Von der Straße in die Charts Gangsta-Rap und Familienvater: Spongebozz erzählt seine Geschichte

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Als „Spongebozz“ ist Dimtrij Chpakov einer der derzeit populärsten deutschen Rapper. Seine Biografie beleuchtet eine Szene, die ihre Nähe zur Kriminalität feiert. Foto: BBMAls „Spongebozz“ ist Dimtrij Chpakov einer der derzeit populärsten deutschen Rapper. Seine Biografie beleuchtet eine Szene, die ihre Nähe zur Kriminalität feiert. Foto: BBM

Osnabrück/Köln. Einer der derzeit erfolgreichsten deutschen Rapper ist ein Schwamm und kommt aus Osnabrück. Dieser Tage wird seine Biografie veröffentlicht. Sie zeichnet das Leben eines jungen Mannes nach, der auf einem schmalen Grat zwischen Kunst und Kriminalität wandelt – und wirft ein Schlaglicht auf die Verflechtung von Rap und Unterwelt.

Ein Hotelzimmer in Köln. Es ist ein sonniger Wintertag, vorm Fenster wälzt sich der Rhein in Richtung Nordsee. Drinnen wird die Luft langsam dünn, dicke Cannabisschwaden hängen im Raum. Zurückgelehnt in einem Sessel, einen Joint in der Hand, sitzt Dimitrij Chpakov. Ein schlanker, junger Mann, der als „Spongebozz“ im Internet ein Superstar ist. Normalerweise meidet er die Öffentlichkeit. Am 26. Februar allerdings erscheint seine in Zusammenarbeit mit dem Autoren Dennis Sand entstandene Biografie „Yellow Bar Mitzwa“ – Grund genug, ein paar Journalisten zu treffen. Also sitzt Chpakov mit zwei Leuten aus seiner Crew in diesem Hotelzimmer, raucht eine Tüte nach der anderen und erzählt, wie und warum er zum Schwamm wurde. (Weiterlesen: Rapper SpongeBozz filmte in Osnabrück ohne Drehgenehmigung)

Album zensiert

Wer auf Youtube nach Spongebozz sucht, findet Videos, in denen ein großer gelber Schwamm durch alte Lagerhallen und dunkle Innenstädte hüpft und über Drogenkartelle und Schießereien rappt oder scharfzüngig gegen die deutsche Rap-Szene austeilt. Wiederkehrendes Motiv im Hintergrund: muskulöse Männer, ausgestattet mit Baseballschlägern und Sturmgewehren. Die Videos werden millionenfach geklickt. 2015 erschien das Debüt-Album „Planktonweed-Tape“. Es verkaufte sich innerhalb kürzester Zeit 70.000 Mal und erreichte Platz eins in den Charts. Dann wurde es von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert. Die Begründung: In seinen Texten würde extreme Gewalt verherrlicht sowie ein auf Kriminalität basierender Lebensstil.

Tatsächlich bedient Chpakov mit seiner Figur Spongebozz die üblichen Klischees des Gangsta-Raps. Die Einschätzung der BPjM ist somit völlig berechtigt, aus feuilletonistischer Sicht bezeugen die Texte eine bedenkliche Verrohung in Teilen der heutigen Popkultur. Gemessen indes an Genre-Maßstäben sind Chpakovs Texte überdurchschnittlich wortgewandt, sein Sprechgesang sowie Komposition und Produktion der Tracks stechen aus der Masse heraus. Und dann ist da noch die Sache mit der Ironie: Ein krächzender gelber Schwamm feiert in Hochglanzvideos das Leben im Drogenkartell und Schießereien mit der Polizei – ist das nicht eigentlich eine Persiflage auf den ganzen testosterongetränkten Ghetto-Pathos?

Szene jenseits vom Rechtsstaat

Mitnichten. Spongebozz, also Chpakov, kennt das Milieu, über das er rappt, ziemlich gut. Er ist darin groß geworden und hängt bis heute irgendwie mit drin. Beiläufig kommen ihm Sätze wie „klar gibt’s Rapper, die mit Messern unterwegs sind und stechen“ über die Lippen oder die Feststellung, dass Rap und Kriminalität stark miteinander verwoben seien. Er skizziert das Sittengemälde einer Szene, die jenseits vom Rechtsstaat existiert und redet von einer Paralleljustiz, die manchmal „ziemlich unschöne“ Folgen haben kann – für jene, die sich darauf eingelassen haben. „Normale Bürger werden in solche Sachen eigentlich nicht reingezogen, da gibt es klare Grenzen.“

Dass deren Konturen durchaus mal aufweichen können, illustriert vielleicht Chpakovs Werdegang höchstselbst. Geboren 1989 im ukrainischen Czernowitz und aufgewachsen in Osnabrück, treffen in seiner Familiengeschichte sowjetische Bildungsbürger auf Säufer. Die Großmutter war Ärztin, die Mutter musikalisch ausgebildet, der Vater Alkoholiker. Um ihm zu entkommen, floh Mutter Chpakov mit ihrem Sohn nach Deutschland. Die Chpakovs haben jüdische Wurzeln, beide wurden als Kontingentflüchtlinge in der Bundesrepublik aufgenommen und landeten letztlich in Osnabrück.

Sucht und Gewalt

Die Mutter fand einen neuen Partner, fürsorglich und mit offenbar solidem finanziellen Hintergrund. Sein Geld freilich verdiente er bei der russischen Mafia, die Osnabrück als Drehkreuz im Kokainhandel nutzte. In seiner Biografie schildert Chpakov seinen Stiefvater als einen Mann, der vom Drogenhändler zum Konsumenten mutierte und das Leben seiner Familie zur Hölle machte. Sucht und Gewalt prägten den Alltag, irgendwann landete der Stiefvater im Gefängnis und Mutter und Sohn ganz unten, ohne Geld und damit beschäftigt, irgendwie zu überleben.

Der Junge flog vom Gymnasium. Statt um Bildung kümmerte er sich darum, Geld mit Handy-Betrügereien und Supermarkteinbrüchen zu verdienen, irgendwann landete er vor Gericht und wurde zu einigen hundert Sozialstunden verurteilt. Manche der Taten von damals sind in seinem Buch in einem Fußnotenapparat ausführlich dokumentiert. Er selbst sagt heute: „Ich war damals vielleicht fünfzehn und hatte wirklich nichts, kein Geld, keine Perspektive und eigentlich kein tieferes Bewusstsein dafür, dass das, was ich mache, Unrecht ist.“

Durch Zufall zum Rap

Eher zufällig, über einen Kumpel, kam Chpakov zum Rap. Er trat der Rhyme Battle Arena (RBA) bei, einem Online-Wettbewerb, bei dem Rapper sich mit ihren Texten duellieren. Eine ganze Reihe heutiger Szenegrößen, darunter etwa Kollegah, K.I.Z, Cro und Caspar, tummelte sich zu der Zeit dort. Chpakov verglich sich mit ihnen und merkte, dass er Talent hat. Er arbeitete an seinem deutschen Wortschatz, beschäftigte sich mit Produktionstechniken und gelangte in der Szene zu Bekanntheit. „Von irgendeinem Moment an war mir klar, dass ich das Zeug habe, einer der besten deutschsprachigen Rapper zu sein und darauf habe ich dann hingearbeitet.“

Unterm Strich wohl erfolgreich. Nach vielen Jahren und verschiedenen Projekten betrat 2013 ein rappender Schwamm die Bühne des deutschen Gangsta-Rap und sorgte für Furore. Spongebozz versammelte im Internet eine riesige Fangemeinde hinter sich, die ihn an die Spitze katapultierte.

Bekenntnis zu jüdischen Wurzeln

Die Musik also als Mittel, vom Dunkel ins Licht zu treten? Die Biografie spielt zumindest mit derlei Gedanken. Als mutmaßlich erster deutscher Rapper hat sich Chpakov zu seinen jüdischen Wurzeln bekannt. In seinem Buch schimmern Verweise auf die jüdische Mystik und auf Biblisches durch sowie Motive von Kafka, der seinerseits von jüdischen Vorstellungen geprägt war. Die Frage nach Vorsehung wird aufgeworfen, das eigene Schicksal zum Kampf mit dem Bösen erklärt. Der Weg zu einem besseren Morgen, heißt es im Prolog, „ist ein Kampf, den ich mit mir selbst austragen muss. Ein Kampf mit dem Bösen“, mit dem Satan in ihm. Religiös im eigentlichen Sinne sei er indes nicht, sagt Chpakov, allerdings beschäftige er sich mit spirituellen Fragen. „Es gibt schon so eine Art persönlichen Glauben, den ich habe.“

Kalaschnikov und Cannabis im Studio

Chpakov hat mittlerweile Familie. Vater und Rapper, beides sei nur schwer unter einen Hut zu bringen, sagt er. Zumal die Vergangenheit ihn immer wieder einhole: Alte Weggefährten feinden ihn an, es gibt Neider und gekränkte und kaputte Egos in der Szene. Harte Worte sind im Rap an der Tagesordnung, aber bei Weitem nicht das letzte Mittel, um Konflikte auszutragen. Seine Mutter wurde von einstigen Freunden öffentlichkeitswirksam attackiert. Irgendwann machten sich Unbekannte an Chpakovs Wagen zu schaffen. Dessen Reifen platzten, als seine Freundin und der gemeinsame Sohn gerade auf der Autobahn unterwegs waren. Seitdem meidet er die Öffentlichkeit mehr denn je, gibt seinen Wohnort nicht preis.

Damit nicht genug, hat Chpakov seit dem vergangenen Herbst einmal mehr ziemliche Probleme mit dem Rechtsstaat: In seinem Studio fanden Kripobeamte neben einer größeren Menge Cannabis auch Schusswaffen – darunter eine AK 47. Die Szene taucht in seinem Buch gleich doppelt auf, markiert Ein- und Ausstieg seiner Lebenserzählung. Welche juristischen Konsequenzen das haben wird, ist derzeit noch offen. Warum die Waffen, warum eine Kalaschnikov – darüber schweigt sich Chpakov lieber aus. Was er sagt, ist: „Wer mich deswegen verurteilt, soll mal aufsteigen aus dem Müll und sich dann in dieser Szene behaupten gegen Leute, die plötzlich auch davon profitieren wollen und es auf dich abgesehen haben.“


Das Buch

Die Biografie „Yellow Bar Mitzwah: Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm“ erscheint am 26. Februar im Riva-Verlag. Co-Autor des 224 Seiten fassenden Buches ist Welt-Redakteur Dennis Sand.

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