Über Hasskommentare und Drohungen Shahak Shapira: Meine Mutter stand unter Polizeischutz

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Künstler, Aktivist? Shahak Shapira sieht sich selbst als Comedian. Foto: Boaz AradKünstler, Aktivist? Shahak Shapira sieht sich selbst als Comedian. Foto: Boaz Arad

Berlin. Er wird mit Hasskommentaren überhäuft – aber auch die Zahl seiner Fans ist im vergangenen Jahr enorm gestiegen. Autor und Satiriker Shahak Shapira regte eine Debatte über Erinnerungskultur und das Holocaust-Denkmal in Berlin an und veröffentlichte zusammen mit der Partei „Die Partei“ interne Inhalte aus Facebook-Gruppen der AfD. Warum sein Humor für ihn zur Überlebensstrategie wurde, als er mit 14 Jahren aus Israel nach Sachsen-Anhalt zog, verrät er im Interview.

Herr Shapira, Sie haben 2017 für viele Schlagzeilen gesorgt. Die Aktion „Yolocaust“, bei der Sie Selfies am Holocaust-Mahnmal in die historischen Bilder aus Konzentrationslagern stellten, löste helle Aufregung aus. Was für Reaktionen haben Sie bekommen?

Zahlreiche, jede mögliche Reaktion. Zu einem überraschend großen Teil positive. Damals kannte mich fast noch keiner, und es gab noch nicht so viele Leute, die davon besessen waren, schlecht zu finden, was ich mache. Das waren noch gute Zeiten.

Hat es Sie gewundert, dass sich in kurzer Zeit alle Menschen gemeldet haben, die abgebildet waren?

Ja, „Yolocaust“ haben am Ende schätzungsweise so um die 100 Millionen Menschen gesehen. Das ist schon sehr viel mehr als erwartet.

Wie haben die Menschen reagiert, die gezeigt wurden? War jemand wütend?

Nur eine Person war wütend. Sie war Tänzerin und meinte, dass es ihre Kunst sei, da auf den Stelen einen Handstand zu machen. Ich war anderer Meinung, aber letztlich habe ich das Bild entfernt. Sie hat sogar gedroht, mich zu verklagen.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen? Hat Sie die Selfie-Knipserei am Holocaust-Mahnmal gestört?

Ich kann nicht genau beschreiben, wie ich auf Ideen komme. Wenn ich das beschreiben könnte, würde ich daraus irgendwas machen, was ich verkaufen könnte. Ich habe die Selfies seit Jahren gesehen und hatte das Thema lange im Kopf. Ich war auch schon vorher mit einem Kamerateam dort und habe mich als Reporter ausgegeben und die Leute gefragt, was sie von dem neuen Selfieverbot halten. Da habe ich gemerkt: Wenn man Leute darauf hinweist, wie makaber das ist, dann verstehen die das, und das war für mich eine interessante Motivation. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute das aus Überzeugung gemacht haben. Ich habe kein Problem mit Selfies, aber dass Leute da Yoga machen und grillen oder mit ihrem BMX darauf fahren – da kann man schon mal ruhig was dagegen sagen. Es ist auch verboten. Ich habe darüber nachgedacht und war der Meinung, es ist eigentlich so, als würde man vor einem KZ Selfies machen.

Hat Sie das Ergebnis selbst erschreckt?

Nein, es hat mich nicht erschreckt. Manche Menschen haben mir vorgeworfen, solche Bilder sollte man nicht verwenden. Klar, sie sind schrecklich – alle Bilder vom Holocaust sind schrecklich. Aber man sollte sie zeigen, und wer etwas anderes behauptet, liegt für mich nicht auf der richtigen Seite der Geschichte. Diese Bilder sind für jeden zugänglich. Damals haben KZ-Aufseher den Gefangenen gesagt: ‚Die Welt wird nie wissen, was mit euch passiert ist.‘ Sie haben versucht, alle Dokumente zu verbrennen. Deshalb habe ich kein Problem damit, sie zu verwenden.

Glauben Sie, es werden heute weniger Selfies am Mahnmal gemacht?

Das kann man schwer messen, aber ich habe schon das Gefühl, dass es anders geworden ist. Ich finde das allerdings nebensächlich. Das ist Kunst. Kunst verändert nicht die Welt, aber bringt vielleicht Dinge ins Rollen. Manche Leute bezeichnen mich auch als Aktivisten, aber ich bin kein Aktivist.

Sondern?

Meistens Comedian, manchmal mache ich Kunstprojekte. Ich sehe ein Problem und mache was dazu. Dann sprechen Leute darüber, denken darüber nach, und dann gehe ich zum nächsten Thema.

Haben auch die Hass-Kommentare, die Sie vor die Twitter-Zentrale gesprayt haben, weil sie nicht von Twitter gelöscht wurden, etwas ins Rollen gebracht?

Ich glaube, das Ding, das ich damit angesprochen habe, war gerade am Rollen. Aber es ist komplett in die falsche Richtung gerollt. Es war nicht die Richtung, in die ich lenken wollte.

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In welche Richtung wollten Sie lenken?

Dass Menschen Dinge, die auf Twitter geschrieben werden, nicht hinnehmen sollen. Twitter macht hier einen schlechten Job. Anstatt nichts mehr zu löschen, löschen sie einfach alles. Und ich unterstelle, dass es genau die Strategie ist: Leute sollen sich über das NetzDG (Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Anmerkung der Redaktion) aufregen. Ich würde das auch so machen: ‚Wir löschen einfach alles, und wenn sich die Leute aufregen, kriegen wir es nicht ab.‘ Und den Meldeprozess machen sie auch so schwer wie möglich, damit du schön dumm dastehst. Denn wenn etwas aus dem falschen Grund gemeldet wird, wird es auch nicht gelöscht. Auch das Gesetz ist bescheuert: Es geht nicht darum, wie viel ein Unternehmen löscht und wie schnell es bearbeitet wird, sondern dass echte Menschen die Kommentare bearbeiten und nicht Algorithmen durchlaufen. Facebook macht das wesentlich besser.

Also sollte Twitter Ihrer Meinung nach wie Facebook Menschen einstellen und Lösch-Zentralen einrichten?

Twitter will nicht das Geld investieren. Twitter sollte dichtgemacht werden. Wenn ein Autohersteller sagt ‚Wir haben kein Geld für Sicherheitsgurte‘, sagt auch niemand ‚Baut die Autos trotzdem‘.

Wie viele Hass-Kommentare bekommen Sie?

Sie haben keine Vorstellung davon. Nicht mal andere Leute, die wesentlich bekannter sind als ich, haben eine Vorstellung. Es reicht, einfach meinen Vornamen in der Twitter-Suche einzugeben und zu schauen, was da kommt.

Woran liegt das?

Weiß ich nicht. Ich habe auch mit anderen darüber gesprochen, aber es gibt eigentlich keinen Grund. Was mir zum Vorwurf gemacht wird, ist erstens, dass ich unlustig bin, und zweitens, dass ich ein Jude bin. Aber ich bin lustig – 150000 Menschen finden das lustig, was ich mache. Manche sagten, ich sei als Comedian unlustig – bevor mein erstes Stand-up-Comedy-Programm angefangen hat. Aber es gibt viele Comedians in Deutschland, die unlustig sind, und es gibt keine Twitter-Kampagne gegen sie. Es ist mir egal, was diese Leute sagen. Was mir nicht egal ist, dass sie es einfach so sagen können.

Sind das nur abwertende Kommentare oder auch Drohungen?

Ernsthafte Drohungen gab es nach dieser AfD-Sache. Da stand meine Mutter zwei Wochen unter Polizeischutz. Jemand hat ihre Adresse veröffentlicht.

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Hat Ihnen das Angst gemacht?

Ich hab keine Angst. Auch nicht um meine Mutter, sie war in der israelischen Armee. Sie hat sieben Kriege erlebt. Meine Mutter hat keine Angst vor Nazis, erst recht nicht vor Leuten mit einem Twitter-Account, die Drohungen abschicken. Aber es ist trotzdem nicht angenehm, wenn meine 60-jährige Mutter bedroht wird.

Sie provozieren teilweise auch sehr gezielt.

Wer zu mir kommt, weiß, was ihn erwartet. Ich beleidige keine Minderheiten. Ich beleidige dumme Menschen, ich beleidige Nazis.

Wie viel Zeit verbringen Sie auf Facebook und Twitter?

Zu viel, wie wir alle.

Haben Sie das Gefühl, es ist Zeitverschwendung, sich mit den ganzen Kommentaren auseinanderzusetzen?

Klar, manchmal. Aber dann mache ich einen Gag draus, und es ist keine Zeitverschwendung mehr. Aber für die, die es schreiben, natürlich schon.

Können Sie auch mal abschalten?

Ich kann abschalten, wenn ich auf der Bühne bin, deshalb stehe ich gerne dort. Da habe ich auch echte Reaktionen. Wenn ich etwas erzähle, sehe ich, ob es lustig ist.

Sie haben häufig die Vong-Sprache verwendet, eine ironische Form von schlechtem Deutsch, und auch Teile der Bibel darin geschrieben. Was ist interessant an der Sprache?

Nichts. Es liegt daran, was du draus machst, genau wie bei der deutschen Sprache. Vong ist ein Instrument, die Geschichte muss witzig sein. Es gibt mittlerweile einige Vong-Bücher, die kamen nicht so gut an.

Aber die Sprache funktioniert nicht gesprochen, oder?

Ich lese auch auf der Bühne etwas vor, und die Leute finden es lustig. Ich schreibe ja nicht einfach alle Wörter falsch, es geht auch um Anglizismen. Es ist außerdem eine multimediale Show, die ich da mache. Aber klar kann man es auch sprechen. Phil Laude macht das ganz gut.

Wie sind Sie dazu gekommen, Bibeltexte zu nehmen?

Ich hatte einige der Dialoge schon in meinem ersten Buch, und Anfang letzen Jahres habe ich angefangen, ein paar Sachen in Vong-Sprache zu schreiben. Das kam unglaublich gut an. Ich habe es auch gemacht, weil die Nachfrage da war. Aber ich wollte schon immer die Bibel verarschen. Was mich wundert ist, dass es auch bei Christen gut ankommt. Ich habe wohl zu viel aus dem Alten Testament genommen.

Religion ist ein Thema, das Sie beschäftigt?

Auf der Bühne? Ja – nicht das Judentum, wie viele vielleicht denken. Ich spreche über Religion, aber ich mache keine Judenwitze.

Ihr neues Programm heißt „German Humor“, warum?

Als ich in Deutschland ankam, musste ich ziemlich schnell Humor entwickeln. Ich glaube, es war der allererste Tag in Deutschland, als ich diesen Neonazi mit dem Hakenkreuz auf der Wade gesehen habe und mir dachte: ‚Nimm das mit Humor.‘ Es war damals eine Überlebensstrategie. Das ist der deutsche Humor für mich.

Sie waren 14, als Sie aus Israel nach Deutschland gekommen sind. Gibt es etwas aus Ihrer Kindheit, das Sie vermissen?

Ja, gutes Essen. Ihr habt in Deutschland kein gutes Essen, daran solltet ihr arbeiten.

An was denken Sie zum Beispiel?

Zum Beispiel alles. In Israel ist alles besser, was man essen kann. Ich vermisse auch die hebräische Sprache, die Menschen teilweise, das Wetter, den Strand.

Und was gefällt Ihnen an Deutschland?

Ihr habt keinen Krieg, das ist viel wert.

Ist das alles?

Ist das nicht genug? Ihr Deutschen seid so unzufrieden, nichts reicht euch. Seid froh, dass ihr in Europa seid. Wenn es ein Land gibt, das es nicht verdient hätte, ein Land zu sein, dann ist es Deutschland – wenn wir ehrlich sind. Aber trotzdem stellen so viele Deutsche das Existenzrecht Israels infrage. Ich meine das alles nur halb ernst. Es gibt Dinge, die ich an Deutschland schätze. Ich mag Berlin und mag manche Deutsche. Aber ich muss Deutschland nicht lieben. Viele Leute haben diese Erwartung an Ausländer: Du hast den deutschen Pass, und dann musst du dieses Land lieben. Aber es ist ja nicht so, dass man mit nichts hierherkommt. Ich habe auch schon einige Jahre Steuern eingezahlt und einen gewissen Beitrag für die Gesellschaft geleistet.

Das klingt, als könnten Sie sich vorstellen, Deutschland auch wieder zu verlassen.

Eine neue Stadt bedeutet für mich auch ein neues Land. Ich könnte mir vorstellen, in die Staaten zu gehen, LA, New York. Hoffentlich schaffe ich es irgendwann, das international zu machen, was ich hier mache. Das ist sehr schwer.

Aber es ist wahrscheinlich schon hier nicht einfach.

Klar. Ich versuche, lustig zu sein – auf Deutsch. Das ist hart.

Was ist schwierig daran?

Vieles ist sehr umständlich zu formulieren. Aber es gibt lustige deutsche Comedians. Man kennt sie nur nicht.

Und zwar?

Beispielsweise Kavous Kalantar und Daniel Wolfson.

Und wie sieht es mit Vorbildern aus?

Ein Vorbild ist zum Beispiel Dave Chappell.

Warum?

Er spricht Dinge an, die falsch sind, und er hat keine Angst, sie auszusprechen. Es muss nicht immer lustig sein. Wenn es jemand schafft zu zeigen, was „White privilege“ heißt, dann ist es Dave Chappell. Er gibt die Denkanstöße, die ich brauche.

Ist das dann noch Comedy?

Ja, wie er es macht, ist es Comedy, es ist kein Kabarett.

Ihr Begriff von Comedy umfasst nicht nur Unterhaltung?

Es muss dich irgendwohin bringen, nicht unbedingt weiter, aber es muss dich auf Gedanken bringen. Es gibt viele Arten, wie man Comedy macht. Ich habe den Anspruch, Dinge zu sagen, auf die andere nicht unbedingt gekommen wären. Ich habe auch nicht den Anspruch, recht zu haben, aber ich will ehrlich sein, auch wenn es manchmal schlimm ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich denke schlimme Dinge, wenn ich RTL schaue. Ich denke, dass diese Menschen jederzeit Kinder bekommen könnten, und dann sehe ich nicht mehr Menschen, sondern Risikos. Das ist ein schlimmer Witz, und wenn ich ihn erzähle, fühlen sich Menschen ertappt. Aber es ist okay, es ist ein Witz. Das Schlimmste sind Witze, die nicht übertrieben genug sind.

Was erwartet die Zuschauer in Ihrem Programm?

Ich mache kein Deutsch-Bashing, obwohl das sehr gut ankommt. Viele Comedians machen das: ‚Diese Handtücher oder Verkehrsschilder – typisch ihr‘. Aber wenn man sagt: ‚Holocaust – typisch ihr‘, das finden die Leute nicht lustig. Die Deutschen werden gerne kritisiert für Dinge, die sie in Ordnung finden. Ich rede viel übers Internet, über Sex und über Kinder. Ich würde gern mehr über Feminismus reden und Religion.

Werden Sie 2018 auch abseits der Bühne für Schlagzeilen sorgen?

Ich plane eine Sendung mit dem ZDF, über die ich noch nicht viel verraten kann.


Shahak Shapira

ist am 1. April 1988 in Israel geboren, wo sein Vater ein Freizeitzentrum leitete und seine Mutter als Choreografin arbeitete.

2002 ist seine Mutter mit ihren beiden Söhnen nach Laucha in Sachsen-Anhalt gezogen. Den Ort beschreibt Shapira später als „ostdeutsche NPD-Hochburg“. Nach seinem Abitur hat Shapira in Berlin studiert und dort zunächst für Werbeagenturen gearbeitet. In der Öffentlichkeit steht er erstmals, nachdem er am Silvesterabend 2014 von einer Gruppe antisemitischer Männer angegriffen wurde. Auf zahlreiche Interviews folgt 2016 das autobiografische Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen!“, in dem er vor allem seine Jugend in Laucha und die Erfahrungen mit Rassismus, aber auch die Geschichte seiner Familie beschreibt.

Inzwischen folgen Shapira mehr als 150 000 Menschen auf Twitter. Die Zahl seiner Fans ist vor allem 2017 durch verschiedene Aktionen stark gewachsen. Internationale Aufmerksamkeit erreichte beispielsweise „Yolocaust“: Shapira kombiniert dafür zwölf Selfies, die vor dem Berliner Holocaust-Mahnmal gemacht wurden, mit Holocaust-Bildern. Im August 2017 kritisiert Shapira Twitter mit einer öffentlichkeitswirksamen Aktion, weil das Unternehmen Hass-Kommentare nicht löschte. Im gleichen Monat erscheint das zweite Buch des Autors, in dem er Teile der Bibel als Vorlage nahm und sie in einer ironischen Kunstsprache schreibt.

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