Fall Anja Gade Pflegefall nach Zahn-OP: Anästhesisten im Visier der Ärztekammer

Von Gunnar Dommasch

Noch immer in regem Austausch: Rechtsanwalt Klaus Fischer, mit Joachim, Anja und Susanne Gade. (v.l.). Foto: Gunnar DommaschNoch immer in regem Austausch: Rechtsanwalt Klaus Fischer, mit Joachim, Anja und Susanne Gade. (v.l.). Foto: Gunnar Dommasch

Flensburg. Seit einer Zahn-OP ist die 27-jährige Flensburgerin Anja Gade ein Pflegefall: Die Aufsichtsbehörde hat ein berufsgerichtliches Verfahren eingeleitet.

Mitgefühl, wohin man blickt. Die tragische Leidensgeschichte von Anja Gade, die nach einem Behandlungsfehler im Januar 2013 nunmehr schwerstbehindert in einer vollstationären Einrichtung lebt, hat die Menschen bewegt. Jetzt wurde bekannt, dass die Kieferchirurgie, in der das Unglück geschah, mit den verantwortlichen Anästhesisten nicht mehr zusammenarbeitet – und zudem die Ärztekammer tätig geworden ist.

Die damals 27-jährige Studentin aus Flensburg hatte sich seinerzeit in einer Fachpraxis für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie lediglich die vier Weisheitszähne ziehen lassen wollen. Sie war zunächst von zwei reisenden Anästhesisten aus Hamburg vor der (komplikationslos verlaufenen) Operation unter Vollnarkose gesetzt worden und leidet seitdem, wie der Rechtsanwalt der Familie mitteilt, an einem durch mutmaßlich schweren Sauerstoffmangel verursachten Hirnschaden, der sie an den Rollstuhl fesselt. Diverse Operationen, eine einjährige neurologische Reha und intensive Behandlung mit Physiotherapie haben bei der Flensburgerin keine signifikanten Fortschritte erkennen lassen.

Zivilrechtlich ist der Fall nach einer Klage vor dem Landgericht Flensburg gegen die Gemeinschaftspraxis für Anästhesiologie mit einem Vergleich abgeschlossen worden. Und: Die betroffenen Anästhesisten praktizieren nicht mehr in der Flensburger Fachpraxis, in der es zu dem Unglück kam. Einer der Kollegen aus dieser Praxis erklärte jetzt gegenüber dem sh:z: „Es wird bei uns grundsätzlich sehr genau geprüft, ob es eine medizinische Indikation für ambulante Eingriffe in Vollnarkose gibt und ob zum Beispiel eine ärztlich anerkannte Angststörung vorliegt.“

Über 90 Prozent der Eingriffe erfolgen dort in örtlicher Betäubung. Immer wieder gebe es jedoch Fälle, in welchen Patienten eine überstarke Angst vor einem chirurgischen Eingriff verspürten. „Dann sind wir natürlich froh, dass uns das Mittel der Vollnarkose an die Hand gegeben ist.“ Mit dem jetzigen Anästhesisten sei man außerordentlich zufrieden. Es gebe keine Klagen.

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Doch der Schmerz sitzt tief bei den Eltern Susanne und Joachim Gade. Sie würden den verantwortlichen Anästhesisten am liebsten endgültig das Handwerk legen, da diese ihrer festen Überzeugung nach „Sorgfaltspflichten verletzt, Behandlungsoptionen vereitelt, Fakten vertuscht und das Gericht belogen haben“.

Verfahren kann auch glimpflich für Narkoseärzte ausgehen

Zwischenzeitlich ist die Ärztekammer Hamburg, die schon vor Jahren über den Vorfall informiert worden war, tätig geworden. Auf Nachfrage des sh:z erklärt Pressesprecherin Nicola Timpe, dass man in dem Behandlungsfall, „der uns bis heute aufgrund seines tragischen Verlaufes sehr bewegt“, die zu Gebote stehenden berufsrechtlichen Maßnahmen eingeleitet habe. Die Frage, ob damit ein Entzug der Approbation durch die Gesundheitsbehörde angestrebt werde, blieb unbeantwortet. Ein derartiges Verfahren kann auch glimpflicher enden: etwa mit einer Geldbuße oder Verwarnung. Es sei aus Gründen, die die Ärztekammer Hamburg nicht zu verantworten habe, so Nicola Timpe, „bis heute leider nicht abgeschlossen“. Man bitte um Verständnis, dass man sich zu näheren Einzelheiten nicht äußern könne.

Offenbar sind laufende juristische Auseinandersetzungen im Spiel. Denn die Ärztekammer hat zur Ahndung berufswidrigen Verhaltens schon vor geraumer Klage erhoben, wie der sh:z aus sicherer Quelle erfuhr. Derzeit soll der Fall beim Berufsgericht anhängig sein. Die Eltern von Anja Gade dürfen hoffen.