Ein Jahr am Kap Hoorn Die einsamste Familie der Welt

Von Anja Steinbuch und Michael Marek


Osnabrück. Die Isla de Hornos hat Entdecker und Abenteurer seit jeher fasziniert. Kap Hoorn – die letzte Grenze der Zivilisation: Jahrhunderte gehört die Umrundung des Kaps zu den gefürchtetsten Schiffspassagen der Welt. Heute wohnt hier für 12 Monate ein Angehöriger der chilenischen Marine mit seiner Familie.

Es ist stürmisch und kalt am 55. Breitengrad. Schneetreiben und blauer Himmel haben den ganzen Tag über im Streit miteinander gelegen. Hier, am südlichsten Zipfel des südamerikanischen Kontinents, wo Atlantik und Pazifik aufeinanderstoßen, ist alles möglich: Wind, Eisstürme, Hagel, Sonne, Regen, blauer Himmel. Die Jahreszeiten vermählen sich an einem einzigen Tag.

Die „Stella Australis“ ankert in einer kleinen Bucht auf der östlichen Seite des Kaps. Die Passagiere an Bord des Kreuzfahrtschiffes sind aufgeregt. Kapitän Navarro verkündet die frohe Botschaft: Poseidons Wellenmaschine fehlt es an Energie. Die Wetterverhältnisse machen es möglich, auf dem Eiland, dessen Name Legende ist, anzulanden. Ein Mythos für Besucher aus der ganzen Welt. Ein bunter Haufen Weltenbummler, Australier, Europäer, Nord- und Südamerikaner, ist fest entschlossen, die chilenische Insel zu betreten. Auf der Suche nach der touristischen „terra incognita“.

Vermutlich am 29. Januar 1616 wurde Kap Hoorn vom niederländischen Seefahrer Willem Corneliszoon Schouten entdeckt. Man schätzt, dass seitdem etwa 10000 Seeleute vor dem Eiland umgekommen und mehr als 800 Schiffe gesunken sind. Bei Niedrigwasser lassen sich sogar die Masten einiger Wracks erkennen. Der größte Schiffsfriedhof der Welt.

Vor der Fertigstellung des Panamakanals 1914 galt der Weg um Kap Hoorn als die einzige befahrbare Route, um Südamerika zu umschiffen. Eine Alternative gab es nicht. Der Weg durch die weiter nördlich gelegene Magellanstraße war für Windjammer, bedingt durch Enge und Gegenströmung, unpassierbar. Zum Kreuzen gegen den Wind brauchten sie viel Platz. Die schnellste Kap-Hoorn-Umsegelung gelang 1938 der Viermastbark „Priwall“ in nur fünf Tagen. Den Negativrekord hält das deutsche Segelschiff „Susanna“, das 1905 99 Tage für die Umschiffung benötigte.

„Eine schöne Legende“

Kap Hoorn light an Bord der „Stella Australis“: Die Passagiere haben sich an Deck versammelt. Verpackt in Thermohosen und knallroten, dick gefütterten Sicherheitsjacken mit dem Logo des Kreuzfahrtschiffes geht es für die kleine Touristengruppe los: Start der Expedition, wie die Ausflüge in den robusten Zodiacs des Kreuzfahrers heißen.

Am Strand werden die Besucher von Magellan-Pinguinen bereits erwartet. Sie wackeln und räkeln sich auf den sonnengewärmten Felsen. Dann geht es eine knapp 250 Meter hohe Treppe nach oben. Von dort hat man einen fantastischen Ausblick: Ringsherum erheben sich kantige Hügelketten anderer Inseln. Einsam und wie verloren liegt unten das Kreuzfahrtschiff in dieser ungeheuren Weite vor Anker. Bis zur Antarktis sind es gerade einmal 900 Kilometer. Glasklar ist die Luft rund um das etwa zwölf Quadratkilometer große Inselplateau. Holzstege durchkreuzen die Isla de Hornos. Darauf bewegt sich im Gänsemarsch eine Ansammlung roter Sicherheitswesten.

Alle Besucher wollen zuerst zum Monument von Kap Hoorn. Aus dessen massiven, versetzt montierten Stahlplatten wurde im Gedenken an die zahllosen vor Kap Hoorn verunglückten Seeleute ein fliegender Wanderalbatross ausgespart. „Sie glauben, dass die Seelen der toten Matrosen in den Albatrossen weiterleben“, erklärt der chilenische Expeditionsleiter Francisco Cárdenas, „eine schöne Legende!“.

1937 wurde im französischen Saint-Malo die Bruderschaft der „Kap Hoorniers“ gegründet, erklärt Cárdenas. Kommandierende Kapitäne, die Kap Hoorn auf einem Frachtensegler ohne Hilfsmotor bezwangen, wurden Ehrenmitglieder dieser internationalen Gemeinschaft. Wahrzeichen ist der Kopf eines Albatrosses, der im Schnabel ein rautenförmiges Objekt hält. Dieses Symbol stützt sich auf eine alte Tradition: Matrosen befestigten daran als Köder ein Stück salziges Fleisch und warfen es mit einer dünnen Angelschnur aufs Meer hinaus. Sobald ein Albatross anbiss, blieb das Objekt am gebogenen Schnabel des Vogels hängen. Während die Schnur gespannt gehalten wurde, konnte der Vogel nicht entkommen. Die Matrosen zogen ihn aufs Deck, um ihn anschließend wieder freizulassen.

Präsenz zeigen

Cárdenas ist Naturforscher und Vogelkundler. Der großgewachsene Endvierziger mit dem sonoren Bariton in der Stimme und kroatischen Vorfahren steht vor dem Monument und räumt mit so mancher Legende auf. Zum Beispiel gilt die Insel landläufig als südlichster Punkt Südamerikas. Korrekt ist das nicht, denn die menschenleeren Diego-Ramirez-Inseln liegen 100 Kilometer weiter südlich, aber was sind die schon im Vergleich zu Kap Hoorn? Heute beherbergt die Isla de Hornos eine meteorologische Station, eine Kapelle, einen Leuchtturm sowie ein Postamt. Und sie ist bewohnt. Am Ende der Welt lebt ein Angehöriger der chilenischen Marine mit seiner Familie. „Ich war vor Jahren der Bürgermeister von Kap Hoorn“, erzählt Juan Andrés Valenzuela Yañez. Der Offizier ist vom Beruf Telekommunikationstechniker. Den groß gewachsenen Mitvierziger mit schütterem Haar, feinen Gesichtszügen und Hang zur feinen Ironie würde man eher in einer Universität erwarten als am Rande der Zivilisation. Zusammen mit seiner Frau Paula, seinem Sohn Matias und Pudel Melchor lebte und arbeitete er hier vor einigen Jahren. „Wir haben hier unserem Heimatland Chile gedient“, sagt Yañez stolz.

Für zwölf Monate trotzen die Familien der Einsamkeit, kümmern sich um die meteorologische Station und leiten Wetterdaten an die Schiffe weiter. Die Aufgabe des Offiziers besteht vor allem darin, chilenische Präsenz an diesem symbolträchtigen Ort zu demonstrieren. Denn zwischen Chile und Argentinien schwelt ein alter Streit über den Grenzverlauf im südlichen Patagonien und auf Feuerland, das etwa 200 Kilometer entfernt liegt.

„Papa war mein Lehrer“

„Manchmal empfingen wir Besucher von Kreuzfahrtschiffen und erklärten ihnen alles.“ Auch Familie Yañez stand einst hinter dem Tresen im kleinen Postamt von Kap und verkaufte Besuchern Ansichtskarten. Heute leben die Yañez wieder in Punta Arenas.

Alle Besucher wollen von hier ein postalisches Lebenszeichen in die Heimat schicken – versehen mit dem begehrten Sonderstempel. Nebenbei verdient sich die einsamste Familie der Welt mit dem Verkauf von Kap-Hoorn-Kaffeetassen, T-Shirts oder bedruckten Wandtellern ein paar Pesos dazu. Aber zwischen April und Oktober, wenn es Winter auf der Südhalbkugel und auf Kap Hoorn noch stürmischer ist, verirrt sich so gut wie kein Kreuzfahrtschiff mehr hierher.

Am Anfang war seine Familie gar nicht begeistert von der Vorstellung, zu dritt weit entfernt von der Heimat zu leben. Aber nach einigen Wochen begannen sie diesen Ort zu lieben – die Natur, die Vögel, sogar den Wind, erinnert sich Juan Yañez. „Wir haben gemeinsam entschieden. Hier kann man es nur aushalten, wenn alle zusammenhalten.“

Das Leben auf Kap Hoorn verlangt viel ab, erklärt Juan. Der nächste Arzt ist Hunderte Kilometer entfernt. Und bei einem Notfall kann der Hubschrauber aufgrund der Wetterverhältnisse auch nicht immer kommen. Deshalb ist es eine Voraussetzung für diesen Job, dass man am Blinddarm operiert wurde. Auch die Zähne müssen in gutem Zustand sein. Außerdem müssen alle eine Erste-Hilfe-Prüfung ablegen, um sich bei einem Unfall oder einer Erkrankung gegenseitig helfen zu können.

Das Familienwohnzimmer erinnert an ein maritimes Museum: Überall hängen Fotos von Schiffen und grimmigen Männern mit zerzausten Bärten. Es gibt Urkunden,Seekarten, Kompasse und nautischen Krimskrams. Möbel habe man natürlich nicht mitnehmen können, sagt Juan, im Haus war aber alles vorhanden: Waschmaschine, Fernseher, Fahrräder, eine Playstation. Dafür hat jeder aus der Familie einige Andenken mitgenommen – vor allem Fotos und Kuscheltiere.

Sohn Matias konnte damals nicht zur Schule. „Mein Papa war mein Lehrer“, sagt Matias, das sei wie Schule gewesen, aber doch ganz anders. „Papa war ein sehr guter Lehrer!“, sagt er und strahlt dabei, dass es keine Zweifel gibt.

Fernsehen schaut man selten, der Empfang ist so lala, bei gutem Wetter sind der Marineoffizier und seine Familie draußen unterwegs. Manchmal langweilen sich die Kinder, vermissen ihre Freunde. Deshalb bringt jede Familie einen Hund mit. Habe seiner Frau und ihm nicht ein Restaurant oder der Gang zum Friseur gefehlt? „Nein“, kommt es wie aus der Pistole geschossen, „die Liebe zur Familie hat das alles wettgemacht.“

Nackt im Verkaufsraum

Wenn das Versorgungsschiff der Marine die vor Wochen bestellten Lebensmittel anliefert, freuen sich alle auf Tomaten, Salat und andere Leckereien. Auf Dinge, die nicht alltäglich sind, wenn man auf Chiles südlichstem Außenposten am Rande der Antarktis lebt.

Plötzlich wird Expeditionsleiter Francisco Cárdenas hektisch. Der Kapitän habe befohlen, Cabo de Hornos schnellstens zu verlassen. Der Wind ist aufgedreht, der Wellengang stärker geworden. Eine letzte Anekdote aber will noch erzählt werden, eine lustige Episode aus dem Leben der einsamsten Familie der Welt, erinnert sich Juan. Eines Tages wären seine Frau und er „sehr liebevoll zueinander“ gewesen. Er sei aus der Dusche ohne Handtuch gestiegen. Nackt, klar doch. „Ich kam hier am Verkaufsraum vorbei. Sie glauben es nicht, da standen plötzlich Touristen vor mir. Niemand hatte uns darüber informiert, dass ein Schiff mit Besuchern kommt. Mein Gott, als die Touristen da standen, war ich ohne Handtuch, verstehen Sie?!“

Lachend geht es im Laufmarsch zurück zur „Stella Australis“. Ein Sturm ist im Anmarsch. Was sonst. Trotzdem bleibt ein Gefühl der Zeitlosigkeit, das jeden ergreift, der Kap Hoorn besucht. Ein Ort, an dem die Industrielle Revolution, Kultur- und Religionskämpfe, heiße und kalte Kriege, Reichtum und Armut, Elend und Überfluss, all der Wandel, den die Menschheit über den Planeten Erde gebracht hat, spurenlos geblieben sind.