Umstrittene Diagnose Orthorexia nervosa: Wenn gesunde Ernährung zur Sucht wird

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Menschen, die unter dem Symptom Orthorexia nervosa leiden, sind süchtig danach, sich gesund zu ernähren. Foto: Colourbox.deMenschen, die unter dem Symptom Orthorexia nervosa leiden, sind süchtig danach, sich gesund zu ernähren. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Menschen, die unter dem Symptom Orthorexia nervosa leiden, sind süchtig danach, sich gesund zu ernähren. Sie riskieren damit ihre Gesundheit. Die Diagnose ist allerdings umstritten in der Medizin.

„Wenn das Bedürfnis, sich gesund zu ernähren, stark die Lebensführung einschränkt, ist das krankheitswertig“, erklärt Andreas Schnebel, therapeutischer Leiter des Anad-Versorgungzentrums in München. Das Zentrum ist eine Beratungsstelle für Menschen mit einer Essstörung. Wenn Betroffene nicht mehr in Gesellschaft essen wollen oder sogar Gründe wie Krankheiten erfinden, um einem gemeinsamen Essen aus dem Weg zu gehen, weil sie die Zubereitung des Essens nicht kontrollieren können, werde es nach Schnebels Angaben problematisch. Dabei spiele bei Orthorexie nicht die Menge des Essens eine Rolle, sondern die Qualität. Häufig habe das Symptom zur Folge, dass Betroffene sich isolieren.

Orthorexie wird noch erforscht

Den Begriff Orthorexia nervosa prägte der US-Mediziner und Autor Steven Bratman, der zu dem Thema auch ein Buch verfasste. In „Health Food Junkies“ beschrieb er das ungewöhnliche Essverhalten einiger seiner Patienten. Ob „Orthorexia nervosa“ tatsächlich eine eigenständige Krankheit ist oder nicht, wird noch erforscht. Diplom-Psychologin Friederike Barthels von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf beschäftigt sich seit 2011 mit dem Thema. Mithilfe von Fragebögen, die inzwischen über 1000 Probanden ausgefüllt haben, versuchen Barthels und ihre Kollegen einheitliche Diagnosekriterien für das Symptom zu erarbeiten. Insgesamt bei einem bis drei Prozent der Probanden hätte ein Verdacht auf Orthorexie bestanden.

„Wie viele Menschen in Deutschland von Orthorexie betroffen sind, lässt sich nur schätzen“, sagt Barthels. Die Psychologin geht davon aus, dass maximal ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland dieses Essverhalten aufzeige. Die Zahl derjeniger, die einen Leidensdruck verspüren, sei noch geringer.

Depression und Mangelerscheinungen

Bei Betroffenen können Symptome wie Müdigkeit, Konzentrationsschwächen sowie Depression, Untergewicht und alle Formen von Mangelerscheinungen auftreten.

Nach Schnebels Angaben könne Orthorexia nervosa auch eine Einstiegsdroge in die Magersucht sein.

Orthorektisches Essverhalten sei zwar auch schon früher in der Bevölkerung aufgetreten, allerdings tragen die Gesundheitstrends der letzten Jahre allgemein dazu bei, dass Menschen sich vermehrt mit gesunder Ernährung beschäftigen. Allerdings könne allein der Zeitgeist niemanden in die Orthorexie stürzen; dazu bedarf es zusätzlich anderer Kriterien, erklärt Barthels.

„Gesunde Ernährung an sich ist natürlich gut und richtig. Wenn sie wie bei Orthorexie allerdings zum Leidensdruck führt, ist das ein Problem“, betont die Psychologin.


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