Oxford-Kaserne in Münster In besonderer Mission: Die Fahrbereitschaft beim Katholikentag

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Fabian Krimphove ist vor allem hinter den Kulissen des Katholikentages im Einsatz. Foto: Stefanie WitteFabian Krimphove ist vor allem hinter den Kulissen des Katholikentages im Einsatz. Foto: Stefanie Witte

Münster. Ein eingeschworenes Team kümmert sich um den Transport beim Katholikentag. Gäste, Gegenstände, besondere Missionen - an der Oxford-Kaserne laufen die Fäden zusammen. Die meisten Fahrer sind Männer. Aber das Regiment führt eine Frau.

Dickes Mauerwerk und Natodraht sichern das Gelände. Etwas versteckt, hinter einer Ecke, gibt ein kleines Tor den Blick frei auf einen riesigen, asphaltierten Hof. Am Rande mehrere Bullis, LKWs und Wohncontainer. Männer in Shorts beäugen argwöhnisch jeden Unbekannten, der sich nähert. Von oben brennt die Mittagssonne. „Wo geht’s denn zu Juliane Vogt?“ Bei diesem Namen entspannen sich die Gesichter. Drei Arme weisen auf den letzten Container. Drinnen, zwischen drei Computern und einem Drucker sitzt die Mutter der Kompanie. 

Juliane ist seit 24 Jahren Chefin der Fahrbereitschaft des Katholikentages. Sie ist dafür verantwortlich, dass in den Workshop-Räumen Kaffeemaschinen ankommen, Kisten von A nach B und Gäste zu ihren Quartieren gefahren werden.


Bei Juliane Vogt (rechts) laufen alle Fäden zusammen. Foto: Stefanie Witte


Im zivilen Leben führt Juliane eine Akademie für Pädagogik in Dresden. Alle zwei Jahre tourt die Frau mit den schulterlangen grauen Haaren mit dem Katholikentag durch die Republik. 40 Helfer zählt ihre Mannschaft, darunter ein evangelischer Pfarrer, Manager, Lehrer und ganze Familien. Viele tragen Shirts mit der Aufschrift „Fahrbereitschaft“. Auf Julianes signalgrüner Weste prangt das Wort „Durchblickerin“. 

Zeit für eine schnelle Mittagspause. „Die achten hier immer drauf, dass ich zwischendurch auch mal was esse“, sagt Juliane, lacht fröhlich und setzt sich an eine Bierzeltgarnitur in eine Halle hinter den Containern. Es gibt Lasagne.

Was ihr in Münster besonders auffällt? „Die Fahrradfahrer!“, stößt Juliane hervor. „Das kenne ich aus anderen Städten nicht.“ Vor einem Katholikentag besucht die 54-Jährige den Ort des Geschehens stets an Karneval. Aus rein fachlichem Interesse. „An Karneval sehe ich, wie sich die Menschen in der Stadt verteilen“, sagt Juliane und ergänzt, halb empört, halb belustigt: „Und hier musste ich um mein Leben rennen! Hier gilt offenbar die Regel: Fahrräder dürfen alles.“ Dann winkt sie ab und lächelt schon wieder: „Aber ich habe mich damit ausgesöhnt.“ Eine Konsequenz für die Arbeit: In den LKWs soll immer möglichst ein Beifahrer auf die Umgebung achten. „Wir tun alles, um einen Unfall zu verhindern.“

„Die Matratzen müssen raus“, ruft ein Mann im Kommandoton durch die Halle. Die Matratzen stehen hinter der Bierzeltgarnitur. Das Mittagessen ist beendet. Draußen rollt ein Kleinlaster auf den Hof – Juliane schaut ihm mit kritischem Blick hinterher. „Auf dem Platz sollen sie Schrittgeschwindigkeit fahren“, sagt sie kopfschüttelnd und schiebt dann etwas resigniert hinterher, als habe sie soeben akzeptiert, dass jemand seine Stube nicht ordentlich aufgeräumt hat: „Das hatten wir ja heute Morgen schon mal.“


Aufgabenbesprechung. Für die nächste Tour braucht Juliane mehrere Fahrer. Foto: Stefanie Witte



Dann trommelt sie zehn Männer für eine besondere Mission zusammen. „Wir haben ja im Sicherheitskonzept Zäune und diese Wasserdinger. Aber jetzt sollen zusätzliche Sperren auf die Straßen“, erklärt sie in der prallen Sonne. Das Thermometer zeigt 27 Grad. Die Männer hören ruhig zu. „Und wenn ihr die Autos abgegeben habt, stellt euch in den Schatten bis ihr abgeholt werdet“, sagt die Chefin.


Ein junger Mann mit einer Flasche Apfelschorle in der Hand beugt sich über die Aufgabenzettel. „Sagst du noch mal wie wir uns hinstellen sollen? So fotografisch ist mein Gedächtnis nicht“, sagt er. Juliane grinst: „Ja klar“, sagt sie und macht ihm dann vor, wie er mit einem Schritt einen Meter abmessen soll, um die richtige Entfernung zu treffen. Ein Mann ruft: „Du bist doch 1,80 Meter, Fabian – leg dich doch einfach daneben.“ Die anderen lachen.



Fabian Krimphove lacht mit. Dann übernimmt er einen der VW-Bullis und rollt langsam vom Gelände. Im Radio laufen die Nachrichten. „Der Katholikentag könnte mit mindestens 72.000 Anmeldungen der besucherstärkste seit Jahren sein“, sagt die Sprecherin. Als Musik läuft, erzählt Fabian, dass er mit seinen Eltern, seiner Schwester und deren Familie da ist. „Mein Neffe war gerade bei der Erstkommunion. Beim Katholikentag ist er von Anfang an dabei“, sagt der 37-Jährige und biegt nach links Richtung Aasee ab. In den zwei Jahren bis zum jeweils nächsten Katholikentag halten sich die Fahrer über Facebook und Whatsapp auf dem Laufenden. Die meisten sind seit Jahren und Jahrzehnten dabei. Fabian wie auch Juliane sprechen von "Familie", wenn sie ihr Team beschreiben sollen.



Fabian Krimphove kennt sich in Münster aus – er ist gebürtiger Münsteraner. Foto: Stefanie Witte


An der Kreuzung stehen zwei Nonnen und halten einem Mann einen Stadtplan hin. Um den Hals des Passanten leuchtet das türkisfarbene Schlüsselband des Katholikentages. Je näher Fabian der Innenstadt kommt, desto stärker nimmt die Dichte an Schlüsselband-Trägern zu.

Der Bulli rollt an der Wiese am Aasee vorbei. Junge Frauen in Bikinis sonnen sich. Fabian ist heute um halb sieben aufgestanden. Wann er Feierabend machen wird, steht noch nicht fest. Am Ludgerikreisel, dem zweispurigen, meistbefahrenen Kreisverkehr in Münsters Innenstadt, tastet er sich langsam vor. Ein Radfahrer mogelt sich über eine Sperrfläche mit Rüttelstreifen rechts an ihm vorbei. „Eigentlich soll es ja unangenehm sein, darüber zu fahren – aber wer in Münster über Kopfsteinpflaster fährt, dem macht sowas wohl auch nichts“, bemerkt Fabian entspannt. Der Radler saust davon – vom Turnbeutel auf seinem Rücken leuchtet der türkisfarbene Schriftzug „Katholikentag“.

Zwei Dinge beherrschten den Münsteraner Katholikentag im Vorfeld. Zum einen die AfD. Ein Vertreter soll am Samstag auf einem Podium mitdiskutieren. Bei den Helfern ist das kein großes Thema. „Und ich weiß nicht, ob man die AfD nicht sogar stärken würde, wenn man sie auslädt“, meint Fabian. Zwei Stunden zuvor Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomittees der Katholiken, dem Veranstalter des Glaubensfestivals, dazu gesagt: „Man müsste verdammt gute Gründe haben, eine Fraktion auszuschließen.“ 

Das andere Thema: Die Amokfahrt vor ziemlich genau vier Wochen. Ein Mann war mit seinem Bulli in der Münsteraner Altstadt in eine Menschenmenge gerast, hatte zwei Menschen getötet und 20 verletzt. Noch heute liegen Opfer in den Kliniken der Stadt. Das Sicherheitskonzept für den Katholikentag wurde angepasst.„Für mich persönlich war das anfangs schon ein komisches Gefühl“, sagt Fabian. „Ich habe da in der Altstadt ja auch schon gesessen.“ Der junge Mann spricht für viele Münsteraner, wenn er schließt: „Hundertprozentigen Schutz kriegen wir eh nicht hin. Aber ich bin optimistisch, dass wir gut da durch kommen.“ 

Am Zielort in der Innenstadt angekommen, steigt Fabian aus, um sich zu orientieren. Eine ältere Dame mit türkisfarbenem Schlüsselband spricht ihn an: „Wissen Sie, wie heute die Nachtbusse fahren?“ Nein, das weiß Fabian leider nicht. Die Dame bedankt sich trotzdem. Fabian grübelt über die gewünschte Position für den Bulli. Mit großen Schritten misst er siebeneinhalb Meter ab und landet bei zwei Kreidedreiecken, die aufs Pflaster gezeichnet wurden. „Ich glaube ich setze ihn mal so dahin“, sagt er, positioniert das Auto und übergibt den Schlüssel an eine Frau, die auf die Absperrung aus Warnbarken und Wassertanks nebenan aufpasst.



Neben dem Kreidedreieck stellt Fabian den Bulli ab. Foto: Stefanie Witte



Wenig später steigt er zu den übrigen Helfern in einen Bulli. Fünf Männer sitzen schon darin. „Zurück zur Kaserne“, ruft einer. Hinten freut sich ein anderer mit Eisbecher in der Hand: „Ich hatte den besten Platz. Direkt gegenüber von Mc Donalds.“

Gibt es eigentlich auch Frauen in der Fahrbereitschaft? „Klar“, rufen alle und zählen nach, kommen aber nur auf eine Handvoll. „Aber wir haben auch zwei Frauen als Chefinnen“, wirft einer triumphierend ein. „Genau. Die Männer arbeiten hier für die Frauen“, sekundiert ein anderer. Die Stimmung ist gut. Die Fahrt könnte auch ins Ferienlager gehen.

Im Radio spricht gerade der Bischof. Die Truppe unterhält sich über Handys und Autos: Man glaubt, einen Helfer mit Handy am Ohr gesehen zu haben. Der Citroen fährt durch das kleine Tor in der Mauer, lässt den Natodraht hinter sich und die Jungs springen aus dem Auto. Juliane tritt aus dem Kontrollzentrum. „War was Besonderes?“, fragt sie. „Wir haben gerade einen gesehen, der hatte sein Handy am Ohr“, ruft einer aufgeregt. Julianes Augen werden größer. „Man kann die doch über Bluetooth verbinden. Ich mache wohl eine Schulung“, schlägt der junge Mann vor. Damit ist das vorerst geklärt.

Juliane fragt bei jedem Einzelnen ab, ob etwas Wichtiges passiert ist, übergibt dann Fabian seinen nächsten Auftrag: Drei Pakete müssen von der Geschäftsstelle zur Halle Münsterland. Ein anderer Helfer meldet sich ab und fragt noch: „Ab wann brauchst du mich morgen?“ Sie einigen sich auf sieben Uhr. Der junge Mann klopft der Kompaniechefin zum Abschied freundschaftlich auf die Schulter. Die hat die nächsten Aufträge ausgedruckt in der Hand. „Alles gut“, sagt sie zufrieden.


Jede Tour endet an der Oxford-Kaserne. Foto: Stefanie Witte



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