„Es hätte schlimmer nicht sein können“ Sechs Monate nach dem Hurrikan „Harvey“

Von dpa

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Nach dem Durchzug des Tropensturms „Harvey“ am 31. August 2017 sind die Straßen in Port Arthur überflutet. Foto: dpaNach dem Durchzug des Tropensturms „Harvey“ am 31. August 2017 sind die Straßen in Port Arthur überflutet. Foto: dpa

Galveston/Austin. Ob „Harvey“, „Irma“ oder „Maria“ - 2017 war im Atlantik ein Jahr extremer Hurrikans. Ein halbes Jahr nach „Harvey“ leiden viele Menschen an der Küste von Texas noch immer unter den Folgen - und die Vorhersagen der Forscher lassen die Stimmung noch düsterer werden.

Die Wellen rauschen, aber der Nebel ist so dicht, dass das Meer von der Uferpromenade aus nicht sichtbar ist. „Verrücktes Wetter“, sagt die Kellnerin im Fischlokal „Gaido’s“. „So ist es sonst nur vor einem Hurrikan.“ Ihr ganzes Leben hat Elena, die sich mit dem Job ein Studium der Kommunikationswissenschaften finanziert, im texanischen Galveston am Golf von Mexiko verbracht und viele Wirbelstürme erlebt. „Am schlimmsten war „Ike“ vor zehn Jahren. Bei „Harvey“ waren wir besser vorbereitet. Insgesamt sind wir in einer Stadt wie Galveston natürlich an Stürme gewöhnt und wir haben keine Angst. Aber in den letzten Jahren scheint das Wetter immer unvorhersagbarer geworden zu sein.“

Galveston kam, anders als bei „Ike“, vergleichsweise glimpflich davon, als Hurrikan „Harvey“ vor einem halben Jahr im August 2017 mit hohen Windgeschwindigkeiten und starkem Regen in Texas auf das Festland traf. Die Metropole Houston und umliegende Städtchen wurden weit schlimmer getroffen, mit lange anhaltenden Überflutungen. Die Bilanz des Hurrikans: Rund 100 Tote allein in den USA, Dutzende Verletzte, Tausende Menschen, die aus ihren Häusern fliehen mussten, und ein Schaden von 125 Milliarden Dollar (100 Milliarden Euro).

Viele kämpfen sechs Monate nach „Harvey“ noch immer mit dessen Folgen. In Port Aransas, südöstlich von Galveston und Houston, ist das meeresbiologische Forschungszentrum der University of Texas völlig zerstört worden. „Es hätte schlimmer nicht sein können“, sagt Edward Buskey, der dort seit mehr als 30 Jahren arbeitet. „Das Gesamtausmaß des Schadens wird derzeit noch geprüft, aber es werden dutzende Millionen Dollar sein.“ Auch in seinem Wohnhaus stand das Wasser, obwohl es auf drei Meter hohen Stelzen gebaut ist.

Das verschont gebliebene Institut zur Erforschung des Golfs von Mexiko der Texas A&M Universität, etwa 65 Kilometer entfernt, bot Hilfe an. „Wir sind zwar Football-Rivalen, aber in so einem Fall unterstützen wir uns natürlich, wo wir können“, sagt Direktor Larry McKinney. „Vor allem seit der Ölkatastrophe der „Deep Water Horizon“ haben wir hier eine echte Leidensgemeinschaft gegründet.“ Fast alle Studenten konnten vorübergehend übersiedeln oder pendeln, die Kurse fanden statt. Zahlreiche Experimente und wissenschaftliche Proben aber, die in dem Forschungszentrum aufbewahrt wurden, gingen verloren - und noch konnten die Studenten nicht wieder zurückkommen.

Klimaforscher beobachten die Entwicklung bei den Wirbelstürmen mit großer Sorge. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass es eine Zunahme an starken Hurrikans geben wird“, sagt Katherine Hayhoe von der Texas Tech University in Lubbock bei der diesjährigen weltgrößten Wissenschaftskonferenz der AAAS (American Association for the Advancement of Science) in Austin. „Es gab drei Studien nach „Harvey“, die alle sagen, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Regenstürme steigt - auf bis zu dreimal so hoch.“

Zudem sei nachgewiesen, dass der Klimawandel zur Intensität von „Harvey“ beigetragen habe, sagt Hayhoe. „Das extreme Ausmaß des Regens hätte es so nicht gegeben, wenn „Harvey“ vor 50 oder 100 Jahren passiert wäre.“

Die betroffenen Regionen müssten umdenken und vorbeugen, fordert Hayhoe. „Die Ursachen, dass die Dinge sich verändern, sind global, aber die Gründe, warum es uns betrifft, sind sehr spezifisch.“ Am Golf von Mexiko müsse beraten und auch ein schwieriges Thema wie Umsiedlungen nicht ausgespart werden. „Das ist eine Diskussion, die wir führen müssen und die teilweise auch schon geführt wird. Die Gespräche, die jetzt in Houston geführt werden, sind komplett andere als noch vor einem Jahr.“

Die Wissenschaftler McKinney und Buskey, die beide seit Jahrzehnten den Golf von Mexiko erforschen, wollen nicht weg. „Wir sind vorbereitet und haben gut ausgearbeitete Notfall-Pläne. Es werden immer Dinge passieren, aber wir können den Schaden minimieren. Wir haben hier so viel investiert - und wo sonst können wir jeden Tag einfach so mal schnell auf das Meer raus für unsere Forschungen?“, sagt McKinney und Buskey ergänzt: „Aber klar: Nach jeder Hurrikan-Saison, in der nichts passiert ist, wischt man sich über die Stirn und sagt: Gerade noch einmal gut gegangen.“


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