Vorhaben soll Milliarden kosten Streit um einheitliche Höhe für Bahnsteige

Von epd

76 cm „über der Schienenoberkante“ sollen alle Bahnsteige hoch sein. Einige Bahnsteige in Deutschland sind schon barrierefrei, sie müssten die Höhe nachrüsten, was Kritikern zufolge einem Schildbürgerstreich gleichkäme. Foto: imago/Sven Ellger76 cm „über der Schienenoberkante“ sollen alle Bahnsteige hoch sein. Einige Bahnsteige in Deutschland sind schon barrierefrei, sie müssten die Höhe nachrüsten, was Kritikern zufolge einem Schildbürgerstreich gleichkäme. Foto: imago/Sven Ellger

Mainz/Hannover. Damit möglichst viele Menschen problemlos Zug fahren können, will der Bund deutschlandweit langfristig eine einheitliche Höhe aller Bahnsteige durchsetzen. Doch das Vorhaben stößt auf massive Widerstände.

Auf den ersten Blick klingt es fast nach einer Lappalie, über die sich die Verkehrsminister von Bund und Ländern an diesem Freitag bei einem Spitzentreffen die Köpfe zerbrechen werden. Doch bei der Entscheidung, ob es in Deutschland künftig eine einheitliche Bahnsteighöhe von 76 cm „über der Schienenoberkante“ geben soll, geht es darum, dass viele Menschen mit Behinderung die Bahn momentan gar nicht nutzen können. Und es geht um Kosten, die noch niemand seriös vorhersehen kann, die sich aber wohl eher in Milliarden als Millionen beziffern werden. Einige Bundesländer, die schon viel für den barrierefreien Ausbau der Bahnhöfe getan haben, fühlen sich überrumpelt.

„Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Bahn stellt in Deutschland die Bahnsteighöhe an Bahnhöfen und Haltepunkten der Schiene dar“, stellte die Bundesregierung bereits in einer 20 Jahre alten Bundestagsdrucksache fest. „Kein Mensch käme vergleichsweise auf die Idee, Autobahnen ohne allgemein benutzbare Ein- und Ausfahrten zu bauen.“ Viele deutsche Bahnhöfe sind inzwischen barrierefrei modernisiert worden, aber noch immer erschwert ein buntes Durcheinander verschiedenster Bahnsteighöhen das Reisen.

Weniger Barrierefreiheit vermutet

Nun soll das 2017 beschlossene Bahnsteighöhenkonzept des Bundes die Situation ändern. „Die Idee klingt zunächst einmal ganz charmant“, meint der rheinland-pfälzische Landesbehindertenbeauftragte Matthias Rösch, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist und häufig die Bahn benutzt. Doch für Länder wie Rheinland-Pfalz würde es nicht mehr, sondern weniger Barrierefreiheit mit sich bringen, warnt er. Denn seit vielen Jahren lässt das Land in Absprache mit der Bahn viele Regionalstrecken modernisieren, allerdings mit einer regulären Bahnsteighöhe von meist lediglich 55 Zentimetern.

Welche Probleme die vom Bund forcierte Regelung mit sich bringen würde, verdeutlicht Rösch am Beispiel der Nahestrecke zwischen Mainz und Saarbrücken. Dort wurden in den vergangenen Jahren Bahnhöfe wie Bad Kreuznach für viel Geld barrierefrei umgebaut. Anderswo entlang der Strecke steht die Modernisierung noch aus. Sollte der Bund künftig nur Umbauten mit 76-Zentimeter-Bahnsteigen fördern, wäre der Ausbau gefährdet. Ohnehin gebe es wichtigere Defizite als eine einheitliche Bahnsteighöhe, sagt Rösch, etwa schlecht gewartete und häufig defekte Fahrstühle an Bahnhöfen.

Der Mainzer Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) betont: „Rheinland-Pfalz hat seine Hausaufgaben gemacht.“ Dadurch sei weitestgehend Barrierefreiheit im Zugverkehr erreicht worden. Sollte der Bund tatsächlich auf einer neuen Anpassung bestehen, würde dies „einen enormen Mitteleinsatz alleine für Rheinland-Pfalz von mehreren 100 Millionen Euro bedeuten“, sagt der Minister.

Bedenken in Niedersachsen

Ähnliche Bedenken gibt es auch in Niedersachsen. Landesweit gebe es noch rund 150 Bahnhöfe mit niemals modernisierten, maximal 39 Zentimeter hohen Bahnsteigen, teilt das Verkehrsministerium mit: „Daher ist es aus Sicht des Landes deutlich wichtiger, diese Bahnsteige zu erhöhen als eine Vereinheitlichung von 76 Zentimeter hohen Bahnsteigen zu fordern.“ Niedersachsen werde kein Geld mehr in den Umbau von Haltepunkten investieren, wenn die auf Landesebene getroffenen Vereinbarungen einseitig aufgelöst würden.

„Ich fürchte, das geht aus wie das Hornberger Schießen“, sagt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband „Pro Bahn“ zu dem anstehenden Spitzentreffen, „und dann würde es bei dem Chaos bleiben.“ Naumann begrüßt die Idee einheitlicher Bahnsteighöhen im Grundsatz. Er schlägt unter anderem vor, für eine Übergangszeit die Gleise an 76-Zentimeter-Bahnsteigen „hochzuschottern“, damit Triebwagen mit 55 Zentimetern Einstiegshöhe weiter barrierefrei nutzbar bleiben.

Die Deutsche Bahn AG will sich derzeit nicht zu dem Thema äußern. „Das Bahnsteighöhenkonzept ist eine Initiative des Bundes“, heißt es lapidar auf eine schriftliche Anfrage an die Konzernzentrale. Das Bundesverkehrsministerium reagierte auf Anfragen gar nicht.

Weiterlesen: Bad Bentheim: Das wohl berühmteste Bahnhofsfenster bleibt


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN