Osnabrücker Professor erinnert sich Studentenrevolte: „Wir haben uns immer als Minderheit wahrgenommen“

Von Stefanie Witte


Osnabrück. Vorlesungsstreiks, Straßenkämpfe und das Ringen um mehr Mitbestimmung: Was hat die Studentenbewegung angetrieben und was hat sich an den Unis geändert? Ein Streifzug durch das Jahr der Revolte.

Der Professor hält inne. Fast wirkt er ein wenig belustigt. Eine Stunde lang hat der 79-Jährige ernst und konzentriert über Straßenkämpfe und Studentenstreiks gesprochen. Beim Stichwort „Generation“ lächelt er erst ungläubig, überlegt kurz und sagt dann: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass man uns 50 Jahre später mal als Generation bezeichnet. Wir haben uns doch selbst immer als Minderheit wahrgenommen.“

Im Zentrum der Revolte

Arnim Regenbogen promovierte 1968 an der Freien Universität Berlin (FU) – im Zentrum der Revolte. Schon vorher protestierte er wie viele andere gegen den Vietnamkrieg. „Wir wollten nicht hinnehmen, dass wieder massive Menschenrechtsverletzungen – diesmal in Vietnam – passieren“, sagt Regenbogen.

Am 5. Februar 1966 flogen Eier gegen die amerikanische Botschaft in Westberlin. Ein Eklat. Zum ersten Mal begehrten Berliner gegen die Schutzmacht USA auf – so nahmen es viele Bürger wahr. Die Hauptstadt und ihre Zeitungen reagierten entsetzt. „Als die Eier gegen das Amerikahaus flogen, schrieb die Berliner Zeitung „Das ist Terror““, erinnert sich Regenbogen und wiederholt Wort für Wort, als wäre es ein Todesurteil: „Das. Ist. Terror.“

Die Berliner reagierten ähnlich. „Da war eine feindselige Stimmung gegen die Studenten“, erinnert sich Regenbogen. „Wir mussten uns viel anhören.“ Darunter Sätze wie „Ihr gehört ins KZ“ oder „Geht doch nach drüben“ – also in den Ostteil der Stadt, der unter sowjetischer Kontrolle stand.

„Pferde rasten in die Menge“

Von Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Revolution war die Rede. „Berittene Polizisten rasten mit ihren Pferden in die Menge. Wasserwerfer haben Menschen verletzt“, erinnert sich Regenbogen. „Die Polizei hat sich auf einen Bürgerkrieg eingestellt und dafür trainiert. Viele Demonstranten wurden schwer verletzt.“

An die Universitäten schwappte die Protestwelle Mitte der Sechziger Jahre. Neben Frankfurt, dem geistigen Zentrum der Bewegung, flammte der Protest an der FU Berlin auf. 1961 schrieb sich Rudi Dutschke dort für Soziologie ein und forderte mehr Aktion. Als der FU-Rektor 1965 einem Journalisten die Teilnahme an einer Diskussion verbot, zogen die Studenten nach amerikanischem und französischem Vorbild für die Redefreiheit ins Feld.

Radikale Sprache als Stilmittel

Schnell kamen weitere Forderungen dazu: Die jungen Erwachsenen wollten mehr mitbestimmen. „Das Problem waren die Erfahrungen aus der Zeit vor ´68. Studenten, die ihre Forderungen höflich formuliert hatten, wurden nicht ernst genommen“, erinnert sich Regenbogen. Also sei die Sprache radikaler geworden. Als Kriegskind sei er Pazifist gewesen, sagt der Wissenschaftler. „Aber man hat sich dann Revolution auf die Fahnen geschrieben, um überhaupt ernst genommen zu werden.“

„Unter den Talaren...“

Ähnlich lief es an weiteren deutschen Hochschulen. In Hamburg entwickelte sich das Foto eines Vorfalls zur Ikone der Studentenbewegung. Die Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte beschreibt das Ereignis so: Zum feierlichen Semsterbeginn am 9. November 1967 zogen die Professoren, in dunkle Talare gehüllt, in den größten Hörsaal Uni ein. Das Uniorchester spielte Bach. Plötzlich setzten die beiden Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer an die Spitze des Zuges und entrollten ein Transparent. Darauf der Spruch: „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“ – ein Mix aus Anspielungen auf die autoritären Uni-Strukturen und die totgeschwiegene NS-Vergangenheit. Die beiden Jura-Studenten, 23 und 24 Jahre alt, waren ehemalige AStA-Vorsitzende. Sie hatten das Banner – ein schwarzes Stück Stoff vom Trauerflor der Ohnesorg-Beerdigung – in der Innentasche eines Jacketts hineingeschmuggelt.

Majestätsbeleidigung

Die Mehrheit der Professoren – so beschreibt es der Historiker Rainer Nicolaysen in einer Analyse – „empfand den gezielten Regelverstoß als eine Art Majestätsbeleidigung; weite Teile des Publikums schwankten zwischen Entsetzen und Belustigung, während die Ehrengäste betreten schwiegen“. Die anwesenden Studenten jubelten.

Dabei waren Albers und Behlmer keineswegs Krawallmacher. Die Welt am Sonntag hatte den beiden noch ein Jahr zuvor bescheinigt, wegen ihrer geschickten „Politik der kleinen Schritte“ von prominenten Landespolitikern und Professoren gelobt worden zu sein.

Geduldsfaden reißt

Die beiden engagierten Studenten verloren jedoch irgendwann die Geduld. Das lang versprochene neue Universitätsgesetz kam nicht, die Studienbedingungen verschlechterten sich durch explodierende Studentenzahlen immer weiter und die studentische Mitbestimmung wurde nicht ausgebaut. Detlev Albers gilt als der Urheber des Begriffs „Drittel-Parität“ – der Forderung danach, dass Professoren, akademischer Mittelbau und Studenten zu je einem Drittel über die Belange der Hochschule entscheiden sollten.

Nach vielem Hin und Her, Drohungen, Veranstaltungen und Gegenveranstaltungen trat im April 1969 das erste Hochschulreformgesetz der Bundesrepublik in Hamburg in Kraft.

2,50 Mark pro Vorlesungsstunde

Auch in Berlin forderten die Studenten Reformen. „In den Massenfächern kam dazu: Studiengebühren wurden nicht pauschal erhoben, sondern pro Hörer“, erinnert sich der heutige Professor Regenbogen. „Jeder Student musste für seinen Platz im Hörsaal pro Semester 2,50 Mark bezahlen. Ein Raum, der für 500 Leute ausgelegt war, war schnell doppelt so voll. Und die Professoren haben sich nicht von sich aus für mehr Kapazitäten und weitere Professuren eingesetzt. Sie verdienten ja gut daran.“ Schwerer war es, in Seminare zu kommen und Scheine für den Abschluss zu machen. In einer Nebenfachprüfung bei den Historikern habe ein Professor versucht ihn abzuwimmeln, erzählt Regenbogen. Begründung: „Ich kenne Sie doch gar nicht.“ Regenbogens Fazit: „Uniprüfungen wurden häufig als Willkürprüfungen erlebt.“

Die Kette war weg

Jochen Staadt, der 1968 ebenfalls an der FU studierte und später die Universitätsgeschichte „Hochschule im Umbruch“ mitverfasste, erinnert sich an pompöse Immatrikulationsfeiern. Rektoren mit schwerer Amtskette vorne weg, dahinter die Institutsvertreter in jeweils eigenen Farben. „Das war `68 plötzlich alles vorbei“, sagt Staadt. Später habe die Unileitung diese Tradition geschickt umgangen und etwa einen Kabarettisten eingeladen oder einen Schiedsrichter, der zur Immatrikulationsfeier über Regeln sprach.

Ein weiteres Schlagwort der Studentenbewegung: die Streiks. Demos und Diskussionen über Militärputschs in Chile und Griechenland statt Vorlesungen. Die Studenten hatten den Eindruck: „Die westliche Demokratie läuft Gefahr, sich selbst abzuschaffen“, erinnert sich Regenbogen. Er arbeitete in dieser Zeit in der Studentenvertretung am Institut für Philosophie mit. Meist ging es um Abstraktes: Satzungen und Studienordnungen. „Diese Gremien waren eine Spielwiese für notwendige Veränderungen.“ Studienordnungen gaben Inhalte vor und verpflichteten Professoren, sich an einen Lehrplan zu halten. Das Studium orientierte sich stärker an künftigen Berufen. Angehende Lehrer machten zum Beispiel nun Praktika und wurden von erfahrenen Pädagogen unterrichtet.

Bewegung löst sich auf

Auch das Hörergeld pro Vorlesungsstunde wurde abgeschafft, erinnert sich Regenbogen. „Und schlagartig setzten sich die Professoren dafür ein, dass parallele Lehrstühle geschaffen wurden.“

Die Forderung nach mehr Mitbestimmung erfüllte sich an der FU Berlin teilweise. Die Professoren behielten einen Stimmanteil von 50 Prozent, sagt Staadt. Aber die andere Hälfte des Senats, die nun aus Studenten und Vertretern des Mittelbaus bestand, konnte fortan Verbündete unter den liberalen Professoren suchen und die Universität verändern. „Die Professorenschaft war ja keine geschlossene Einheit.“

Bereits zum Sommer 1968 löste sich die Bewegung auf. Viele Studenten hatten genug vom Dauerprotest und wurden stattdessen in weitverzweigten Subkulturen aktiv. Andere begannen Karrieren als Politiker oder Wissenschaftler. Einige verschwanden im terroristischen Untergrund.

Wo stehen die Studenten heute?

Wo steht die Studenten heute im Vergleich zu ´68? Jochen Staadt glaubt nicht, dass sie weniger engagiert sind. Protest gegen Hochschulen sei einfach weniger notwendig. „Die Uni ist heute ein sehr kooperativer Betrieb. Jede Hochschulleitung ist bemüht, keinen Ärger zu produzieren.“ Heute seien Universitäten Durchgangsorte der Ausbildung. „Damals waren sie für viele der Lebensmittelpunkt. Abends hat man sich zu Diskussionen getroffen. Heute spielt sich das Leben meist außerhalb der Uni ab.“

„Mehr bewegt als wir erwartet haben“

Professor Arnim Regenbogen ging nach seiner Promotion an die Universität Osnabrück. Er sieht Parallelen zur Studentenrevolte der 60er Jahre in den Schülerprotesten gegen das Waffenproblem in den USA, im Protest gegen G20, in der Occupy-Bewegung. „Eine linksautonome Szene, die sich zur Massenbewegung entwickeln könnte, gibt es auch heute noch“, glaubt Regenbogen.

Wenn er auf die Jahre des Protests in Berlin zurückblickt, und über die Zeit spricht, in der sich die kleine Gruppe der jungen Erwachsenen als angefeindete Minderheit in einer aufgeheizten Bundesrepublik erlebte, schwingt ein wenig Stolz in seiner Stimme mit: „Wir haben weit mehr bewegt, als wir erwartet haben.“