Umstrittene „Moderne Arche Noah“ Back-up für die Ewigkeit? Der Saatguttresor in Spitzbergen

Von Anja Steinbuch und Michael Marek

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Longyearbyen. Im „Svalbard Global Seed Vault“ auf Spitzbergen werden Samen aus der ganzen Welt gelagert. Der globale Saatguttresor ist ein Back-up für den Fall, dass Kriege, Katastrophen oder der Klimawandel unsere Kulturpflanzen vernichten. Doch diese moderne Arche Noah ist umstritten.

Stille. Plötzlich beginnen die Ventilatoren der Kühlanlage laut zu brummen. Von außen ist nur das betonierte, schmale Eingangsportal zu erkennen, das aus dem schneebedeckten Berg zu wachsen scheint. Ein Mitarbeiter des „Global Crop Diversity Trust“ öffnet die zweiflügelige Stahltür am Eingang. Kühle, trockene Luft schlägt uns entgegen. Dahinter ein erster betonierter Vorraum zum Anlegen der blauen Sicherheitshelme und -kleidung.

Der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt ist eine unabhängige internationale Organisation mit Sitz in Bonn und zuständig für die Anlage. Ziel des Crop Trust ist es, die Vielfalt des Saatgutes zu bewahren. Nach ca. 10 Metern die zweite Stahltür, dahinter führt ein röhrenartiger 120 Meter langer, sanft nach unten abfallender Tunnel waagerecht in den Platåberget hinein.

Wir befinden uns in Longyearbyen, gut 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt. Oberhalb des kleinen internationalen Flugplatzes, wo früher Braun- und Steinkohle abgebaut wurden, lagert in einem eisigen Berg ein ganz besonderer Schatz: 967216 Samenproben von Mais, Reis, Weizen und anderen Nutzpflanzen. Hinter Stahltüren gesichert, in Plastikboxen verpackt, geschützt vor Erdbeben, saurem Regen und radioaktiver Strahlung. Sie sollen nach einem Katastrophenfall helfen, die Erde wieder zu kultivieren, wenn bewaffnete Konflikte wie in Syrien, Epidemien, Schlammlawinen, Hochwasser, Dürre, Seuchen oder Vulkanausbrüche Ackerland vernichtet haben.

Idealer Standort

Spitzbergen sei ideal für den Tresor, sagt der Mitarbeiter des Crop Trust: Es ist der nördlichste Punkt der Erde, den man mit einem Linienflug erreichen kann. Norwegen führt keine Kriege, betreibt keine Atomkraftwerke, und das Land genieße weltweit einen guten Ruf. Außerdem ist die Region gemäß des „Spitzbergenvertrages“ von 1920 eine entmilitarisierte Zone.

2006 hatte man mit dem Bau der Einlagerungsanlage begonnen, am 26. Februar 2008 wurde sie in Betrieb genommen, als erstes Land lagerte Estland Saatgut ein. Der Ort ist nicht gedacht, um Pflanzen zu lagern, hier wird ausschließlich Saatgut aufbewahrt: Amaranth aus Ecuador, Wildbohnen aus Costa Rica, Tomaten aus Deutschland, Gerste aus Tadschikistan, Kichererbsen aus Nigeria, Mais aus den USA oder Reis aus Indien.

Für Betrieb und Verwaltung des „Svalbard Global Seed Vault“, so die offizielle Bezeichnung für diese moderne Arche Noah, ist „NordGen“ verantwortlich, ein Zusammenschluss von Genbanken der skandinavischen Länder und Islands. Zuständig für finanzielle Ausstattung ist der Crop Trust, der die Hälfte der jährlichen Betriebskosten von mindestens 100000 Euro trägt. Der norwegische Staat zahlt den anderen Teil. Die Baukosten von etwa 6,3 Millionen Euro hat Norwegen übernommen.

Im kalten Herz der Anlage, hinter einer von Eiskristallen überwucherten Tür, liegt eine Halle mit einer konkav gewölbten Betonwand: um im Falle eines Bombenangriffs (von wem auch immer) die Druckwelle abfangen zu können. Daneben befinden sich die drei Lagerräume, von denen im Augenblick jedoch nur der mittlere genutzt wird.

Der digitale Temperaturmesser zeigt minus 17,9 Grad Celsius. Ein Kühlsystem hält die Temperatur auf diesen für Genbanken international empfohlenen Wert. Die Hände frieren nach einer halben Minute, ohne Handschuhe beginnen sie nach einer Minute zu schmerzen. Die Temperatur und die niedrige Feuchtigkeit im Tresorraum sorgen für eine geringe Stoffwechselaktivität, was die Samen über sehr lange Zeit hin lebensfähig halten soll, aber nicht für die Ewigkeit. Weizen kann bis zu 1200, Rettich um die 80 Jahre gelagert werden. Gleichzeitig kann das frostige Saatgutlager traditionelle Genbanken nicht ersetzen. Denn keimfähiges Saatgut ist auch bei idealen Lagerbedingungen nicht ewig haltbar. Vielmehr ist ein regelmäßiger Nachbau der Saatgutmuster auf dem Acker oder in Gewächshäusern notwendig, um ausreichend keimfähiges Saatgut zu erhalten.

Das Saatgut wird in silbrigen, luftdicht versiegelten Aluminiumverpackungen verwahrt. Diese wiederum liegen in verschlossenen Boxen und unterscheiden sich durch nationale Besonderheiten: Nordkorea schickt rote Holzkisten, Nigeria und Mexiko graue Kunststoffboxen, Deutschland bevorzugt grüne Boxen. Sie kommen aus Gatersleben vom „Leibniz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung“. Die Ukraine und die USA schicken ihre Samen per Pakete aus Wellpappe (mit DHL). Jeder Staat kann sein Saatgut kostenlos auf Spitzbergen archivieren, nur für den Versand müssen die Länder selbst aufkommen. 225 Länder haben ihre Saatgutproben gesichert. Sogar untergegangene Staaten wie die Sowjetunion, die DDR und Jugoslawien sind im „Global Seed Vault“ vertreten.

Im letzten Jahr hat auch der Klimawandel den Tresor erreicht. Unerwartet hohe Temperaturen im Herbst und Winter brachten den Permafrost zum Schmelzen und sorgten dafür, dass Wasser in den ersten Abschnitt des Tunnels gelangte. Das bedeute allerdings keine Gefährdung der Global Seed Vault, so die Verantwortlichen des Crop Trust. Keine der Saatgutproben sei durch das Wasser im Tunnel in Mitleidenschaft gezogen worden. Geplant ist der Bau eines neuen, sicheren Eingangs. Die Arbeiten daran beginnen jetzt im März und werden bis Mai 2019 dauern.

Erstmals in der Geschichte des Saatgut-Tresors wurden 2016 eingelagerte Samen zurückgefordert. Schuld ist der Bürgerkrieg in Syrien, wo nicht nur Menschen ermordet und Kulturgüter vernichtet werden. Das bis 2012 in Aleppo beheimatete „Internationale Zentrum für Agrarforschung in trockenen Regionen“ wurde zwar völlig zerstört, aber fast alle Proben, insbesondere trockenheitsresistente Getreidesorten des Nahen Ostens, konnten rechtzeitig nach Spitzbergen gebracht werden. Das Hauptquartier der Organisation wurde nach Beirut verlegt. Ende 2016 wurden Proben aus Spitzbergen für eine Neuaussaat von Gerste, Weizen und Kichererbsen im Libanon und in Marokko genutzt.

Gleichwohl gibt es grundsätzliche Einwände gegen die Saatgut-Bank auf Spitzbergen: Wäre es nicht sinnvoller, finanzielle und politische Ressourcen dafür einzusetzen, Ökosysteme durch Schutzgebiete für Nutzpflanzen zu sichern? Muss man nicht die globalen Umweltprobleme bekämpfen und dafür sorgen, dass Nutzpflanzen gar nicht erst aussterben, bevor man ihre Samen im Permafrost Spitzbergens einlagert? „Wir müssen beides tun“, rät Kim Holmén. Er ist Direktor des Norwegischen Polarinstituts und erforscht in Longyearbyen die Folgen des Klimawandels. „Denken Sie nur an Syrien. Dort hat nicht der Klimawandel zu all den Zerstörungen, einschließlich der Genbank, geführt.“ Das Fazit des Wissenschaftlers: „Wir müssen die Samen vor uns selber schützen.“

Für den Agrarwissenschaftler Matthias Meißner vom „World Wide Fund For Nature“ Deutschland (WWF) ist der Saatguttresor zwar eine Möglichkeit, Saatgut aufzuheben, „aber viel wichtiger ist es, die Pflanzen und das Saatgut in situ, also direkt bei den Landwirten oder auch in Schulen, zu bewahren. Damit geben wir dem Saatgut und der Nutzpflanze die Möglichkeit, sich den Veränderungen im Klima anzupassen.“ Die Fähigkeit, Hitze, Trockenheit und Versalzung zu bewältigen, könne nicht entstehen, indem man die Samen in ein „Kühlfach sperrt“. Auch das Wissen indigener Völker über Aussaat und Ernte gehe verloren, „wenn wir es nicht schaffen, im wirklichen Leben Orte zu erhalten, wo diese Pflanzen wachsen“.

Kritik an Unterstützern

Zu den Unterstützern des Crop Trust gehören Einzelstaaten wie Ägypten, Australien, Brasilien, Deutschland, Kolumbien und die USA. Aber auch Firmen wie DuPont Pioneer Hi-Bred und Syngenta. Bis jetzt haben in den Fonds einzelne Länder, Stiftungen und Unternehmen mehr als 440 Millionen US-Dollar eingezahlt. Kritiker werfen Syngenta unter anderem sein Engagement auf dem Gebiet der Gentechnik vor. Zudem wird das Schweizer Unternehmen verantwortlich gemacht, durch den Verkauf des Herbizids Paraquat Vergiftungs- und Todesfälle von Landarbeitern in Kauf zu nehmen. Und Pioneer Hi-Bred war das erste Unternehmen, das transgenen Mais entwickelt hat. Stehen die Unternehmensziele solch multinationaler Konzerne dem Projekt Samenbank entgegen?

Schon jetzt kontrollieren die größten acht Konzerne, darunter Monsanto und Syngenta, laut dem US-amerikanischen Landwirt-schaftsministerium rund 94 Prozent des Saatgutmarktes. Fernab von Spitzbergen streiten Agrarkonzerne, Bauern und unabhängige Pflanzenzüchter darüber, wer überhaupt das Recht hat, Saatgut herzustellen, und wer befugt ist, es in den Handel zu bringen. Denn wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert auch die Nahrungsmittel.

Der WWF jedenfalls hält die Verstrickung von Wirtschaft und Crop Trust für problematisch. Meißners Fazit: Es sei viel monetäres Eigeninteresse, aber wenig vorausschauendes Mitdenken und humanistisches Gedankengut dabei.


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