich mir immer vorgestellt, dass ich ein dünner, schöner Star werde, dass es nur so klappen kann", sagte sie. "Heute verstehe ich, dass ich es geschafft habe, ohne mich zu verändern." 

Netta Barzilai und die #MeToo-Debatte

Ihren Wehrdienst leistete sie in einer Band der israelischen Marine. Anschließend studierte Barzilai an der Rimon-Schule für zeitgenössische Musik und Jazz bei Tel Aviv, in der Abteilung für elektronische Musik. Das Geld für ihren Looper verdiente sie als Kellnerin. Sie trat häufig in Bars in Tel Aviv und auf Hochzeiten auf. Einem größeren Publikum wurde sie nach ihrem Sieg bei dem israelischen Gesangswettbewerb "Hakochav Haba" (Der nächste Star) bekannt. Dort gewann sie das "goldene Ticket" für die Teilnahme am Eurovision Song Contest in Portugal.

Barzilai wurde auch mit der der aktuellen #MeToo-Debatte in Verbindung gebracht. Die Sängerin sagte dazu, es sei "großartig, dass Frauen ihre Stimmen finden". Gedanken darüber, was andere von ihr erwarten, sieht sie als Zeitverschwendung. Denn das Leben sei kurz, sagt die 25-Jährige. "Wir sind doch nur eine Minute hier, und deshalb sollten wir die Zeit einfach genießen."

Jerusalem nächster Austragungsort für ESC 2019

Der Wettbewerb wird 2019 voraussichtlich in Jerusalem stattfinden. Bereits nach Israels Sieg beim Eurovision Song Contest vor 20 Jahren wurde der Wettbewerb 1999 dort ausgerichtet. 

Israel beansprucht ganz Jerusalem als seine Hauptstadt. Dies ist allerdings international umstritten. US-Präsident Donald Trump hatte Jerusalem im Dezember im Alleingang als Israels Hauptstadt anerkannt. Dies löste schwere Unruhen in den Palästinensergebieten aus, weil die Palästinenser den 1967 von Israel eroberten Ostteil als Hauptstadt eines künftigen eigenen Staates beanspruchen. Am Montag eröffnet in Jerusalem die neue US-Botschaft. Andere Länder wie Guatemala und Paraguay wollen dem Beispiel folgen.

Reaktionen: Internationale Boykottbewegung "total gescheitert"

Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat sagte am Sonntag, Nettas Sieg bedeute, dass die internationale Boykottbewegung gegen Israel "total gescheitert" sei.

Verteidigungsminister Avigdor Lieberman nutzte den Sieg des Songs "Toy" für eine verbale Breitseite gegen den Iran, dessen militärische Etablierung im syrischen Nachbarland Israel verhindern will. Syriens Machthaber Baschar al-Assad solle "lernen, was heute passiert" und dem iranischen Ajatollah Ali Chamenei sagen, dass er "nicht sein Spielzeug" sei, schrieb Lieberman bei Twitter. Der Iran habe "nichts in Syrien zu suchen".

Auch Israels Kulturministerin Miri Regev gratulierte Netta: "Du hast es geschafft und uns alle gerührt", schrieb Regev auf Facebook. "Du hast unserem Land, das seinen 70. Geburtstag feiert und Jerusalem, das 51 Jahre seit ihrer Befreiung und Vereinigung feiert, ein großes Geschenk gemacht." Im kommenden Jahr wolle man dem Publikum "das schöne Gesicht des Staates Israel zeigen". 

Kobi Oschrat, der den Song "Halleluja", komponiert hat, mit dem Israel 1979 bei der Eurovision siegte, bescheinigte Netta ein außergewöhnliches musikalisches Talent. "Sie besitzt eine musikalische Intelligenz in einem Ausmaß, wie man sie lange nicht gesehen hat, weltweit", sagte Oschrat dem israelischen Fernsehen am Sonntag.

In der Küstenmetropole Tel Aviv feierten die Menschen Nettas Sieg ausgelassen. Auf dem zentralen Rabin-Platz tanzten viele, schwenkten israelische Flaggen und sprangen in ein Wasserbecken. Auf den Straßen fuhren die ganze Nacht lang laut hupende Autos, aus denen der Song "Toy" dröhnte.

Es ist Israels vierter Sieg beim Eurovision Song Contest. Vor genau 20 Jahren gewann Dana International als erste Transsexuelle den Contest. Sie wurde zur Galionsfigur der israelischen Schwulen- und Lesbenszene und ebnete den Weg für weitere unkonventionelle Kandidaten.


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