Kajüte statt Kamin Beamter lebt ganzjährig an Bord seiner Segeljacht

Meine Nachrichten

Um das Thema Vermischtes Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Bremen. Holger Peterson hat sich mit seinem gesamten Hab und Gut von 160 auf knapp 30 Quadratmeter reduziert und hat das seit acht Jahren nicht an einem einzigen Tag bereut. Der 55-Jährige lebt ganzjährig auf seinem 12 Meter langen Segelboot. Peterson ist verheiratet und als Beamter in Bremen beschäftigt – ein Aussteigerleben sieht anders aus, ein paar Besonderheiten bringt das Leben auf dem Wasser aber schon mit sich.

Holger Peterson hat sich mit seinem gesamten Hab und Gut von 160 auf knapp 30 Quadratmeter reduziert und hat das seit acht Jahren nicht an einem einzigen Tag bereut. Der 55-Jährige lebt ganzjährig auf seinem 12 Meter langen Segelboot. Peterson ist verheiratet und als Beamter in Bremen beschäftigt – ein Aussteigerleben sieht anders aus, ein paar Besonderheiten bringt das Leben auf dem Wasser aber schon mit sich.

„Ist das auf Dauer nicht zu eng?“ Und: „Wo verstaust du denn deine ganzen Sachen?“ Diese Fragen hört Peterson, wo auch immer er sagt, dass er auf einer Segeljacht lebt. „Mein räumliches Empfinden hatte sich aber innerhalb kürzester Zeit völlig aufgelöst“, berichtet Peterson, der alles verkaufte, was er auf dem Boot nicht benötigte. „Mein Aufbruch in das dauerhafte Leben an Bord war eine Reise ins Innere. Was wollte ich behalten, wovon konnte ich mich leichten Herzens trennen? Nach Monaten war ich erstaunt, wie wenig ich wirklich benötigt habe“, blickt er zurück.

Als der leidenschaftliche Segler beschloss, auf sein Boot zu ziehen, um in einer beruflichen Auszeit die Welt zu besegeln, war seine erste Ehe gerade beendet, die Söhne waren bereits erwachsen. Als mit seiner Jugendliebe just in dieser Zeit eine Frau in sein Leben trat, die eine schulpflichtige Tochter hatte, modifizierte er seinen Lebenstraum.

Er verschob die Weltumsegelung und mietete für Frau und Tochter eine Wohnung in der Nähe der Schule.. Von seinem Leben an Bord ist er derart begeistert, dass er nebenberuflich Bücher über das Leben an Bord schreibt („Mein Boot ist mein Zuhause“, „Wie wir im Norden segeln“, „Von Menschen und von Booten“, Verlag millemari).

Darin geht es um allabendliches Hafenkino in Kopfkissenhöhe, spektakuläre Sonnenaufgänge über dem Wasser, kleine, mittlere und ganz große technische Herausforderungen und auch um die bürokratischen und organisatorischen Hürden, die Bewohner schwimmender Refugien überwinden müssen, damit sie ihren Lebenstraum verwirklichen können.

Bootsbewohner haben keine feste Wohnadresse, die sie beim Einwohnermeldeamt angeben können. Unter gewissen Umständen kann aber auch eine Hafenadresse im Ausweis eingetragen werden. Wer einen Hafen findet, der das gestattet und vielleicht auch noch erlaubt, dass die Bootsbewohner irgendwo einen kleinen Briefkasten anschrauben, hat Glück.

Idealerweise ist das dann ein Hafen, in dem es auch bei klirrender Kälte Wasser zum Auffüllen des Tanks gibt. Denn an Bord zu leben ist kein ewiger Frühling, es heißt auch, den Winter an Bord zu verbringen. Mit dem Hohentorshafen in Bremen hat Peterson einen Hafen für den Winter gefunden, der nah an seinem Arbeitsplatz ist.

Dort befindet er sich in bester Gesellschaft einer kleinen Kolonie an Bootsträumern, für die auch im Winter einfach nicht Schluss ist mit dem Leben an Bord, auch wenn bei Schneetreiben keiner mehr rausfährt, dafür aber alle an ihren Booten basteln.

In den Sommermonaten macht Peterson die Leinen seiner Segeljacht Fuchur im nördlich von Wilhelmshaven gelegenen Hooksiel fest, von wo aus er mit seiner Familie zu den Ostfriesischen Inseln segelt, wann auch immer sie Lust und Zeit dazu haben. Auch längere Sommerurlaube mit dem Boot starten hier.

Während seine Frau und ihre Tochter wochentags in der Wohnung an Land leben und am Wochenende aufs Boot kommen, lebt Peterson auch im Winter auf der Fuchur. Eine gewisse Naturverbundenheit muss da schon sein, auch wenn er seine 12 Meter lange Jacht, eine Reinke S11 aus Aluminium, in detailreicher Ausbauarbeit zu einem kältetauglichen Familien- und Expeditionsboot gemacht hat. Das Boot verfügt über eine Druckwasseranlage, einen Wasserboiler und einen Wassertank von 400 Litern.

An Bord gibt es sogar eine kleine Badewanne, ein Luxus, der besonders im Winter willkommen ist. Für kuschelige Wärme an Bord sorgen ein Heizlüfter und an besonders kalten Tagen zusätzlich eine mit Diesel betriebene Bordheizung, die auch das Badewasser erwärmt.

Die Energiebilanz seines Bootes könne sich im Vergleich mit einem Haus sehr gut sehen lassen, rechnet Peterson vor. Der winterliche Stromverbrauch zum Laden der Batterien und zum Betrieb des Heizlüfters liege zwischen 300 und 500 Euro für fünf Monate. Dazu kämen rund 70 Euro pro Jahr für Propangaskartuschen für den Gaskocher.

Unbezahlbar hingegen ist für Peterson das unvergleichliche Lebensgefühl: Nordseefahrer sind eine große Gemeinschaft und halten zusammen. Wie viel Schnack am Steg die Nachbarschaft im Hafen zu einer guten macht, bestimmt jeder selbst. Notfalls kann man unliebsamen Zeitgenossen durch Verlegen des Bootes leicht entkommen. In Schwierigkeiten bleibt jedoch niemand allein.

Denn jeder Tag bringt selbst erfahrenen Seglern etwas Neues. Sandbänke wandern oft schneller, als Tonnen zur Orientierung verlegt oder Daten vermerkt sind. Auch von Ereignissen wie einem im denkbar ungünstigsten Moment ausfallenden Motor, einem explodierenden Wasserboiler und vielen anderen technischen Herausforderungen, für die der Bootsbewohner am besten sein eigener Mechaniker ist, kann Peterson lebhaft berichten. „Glückliche Reparaturen sind längst Teil des Abenteuers“, sagt der Segler, dessen Herz für große Sicherheit an Bord schlägt. So fällt er im März auch mal absichtlich in die kalte Nordsee, um mit seiner Frau ein Bergemanöver zu trainieren oder die Funktionalität von Badeleitern zu testen.

Wo Leidenschaft im Spiel ist, sind die Leiden manchmal auch nicht weit. Es gibt Törns, die Peterson nicht wiederholen würde. Die Abschlussfahrt von Hooksiel übers Watt ins Winterquartier nach Bremen bei Sturmflut und bis zu neun Beaufort im vergangenen Jahr zählt dazu. Dass der Fuchur angesichts von gut 1,50 Meter hohen Wellen und den tiefen Wellentälern auch an den flachsten Stellen noch komfortable 40 Zentimeter Wasser unter den Kimmkielen blieb, war eine gelungene Kombination aus Navigation und Glück.

Nur auf den bei winterlichen Törns sonst so geschätzten heißen Tee aus der Thermoskanne musste Peterson bei dieser Fahrt verzichten.

Aber dann wären da ja noch die vielen Erinnerungen an die sommerlichen Ankernächte auf der Nordsee, an das Trockenfallen im Watt und an die Momente, in denen sich das zurückkehrende Wasser erst mit leichtem Plätschern ankündigt und die Flut das Boot wenig später wieder aufschwimmen lässt, nicht ohne es ein paarmal wieder auf dem Boden abzusetzen und dann mit dem Strom des auflaufenden Wassers zu drehen.

Hält der Anker in der neuen Zugrichtung? Könnte es zu Berührungen mit anderen Booten kommen, die ankern? Eine ruhig durchgeschlafene Nacht sieht angesichts solcher Fragen anders aus – der für alles entschädigende Sonnenaufgang überm Wasser am Morgen danach aber auch. Dieses unvergleichliche Erlebnis hat Peterson auch im Hafen jeden Morgen, wenn er den Reißverschluss der Persenning öffnet und in der knackigen Kälte eines Februarmorgens von seinem Boot auf den Steg steigt und zum Hafenparkplatz geht, wo sein Auto steht. Es ist der Moment, in dem sein normales Landleben beginnt. Bis zum Abend, wenn er zurück an Bord ist und irgendwann Auge in Auge mit einem Haubentaucher einschläft, der sich zurzeit jeden Abend neben dem Fenster an der Koje niederlässt. Kajüte statt Kamin. Holger Peterson ist in seinem Element.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN