Ärztin und selbst Krebspatientin Wenn man andere retten kann, nur sich selbst nicht

Von Merle Dießelkämper

Die Diagnose Brustkrebs war ein Schock für die 28 Jahre alte Ärztin Annika Boie aus Schleswig-Holstein. Foto: Annika BoieDie Diagnose Brustkrebs war ein Schock für die 28 Jahre alte Ärztin Annika Boie aus Schleswig-Holstein. Foto: Annika Boie

Schmedeswurth. Die Diagnose Brustkrebs war ein Schock für die 28 Jahre alte Ärztin Annika Boie aus Schleswig-Holstein. Trotz Chemotherapien hat der Krebs in ihre Lunge gestreut. Die junge Frau, die es als Ärztin gewohnt war, anderen zu helfen, spricht über ihre Krankheit.

Sie ist wütend. Wütend auf das Leben. Wütend darüber, dass andere so viel mehr Glück haben, als sie es hat. Wütend darüber, dass andere sich über Probleme aufregen, die gar keine sind und den Blick fürs Wesentliche verlieren: das Leben.

Doch Annika Boie hat gelernt, dass es nichts bringt, wütend zu sein oder sich zu fragen: Warum ich? Dafür ist ihre Zeit viel zu kostbar. Es ist der 1. Juli 2016, als Annikas Leben plötzlich stehenbleibt. Die Diagnose: Annika hat Brustkrebs im zweiten Stadium. Inzwischen hat er in die Lunge gestreut und ist auf Stadium vier angewachsen. Es ist ihre dritte Chemotherapie, wenn diese nicht anschlägt, dann fehlen irgendwann die Alternativen, sagt sie.

Annika ist 28 Jahre alt und Ärztin. Eigentlich sollte sie jetzt im Berufsleben stehen, sich um ihre Patienten kümmern, mit Freunden Kaffee trinken und die Welt bereisen. Doch seit Juli 2016 dreht sich ihre Welt anders, langsamer, schmerzvoller und stiller. „Ich vermisse mein unbeschwertes Leben von früher sehr. Doch mir gefällt die Annika, die ich jetzt bin, besser als die alte.“ Die alte ist dem Krebs zum Opfer gefallen.

Abtasten unter der Dusche

Annika ist im letzten Jahr ihres Medizinstudiums, absolviert ihr praktisches Jahr in einem Krankenhaus, als sie unter der Dusche einen Knoten in ihrer Brust ertastet. Zwar leidet sie als angehende Ärztin berufsbedingt unter Hypochondrie, wie sie sagt, dennoch schiebt sie den Gedanken an Krebs erst mal zur Seite. Doch eine nagende Angst bleibt, und so entschließt sie sich für einen Besuch beim Frauenarzt.

„Bei einem Ultraschall sah man, dass sich in meiner Brust etwas befand, was dort nicht hingehört“, erklärt Annika. Ein Befund ist dies jedoch nicht. Bei einer Biopsie wird eine Probe aus ihrer Brust entnommen. „Als der Arzt mich danach zur Mammografie schickte, wusste ich, dass das nichts Gutes heißt.“ Alle hätten sie anders angesehen. „Wenn man etwas emphatisch ist, merkt man, dass etwas nicht stimmt.“

„Man selbst ist immer die Starke und sagt ‚Komm, wir schaffen das‘“

Das Warten auf das Ergebnis zerrt an Annikas Nerven. Um sich abzulenken, konzentriert sie sich auf die Arbeit im Klinikum. Doch dann hält sie es nicht mehr aus – will endlich Gewissheit. Bis zum Gespräch mit dem Arzt muss sie noch einige Stunden warten, deshalb wirft sie kurzerhand einen Blick in ihre Akte, zu der sie als angehende Ärztin Zugang hat. Dort steht, was sie bereits unter der Dusche geahnt hat: Sie hat Brustkrebs. Ein 2,5 Zentimeter großer Tumor steckt in der linken Brust. Ihre Welt bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Freunde und Familie reagieren bestürzt auf die Nachricht. „Man selbst ist immer die Starke und sagt ‚Komm, wir schaffen das‘.“

Statt in ein schwarzes Loch zu stürzen, fängt die junge Frau an, sich auf den Kampf gegen den Krebs vorzubereiten. Sie führt Gespräche mit Ärzten und bespricht das weitere Vorgehen. „Ich habe das Ganze von außen betrachtet und mich selbst als eine Patientin gesehen, die ich als Ärztin behandle. Diese Distanz hat mir geholfen, es zu verarbeiten.“

Annika beginnt ihre erste Chemotherapie. Inzwischen verflucht sie ihr umfangreiches Wissen über Behandlungspraktiken und Medikamente. „Ich wusste genau, welche Nebenwirkungen auf mich zukommen können.“ Während die Distanz ihr bei der Diagnose noch geholfen hat, macht sie ihr bei der Chemotherapie eher Angst.

Die Haare und Wimpern fallen aus

Jeden Tag kämpft die 28-Jährige mit neuen Nebenwirkungen. Trockene Schleimhäute, Übelkeit, schlimmer Durchfall, Appetitlosigkeit und Schmerzen. Ihre Haare fallen aus.

Ihr vorher schulterlanges Haar hat sie zu Beginn der Behandlung auf einen Bob gekürzt. Am 14. Tag ihrer Chemo rasiert sie sich schließlich die Haare ab. „Ab diesem Moment wurde die Krankheit auch für andere sichtbar. Vorher sah ich nur aus, als hätte ich eine Grippe.“

Viel mehr als der Ausfall ihrer Haare schmerzt sie der Verlust ihrer Augenbrauen und Wimpern. „Ich war so stolz auf meine schönen, langen, schwarzen Wimpern. Das tat einfach weh, diese zu verlieren.“

Es gibt während dieser Zeit auch Lichtblicke: Immer wieder tastet sie ihre Brust ab und hat zwischenzeitlich das Gefühl, dass sie sich wieder normal anfühlt. Der Tumor ist auf eine Größe von 1,3 Zentimetern geschrumpft. Doch bereits kurze Zeit später hat Annika wieder dieses komische Gefühl. „Es fühlte sich an, als wachse der Tumor wieder.“

Die Gewissheit kommt wenig später nach Abschluss der Chemotherapie. Bei einer Untersuchung zeigt sich, dass das Geschwür auf drei Zentimeter angewachsen ist. Es ist der 11. November 2016.

Annika lässt sich den Tumor aus der Brust schneiden. Die Brust bleibt erhalten. Für diesen Schritt hatte sie sich bereits vor der Behandlung entschieden. Eigentlich möchte sie, dass beide Brüste entfernt werden, doch die Ärzte raten ihr davon ab – sie sei noch so jung, heißt es.

Eine erneute Untersuchung des entnommenen Gewebes zeigt, die Chemo hat nichts gebracht – ein weiterer Schlag ins Gesicht für die 28-Jährige. Zudem verheilt die Wunde nicht richtig und die Schmerzen werden schlimmer.

Die Brust wird abgenommen

Annika lässt sich am 25. Januar 2017 die linke Brust abnehmen. Anschließend wird sieben Wochen ihre Brustwand bestrahlt. Doch der nächste Rückschlag lässt nicht lange auf sich warten. Eine Untersuchung der Lymphknoten zeigt: Der Krebs hat bereits gestreut. Annika bekommt von März bis April 2017 fünf weitere Bestrahlungstermine der Achsel. „Mir ging es danach immer besser, ich hatte endlich wieder Hoffnung, gesund zu werden.“

Anfang Juli fühlt sie sich fit genug, ihr praktisches Jahr fortzusetzen. „Das war ein wichtiger Schritt zurück ins Leben. Ich habe mich endlich wieder normal gefühlt.“ Die Arbeit als Ärztin war schon immer Annikas großer Traum. Dabei kann sie die Rolle der Patientin und ihre eigene Krankengeschichte hinter sich lassen. Auch ihre Haare wachsen wieder und zumindest äußerlich verschwinden die Spuren, die die Krankheit hinterlassen hat.

Examen zur Ärztin

Anfang November steht ihre mündliche Prüfung an, wenn sie die besteht, ist sie offiziell Ärztin. Ein Moment, auf den sie lange und hart hingearbeitet hat. Im September machen sich jedoch schlimme Rückenschmerzen bemerkbar. Annika nimmt Schmerzmittel, um den Klinikalltag zu bewältigen. Zum Arzt geht sie nicht. „Ich wollte keine Diagnose, nicht vor dem Examen.“

Trotz Schmerzen besteht sie die Prüfung. „Ich war unfassbar glücklich und stolz. Endlich hatte ich mir meinen Traum erfüllt.“ Im Januar hat sie einen Termin zum Brustaufbau. Ein weiterer Schritt in Richtung Gesundheit. Es scheint endlich bergauf zu gehen.

Doch die Rückenschmerzen bleiben, hinzu kommt eine hartnäckige Erkältung mit schlimmem Husten. „Ich konnte nicht mal zwei Stufen gehen, ohne völlig außer Atem zu sein. Das kann doch nicht angehen, dachte ich mir.“

Annika geht wieder zum Arzt und lässt sich Blut abnehmen. Das Ergebnis: Die Tumormarker sind erhöht. Zwar muss das nicht heißen, dass es sich um Krebs handelt, doch sie gelten als Indikator für eine mögliche Rückkehr der Erkrankung. „Ich habe richtig Angst bekommen. Ich wusste, dass Metastasen von der Brust ins Rückenmark gelangen können.“ Das Ergebnis ist jedoch negativ. Dennoch verschlechtert sich Annikas Zustand weiter.

Die Ärzte entschließen sich, die Leber zu untersuchen. Auch dieser Befund ist negativ. Der Husten und die Atemnot bleiben.

Der Brustkrebs hat in die Lunge gestreut

Bei einer Computertomografie wird klar, dass der Husten nicht von einer normalen Erkältung kommt. In Annikas Lunge haben sich Metastasen gebildet – der Brustkrebs ist zurück. Er ist diesmal bereits im vierten Stadium. „Die Erkrankung ist chronisch. Die Hoffnung ist, sie einzudämmen und das Wachstum des Tumors zum Stillstand zu bringen. Perfekt wäre es, wenn er kleiner wird“, sagt Annika.

Seit vergangenem Dezember unterzieht sie sich ihrer dritten Chemo. Wenn diese bis März nicht anschlägt, sehen die Prognosen für die junge Frau düster aus. „Ich beschäftige mich nicht mit Prognosen und hoffe einfach, dass es funktioniert, und setzte auf meine Selbstheilungskräfte.“ Sie wisse, sie werde nicht alt. Aber 20 weitere Jahre wären schön.

Ihre Haare werden wieder ausfallen, obwohl die junge Frau so stolz auf jedes einzelne ist, das nachgewachsen ist. Wieder wird die Krankheit zu sehen sein und sich einen Teil von ihr holen.

Der Krebs verändert die Persönlichkeit

„Nicht nur äußerlich hat der Krebs mich verändert. Ich bin ruhiger und egoistischer geworden. Trotz aller Tiefschläge und Schmerzen will ich immer noch die Annika bleiben, die mir gefällt. Das gelingt mir auch zu 75 bis 85 Prozent.“

Kinder kann die 28-Jährige keine mehr bekommen. Ein Umstand, der schmerzt. Sie hat sich selbst immer als Mutter gesehen, aber diesen Traum hat der Krebs ihr genommen. Auch die Rückenschmerzen sind geblieben. Die Narbe drückt auf die Wirbel. Diese haben sich dadurch verschoben und verursachen die schlimmen Schmerzen.

„Ich habe das Gefühl, dass alles gut wird.“

Ihren Mut und ihren Optimismus hat sie trotz allem nicht verloren. Sie will mit ihrem Freund zusammenziehen, sobald es ihr besser geht und endlich als Ärztin arbeiten. „Ich versuche, jeden Tag trotz der Schmerzen zu genießen und das Beste daraus zu machen.“ Backen ist inzwischen ihre große Leidenschaft. Auch spazieren geht sie gerne, wenn es ihr Körper zulässt.

Es gibt aber auch schlechte Tage, an denen sie sich fragt: „Warum ausgerechnet ich? Warum haben meine Freunde ein gesundes Leben, gehen raus, gründen Familien, während meines entrückt in einem ganz anderen Rhythmus verläuft?“ Auch an ihre Beerdigung denke sie an solchen Tagen. „Meine Zeit hier ist limitiert, das weiß ich.“

Diese Tage sind jedoch eher selten. Ihre Familie, ihr Freund und Freunde geben ihr Kraft. Annika will nicht verlieren, sie will den Krebs besiegen und ihr Leben zurück. „Ich habe das Gefühl, dass alles gut wird. Ich habe eine Sonne vor mir, die mich beruhigt und mir Kraft gibt.“


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