Auf Anzeige verzichtet 17-jähriges Gewaltopfer in Flensburg: Notruf zur Polizei bestätigt

Von dpa

Trauernde haben in Gedenken an die 17-Jährige Kerzen und Blumen niedergelegt. Foto: dpaTrauernde haben in Gedenken an die 17-Jährige Kerzen und Blumen niedergelegt. Foto: dpa

Kiel/Flensburg. Hat das Jugendamt im Fall der in Flensburg erstochenen 17-Jährigen Fehler gemacht? Eine Sondersitzung des Sozialausschusses des Landtags brachte dazu keine Erkenntnisse. Jetzt bestätigte die Staatsanwaltschaft einen Notruf der 17-Jährigen in der Vergangenheit.

Das in einer Wohnung in Flensburg getötete 17-jährige Mädchen hat in der Vergangenheit bereits mindestens einmal die Polizei wegen Bedrohung um Hilfe gerufen. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass sie einen Notruf abgesetzt, dann aber bei der Befragung durch die Polizei auf eine Anzeige verzichtet habe, sagte die Leitende Oberstaatsanwaltin Ulrike Stahlmann-Liebelt am Donnerstag. Über den Zeitpunkt des Notrufs machte die Juristin keine Angaben. (Weiterlesen: 17-Jährige in Flensburg erstochen: Beziehungsdrama wahrscheinlich)

Der 18-jährige Freund des Mädchens – ein Asylbewerber aus Afghanistan – soll die 17-Jährige am 12. März mit einem Messer erstochen haben. Er sitzt wegen des Verdachts des Totschlags in Untersuchungshaft. Beide Jugendlichen standen seit Jahren unter der Obhut des Jugendamtes Flensburg – das Mädchen wegen ihrer schwierigen Familiensituation, der junge Afghane, weil er 2015 als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland kam.

Trauernde nehmen Abschied

In der Versöhnungskirche in Harrislee nahmen unterdessen in einem bewegenden Trauergottesdienst zahlreiche Menschen, darunter Familienangehörige und Freunde, Abschied von der erstochenen 17-Jährigen. Man sei fassungslos, traurig und voller Fragen, sagte der Pastor am Donnerstag. Er beschrieb das Mädchen als eine Person, die lebensmutig, fröhlich und furchtlos war. Sie sei eine Kümmerin gewesen. (Weiterlesen: Bewegende Gedenkfeier für 17-jährige Getötete in Flensburg)

Die junge Frau und ihr 18-jähriger Freund sollen, wie Nachbarn und Freunde lokalen Medien berichteten, zuletzt immer wieder heftigen Streit gehabt haben. Die 17-Jährige lebte seit mehr als einem Jahr allein in einer Wohnung, wurde nach Angaben eines Stadtsprechers jedoch engmaschig vom Jugendamt betreut. Eine Sondersitzung des Sozialausschusses des Landtags ergab nach Angaben von Abgeordneten auch im nicht-öffentlichen Teil keine Erkenntnisse, ob das Jugendamt möglicherweise unzureichend oder fehlerhaft reagiert haben könnte.

Anderthalb Stunden lang Fragen beantwortet

Vertreter des Flensburger Jugendamts und Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) beantworteten etwa anderthalb Stunden lang Fragen der Abgeordneten. Lange wies gleich zu Anfang darauf hin, dass die Behörden über die Sozialdaten der beiden nichts sagen dürften. Dies sei strafbewehrt, die Eltern der Getöteten hätten sich einen Anwalt genommen, der auf den Sozialdatenschutz achte.

Mit der Jugendhilfeeinrichtung, die das Mädchen betreute, arbeite die Stadt Flensburg schon lange zusammen, der Träger habe einen sehr guten Ruf, auch dessen pädagogisches Konzept, sagte die Leiterin des Fachbereichs Jugend in Flensburg, Karen Welz-Nettlau. Wann das Jugendamt die Einrichtung in Flensburg zuletzt kontrolliert hat, konnte ein Vertreter des Sozialministeriums jedoch nicht sagen.

(Weiterlesen: Messerattacken: Mehr Integration und schärferes Waffenrecht gefordert)

Zu Beginn der Sitzung erhoben sich die Ausschussmitglieder und gedachten der Verstorbenen, ihrer Angehörigen und Freunde. „Alle Versuche, ihr Leben zu retten, waren vergebens“, sagte der Ausschussvorsitzende Werner Kalinka (CDU).

In der Sitzung gab es keine Stellungnahmen zu Medienberichten, das Mädchen habe in der Vergangenheit wegen Gewalt Strafanzeigen gegen ihren Freund gestellt und wieder zurückgezogen. Auch nicht zu Berichten, die junge Frau habe plötzlich ein Kopftuch getragen, es habe wiederholt Streit gegeben, einmal habe der Rettungswagen wegen einer blutenden Verletzung des Freundes kommen müssen.

Vor der Sondersitzung hatte SPD-Fraktionschef Ralf Stegner betont, es gelte zu klären, „warum diese junge Frau Opfer einer Gewalttat geworden ist“. Auf die Frage, ob der Teenager möglicherweise aus Kostengründen nicht mehr stationär betreut wurde, sondern ambulant in ihrer eigenen Wohnung, antwortete Stegner: „Wir hören, dass solche Kostenfragen eine größere Rolle spielen bei Jugendhilfeeinrichtungen in Schleswig-Holstein als das vielleicht angemessen ist. Aber man muss dem nachgehen, ich will das nicht als Hypothese formulieren.“

Die CDU-Abgeordnete Katja-Rathje Hoffmann zeigte Verständnis für den Vorrang des Sozialdatenschutzes. Sie gehe aber davon aus, dass das Jugendamt und das Ministerium „sicherlich irgendwann einen Bericht an uns senden. Und dann müssen wir sehen, wie wir weiter verfahren. Falls es Versäumnisse geben sollte, ist das natürlich aufzuklären – und dann ist Politik immer gefragt“.