Die neue Lust aufs alte Pils Warum Craft-Brauer vermehrt auf einen alten Stil setzen

Von Bastian Klenke


Osnabrück. Einst angetreten, um dem deutschen „Einheitspils“ und „Fernsehbier“ mit frischen Sorten eine Alternative entgegenzusetzen, bringen viele Kreativbrauer nun selbst ein Pils heraus. Brauchen die Craft-Bier-Brauer ein neues Zugpferd, das anders als Double India Pale Ale oder Russian Imperial Stout auch dem Massenmarkt gefällt, die Tür in die Gastronomie öffnet und damit die Miete bezahlt?

„Wer in die Gastro will, braucht ein Pils!“, fasst Sascha Bruns von der Langang Brauerei aus Hamburg-Altona knackig zusammen. Bislang arbeiten viele der neuen Brauer nach dem Motto: Keine Kompromisse – weder bei den Rohstoffen, noch beim Arbeitsaufwand. Und so kosten die Biere auch gerne schon mal mehr als drei Euro pro Flasche. Fraglos haben die Craft-Brauer damit eine neue Käuferschicht erschlossen, die auch bereit ist, für die kreativen Sude das entsprechende Geld auszugeben, aber meist auch nur für jeweils eine Flasche. Wer Geld verdienen will, muss aber auch eine komplette Kiste verkaufen oder sein Fass an einen Zapfhahn in der Gastronomie hängen.

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Mit Pils alle Biertrinker erreichen

Auch die noch relative junge Brauerei „Superfreunde“ aus Berlin hat Ende 2017 ein Pils auf den Markt gebracht. Stefan Schröer und Marco Sgarra haben bislang vor allem auf Nähe und direkten Vertrieb gesetzt. Die beiden fahren im eigenen Transporter durch die Republik und liefern ihr Bier persönlich an ihre 300 Kunden.

Nach Easy India Pale Ale, Golden Pale Ale, Black India Pale Ale und einem Altbier soll das klassische Pils nicht nur die Szene ansprechen, sondern alle Biertrinker und „im Zweifelsfall die Miete bezahlen“, wie Sgarra erzählt. Da ein Pils – genau wie ein Helles – aber anders als stark hopfenbetonte Biere keine Braufehler verzeiht, haben sich die jungen Nachwuchsbrauer Hilfe an den Sudkessel geholt. Hubert Wagner, von Wagner Bräu aus Kemmen in der Nähe von Bamberg, unterstützt die Superfreunde.

Diesen Weg ging kürzlich auch die Hansestadt Hamburg. Die Stadt hat eine neue „Flüssige Visitenkarte“ gesucht. Statt einfach ein Bier einer Großbrauerei zu nehmen, konnten über 250 Hamburger bei einem offenen Tasting über den Geschmack des „Hamburg Bieres“ abstimmen. „Anschließend haben wir das Bier gemeinsam mit der lokalen Craft Beer Brauerei ,Landgang‘ eingebraut. Herausgekommen ist das ‚LÜTTE HÖÖG‘, ein Zwickelpils, kaltgehopft mit dem Lemondrop-Hopfen, einer Sorte mit Geschmacksnoten von Citrus und Kräutern“, beschreibt Marvin Försterling, Geschäftsführer von Lüüte Höög.

Die Kreativbrauerei Kehrwieder aus Hamburg beschreitet einen eigenen Pfad. Braumeister Oliver Wessloh gehört zu Pionieren auf dem deutschen Craft-Bier-Markt und hat bereits ein festes Sortiment und den entsprechenden Bekanntheitsgrad. Nach einem Pils sucht man hier allerdings vergebens. Kehrwieders Zugpferd ist das alkoholfreie IPA. Das „ü.NN“ (überNormalNull) stellt mittlerweile die stärkste Sorte der Brauerei dar. Daneben hat Kehrwieder mit dem „Prototyp“ ein klassisches Einsteiger Craft-Bier, ein Lager mit Aromahopfen im Sortiment, das Craft-Bier-Neulinge nicht überfordert und die Brücke zwischen klassischen und modernen Stilen schlägt.

Eigene Gastronomie hilft

Vermehrt setzen Craft-Brauer aber auch auf die eigene Gastronomie. Unter anderem „BRLO“ und „Stone Brewing“ in Berlin oder „Maisel & Friends“ in Bayreuth haben es vorgemacht und Weitere folgen. Die Landgang Brauerei hat eine eigene Gastronomie mitten in der eigenen Brauerei in einem umgebauten 20 Fuß Seecontainer eröffnet. An Zapfhahn eins fließt das Landgang Pils.

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In eine ähnliche Richtung geht Hoppebräu im oberbayrischen Waakirchen. Markus Hoppe, zwischenzeitlich sogar Braumeister auf Mauritius, plant derzeit in der seiner Heimat eine neue Brauerei mit Gastronomie. Und schon im Vorfeld lancierte der Bayer ein Helles und ein eigenes Weißbier, dass Hoppe neben seinen Craft-Bieren anbietet, um auch die heimischen Biertrinker anzuziehen.“

Über Umwege kommt eine Berliner Brauerei zum Pils. BRLO hat bereits ein stehendes Angebot an Craft-Bieren und klassischen Stilen. Neben Pale Ale, IPA und Porter gibt es auch ein Helles, ein alkoholfreies IPA und eine Berliner Weisse im Angebot. Kürzlich bekamen die Berliner eine Anfrage aus den USA. Die US-Hip Hop-Band „Run the Jewels“ möchte auf ihrer Europatour ein eigenes Pils verkaufen. Brauen soll es BRLO. Die Pläne der Brauer stehen schon laut Michael Lembke, Braumeister von BRLO und Katharina Kurz, die Mitbegründerin der Brauerei. So sollen Bio-Hanf und die Hopfensorten Columbus für einen einzigartigen Geschmack sorgen. Das „Legend Has It“-Pilsner kommt am 20. April, dem Welt-Marihuana-Tag, auf den deutschen Markt.

Weltweiter Trend oder deutsche Rückbesinnung?

Dass der deutsche Stil Pils auch international wieder auf dem Vormarsch ist, beobachtet auch der Bamberger Biersommelier, Buchautor und Szenekenner Markus Raupach. Raupach sieht schon seit Längerem, dass deutsche Stile, wie das Pils, Weißbier und auch Berliner Weisse, gerade in den USA sehr geschätzt und neu entdeckt werden. Ob auch das ausschlaggebend für die Wiederentdeckung des Pils in der deutschen Craft-Bier-Szene sei, vermag er aber nicht zu sagen.

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