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Interview mit Populationsgenetikerin Gründe für Qualzucht: Züchterstolz, Prestige und Emotionen

<em>Genetikerin</em> Irene Sommerfeld-Stur. Foto: privatGenetikerin Irene Sommerfeld-Stur. Foto: privat

Osnabrück. Die österreichische Populationsgenetikerin Dr. Irene Sommerfeld-Stur lehrt an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Sie setzt sich seit Jahren gegen Qualzucht bei Hunden ein.

Frau Sommerfeld-Stur, wer ist verantwortlich für die anhaltende Qualzucht bei Rassehunden?

Es gibt da keinen Alleinschuldigen. Züchter, Zuchtverbände, Richter auf Ausstellungen und auch die Käufer spielen ihre Rolle. Die Richter nehmen die Probleme der Tiere häufig nicht wahr, und die Käufer kaufen die Tiere, einfach weil sie niedlich sind. Betroffene Züchter und Verbände ignorieren, dass es Probleme mit ihren Rassen gibt, oder bagatellisieren sie.

Warum bleiben diese Züchter und Verbände bei ihren Ansichten?

Die Zuchtverbände und der deutsche Dachverband VDH sind demokratisch organisiert. Die Mitglieder stellen Anträge, über die sie anschließend beraten und abstimmen. Dazu kommt die angesprochene Bagatellisierung. Bis dann tatsächlich etwas in die Spitze gelangt und umgesetzt wird, kann es lange dauern.

Was muss passieren?

Die Impulse zu Veränderungen müssen aus den Verbänden selbst kommen – das passiert auch immer wieder. Die Impulse werden aber häufig abgeschmettert, die Impulsgeber zum Teil ausgegrenzt.

Wieso das?

Ihnen wird vorgeworfen, den Ruf der Rasse zu beschädigen, wodurch der Preis der Welpen sinken würde beziehungsweise die Welpen sich schlechter verkaufen ließen.

Ist Geld wichtiger als Gesundheit?

Es geht in der Hundezucht nicht nur um Geld. Es geht auch um Züchterstolz, Prestige, Emotionen. Und das ist manchmal wichtiger als die Gesundheit der Hunde.

Müssen sich Tierärzte mehr Gehör verschaffen und auf die Probleme hinweisen?

Die Tierärzte gelten zwar als Anwälte der Tiere, sie haben aber relativ wenige Möglichkeiten. Es fehlt die aktive Handhabe oder rechtliche Grundlage. Also können die Tierärzte nur informieren, beraten und ansprechen. Außerdem ist es für sie eine Gratwanderung, denn die Veterinäre verfolgen natürlich auch wirtschaftliche Interessen. Und Patienten mit Erbkrankheiten bringen Geld. Wenn ein Tierarzt Züchter oder Verbände ächtet, vertreibt er potentielle Kunden. Dazu kommt, dass sie oft nur unzureichendes genetisches Wissen haben.

Wie kann das Problem der Qualzucht gelöst werden?

Helfen würde vielleicht eine gesetzliche Regelung in Form eines Heimtierzuchtgesetztes. In der Nutztierzucht gibt es so etwas seit Langem. Eine andere Idee wäre ein verpflichtendes Gespräch mit einem Tierarzt vor dem Hundekauf, bei dem er den Käufer über die Eigenschaften der gewünschten Rasse aufklärt. Bis so etwas umgesetzt wird heißt es: informieren, informieren, informieren!


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