„Absolut magisch“ Deutsche Tierärztin leitet eine Klinik für Falken in Abu Dhabi

Von Michael Marek

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Abu Dhabi ist das größte der sieben Vereinigten Arabischen Emirate. Von den 1,6 Millionen Einwohnern sind achtzig Prozent Ausländer. Und hier leitet Margit Müller das „Abu Dhabi Falcon Hospital“. Die Tierärztin behandelt nicht nur die gefiederten Lieblinge der Emiratis, sie blickt auch auf eine ungewöhnliche Biographie in den Vereinigten Arabischen Emirate zurück.

Mit geübtem Griff stülpt Margit Müller dem Falken die Maske über den Kopf, um das Narkosegas zuzuführen. Das Flügelschlagen endet abrupt. Nach zwei, drei Zuckungen liegt der edle Vogel entspannt auf dem OP-Tisch. „Die Falkner nennen mich Doctora“, sagt die 49-jährige Veterinärin mit den dunklen Wuschellocken, „und sie vertrauen mir.“ Die Chefärztin ist sichtlich stolz: „Das war nicht immer so!“

Seit 2001 leitet Müller das „Abu Dhabi Falcon Hospital“. Anfangs habe sie mit vielen Vorurteilen einer männerdominierten Belegschaft zu kämpfen gehabt. Illoyale Angestellte hatten die Klinik heruntergewirtschaftet, die Organisation war schlampig, es mangelte an Hygiene, erinnert sich die Tierärztin aus Deutschland. Damit sollte Schluss sein. Müller wurde überraschend für die Mitarbeiter zur Managerin und Chefärztin berufen.

Eine Deutsche in einem arabischen Land als Nachfolgerin eines Mannes, noch dazu eines Einheimischen? Das war damals eine absolute Ausnahme. Frauen hätten in der Falkenklinik höchstens eine Anstellung als Sekretärin oder Laborantin gefunden, sagt Müller. „Die Falkner waren nicht gewohnt, dass eine Frau Tierärztin ist, und die Mitarbeiter waren nicht gewohnt, dass eine Frau hier das Sagen hat. Aber mir war klar: Ich lasse mich nicht vertreiben. Ich schaffe das trotzdem!“ Heute überlassen die Beduinen die gefiederten Lieblinge der Doctura ohne Wenn und Aber: „Inzwischen ist das so, dass viele Emiratis keinen anderen den Falken anfassen lassen außer mir.“

Im Behandlungssaal hat der Patient Probleme mit den Krallen. Die sind zu lang, diagnostiziert Müller. „Da muss was ab, denn übermäßig lange Krallen können zu Fehlstellungen der Füße führen und die wiederum auf Dauer zu Schmerzen für den Greifvogel.“ Müller greift zum Operationsbesteck, das alles andere als Hightech ist: ein Teppichmesser und eine kleine Schleifmaschine aus dem Baumarkt. Zunächst kürzt Müller mit dem Teppichmesser die Krallen, mit der Schleifmaschine schmirgelt sie überschüssiges Horn ab. Danach gibt es eine kleine Fußmassage mit Creme, um die Blutzirkulation anzuregen. Dann wird der Schnabel noch mit einem Nagelknipser in Form gebracht.

Nach knapp zehn Minuten ist alles erledigt. Die Narkose verliert ihre Wirkung, als Müller die Maske entfernt, schüttelt der Falke etwas irritiert den Kopf und plustert die Federn auf. Zur Belohnung gibt es noch eine Wachtel aus der eigenen Zuchtstation.

Mehr als nur ein Vogel

Bei ihrer Führung durch das Hospital redet Müller schnell, energisch und freundlich mit ihren Mitarbeitern, aus jeder Faser des Körpers spricht die Begeisterung für ihre Arbeit und „ihre“ Falken. „Sie sind faszinierend, weil das so unabhängige Charaktere sind. Wenn es einem Falken wirklich schlecht geht, dann kann er mir zeigen: Bitte, bitte hilf mir und tu was für mich!“ Viele Leute würden denken, ein Falke sei nur ein Vogel, der ein bisschen flattern kann. Das sei falsch, Falken hätten „eine besondere Art der Kommunikation, die ist absolut magisch!“.

Mit Selbstbewusstsein und Ausdauer hat sich die Falkenexpertin über die Grenzen der Emirate hinaus einen Namen gemacht. Auch wenn es einige Zeit dauerte, bis die Emiratis Vertrauen zu der quirligen Deutschen fassten, heute ist die Schwäbin aus Bayern eine Institution in Abu Dhabi und gilt als Koryphäe auf ihrem Gebiet. „Jedes Jahr behandeln wir im Falkenhospital über 11000 Falken“, über 75000 waren es seit der Eröffnung.

Margit Müller wurde in Weißenhorn nahe Ulm geboren. Nach dem Studium in Deutschland und Frankreich in den 1990er-Jahren schrieb die Veterinärin ihre Promotion in München über Fußerkrankungen bei Falken, für den praktischen Teil der Doktorarbeit ging sie nach Dubai. Dort stieß ihr Werk auf große Beachtung. Am Ende gab es das Angebot, die Falkenklinik in Abu Dhabi auf-, vor allem aber umzubauen. „Im Augenblick beschäftigen wir 107 Mitarbeiter aus 16 verschiedenen Ländern“, so Müller, ein bunter Nationalitätenmix wie überall in Abu Dhabi.

Die schwierigen Operationen übernehme sie gerne selbst, etwa Beinbrüche. „Dann operiere ich auf der Fläche einer Briefmarke, muss auf die Blutgefäße und die Nerven achtgeben!“

Die meisten Falken kämen aber für „Routine-Check-ups, weil sie nicht gut fressen und Infektionen haben“. Denn Falken infizieren sich relativ häufig, berichtet Müller. Wenn sie ein Beutetier jagen, „dann meist die schwächste Ente, und die ist meistens eine erkrankte“. Daneben werden vor allem gebrochene Beine oder abgeknickte Federn und Fleischwunden behandelt. Ausgestattet ist die Klinik mit allem, „was auch ein Krankenhaus für Menschen bietet“. Bei einem Rundgang zeigt Müller die verschiedenen Stationen: Operationssaal, Quarantänebereich für infektiöse Krankheiten, Labor, Röntgen- und Intensivstation. Die Gerätschaften stammen vor allem aus der Kinderheilkunde, sagt Müller, „denn von der Größe passt das auch unseren Falken. Wir haben Inkubatoren für frühgeborene Babys, die wir auf der Intensivstation verwenden“.

In ihrem Büro hängen Bilder, die meisten zeigen sie mit Würdenträgern Abu Dhabis. Eines fällt sofort ins Auge: Müller bekommt eine Auszeichnung von Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan überreicht, einem begeisterten Falkner und Bruder des Emirs von Abu Dhabi.

Tradition und Moderne lägen in dem Emirat dicht beieinander, sagt Müller: eines der größten Sonnenkraftwerke der Welt, Louvre, Ferrari World und gleichzeitig eine patriarchalische konstitutionelle Monarchie ohne Opposition und ohne Regierungsparteien – eines der reichsten Länder der Welt. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Emiratis liegt bei 6000 US-Dollar monatlich. Die Masse der ausländischen Arbeitskräfte sind nicht gut bezahlte Expats aus Europa, sondern kommt aus Indien, Bangladesch, Nepal und Pakistan, lebt bescheiden und verdient zwischen 300 und 600 Euro. Ist das nicht ein Missverhältnis?, frage ich die Chefärztin, zumal eine Falkenbehandlung so viel kosten kann wie ein Monatslohn dieser Menschen. „Interessante Frage“, entgegnet Müller, „die Leute, die bei uns putzen, verdienen etwa 200 Euro. In ihren Heimatländern leben die meisten von weniger als zwei bis fünf Dollar pro Monat. Sogar der kleinste Angestellte bei uns besitzt bei sich zu Hause ein großes Haus, unterhält eine Familie von mindestens 20 Familienangehörigen. In ihren Ländern sind diese Leute reich.“

Gestenreich und energisch redet Müller, so, als habe sie auf solche Fragen nur gewartet; jemand, der in seinen Antworten aufblüht. Und mit einer Botschaft: dass nämlich Falken in der arabischen Gesellschaft keine Haustiere, sondern Familienangehörige sind, die liebevoll gehegt und gepflegt werden. Die Falken seien durch den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der Golfstaaten eine Art Bindeglied zwischen Moderne und Tradition. Während in Europa die Falknerei als Sport der Könige und ein Vergnügen der Aristokratie galt, hatte sie auf der Arabischen Halbinsel eine andere Bedeutung.

Tradition und Moderne

Falkner fanden und finden sich in allen Schichten, in den Herrscherfamilien wie bei einfachen Beduinen. Bevor das Erdöl die Emiratis reich gemacht hatte, war ihr Speisezettel ziemlich eintönig. Sie lebten von Datteln, Fisch und Kamelmilch. Mit den Falken, die im Sturzflug über 300 Kilometer pro Stunde erreichen können, gingen sie auf die Jagd, um zusätzlich Fleisch zu bekommen. „Die Beduinen wurden seit den 1970er-Jahren von einem wirklich sehr ärmlichen Leben in der Wüste in eine moderne, hochtechnologisierte Welt katapultiert. Deshalb ist die Falknerei jetzt so wichtig, denn das ist eine der ganz wenigen Möglichkeiten, zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren.“

Noch immer ist die Falknerei fest in Männerhand, zum Leidwesen der Chefärztin: „Früher dachten die Beduinen, der große Falke muss das männliche Tier sein, und haben ihm männliche Namen gegeben“, so Müller. Erst durch die moderne Medizin kam heraus, dass die großen Falken tatsächlich Weibchen sind und ein Drittel größer als die Männchen – eine absolute Ausnahme im Tierreich: „Wir haben bis heute Beduinen, die dies nicht glauben wollen. Denen fällt es schwer, das zu verstehen.“

Seit 2007 können auch Touristen die Klinik besuchen. Ihr sei es eine Herzensangelegenheit gewesen, ein kleines Museum einzurichten, so Müller. „Mit dem Besuchsprogramm wollen wir einen interkulturellen Aufklärungsbeitrag leisten.“ Die Menschen sollen verstehen, warum die Falken in den Golfstaaten so wichtig sind. Der Erfolg gibt ihr Recht, denn dass das Falkenhospital gehört heute zu den Top Ten Attraktionen in Abu Dhabi.

Tierärztin Margit Müller. Foto: Michael Marek

Am Ende des Gesprächs geht es an der Rezeption vorbei. Dort tippeln die Patienten stoisch auf einer Holzstange hin und her, die mit grünem, stacheligem Plastikrasen überzogen ist. Über ihre scharfen Augen tragen sie Lederhauben. Nichts können sie sehen von dem Raum mit dem glänzenden Marmorfußboden, den goldfarben bezogenen Sesseln und den gerahmten Bildern der männlichen Herrscher Abu Dhabis, die mit strengem Blick allgegenwärtig in jedem öffentlichen Raum thronen. Emiratis warten hier in ihren weißen, knöchellangen Oberkleidern und blicken kummervoll umher. Sie warten auf Dr. Margit Müller.


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